Familiäre Bande: Rassismus und Speziesismus

 in Daniela Böhm, Politik (Ausland), Politik (Inland), Umwelt/Natur

Ausländerraus WirmüssendraußenbleibenRassismus ist in diesen Tagen wieder ein Thema: Leider, weil man hätte annehmen können, dass die Menschen 70 Jahre nach den schlimmsten rassisischen Exzessen in Deutschland dazugelernt hätten. Zum Glück, weil Rassismus in den fortschrittlicheren Kreisen durchaus bemerkt, analysiert, auch bekämpft wird. Wenn es aber falsch ist, bestimmte Gruppen wegen Ihrer Herkunft und Religion, wegen ihres Aussehens oder anderer Merkmale zu diskriminieren, kann es dann richtig sein, Lebewesen zu verachten, weil sie einer anderen Spezies angehören? Dies geschieht millionenfach durch Wort und Tat – vor allem in den Schlachthöfen. „Speziesismus“ heißt die Wortschöpfung in Anlehnung an Rassismus und Sexismus. Kann man Menschen mit Tieren überhaupt auf diese Weise vergleichen? Wer gegen beide Arten von Diskriminierung kämpft, degradiert damit nicht Menschen, er beweist seine Liebe und Achtung vor allem Leben. (Daniela Böhm)

Wohin man auch sieht: Eigentlich selbstverständliche und natürliche Rechte werden überall mit Füßen getreten oder missachtet. Hauptsächlich schreibe ich über die Rechte der Tiere, bzw. die nicht vorhandenen. Genauso aber werden Menschenrechte ignoriert, gerade in ärmeren Ländern. Angesichts der dramatischen und erschütternden Tragödien, dem nicht abreißenden Flüchtlingsstrom und braunen Schreckensmeldungen, kam mir plötzlich der Gedanke, dass es Hunde als Flüchtlinge leichter haben als Menschen.

Ist Rassismus diskriminierender als Speziesismus? Grausamer? Gibt es grundlegende Unterschiede? Ist die Fratze des Rassismus hässlicher als die des Speziesismus? Ist er hasserfüllter? Zwangsläufig denke ich an Heidenau oder Berlin, aber dann auch an eine erst kürzlich gelesene Meldung: Jugendliche verstümmelten in Aichstetten eine Katze bei lebendigem Leib auf das Grausamste. Dem Leser möchte ich hierzu jegliche Details ersparen.

Im Frühherbst 2013 instrumentalisierten rumänische Politiker und die Presse einen Vorfall in Bukarest, der sich nachträglich als falsch erwies: Straßenhunde hätten einen kleinen Jungen getötet. http://www.spiegel.de/panorama/strassenhunde-in-rumaenien-ionut-wurde-durch-wachhunde-getoetet-a-989195.html
Ein furchtbarer Mob zog daraufhin durch die Straßen und tötete streunende Hunde brutal und in blindem Hass. Ein Aufschrei ging durch Europa und weltweit fanden Protestaktionen statt. Eine Welle des Mitgefühls schlug hoch, verzweifelt versuchten ausländische und rumänische Tierschutzorganisationen, Hunde rauszuholen und zu vermitteln. Tierschutz ohne Grenzen und viele Menschen, die sich einsetzten und demonstrierten. Allerdings war damals keine EU-Regierung zur Stelle, die Rumänien in die Schranken verwies oder irgendetwas unternahm. Ganz einfach deshalb, weil die EU wegen fehlender Gesetzesgrundlage handlungsunfähig war. Es gab und gibt jedoch keine Demonstrationen gegen die Zuwanderung ausländischer Hunde, keine Nazis, die Steine auf Tierheime werfen und rufen: „Ausländerhunde raus aus Deutschland!“ Straßenhunden, die aus Ländern kommen, in denen es für sie keine Zukunft und oft nur Ablehnung gibt, ergeht es in diesem Punkt besser als all den verzweifelten Flüchtlingen, die vor Krieg und Hunger fliehen. Das dürfte auch nicht sein.

Im Gegensatz zum Speziesismus wendet sich der Rassismus gegen eigene Artgenossen – weil sie anders aussehen oder „ticken“. Menschen nehmen sich das Recht, auf andere Menschen herabzuschauen, sie auszubeuten, abzulehnen, zu diskriminieren oder gar zu verletzen und zu töten, weil sie nicht ihren Vorstellungen entsprechen oder weil sie meinen, es könnte ihnen ein Stück vom Wohlstandskuchen genommen werden. Diejenigen, die ablehnend sind, verdrängen dabei blutige Kriegsschauplätze, tiefstes Elend und Hunger. Sie verdrängen, dass unser „westlicher“ Wohlstand oft auf der schlecht bezahlten Arbeit von Menschen in ärmeren Ländern beruht. Sie verdrängen, was vor langer Zeit geschah und herrschende Kolonialmächte auf einem Kontinent wie Afrika angerichtet haben. Sie verdrängen die heutigen Kolonialmächte: Konzerne wie Nestlé, die den Menschen dort ihr Wasser stehlen, Landraub und Ausbeutung von Mensch und Bodenschätzen. Dass Deutschland einer der größten Waffenexporteure und zwangsläufig an den Kriegen dieser Welt beteiligt ist, wird auch verdrängt. Seltsam, die Frage nach den Grenzen stellt sich nicht mehr, wenn es um Waffenexporte geht – alle Grenzen sind plötzlich offen, genauso wie beim gnadenlosen Kapitalismus. Die Flüchtlinge aber sollen nach der Meinung mancher Menschen lieber ausgegrenzt werden und doch bitte schön dort bleiben, wo geschossen, ausgebeutet und der Schaden angerichtet wird.

Speziesismus und Rassismus gleichen sich – der gemeinsame Nenner ist zutiefst arrogant. Beim Speziesismus stellt sich der Mensch über eine andere Art, beim Rassismus erhebt er sich über Wesen seiner eigenen Art. In beiden Fällen ist es kein Miteinander, sondern ein „Übereinander“, keine Demokratie, sondern eine Diktatur. Beide unterliegen einer diskriminierenden Ideologie und predigen Verachtung. Die Abstufungen, das „Klassensystem“, sind immer menschgemacht. Innerhalb der eigenen Art oder bei einer anderen Spezies. Dem deutschen Rassisten sind Bürger mit Gartenzwergen vor dem Eigenheim mehr wert als die Sinti und Roma. Beim Speziesismus wird nicht nur eine ganze Art herabgestuft – man könnte auch vom Rassismus innerhalb des Speziesmus sprechen: Hunde sind liebenswerter als Schweine, Bienen besser als Fliegen, einen Delfin isst man nicht, einen Thunfisch hingegen schon.

Was wir brauchen, ist ein radikales Umdenken und Umschwenken, ein Miteinander und kein Gegeneinander oder Übereinander, kein Stärker gegen Schwächer. Diese Erde ist für alle da, sie gehört niemandem. Wir alle sind nur Gast auf ihr für eine kurze Zeit. Und wir sollten uns wie Gäste verhalten. Mit Achtung, Respekt, Toleranz, Empathie und Solidarität. Zum Glück sind diese Eigenschaften angesichts der vielen Flüchtlinge, die in unsere Breitengrade strömen, noch in breitem Maß zu finden – allen rechten und damit unrechten Strömungen zum Trotz.

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