Helfen wir den Menschen in Griechenland! – Vierzehnter Bericht 2016

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GriechenlandhilfeLogo-300x194Der IWF und die anderen Europäer unterscheiden sich dadurch, daß die einen Griechenland mit Zuckerbrot und Peitsche traktieren wollen, die anderen hingegen mit Peitsche und Zuckerbrot.“ So beschreibt Holdger Platta im dieswöchigen Bericht den Unterschied zwischen harten und „gemäßigten“ Akteuren in der Griechenlandkrise. Es dominiert jedoch die Peitsche. In diesem grausamen Spiel sind EU und IWF der „Top“, Griechenland der „Bottom“, um es in SM-Sprache auszudrücken. Ein Schuldschein, so könnte man meinen, ist ein Anspruch auf Geldrückzahlung, so diese dem Schuldner möglich ist; er ist keine Lizenz zum Töten. Die Altersbezüge, die GriechInnen, geht es nach dem Willen des IWF, künftig erhalten sollen, sind jedoch zu wenig zum Leben und in vielen Fällen noch nicht einmal zu viel zum Sterben. Wieder liefern Holdger und unser Helfer vor Ort, Tassos Chatzatoglou, einen erschütternden Bericht ab. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

das Auf und Ab hält an: für Griechenland und die Notleidenden dort, aber auch für uns, die den Menschen in Griechenland zu helfen versuchen.

In der letzten Woche konnte ich Euch über den erfreulichen Wiederanstieg bei den Spendenzahlen berichten: 1.384,45 Euro waren bei uns eingegangen, gegenüber der Vorwoche mit 302,50 Euro ein Plus von fast 1.100,- Euro. Nunmehr, in der vergangenen Woche, ging die Unterstützung auf 281,41 Euro zurück. Nicht auszuschließen, daß es auch an meinem Bericht lag, der – krankheitsbedingt fast im gesamten Helferteam – nur wenig Neues enthielt. Ich hoffe jedoch, daß sich dieses mit den folgenden Nachrichten wieder ändern wird.

Als wichtigste Information vorweg: Für zahlreiche Hilfsbedürftige haben wir vor wenigen Tagen 10.000,- Euro an Evelin und Tassos Chatzatoglou überweisen können. Diese werden das Geld von sich aus an zahlreiche Bedürftige in Griechenland – an neue und alte Hilfsbedürftige – weiterleiten. Ich zitiere hier ausführlich aus der langen Mail an mich von Tassos, die mich vor einigen Tagen erreichte:

„Zu unserer Aktion, die diesmal Fälle auf der Insel Andros betrifft.

Von der Insel Andros habe ich schlechte Nachrichten. Der Verein Apikion wird nicht mehr von der Reederfamilie unterstützt. Das Geldvolumen schrumpft somit auf 1/5 der Vorjahresleistung! Wie bekannt, betreut der Verein Apikion 35, meist ältere, Familien auf Andros. Ich denke hier an eine Unterstützung für die Beschaffung von Lebensmitteln.

Auch dem zuckerkranken und arbeitslosen Nikos T. sollten wir die Schulden in Höhe von ca. 200 € in der Apotheke bezahlen.

Der alleinstehenden alte Frau Maria K. ohne jegliches Einkommen würden wir gerne eine Unterstützung in Höhe von 200 € zukommen lassen.

Für Frau Evaggelia V. möchten wir einen Teil der Stromrechnung in Höhe von 250 € übernehmen.

Unser Herr Ioannis H., der verunglückte und seitdem arbeitslose Bauarbeiter mit der zweifachen komplizierten Armfraktur, müsste ins Invalidenamt nach Syros, kann jedoch aufgrund der Mittellosigkeit die Fahrt nicht antreten. Wir möchten ihm die Fahrtkosten in Höhe von 100 € durch die Sozialarbeiterin Frau Maria Alexaki zukommen lassen.

Leider wurden mir auch neue Notfälle, ebenfalls von der Insel Andros, zugetragen:

Dimitri V. wurde nach einer Neurysma-Operation arbeitslos. Er ist Vater eines minderjährigen Kindes und verfügt über absolut kein Einkommen.

Aggeliki K. ist eine geschiedene Frau mit Kind. Sie arbeitet als Putzfrau und hat kein geregeltes Einkommen. Vielleicht können wir eventuell die Stromkosten übernehmen?

Korydallos:

Die Gemeinde Korydallos in Piräus weist derzeit eine Arbeitslosenrate von 60 % auf. Dazu kommen die Flüchtlinge, die sich in der Nähe des Hotspots Shistos aufhalten. Ihnen wird gelegentlich Hilfe aus der Bevölkerung von Korydallos zuteil.

Die Zahl der zu betreuenden griechischen Familien in Korydallos wuchs mittlerweile auf 550, eine Entwicklung, die mir seit dem Gespräch Anfang Februar mit dem Bürgermeister Kassimatis und der Vizebürgermeisterin Frau Labrini Manou bekannt ist. Seit November haben wir kein Geld geschickt, weil es nicht notwendig war. Jetzt aber, da das griechische Osterfest bevorsteht (übrigens das höchste Fest in Griechenland), bittet uns Fau Manou um Unterstützung der 550 Familien. Der Einkauf sollte wie bisher bei Sklavenitis erfolgen. Wie schon in einem meiner früheren Berichte erwähnt, handelt es sich bei Sklavenitis um einen der wenigen Unternehmer in Griechenland, der bis jetzt keine Entlassungen durchführte und den Angestellten wegen der Capital Control den Lohn bar auszahlt.

Für die Vorbereitung der Lebensmittelpakete werden 3.945 € benötigt, für Hygieneartikel 1.675 €.

Patenschaften:

Für die Patenschaftsanfragen bekam ich von Frau Labrini Manou 3 Fälle genannt. Alle Infos über die Notwendigkeit habe ich gesammelt. Es bleibt die Überprüfung, die, so schätze ich, in der nächsten Woche abgeschlossen sein wird. Der kleine Panagiotis sowie Dionysis sind nicht dabei.

Panagiotis braucht derzeit keine Medikamente mehr, und es stehen nur noch ein paar Untersuchungen an.

Bei Dionysis ist es so, dass die Eltern Angst haben, dass ihr Kind durch die Medien „geschleift“ wird.

Für die Martinou-Mädchen, die in einem Kloster in Athen leben, gibt es bereits eine Patin. Das hierfür gespendete Geld wird zweckgebunden der Sozialarbeiterin Frau Maria Alexaki zukommen. Frau Alexaki wird im Namen der Patin alle Bedürfnisse der Kinder erfüllen.

Es bleibt mir nur noch, einen Wunsch auszusprechen: Das alles sollte nicht mehr notwendig sein, und Griechenland sollte in der Geschichte Europas wieder jenen Platz einnehmen, der diesem Land gebührt!“

Wer von uns teilte nicht Tassos’ Wunsch! Ihr tut das und selbstverständlich auch wir! Doch nach allem, was wir den – teils widersprüchlichen! – Zeitungsartikeln entnehmen müssen, soll es mit dem Elend der Griechinnen und Griechen wohl weitergehen. Egal, auf welche Akteure in Euro-Europa man blickt: ein Ende der völlig verfehlten Wirtschafts- und Finanzpolitik gegenüber Griechenland ist nicht in Sicht!

Vielleicht erinnert Ihr Euch: in meinem letzten Bericht konnte ich immerhin konstatieren, daß mittlerweile sogar die IWF-Chefin Christine Lagarde ein gewisses Einsehen zeigt und für Griechenland einen „Schuldenschnitt“ fordert – im Gegensatz zur bundesdeutschen Regierung, die eine solche Hilfe nach wie vor aufs schärfste ablehnt. Außerdem setzt sich der IWF dafür ein, daß Griechenland befreit werden sollte von der Pflicht, alljährlich einen Etat-Überschuß von 3,5 Prozent erzielen zu sollen (= der Internationale Währungsfond wäre bereit, diese Ziffer auf 1,25 Prozent pro Jahr zu senken, „ambitioniert, aber realistisch“, so der IWF).

Doch andererseits fordert ebenderselbe Internationale Währungsfond, die Renten in Griechenland weiter drastisch abzusenken, Unterstützungszahlungen für arme Pensionäre auslaufen zu lassen und maximal 345 Euro im Monat an Altersbezügen zuzulassen für Beitragszahler, die nur 15 Jahre lang in die Rentenkasse einzahlen konnten. Ein Ansinnen, über das in der nächsten Woche das griechische Parlament abstimmen soll und einem Programm zum Verrecken der Betroffenen gleichkommt. „Machbar“, so der Kommentar Wolfgang Schäubles dazu. Davon soll abhängig sein, ob das Land weitere Zahlungen aus dem 86 Milliarden Euro umfassenden „Kreditrahmen“ erhält, der in der Epressernacht im Juli letzten Jahres Tsipras aufgezwungen worden ist. Und im übrigen bedeuten würde – jawohl auch dieses! –, daß Athen im Juli dieses Jahres 3,5 Milliarden Euro bereits an IWF und EU zurückzuzahlen hätte.

Demgegenüber, so die GRIECHENLANDZEITUNG vom 6. April, dürfe man aber nicht verkennen, „daß der IWF als Gegenleistung für Schuldenerleichterung weitaus härtere Reformmaßnahmen von Athen verlangt als die Europäer“ (gemeint wohl: Europäische Zentralbank, EZB und EU-Kommission), zum Beispiel eine noch stärkere Reduzierung der Renten – woraus die GRIECHENLANDZEITUNG die Schlussfolgerung zieht, daß Tsipras deshalb den IWF „loswerden wolle“. Zusammenfassen könnte man dieses zerstörerische Tohuwabohu bei den „Institutionen“ in einem Satz: der IWF und die anderen Europäer unterscheiden sich dadurch, daß die einen Griechenland mit Zuckerbrot und Peitsche traktieren wollen, die anderen hingegen mit Peitsche und Zuckerbrot. Was beide voneinander unterscheidet, ist die gemeinsam geteilte Wirtschaftsidiotie und Unmenschlichkeit. Und das – so könnte man den Eindruck gewinnen – scheinen allmählich sogar „führende deutsche Wirtschaftsforscher“ einzusehen, so die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG in ihrer Online-Ausgabe vom 11. April. Titel/Untertitel des Berichts: „Wirtschaftsforscher erklären Reformen in Griechenland für gescheitert. Mit der derzeitigen Politik könne Griechenland nie wirtschaftlich selbständig werden“. – Tja, wie auch! Was kann man einem Land an Wiederaufbau abverlangen, in dem die Euro-Länder derart systematisch die Inlandsnachfrage kaputt’reformieren’? – Doch hier einige wörtliche Zitate aus dem SZ-Bericht:

• „Führende deutsche Wirtschaftsforscher haben ein verheerendes Bild von der Lage in Griechenland gezeichnet und eine Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik gefordert. ‚Der Reformprozess ist komplett zum Erliegen gekommen’, sagte Alexander Kritikos, Forschungsdirektor Unternehmertum am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW). Es fehlten jegliche Anreize für Investoren, sich in dem verschuldeten Land zu engagieren. Damit sei Athen der Weg in die wirtschaftliche Selbständigkeit versperrt.“
• „Um die griechische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, müssen die Kapitalverkehrskontrollen gelockert werden <…>, sagte ein hoher EU-Beamter der Süddeutschen Zeitung.“
• „Zu den Branchen, die am Boden liegen, zählten Gesundheit und Bau. Letztere ist der DIW-Analyse zufolge um 95 Prozent im Vergleich zum Niveau vor der Krise eingebrochen.“

An dieser Stelle nur zur Ergänzung: das DIW, das Deutsche Institut für Wirtschaft, ist keinesfalls eine linke, eine arbeitnehmerfreundliche Institution. Es stellt eine Forschungseinrichtung dar, die sich zwar als „unabhängig“ bezeichnet und Gemeinnützigkeitsstatus besitzt, aber seit dem 1. Februar 2013 von einem Marcel Fratzscher geleitet wird, einem Wirtschaftsprofessor, der gleichzeitig, seit April 2001, für die Europäische Zentralbank, die EZB, in Frankfurt am Main arbeitet. Und beim erwähnten Alexander Kritikos handelt es sich keinesfalls um einen Griechen oder um einen Vertreter griechischer Interessen innerhalb des DIW, sondern um einen deutschen Ökonomen, 1965 in München geboren, der seit 2001 als wirtschaftspolitischer Berater für diverse bundesdeutsche Staatsinstanzen tätig ist, so unter anderem für das Bundeswirtschaftsministerium, für das Bundesarbeitsministerium und für die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

Man darf also gespannt sein, was Tsipras in diesen Tagen erreichen wird, gestern bei seinem Treffen in Paris mit Frankreichs Präsidenten Francois Hollande und heute in Brüssel mit EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz, und zwar mit seinen Versuchen, die zerstörerischen Sparauflagen der Euro-Staaten gegenüber Griechenland lockern zu helfen, zumindest das, nämlich Sparauflagen in der Höhe von 5,4 Milliarden Euro noch in diesem Jahr. Und man darf gespannt sein, was diese Herren Hollande und Schulz ihm sagen werden, wie die Arbeitslosigkeit in Griechenland, die im Januar 2016 wieder auf 24,4 Prozent angestiegen ist, beseitigt werden könne angesichts eines derart perversen Wiederaufbauzerstörungsprogramms seitens der Euro-Staaten gegenüber Griechenland!

Liebe Freunde, liebe HdS-Leserinnen und HdS-Leser, Ihr seht, unser Hilfsprogramm ist auch weiterhin auf Hilfe angewiesen. Und es wird auch weiterhin erforderlich sein, Euch über die wirtschafts- und finanzpolitischen Hintergründe der Griechenland-Krise in Kenntnis zu setzen, über Gründe und Hintergründe, die wieder und wieder zu tun haben mit den Idiotien und Inhumanitäten der europäischen Politik gegenüber Griechenland!

Und damit, an dieser Stelle, wie gewohnt, die wichtigen Hinweise auf die Möglichkeiten, wie Ihr uns helfen könnt, den hilfsbedürftigen Menschen in Griechenland auch weiterhin helfen zu können:

Unser Konto, auf das Ihr unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ spenden könnt:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):

Peter Latuska
Theodor Heuss Str. 14
37075 Göttingen
Email: latuskalatuska@web.de

Mit herzlichen Grüßen wie stets
Euer Holdger

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