Entschädigungen – mit vollem Recht

 in Kurzgeschichte/Satire, Politik (Inland)

Welchen Schaden haben eigentlich Bundestagsabgeordnete, dass ihnen dafür eine „Entschädigung“ zustünde? Ist es das tägliche Grauen, den anderen Abgeordneten begegnen und ihre Reden anhören zu müssen? Oder ist etwa schon der morgendliche Blick in den Spiegel für die Psyche schädlich, weil sich darin das Gesicht eines Mietmauls der Geldwirtschaft zeigt? So streng ist unser Autor Eulenfeder nicht. Er wirbt in einem flammenden Plädoyer für mehr Verständnis für unsere so bürgernahen Volksvertreter. (Eulenfeder)

„Das Grundgesetz bestimmt in Artikel 48, Absatz 3, dass Abgeordnete einen Anspruch auf eine angemessene, ihre Unabhängigkeit sichernde Entschädigung haben.“

Das klingt zunächst mal so, als wäre diese „Leistung“ notwendig, um in keine Abhängigkeit zu geraten. Abhängig von wem oder was? Wahrscheinlich – ich finde auf Anhieb keine andere Erklärung – erhalten Bundestagsabgeordnete zusätzlich zu ihren Gehältern eine „Abgeordnetenentschädigung“ in Höhe von derzeit 9.327 Euro monatlich, damit sie nicht davon abhängig sind, ihre Beamtenbezüge für ihren Lebensunterhalt ausgeben zu müssen, wenn sie zusätzlich zu Ihren sonstigen Ämtern als Abgeordnete im Bundestag sitzen. Wir sprechen von Beamtenbezügen der obersten Lohngruppe, also weit mehr als 10.000 Euro monatlich. Dazu gibt es Aufwandsentschädigungen, Tagungs- und Sitzungsgelder, alles steuerfrei selbstverständlich.

Nein, so ist das natürlich nicht gemeint. Was der „normale“ Bürger nicht weiß, sind folgende schwerwiegende Gründe für diese notwendigen „Entschädigungen“:

Zunächst mal muss jeder Abgeordnete, bevor er den Bundestag betritt, Werte am Eingang abgeben. Keine Werte materieller Art, sondern eher aus dem menschlichen und ethischen Bereich, also: Charakter, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Schamgefühl, Achtung, Respekt, Einfühlungsvermögen, soziales Verhalten, Gerechtigkeitssinn, Bürgernähe und so etwas.

Des weiteren laden sie sich mit dem Betreten des Bundestags eine ungeheuere Verantwortung auf – nicht nur für dich und mich, sondern für alle Bürger in diesem Land! Ich finde, all das kann nicht hoch genug bezahlt werden, denn allein der freiwillige Verzicht auf diese fundamentalen Werte ist eine fast übermenschliche Leistung.

Bewundernswert – denn der Mensch neigt ja naturgemäß dazu, eher zu viel zu nehmen als zu wenig – ist die Tatsache, dass sich Abgeordnete zur Vermeidung von Verschwendung der „Bürgergelder“ lediglich mit Diäten zufrieden geben. Das Wort „Diät“ signalisiert an sich schon äußerste Selbstkasteiung. Zum Wohl der Bürger schnallen sie also freiwillig ihren Gürtel enger und beschämen so geradezu manche Bürger, die offenbar nie den Hals voll kriegen (Arbeitende, Rentner und Hartz IV-Bezieher z.B.) Dass diese absoluten Mindesteinkommen (Diäten) jährlich um 5.5 Prozent steigen müssen, sollte für uns alle eine Selbstverständlichkeit sein, denn die Lebenshaltungskosten steigen auch ständig, und am Ende können sich diese armen Menschen die Butter aufs Brot nicht mehr leisten.

Demokratie, Gerechtigkeit, Freiheit – das stellt sich nicht von selbst ein, liebe Bürger. Das muss von ausgewählten, fähigen Abgeordneten im Bundestag Tag für Tag in harten Sitzungen immer wieder neu erarbeitet und sichergestellt werden. Für uns und nicht vorrangig für sich selbst tun sie das alles und opfern sich auf, jawohl! Mit vollem Recht werden sie dafür entschädigt – haben sie doch mit ihrem Eid dazu verpflichtet, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Und gelingt ihnen das nicht auf das Schönste? Eine Leistung, die eigentlich gar nicht hoch genug bezahlt werden kann.

Mehr als zu gönnen ist den Abgeordneten deshalb auch ein früherer Eintritt ins Rentenalter. Die Gründe, die dies rechtfertigen, habe ich bereits aufgezählt. Was zählt schon eine Rente von 10.000 Euro monatlich nach 22 Dienstjahren, wenn man bedenkt, welchen Preis unsere Volksvertreter dafür bezahlt haben: ihre Menschlichkeit.

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