Es war einmal – Die Poesie der Märchen

 In Kultur

Szene aus dem ARD-Märchenfilm „Allerleirauh“

Wie schnell können uns ein paar Worte in andere Welten entführen … – und nichts ist besser dazu geeignet als die Poesie der Märchen, die uns auf ihre Weise das Urwissen der Menschheit nahebringen… (Quelle: Sein)
https://www.sein.de/es-war-einmal-die-poesie-der-maerchen/

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    heike
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    In Frankreich segnet das Parlament nach 13-stündiger stürmischer Debatte Sozialpakete ab, die den Unmut der Protestbewegung der „Gelbwesten“ und anderer Kritiker besänftigen sollen, las ich gerade eben in der Zeitung (22.12.).

    Neu ist u.a., dass auf Überstunden weder Steuern noch Sozialabgaben gezahlt werden müssen, rund 70 Prozent der Rentner von der Zahlung einer strittigen Sozialabgabe ausgenommen werden und Beschäftigte auf Mindestlohnniveau pro Monat 100 Euro mehr bekommen. Ein kleiner Anfang.

    Und weil ich so gern mein diesjähriges Weihnachtsgedicht noch an Mann und Frau bringen möchte, tue ich das hiermit. Es ist von Alan Alexander Milne:

     

    König Hilary und der Bettelmann

     

    Alljährlich um die Heilige Nacht

          Erzählt sich alle Welt die Mär

    Vom guten König Hilary,

    Die, wie ich mir schon immer dachte,

    Sich ganz estimmt viel besser machte,

          Wenn sie in Reimen käm daher.

    Und weil sich nun is heute kein Dichter dafür fand,

    Drum nehm ich endlich selber die Sache in die Hand.

     

    Der gute König Hilary,

    Der sprach zu seinem Kanzler

    (Dem stolzen William Willoughby,

    Lord Willoughby, dem Kanzler):

    „Geh, renn geschwind zum Tor,

    Geschwind, geschwind, geschwind wie nie,

    Geh, renn geschwind zum Tor

    Und schau, wer draußen pocht so dumpf.

    Vielleicht ist es ein reicher Mann

    Vom Morgenland, der Patschuli

    Und Pfauen für mich hat,

    Smaragde, einen Kolibri;

    Oder es ist ein armer Mann,

    Vom Wandern müd und weich die Knie,

    Der bringt Orangen, süß wie nie,

    Für meinen Weihnachtsstrumpf.“

     

    Der stolze William Willoughby,

    Lord Willoughby, der Kanzler,

    Der lachte laut: „Ha-ha, hi-hi!

    Ich dien Euch treulich und gediegen,

    Seit Majestät den Thron bestiegen,

    Doch kann ich leider noch nicht fliegen.

    Ich schreite nur, ich renne nie. Dazu könnt nicht mal Ihr mich

    kriegen“,

    Sprach Kanzler Willoughby nicht ohne Ironie.

     

    Der gute König Hilary,

    Der sprach zu seinem Kanzler

    (Dem stolzen William Willoughby,

    Lord Willoughby, dem Kanzler):

    „Dann schreite rasch zum Tor,

    Geschwind, geschwind, geschwind wie nie,

    Dann schreite rasch zum Tor

    Und schau, wer draußen pocht so dumpf.

     

    Vielleicht ist es ein Kapitän

    Mit Bart und Hakennase,

    Der Goldstaub für mich hat

    Und Spezereien, Sandelholz;

    Oder es ist ein Vagabund,

    Der durch die Lande streift und sich eins pfeift

    Und der mir Zuckerpflaumen bringt

    Für meinen Weihnachtsstrumpf.“

     

    Der stolze William Willoughby,

    Lord Willoughby, der Kanzler,

    Der lachte laut: „Ha-ha, hi-hi!

    Ich diene hier, seit ich war vier,

    Und bliebe gern noch länger hier.

    Ich machte manches Fenster auf, doch niemals eine Tür“,

    Sprach Kanzler Willoughba nicht ohne Ironie.

     

    Der gute König Hilary,

    Der sprach zu seinem Kanzler

    (Dem stolzen William Willoughby,

    Lord Willoughby, dem Kanzler):

    „Dann mach geschwind das Fenster auf,

    Geschwind, geschwind, geschwind wie nie,

    Dann mach geschwind das Fenster auf

    Und schau, wer draußen pocht so dumpf.

     

    Es könnt auch eine Zofe sein

    Mit Apfelbäckchen, süßen,

    Von ihrer Herrin hergeschickt

    Mit allerschönsten Grüßen,

    Es könnten kleine Kinder sein,

    Die tuscheln ganz beflissen

    Und bringen mir ein Körbchen, voll

    Mit braunen Haselnüssen

    Für meinen Weihnachtsstrumpf.“

     

    Der stolze William Willoughby,

    Lord Willoughby, der Kanzler,

    Der lachte laut: „Ha-ha, hi-hi!

    Ich dien Euch nun so lange schon.

    Doch ich bin Kanzler, kein Spion.

    Zum Fenster rausschaun – welch ein Hohn!“

    Sprach Kanzler Willoughby nicht ohne Ironie.

     

    Da sah der König Hilary gar seltsam an den Kanzler

    (Den stolzen William Willoughby,

    Lord Willoughby, den Kanzler)

    Und sagte nicht ein einziges Wort

    Zu dem stocksteifen Kanzler,

    Er rannte vielmehr selbst zumTor,

    Zu schauen, wer da pocht so dumpf.

     

    Kein reicher Mann dort draußen stand,

    Kein Kaufmann aus dem Morgenland;

    Auch konnt er keinen Kapitän

    Mit Bart und Hakennase sehn,

    Und keine Zofe ihn entzückt,

    Von ihrer Herrin hergeschickt.

    Es war ein armer Bettelmann,

    Der hatte inen Strumpf nur an,

    Einen knallroten Strumpf.

     

    Der gute König Hilary

    Sah an den Bettelmann

    Und lachte laut, so laut wie nie.

    Er zog den Bettelmann ins Haus

    Und sprach: „Du siehst recht kräftig aus.

    Komm rein und wird den Kanzler raus

    Und werde selber Kanzler“, sprach König Hilary nicht ohne

    Ironie.

     

    Das war die Mär vom guten König Hilary,

    Zur Weihnachtszeit erzählen sie

    Die alten Frauen überall.

    Und hier folgt nun noch die Moral:

    Erstens: Was auch ereithält das Geschick,

    Pack zu und schmiede selbst dein Glück.

    Zweitens (und das gilt nun ganz besonders mit Blick

    Auf Majestäten): Wie man´s  nimmt

    (Und wenn es auch nicht immer stimmt),

    Sogar ein Bettler, der nur einen

    Knallroten Strumpf trägt an den Beinen,

    Ob ihr es glaubt, ob nicht, der kann

             Noch Kanzler werden irgendwann.

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    heike
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    Und noch ein wenig Arno Grün („Der Verrat am Selbst“):

    „Eine Mutter, die ihr Kind intuitiv vor Reizüberflutung beschützt, legt in ihm den Grundstock, aus dem eigenen Selbst heraus lernen zu können. Wenn die Mutter dazu nicht in der Lage ist, wird sein Bewusstsein entweder von der Erfahrung der Hilflosigkeit beherrscht, die es zu einem Versager macht, oder das Gefühl des Ausgeliefertseins wird verdrängt und vom sich bildenden Selbst gespalten. Mit solch einer Lösung muss alles, was an die Situation erinnert, in der die Erfahrung der Hilflosigkeit gemacht wurde (wie z.B. die empathische Erfahrung des Kindes und damit sein Menschlichsein), ausgeschaltet werden. Auf diese Weise werden ganze Teile seines angehenden Seins vom Bewusstsein abgespalten. Um diese Spaltung dann aufrechtzuerhalten, muss Hilflosigkeit zum Objekt der Ablehnung und des Hasses werden. Sie ist es, die einen bedroht, und nicht die Situation, die sie verursacht hat. So rächt man sich dauernd an allem, was die eigene Hilflosigkeit hervorrufen könnte. Deswegen verachtet man Hilflosigkeit bei anderen. Dieses Verachten verbirgt die dahinter stehende eigene Angst und fördert zugleich die Haltung des Verachtens und die Notwendigkeit einer kompensierenden Ideologie der Macht und des Herrschens. Auf diese Weise treten die Opfer an die Stelle ihrer Unterdrücker, um neue Opfer zu finden: ein endloser Prozess, durch den der Mensch verunmenschlicht wird.“

    Arno Grün hat die Beziehung zur Mutter als Ausgangspunkt für seine Betrachtung gewählt. Die Menschen, die später anderen Menschen ihre eigenen Verletzungen zufügen, sind vielleicht oft in der Kindheit solchen Angriffen auf ihr Selbst ausgesetzt gewesen.

    Aber grundsätzlich führt alles, was den Menschen in seinem Inneren verletzt, ganz besonders auch mutwillige Kränkungen, bei vielen zu den oben angeführten Mechanismen: damit ich selbst mich nicht als Opfer fühlen muss, werde ich jede Empathie mit einem (ehemaligen) Opfer, dessen Wunden noch wahrzunehmen sind, vermeiden, suche „die Schuld“ bei diesem Menschen und stelle mich auf die Seite der Stärkeren.

    Eine Gesellschaft, die ihre Hierarchien auf Kämpfe gründet, die die Verletzung des Inneren des anderen Menschen belohnt, also diejenigen Menschen als die Stärkeren und Bewunderungswürdigen ansieht, die das besonders effizient und trotzdem noch gesellschaftstauglich beherrschen, ist destruktiv. Diese Mechanismen werden nicht nur von Politikern angewendet, sondern sind in allen Bevölkerungskreisen vorhanden.

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    Imago
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    @ Heike: Ausgezeichneter Beitrag von Dir (bzw. von Arno Gruen); das Wissen um das hierin Gesagte sollte endlich einmal MIT ZUM GRUNDWISSEN eines jeden Menschen gehören und daher zum KULTURERBE DER MENSCHHEIT erklärt werden!

    (Eines der wohl besten Märchenbücher die ich kenne heißt übrigens „Stein & Flöte“, geschrieben von Hans Bemmann. Es handelt sich dabei um ein sehr umfangreiches Märchen, welches sowohl für Kinder wie ganz besonders auch für Erwachsene geeignet ist. Es zeichnet sich durch außergewöhnlich feine Beobachtungsgenauigkeit und Tiefgang aus, und auch über gute Kunst [speziell auch was wirklich gute Musik ausmacht – Bemmann war selbst auch Musiker] kann man darin viel lernen. – Hans Bemmann hat darüber hinaus aber auch noch einige andere, sehr gute Erwachsenenromane geschrieben.)

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    heike
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    Was ich auch noch ganz gut finde vom Arno Grün, ist seine Beschreibung, woher Wut kommt: von der Verletzung der eigenen Autonomie, des eigenen Selbst. Das ist eine ganz berechtigte und völlig unideologische Wut. Idealerweise richtet sie sich auch gegen den Aggressor. (Schwächlinge agieren sie dann an ihnen Unterlegenen aus.)

    Unterscheiden muss man dann noch, ob wirklich das Selbst oder nur das Lügen-Ego verletzt wurde. Wahrscheinlich können das 80 Prozent der Leute nicht unterscheiden – und gerade die Riesenegos gehen dann mit Riesengeschützen gegen diejenigen vor, die ihnen die ihrer Meinung nach zustehenden Energiezuflüsse verwehren. Auch wenn ich mich wiederhole, kann man nicht oft genug sagen.

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    heike
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    Zu meinem vorletzten Kommentar könnte man noch anfügen: …oder ruhe in Dir selbst. Aber gerade das wird verhindert, wenn das Selbst attackiert wurde. Ein angeschlagenes Selbst ist offen, es hat ein Leck. Und dieses Leck verhindert das Ruhen in sich selbst. Manche haben ein Selbst, so durchlöchert wie ein Sieb.
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      @ Heike: Speziell zu Deinem letzten Kommenar oben möchte ich Dir doch widersprechen:

      Ein angeschlagenes (verletztes) Selbst ist nicht (bzw. kaum noch) offen, sondern neigt bis heute  in der Regel vielmehr zu immer mehr Verschlossenheit, denn – um sich zu schützen ist es dann versucht, immer weniger wirklich an sich heranzulassen. Dieses Ausweichen in die Verschlossenheit kann in Wirklichkeit jedoch nicht verhindern, daß neue Verletzungen entstehen, wenn das Selbst z. B. wieder mit neuen Boshaftigkeiten oder anderen Formen von gedankenloser Rücksichtslosigkeit konfrontiert wird; mit der zunehmenden Verschlossenheit beraubt sich das verletzte Selbst dann auch noch selbst seiner Möglichkeiten, solches Unglück richtig zu verarbeiten und auch souverän zu beantworten.

      In gewisser Hinsicht bezeichne ich solches Handeln als schrittweisen Selbstmord, denn das Leben im Menschen erstickt so für gewöhnlich mehr und mehr; ein Paradoxon eigentlich, nämlich ein schrittweiser Selbstmord aus Angst ermordet zu werden! – Leider sind sich viele Menschen dessen (wie auch ihrer vielfach unzureichenden Bildung in vielen solchen geistig-seelischen Angelegenheiten) noch immer nicht ausreichend bewußt und dies scheint mir (zusammen mit unzähligen dann bis heute jeweils angewandten Verdrängungsmechanismen und immer wieder angebotenen Trostpflästerchen) der Hauptgrund zu sein, weshalb so viele Menschen nicht zu sich selbst bzw. zum Ruhen in sich selbst kommen.

       

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        Imago
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        Wieder einmal kommt mir offenbar ein glücklicher „Zufall“ zuhilfe, denn heute ist auf dem Schweizer Online-Magazin „Ze!tpnkt – was uns heute bewegt“ ein Artikel erschienen, der – meinen Kommentar oben ergänzend – noch um Einiges genauer beschreibt, daß das Harte, die Verhärtung (wozu auch die von mir oben genannte zunehmende Verschlossenheit zählt) eben nur scheinbar im Vorteil ist, VOLLSTÄNDIG BEWUSSTEM UND KLUGEM HANDELN GEGENÜBER ABER AUF DAUER NICHT STANDHALTEN KANN. Hier der Link zu diesem sehr empfehlenswerten Artikel:

        http://www.zeitpunkt.ch/index.php/dem-harten-weichen

         

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    Piranha
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    Ich denke, man braucht zunächst einmal eine Begriffsbestimmung, was als „Selbst“, als „Ich“ ,als „Ego“ und als „Identität“ bezeichnet wird.

    Das würde Klarheiten schaffen; kognitive Dissonanzen inbegriffen, wenn das Real- vom Idealbild abweicht.

    Es lohnt auch die Beschäftigung mit der „persona“, der Maske in der Jung’schen Psychologie.

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    heike
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    Imago, vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Du wirkst insgesamt sehr glücklich und ausgeglichen. Wie hast Du das geschafft? Auch ich möchte gern zu „vollständig bewusstem Denken und Handeln“ kommen. Wie geht das?
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      Imago
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      @ Heike: Es gibt da kein Patentrezept, das man dem Anderen einfach mitteilen kann. Wir Menschen sind von Natur aus recht verschieden (und dann auch noch verschieden geprägt) und haben daher die Aufgabe, das gesamte Leben und somit auch uns und unsere verschiedenen Stärken und Schwächen Schritt für Schritt im Leben vor allem auch selbst immer genauer kennen und dann auch meistern zu lernen. Gute Bücher, ein möglichst gutes Elternhaus und gute Freunde, all dies kann gewiß sehr hilfreich sein, ist aber nicht für jeden uns unbedingt gleich immer zur Hand (und allein Wissen aus zweiter oder dritter Hand, Bücherwissen z. B. – reicht wohl auch nicht aus). Die fortgesetzte Bereitschaft immer wieder auch EIGENE ERFAHRUNGEN machen zu wollen (und damit auch erst einmal manchen Irrtümer zu erliegen, sich dann aber dennoch wieder zu „berappeln“ und doch wieder weiterzumachen) gehört (eigentlich an oberster Stelle!) stets mit dazu.

      Jeder von uns hat genau betrachtet eigentlich einen lebenslangen Lernprozeß vor sich, denn es gibt für uns unser ganzes Leben lang offenbar immer wieder viel, ja unendlich viel Neues zu entdecken, und die vielen Erwachsenen die das nicht sehen, sondern meinen, sie wüßten nun schon alles vom Leben, haben in Wirklichkeit nur sehr wenig vom Leben begriffen. Wichtig daher ist aber auch, daß man nicht auf die Idee verfällt, sich mit Anderen zu vergleichen  und dann auch noch glaubt, mit ihnen in Wettstreit geraten zu müssen, sondern das man sein eigenes Selbst und seine persönlichen Lernaufgaben möglichst aufmerksam und gründlich, geduldig und mutig im Sinn behält und nicht aufgibt (manchmal aber auch zu erkennen, wann es notwendig ist, mal eine Pause zu machen und sich dann auch gut zu erholen).

      Aus dem hier Gesagten geht übrigens auch hervor, daß ich es noch keineswegs (wie Du oben schriebst) „geschafft habe, vollständig bewußt zu leben„, sondern höchstens „sehr bewußt“ lebend immer noch hinzulerne und somit manchmal immer noch auch Irrtümer begehe (ich denke, es ist wohl sehr fraglich, ob es jemals einem Menschen gelungen ist, vollständig bewußt zu leben!). Der Bonus fortgeschrittenen Alters zu sein (ich bin mittlerweile 64 Jahre alt) gibt mir aber inzwischen wohl mehr Gelassenheit mit schwierigen Fragen umzugehen, denn ich kann heute auch bei drängenden Fragen – anders als in jungen Jahren – deutlich mehr Ruhe bewahren und abwarten bis mir die richtigen Antworten kommen und habe dazu auch schon Einiges an Lebenserfahrungen und Wissen gesammelt. In jungen Jahren hingegen will man gerne voller Kraft voranstürmen und begeht dann leider auch manche unnötige Fehler.

      (Daß mein Lebensweg als von Kindheit an schon „Unangepasster“ bislang oft sehr mühsam war und ich nun trotz vieler Schwierigkeiten zu mehr und mehr Klarheit komme, kann übrigens als Zeichen dafür gewertet werden, daß es sich wirklich lohnt, nicht aufzugeben und seinen guten Zielen immer wieder erneut – auch wenn es manchmal sehr schwerfällt – treu zu bleiben!)

      P.S.: Vor einiger Zeit sind mir auf Youtube drei Hörbücher über die buddhistische Achtsamkeitslehre sozusagen „über den Weg gelaufen“. Da sie mir sehr viel wertvolles Wissen zu enthalten scheinen, habe ich gestern und heute hier auf „HdS“ in meinen Kommentaren zum Artikel „Winterschlaf für die Seele“ die entsprechenden Direktlinks zu diesen Hörbüchern reingesetzt. In ihnen finden sich viele wertvolle Anregungen dafür, das gesamte Leben und damit auch sich selbst Schritt für Schritt richtig verstehen und auch meistern zu lernen.

      (Die buddhistische Achtsamkeitslehre stellt  – zumindest für mich – keine Religion oder sonstige Art von Dogmatik dar, sondern eine Anleitung zu einer geradezu wissenschaftlichen Lebenspraxis; sie erfordert daher keinen Glauben, sondern lädt dazu ein, alles dort jeweils Gesagte in der Lebenspraxis selbst zu überprüfen.)

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        Piranha
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        Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh!“, sagte Herr K. und erbleichte. (B. Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner)

         

         

         

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    heike
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    Ganz interessant finde ich auch folgenden Auszug aus Arno Gruens Buch „Der Verrat am Selbst“:

    „Ein Mittel, durch das sowohl die Spaltung des Selbst als auch Gewalttätigkeit in unserem Leben entstehen und erhalten werden, ist die Abstraktion. Teilweise ist es die Überschätzung der Intelligenz, die zur Glorifikation des abstrakten Denkens – abgetrennt von Leidenschaft, Enthusiasmus und Aufrichtigkeit – geführt hat. S. Kierkegard bemerkte 1846, dass wenn die Intelligenz dergestalt überschätzt wird, sie die Wirklichkeit in gleichsam stellvertetende Ideen hinein transformiert. Diese Verwandlung führt dann dazu, dass Ideen, die von der Logik ihrer eigenen Verhältnisse her als Ideen bestimmt werden, dadurch eine Art höhere „Realität“ beanspruchen, die sich von den wirklichen Vorgängen, denen sie entsprechen sollten, weit entfernen kann. Auf diese Weise wird unser Leben durch eine Logik bestimmt, die wenig mit der Wirklichkeit der menschlichen Leidenschaft, des Enthusiasmus oder der Aufrichtigkeit zu tun hat. Deswegen schrieb Kierkegaard, dass solche abstrakten Vorgänge „die wirkliche Situation in unwirkliche Tricks und Realität in ein Spiel“ verwandeln. Die Konsequenzen solcher Vorgänge zerstören unseren Geist und unsere Möglichkeiten als Menschen, gerade weil die Abstraktion sich dafür eignet, Gefühle auszufiltrieren. Dadurch wird Abstraktion selbst zum Mittel unserer Destruktivität und insbesondere unserer verleugneten Destruktivität. Indem Ideen Vorgänge verteten können, ohne die wirklichen Bedürfnisse und Beweggründe in Betracht zu ziehen, verlieren wir den Zugang zu ihnen, und unsere Sicht wird eine reduzierte und eingeschränkte, ohne dass wir uns dessen bewusst sein müssen. Aber eine reduzierte Wahrnehmung – sie mag zwar als wissenschaftlich gelten und dem Menschen kurzfristig Beherrschung und Erfolg bringen – muss unvermeidlich destruktiv auf das Leben wirken.“

     

     

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    heike
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    Was ist Abstraktion? Eine Wahrnehmungsschablone, die man sich selbst oder anderen überstülpt. Wozu tut man das? Um seine bekannte Welt zu erhalten, um andere zu manipulieren, um einen Rahmen zu schaffen, in dem die Dinge nach eigenen beherrschbaren Mustern ablaufen….

    Eine Abstraktion ist eine Vereinfachung komplexer Vorgänge auf ein scheinbar handlebares Maß.

    Leidenschaft, Enthusiasmus und Aufrichtigkeit kommen unreflektiert aus dem Selbst – Abstraktion ist die Abspaltung des Geistes vom menschlichen Herzen. Abstraktion ist Vorsicht. Oder Feigheit.

    Vielleicht denkt man sich eine Abstraktion aus, wenn man merkt, dass das eigentlich Gewollte nicht umsetzbar ist. Man erklärt sich etwas zurecht, um selbst nicht als das Defizit dazustehen.

    Psychotherapeuten arbeiten oft mit Modellen und Erklärungsmustern, um ihren Patienten zu helfen. Wenn man sein ganzes Wirrwarr an Gefühlen in einen neuen Rahmen stellen kann, ergibt sich vielleicht eine neue Sicherheit.

     

     

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    heike
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    Imago, Deine Erklärung, dass eine Verletzung des Selbstes zu einer Verhärtung des Menschen führt, ist nur die halbe Wahrheit. Diese Ummantelung und Verhärtung ist ein wichtiger Schutzmechanismus in ungünstiger Umgebung – das Innere wird dadurch vor der Außenwelt geschützt. Manche Menschen „beherrschen“ die Schutzmechanismen nicht. Sie lassen sich sozusagen ausrauben. Wenn ich mich in meiner Umgeung umsehe, dann gibt es ziemlich viele Menschen, die einen Großteil ihres inneren Wesens verloren haben. Wohin? Weil sie im Austausch mit anderen Menschen standen, die ihnen letztendlich ihre Kräfte geraubt haben. Dein Ansatz, durch „geöffnete Grenzen“ durch einen Austausch mit anderen wieder zu Kräften zu kommen ist schön und richtig, erfordert natürlich ein entsprechend wohlwollendes und auch Geben-könnendes Umfeld. Das ist ein menschliches Miteinander. Wir sollten auch mit den Ressourcen unserer Mitmenschen sorgfältig umgehen, ich finde das gut.

     

    Piranha, ich habe keine psychologische Fachliteratur gelesen, würde aber auf Anhieb „Ego“ und „Selbst“ folgendermaßen unterscheiden: Das Selbst genügt sich selbst und ist in der Lage, in sich zu ruhen. Ein intaktes Selbst ist eine Entität. Ein Ego vernachlässigt die Regeln des Miteinander zum einseitigen eigenen Vorteil (lügt, manipuliert und intrigiert beispielsweise, um sich diesen Vorteil gegenüber anderen zu verschaffen). Ein Ego unterdrückt andere Menschen und versucht Abhängigkeiten zu schaffen, die es dann für sich selbst ausnutzen kann.

     

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    heike
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    Danke Imago, für Deine Antwort. Nicht aufgeben und an seinen Zielen festhalten, zu erkennen, was seine Ziele im Leben überhaupt sind – das sind alles gute und richtige Ratschläge. Herzlichen Dank auch für Deine Verlinkungen zum Thema Buddhismus. Der Buddhismus ist eine Lehre, die dem Menschen zur Erkenntnis seines eigenen Potentials verhelfen kann und möchte. Es ist eine sehr menschenfreundliche Wissenschaft. Eine Wissenschaft, die für ihre Erkenntnisse keine Apparate und Messungen braucht, die ihre Erkenntnisse durch eben dieses besagte aufmerksame Betrachten und Erspüren gewinnen konnte. Für mich ist Buddhismus eine Lehre vom Menschsein.

     

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    heike
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    So, und jetzt noch einen Gruß in meine Vergangenheit – ebenfalls mit einem Zitat von Arno Gruen:

    „Die Sucht nach Macht zerstört die Seele des Mannes. In seinem blinden Beharren darauf mindert er sich selbst und die Frau, die er dazu braucht, herab, um sein Image des Mächtigen zu bestätigen. Es ist dieses Image , das – bewusst oder unbewusst – zum Sinn seines Seins geworden ist. Echte Liebe kann nicht entstehen, da niemand gern da herausgefordert werden möchte, wo er sensibel ist; nur das, was jenes Image bestätigt , wird zum Annehmbaren innerhalb einer menschlichen Beziehung. Das Selbst, dass einem jeden möglich gewesen wäre, wird gehasst, weil es auch das Erleben der Hilflosigkeit und des Leidens umfasst. Echte Verpflichtung, echtes Erkennen des anderen und sich selber werden vermieden. Wir leben Scharaden, und wenn diese nicht funktionieren werden wir wütend und töten.“

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    Imago
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    @ Heike: Du hast Recht, ich habe in meinem Kommentar oben (wohl weil mir selbst der Besitz oft nicht besonders wichtig ist) den für viele Menschen oft auch durchaus sehr wichtigen besitztechnischen Aspekt außer Acht gelassen. In der Tat, viele Menschen (u. auch ich als mehrjähriger Hartz4-Bezieher) bluten momentan nahezu wehrlos aus, ohne eine Chance, sich dagegen richtig wehren zu können und sind somit gewissermaßen offen und ungeschützt dieser Barbarei ausgesetzt. Daraufhin jedoch einen Schutzmechanismus zu entwickeln, der nur allzu oft zum Schutz-AUTOMATISMUS gegen so gut wie jeden wird, ist falsch (geschieht aber dennoch längst sehr oft und zwar sehr häufig an ausgesprochen falscher Stelle). Ich z. B will mich schon lange bewußt gemeinsam mit Anderen gegen diese immer rücksichtslosere Gesellschaftspolitik wehren, bekomme aber von Anderen kaum je Unterstützungen dabei, weil viele zu viele (darunter auch sehr viele selbst davon Betroffene) bei diesem Thema abblocken und sich (siehe mein Kommentar oben) demzufolge verschließen (bzw. dann auch nicht selten auf die ironisch selbstgefällige Schiene ausweichen). Ein ganz aktuelles Beispiel hierzu:

    Ich habe heute einen Nachbarn, einen wie man meinen sollte eigentlich recht gebildeten Ingenieur wegen eines völligen Burnouts zum Krankenhaus gebracht. Beim Empfang dort war ein weiterer Burnoutpatient zugegen und es dauerte nicht lange, bis sich die Patienten im Warteraum gegenseitig ihre Nöte klagten. Auf meine Einwände, daß sich die Arbeitnehmer doch eigentlich auch heute noch miteinander solidarisieren und doch GEMEINSAM gegen die immer schlechteren Arbeitsbedingungen vorgehen können, reagierten beide dann – mit Ablehnung. „Geht ja sowieso nicht“ und „wir bekommen ja doch nur immer wieder Druck“ usw. bekam ich von beiden immer wieder zu hören, bis ich endlich einmal mit einem von ihnen – alleine war; da ändert sich dann auf einmal die Meinung des Einen und er stimmte mir auf einmal wenigstens darin zu, daß echte Solidarität ja endlich einmal wieder neu einzuüben wäre (Konjunktiv!).

    Beide Perspektiven haben also wohl ihre Berechtigung, Heike: Deine mit dem wie Du oben sagstest „offenen und angeschlagenen Selbst“ und auch meine, mit dem, was ich oben als „zunehmende Verschlossenheit“ bezeichnete. Beide Sichtweisen zeigen uns jeweils die Kehrseiten dieser einen Medaille und beide zeugen mit von dem gegenwärtigen Übel. Wie aber lassen sich diese beiden Übel beseitigen?

    Ich denke, daß man zuerst mal die vielfach verbreitete Verschlossenheit beseitigen muß, die – nur allzu oft – keinerlei Lösungswege mehr für möglich hält und sich damit oft sogar gegen freundlich gemeinte Hilfe sträubt. Der Blick auf das „offene Ausbluten“ dient nur allzu oft nur der schon viel zu lang andauernden Klage über die miserablen Zustände unserer Zeit, kann sie aber nicht verhindern, die Verschlossenheit hingegen aktiv anzugehen und zu deren Öffnung beizutragen“, kann neues Leben und auch neue Erkenntnisse bei den Menschen ermöglichen, die eine Grundlage für eine erfolgreiche Gegenwehr bilden können. Was ist wohl besser für uns Menschen?

    Hoffnungslosigkeit wird schon längst vielerorts gepredigt, doch von so manchen „progressiven Kräften“ und im sogenannten „linken Lager“ und bei den Grünen schaut man schon lange geringschätzig auf die angeblich „nur noch dummen Arbeiter“ herab, aber war es nicht die allergrößte Dummheit, eine Zeit lang ein wenig „auf Revolution zu setzen“, und sich ansonsten um möglichst gute Aufstiegschancen zu bemühen, das „dumme Volk“ somit nur weiter zu verdummen und ansonsten nur noch hilflos, aber vermeintlich „elitär“ über all diesen ganzen Schwachsinn zu klagen?

    Gründliche und umfassende Bildung ist nun auch nötiger denn je, und zwar offenbar längst nicht nur in den Kreisen der angeblich so „dummen Arbeitschaft“, sondern längst auch in den Kreise der Bourgeoisie, die sich oftmals noch immer für bedeutend feiner hält, dabei aber längst genauso rücksichtslos benutzt und ausgebeutet wird, wie „die armen Schweine am unteren Rand der Gesellschaft“.

    Um dem eigentlich Thema ganz oben doch noch etwas zu entsprechen und dem Ganzen wieder einen „märchenhafteren Anstrich“ zu geben, hier nun noch folgender alter, offenbar noch immer „märchenhafter“ Merkspruch:

    Die Arbeiter – arbeiten und die Unternehmer – unternehmen. Wenn die vielen Arbeiter endlich einmal etwas (Gescheites) unternehmen würden, dann müßte so mancher „Unternehmer“ auf dieser Welt endlich einmal – arbeiten.

    Damit nicht doch noch ein Mißverständnis entsteht: Es gibt auf dieser Welt so weit ich weiß noch immer eine ganze Menge anständiger Unternehmer, sowie auch eine ganze Menge äußerst gerissener, vor allem auch in gehobener Position befindlicher Arbeitnehmer. Wirklich genaues Hinschauen ist also erforderlich, will man die vielen Mißstände nun endlich einmal tatsächlich beheben.

    (Nachdenklich, aber noch immer gelassen und durchaus gut gelaunt möchte ich dazu noch bemerken: Das war nun, wenn man so will, sozusagen mein aktueller „Unterhaltungsbeitrag“ zum zweiten Weihnachtsfeiertag im Jahre 2018; – fröhliches Fest!)

     

     

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    heike
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    Hallo Imago, und ein ausgesprochen netter Unterhaltungsbeitrag noch dazu. Wahrscheinlich ist es so: Umso gefestigter und sicherer man sich im Inneren fühlt, desto einfacher und selbstverständlicher ist es, sich zu öffnen. Schlechte Erfahrungen führen dazu, dass man sich mehr und mehr verschließt. Einmal verlorengegangenes Vertrauen wieder aufzubauen braucht Zeit und gute Erfahrungen.

     

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