Heilige – Gottes sanfte Rebellen

 In Monika Herz, Roland Rottenfußer, Spiritualität
Elisabeth von Thüringen (1207-1231) stand für karitatives Engagement und einen radikal nicht-materialistischen Geist

Elisabeth von Thüringen (1207-1231) stand für karitatives Engagement und einen radikal nicht-materialistischen Geist

Angestaubte Statuen in dunklen Winkeln katholischer Kirchen, weltfremde Asketen, „Säulenheilige“ gar – für viele heutige Menschen sind Heilige weiter weg als die Kultur der australischen Aborigines. Dabei waren Gedenktage, Symbole und Bräuche rund um Maria, Josef u.a. für unsere Vorfahren noch ein wichtiger Teil ihres Alltags. Für uns heutige lohnt es sich, die alten Geschichten wieder zu entdecken und ganz moderne Erkenntnisse aus ihnen zu ziehen. Die Geschichten von Heiligen ermutigen uns, unseren Überzeugungen treu zu bleiben und uns nicht für Zwecke einspannen zu lassen, die nicht die unseren sind. Das ist auch heute nicht leicht, obwohl wir für unser Gewissen nicht mehr den Märtyrertod sterben müssen, sondern vielleicht „nur“ unseren Job verlieren. Das Leben von Heiligen, die ihre spirituelle Berufung radikal über die Belange des „Mammon“ setzten, kann auch als Protest gegen den herrschenden Materialismus verstanden werden. (Monika Herz und Roland Rottenfußer)

Heilige – sie schienen ein wenig aus der Mode gekommen, diese so gütigen und doch manchmal halsstarrigen Gestalten, deren Namen aus dem Dunkel längst vergangener Jahrhunderte zu uns herüberleuchten. Und doch mehren sich die Zeichen, dass die Zeit für eine Wiederentdeckung der Heiligen gekommen ist. Der neue Papst benannte sich nach Franziskus, dem hingebungsvoll Bescheidenen, der die Armut zu seiner einzigen Braut auserkoren hatte. Wenige Jahre zuvor erzielte ein deutscher Fernsehmoderator einen der größten Bucherfolge der letzte Jahre mit einem Werk über das Pilgern auf dem Jakobsweg. Und wenn wir noch ein paar Jahre zurückgehen, stoßen wir auf das furiose Comeback der Maria Magdalena, die in Büchern, Artikeln und Filmen zur wahren Braut Jesu erklärt wurde.

In Heiligen nimmt nach dem Glauben ihrer Anhänger Gottes Wirken auf dieser Erde Kontur an. Sie sind uns als Menschen, die körperlich auf der Erde gelebt haben, mitunter näher als der Schöpfer selbst. Und doch zeigen sie mit ihrem Leben und Wirken die Präsenz des Göttlichen auf beispielhafte Weise. Sie fühlten sich durch ihre Visionen und Berufungserlebnisse zu Mitgefühl, Mut und Widerstand inspiriert. Und sie zeigten das nicht nur durch fromme Theorie, sondern in ihrem ganz konkreten Handeln gegenüber ihren Mitmenschen.

Gebete zu Jesus, Maria, Franz von Assisi, Bernadette von Lourdes und anderen heiligen Personen, fordern Skeptiker besonders zum Spott heraus. Eher akzeptieren sie noch den Glauben an einen abstrakten Gott. Wir möchten dazu eine Sufi-Geschichte erzählen: Ein angesehener Sufi-Meister (islamischer Mystiker) lebte mit vielen Schülern in Indien. Eines Tages äußerte er die Absicht, den hinduistischen Tempel zu besuchen und sich vor der Göttin Kali zu verneigen. Entrüstet verließen ihn alle seine Schüler, denn nur der Eine Gott, Allah, galt als verehrungswürdig. Nur ein Schüler blieb. Als ihn der Meister fragte, warum er nicht wie die anderen fortgegangen sei, antwortete er: „Du hast nichts gegen meine Überzeugung getan. Denn die erste Lehre, die du mir gegeben hast, war: ‚Nichts existiert als Gott allein!’ Wenn außer Gott nichts existiert, dann ist alles, wovor man sich verbeugt, Gott.“ Dies gilt auch für Gebete zu Maria und anderen religiösen „Prominenten“. Man verdichtet in seiner Vorstellung göttliche Eigenschaften in einem Bild, das menschenähnlich ist und deshalb zugänglich wirkt. Maria gilt vielen als die Große Mutter, die Verkörperung der Gnade. Wenn viele Menschen über Jahrhunderte dasselbe innere Bild anrufen, kann dieses ein Eigenleben entwickeln. Er wird zu einer geistigen Kraft, die Menschen „abrufen“ können.

Heiligenkulte entstammen einer Zeit, in der die Menschen nicht dermaßen von Geschichten überflutet waren wie heute. Kein Fernseher brachte tagtäglich die Erlebnisse von Karriereyuppies, unglücklich Liebenden, Kriminalkommissaren und Serienkillern ins Wohnzimmer. Man hielt sich an Geschichten, die allgemein bekannt waren, die im Familienkreis erzählt oder vorgelesen wurden – oft aus dicken, verstaubten Büchern, in denen für Generationen die Legenden um Heilige festgehalten wurden. Heute ist dieser ungeheure Reichtum an Geschichten für die meisten Menschen verloren gegangen. Fremd geworden sind uns auch die vielen Symbole und Attribute als Hinweise auf Vertrautes – etwa der Schlüssel des Petrus oder der Turm der Heiligen Barbara.

Viele Heiligenfeste, die früher den Jahreslauf gliederten, sind verschwunden. Der moderne Mensch kennt fast nur noch vier davon: An Silvester betrinkt er sich bis zur Besinnungslosigkeit, um sich in den Rauhnächten nicht auf sich selbst besinnen zu müssen. An Nikolaus erwarten Kinder ein mit Schokoladenprodukten gefüllten Stiefel vor der Tür. Am St. Martinstag veranstalten sie bunte Laternenumzügen. Schließlich entzünden die Menschen in der „Johannisnacht“ zur Sommersonnwende große Feuer. Allerheiligen ist für unsere Kinder zu einem banalen Fest geworden, an dem sie sich als Vampire, Zombies und Skelette verkleiden und bei den Nachbarn um Süßigkeiten betteln. Das hat den Vorteil, dass man sich keine Gedanken mehr darüber machen muss, wer Heilige eigentlich wirklich waren.

Wie wird man ein Heiliger? Im christlichen Kulturkreis ist es hierfür von Vorteil, der katholischen Kirche anzugehören und tot zu sein. Wir konnten einen Heiligsprechungsprozess unlängst am Beispiel des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. mitverfolgen, der bereits unmittelbar nach seinem Tod für selig erklärt wurde, bevor ihn 2014 der neue Papst Franziskus heilig sprach. Auch an Mutter Theresa, den „Engel von Kalkutta“ erinnern sich die Älteren von uns noch, als sie lebte und noch nicht selig gesprochen war. Wegen ihrer für alle sichtbaren, bewundernswerten karitativen Arbeit könnte sie den Prozess von „selig“ zu „heilig“ in kurzer Zeit durchlaufen. Ein Heiligsprechungsverfahren kann sich aber auch über Jahrhunderte hinschleppen, was für die Sorgfalt der „Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse“ spricht.Tatsächlich ähneln Heiligsprechungsprozesse erstaunlich dem Verlauf von Strafprozessen. Es werden Zeugen vernommen, Beweise eingeholt, zwei gegnerische Parteien ringen um die korrekte Auffassung von Leben und Wirken des Kandidaten. Um einen positiven Prozess angehängt zu bekommen, muss man also tot sein; negative Gerichtsverhandlungen dürfen dagegen schon Lebende genießen. Eigentlich ungerecht.

Es ist auch nicht verboten, die Auswahl der Persönlichkeiten, die von der Kirche zu Heiligen erklärt wurden, manchmal anzuzweifeln. Der Heilige Bernhard von Clairvaux rief z.B. zu Kreuzzügen auf, zum Töten von Menschen aus Glaubensgründen. Starb jemand für die katholische Kirche, wurde er zum Heiligen erklärt; starb er dagegen durch die Kirche, nannte man ihn einen Ketzer. Wie Giordano Bruno, den die Inquisition verbrannte, u.a. weil er behauptet hatte, dass Gott und die Welt nicht voneinander getrennt wären. Es gibt auch „inoffizielle“ Heilige, deren Legende sich durch geschichtliche Überlieferung, durch Bücher und sogar Filme ins kollektive Gedächtnis einbrennt. Sophie Scholl, die starb, nachdem sie mit ihrem Bruder und einigen Freunden Flugblätter gegen Hitler verteilt hatte, gehört sicher dazu. Oder Dietrich Bonhoefer, der nie offiziell als Heiliger anerkannt wurde, weil er quasi in der falschen Kirche, der evangelischen, war. Und dies obwohl er als Priester und Widerstandskämpfer im Dritten Reich alle Voraussetzungen erfüllt hätte und sogar als Märtyrer bezeichnet werden könnte.

Heilige gibt es natürlich auch in anderen Religionen. Der Sufi-Meister Mansur al-Halladsch wurde, wie Jesus, gekreuzigt – nicht von Heiden, sondern von fanatischen Anhängern seines eigenen islamischen Glaubens. Sein Verbrechen bestand in einem einzigen Satz: „Ana l-Haqq“, zu deutsch: „Ich bin die Wahrheit“. Im übertragenen Sinn meint dies ungefähr dasselbe wie „Der Vater und ich sind eins“ oder „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ – Sätze aus dem Evangelium. Mystiker hatten es schon immer schwer, auch im eigenen „Lager“. Schließlich bestanden sie darauf, die Nähe ihres Gottes ganz direkt zu fühlen, ohne Vermittlung durch die religiösen Institutionen.

In anderen Kulturkreisen ist das „Totsein“ keine unverzichtbare Bedingung für eine Heiligsprechung. In Indien werden Heilige oft wegen eines besonders asketischen Lebens oder einer erleuchteten Ausstrahlung spontan vom Volk zu Heiligen „ernannt“. Sri Ramana Maharshi, der Vater der so genannten Satsang-Bewegung, saß über Wochen und Monate regungslos auf dem Gelände des Arunachaleswara-Tempels. Er war versunken in einen tiefen und beglückenden „Samadhi“, ein Eintauchen in die göttliche Präsenz. Auch ohne Hungernde gespeist oder den Märtyrertod erlitten zu haben, wurde Ramana zu einem der am meisten verehrten indischen Meister des 20. Jahrhunderts. Menschen kamen zu ihm, brachten ihm zu essen, und mit der Zeit bildete sich um den körperlich Verwahrlosten eine kleine Gemeinde. Schließlich entschloss sich Ramana Maharshi, wieder zu sprechen, zu essen und sich zu pflegen. Er gründete einen Ashram und wurde ein großer Lehrer – nicht allein durch seine Worte, sondern durch seine außergewöhnliche erleuchtete Präsenz.

Heilige sind ganz besondere Heldinnen und Helden. Häufig sind es sanfte Charaktere, die so gar nichts Heroisches an sich haben. Die Geschichten über Heilige zeigen uns, dass auch ganz unscheinbaren Menschen zu Großem befähigt sein können. Und dass man nie vorhersehen kann, wen Gott für eine Aufgabe wählt. „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“, heißt es in der Geschichte von König David (1. Samuel, 16). Das widerspricht den Werten unserer Leistungsgesellschaft und ihrer ausgeprägten Machbarkeitsideologie. Wir möchten ja gern glauben, dass wir alles, was wir sind, ausschließlich uns selbst verdanken. Heilige gleichen eher nach oben geöffneten Schalen, die bereit sind, Gottes Geist in sich aufzunehmen. Sie sind durchlässig für Gott und lassen ihn in sich und durch sich wirken. Auf dem Grabstein von Dag Hammarskjöld, dem ehemaligen UNO-Generalsekretär, steht geschrieben: „Icke jag utan, gud i mig“ – nicht ich, sondern Gott in mir.

Die Heilige Agnes war erst 12 Jahre alt, ein hübsches und lebensfrohes Mädchen. Ein römischer Beamter hatte ein Auge auf sie geworfen und wollte sie heiraten. Agnes aber hatte ihr Leben Jesus geweiht und wollte unverheiratet bleiben. Da das Christentum damals als angeblich gefährliche „Sekte“ verboten war, ließ der abgewiesene Freier Agnes verhaften. Der Richter war ein erfahrener Mann mit viel Autorität, gewohnt, dass sein Befehle befolgt wurde. Er dachte wohl, mit so einem Mädel werde er mühelos fertig werden. Deshalb bot er ihr Straffreiheit an für den Fall, dass Agnes dem Glauben an Jesus abschwor. Agnes weigerte sich. Der Richter drohte ihr mit der Todesstrafe. Agnes weigert sich wieder. Man wollte sie verbrennen, doch das Feuer soll vor ihrem Körper zurückgewichen sein. Daraufhin wurde sie enthauptet.

Welche Kraft muss in diesem Mädchen gewohnt haben – in einem Alter, in denen andere heute allenfalls die Bravo lesen! Man könnte nun sagen, Agnes sei ja dumm gewesen. Warum musste sie unbedingt unverheiratet bleiben? Sie hätte einfach Jesus abschwören können, dem hätte es doch nicht geschadet! Und Agnes hätte ihr junges, blühendes Leben retten können. Aber ihr Gewissen hätte ihr nicht erlaubt, so zu handeln. Was ist das Gewissen? S. Fischer-Fabian erzählt in seinem Buch „Die Macht des Gewissens“ hierzu ein paar erschütternde Geschichten. Etwa die eines Bauernsohns aus dem Sudentenland, der sich weigerte, der SS beizutreten. Er schreibt im Februar 1944 an seine Eltern: „Ich muss Euch heute eine traurige Nachricht mitteilen, dass ich zum Tod verurteilt wurde, ich und Gustav G. Wir haben es nicht unterschrieben zur SS. (…) Wir beide wollen lieber sterben als unser Gewissen mit so Greueltaten beflecken.“ In solchen Fällen hat man das Gefühl, dass die höchsten menschlichen Fähigkeiten und Kräfte am Werk sind. Normalerweise erstrebt der Mensch Glück und will Leid vermeiden – eine Binsenweisheit. Wie kommt es dann, dass Menschen derart gegen ihre eigenen Interessen verstoßen? Dass sie für eine Idee vom „anständigen Handeln“ sogar ihr Leben geben?

Die Geschichten von Heiligen ermutigen uns, unseren Überzeugungen treu zu bleiben und uns nicht für Zwecke einspannen zu lassen, die nicht die unseren sind. Das ist auch heute nicht leicht. In Europa sind wir heutzutage nicht davon bedroht, enthauptet zu werden wie die Heilige Agnes oder mit Pfeilen durchbohrt wie der Heilige Sebastian. Wohl aber drohen uns berufliche Nachteile, Entlassung oder Sanktionen, wenn wir nicht genau das tun, was die Mächtigen von uns erwarten. Schon die Angst, wegen spiritueller Ideen verspottet oder missverstanden zu werden, hält viele davon ab, sich selbst treu zu bleiben. Viele Menschen haben spirituelle Erfahrungen und „Erscheinungen“, über die sie aus Angst vor Anfeindungen und Spott nicht offen reden. Auch hier können die Erlebnisse von Heiligen Trost und Ermutigung sein – etwa die der Heiligen Bernadette von Lourdes.

„Ich bin kein Heiliger“, sagen wir häufig salopp, um deutlich zu machen, dass wir uns unsere kleinen Sünden nicht nehmen lassen wollen. Oder dass wir zu schwach sind, uns unsere Laster abzugewöhnen: das Wohlstandsbäuchlein etwa oder die besondere „Anfälligkeit“ für das andere Geschlecht. Die Beschäftigung mit Heiligen soll niemanden einschüchtern. Sie sollen für uns keine starren, lebensfernen Denkmäler sein wie die sprichwörtlichen „Säulenheiligen“. Es ist nicht gut, wenn die Beschäftigung mit Heiligen bewirkt, dass wir uns klein fühlen. Sie sind vielmehr der größere Rahmen, nach dem wir uns ausstrecken können. Durch Betrachtung und Verinnerlichung ihrer Qualitäten wachsen wir schrittweise in dieses größere Bild hinein. Das bedeutet nicht, dass wir uns keine Schwächen mehr erlauben konnten. Die Heiligen hatten bestimmt auch welche, denn es waren ja Menschen. Scheint ein Heiliger ohne Fehl und Tadel, sind wir vielleicht nur nicht gut genug über ihn informiert.

Der Text beruht auf bearbeiteten Auszügen aus dem Buch

Monika Herz, Roland Rottenfußer: „Gesundbeten mit Heiligen“. Kailash Verlag, 224 Seiten, € 14,99

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