Holdger Platta: Das heftigste Bild eines Lebens

 In Holdger Platta, Poesie
Mimis Tod in einer Aufführung des Theaters Dortmund

Mimis Tod in einer Aufführung des Theaters Dortmund

Der Journalist, Charity-Aktivist und Dichter Holdger Platta verfasste eine berührende lyrische Paraphrase zu Puccinis Oper „La Bohème“. Siehe dazu auch die Arie „Mi chiamano Mimi“ weiter unten auf dieser Seite. („In memoriam H.M. und G.P.“)

Ich lebe hier unter einem Dach
mit einer Liebesgeschichte, der Schnee
auf den Ziegeln ist mein täglicher Nachbar,
und jede Woche besucht mich eine Taube vom rötlichen Kirchturm.

Das Husten müßten Sie hören,
es führt mitten hinein in süße Musik,
und wenn der Briefträger nicht so aufstampfen würde,
bei seinen Gängen die Treppe herauf,

ich hätte ihm längst schon einen Fesselballon
mitgegeben zur Post, damit die Concierge
sich endlich ein Haarteil zu kaufen vermöchte
aus blauschwarzer Schönheit für ihre beginnende Glatze.

Vom Freund sehe ich stets als erstes, vollkommen verkleckst,
das oben verschlossene Ofenrohr, wenn er
die Treppe herauftanzt, seinen Zylinder,
und als zweites das neueste heftigste Bild seines Lebens.

Da kreisen zwar freundlich Krähen über dem Dach,
die Sonne entzündet den Schnee in allen Farben der Welt,
aber darunter stirbt langsam, Sie hören es doch
(das Husten eines Liebesabschieds), das kränkelnde Mädchen.

Und der Hunger fliegt dann in jeden Mund,
und die Kälte läßt alle zittern bis zu den Tränen hinauf,
und der Schnee beginnt wieder zu fallen, ganz blau,
mitten hinein in eine nächtliche Stadt voller Musik.

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