Holdger Platta: Du bist nun im Bilde

 in FEATURED, Holdger Platta, Poesie

Zum vierten Mal präsentieren wir Euch heute ein Gedicht aus dem Lyrikband „Das Blaue vom Himmel“ von Holdger Platta aus dem Jahre 1983 – ein Gedicht im bitter-ironischen Ton der Beschwichtigung. In diesem Gedicht „Du bist nun im Bilde“ geht es um die Überwachungspraktiken des Verfassungsschutzes, der seit Beginn der Studentenproteste 1964/1965 die TeilnehmerInnen an den Demonstrationen filmisch oder mit dem Fotoapparat festzuhalten pflegte. Holdger Platta bedient sich dabei einer besonderen Technik, den Doppelcharakter dieser Kundgebungen deutlich zu machen – nämlich einerseits völlig legal gewesen zu sein, andererseits vom Staat aus wie kriminelles Geschehen behandelt zu werden. Schon der Ttitel dieses Gedichtes signalisiert das: „Du bist nun im Bilde“ heißt zum einen „man hat Dich fotografiert“, zum anderen „Du weißt nun Bescheid“ (= wie miserabel Dich der Staat behandelt). Parallelen zu heute? – Unschwer zu entdecken! HdS-Redaktion

Du bist nun im Bilde

Bei der Maifeier
hast Du bemerkt,
wie man Dich fotografiert,
heimlich,
von einem Fenster aus
über den Köpfen der Leute
hier auf dem Marktplatz,
und man hat Dir gesagt,
das sei jetzt oft so.
Du hast also nur entdeckt:
So nimmt man Dich auf.

Aber das ist natürlich
kein Anlass, beunruhigt zu sein,
denn Du weißt, Du bist schuldlos, und
auch wenn Deine Akte jetzt anwächst irgendwo
wie die Vorurteile jetzt anwachsen werden
an Dir,
Du kannst gewiss sein,
Du wirst das schon los,
ganz bestimmt.

Kein Grund auch,
ohne Vertrauen zu sein
zu denen da oben, die
ja nur ihre Pflicht tun und zu Dir
hier unten so ohne Vertrauen sind.
Glauben es, das geht schon in Ordnung,
in irgendeine Ordnung geht das schon.

Das wird sich aufklären lassen,
kannst Du Dir sagen.
Auch wirst Du keinen Verdacht
ausräumen müssen
später einmal.
Du wirst nur, wenn es um Deine Einstellung geht,
freundlich sein müssen
bei einem Gespräch über Möglichkeiten,
deren Möglichkeit Du doch einräumen musst.
Also, hab keine Angst,
jetzt und wenn es so weit ist:

Sie machen sich ja nur ein Bild von Dir.

Showing 6 comments
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    Gerold Flock
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    Heutzutage…wo Jede/Jeder – Jeden mit seinem Smartphone überwacht? – Heututage…wo jede Bemerkung & Meinungsäußerung im Internet festgehalten wird?

    Heutzutage…Wo Dich wo Du gehst und stehst und arbeitest überall Überwachungskameras verfolgen & festhalten.

    Heutzutage…Regt sich doch kein Mensch mehr über einen Paparazzi auf, der Dich mit einem Kips-Gerät vom Fenster aus verfolgt?

     

     

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      Radikalenerlaß
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      „Paparazzi“? – Ist Folge deren Fotografiererei auch das, was in der Bundesrepublik dann zu Recht „Berufsverbote“ genannt wurde? „Promis“ und Sternchen durften danach nicht mehr in ihren gelernten Berufen arbeiten?

      Eine merkwürdige Verharmlosung dessen, was in der Bundesrepublik seit 1972 geschah und erst 1991 sein Ende fand. Hier ein kurzer Ausschnitt aus dem diesbetreffenden Wikipedia-Artikel:

      „Bis zur Abschaffung der Regelanfrage wurden bundesweit insgesamt 1,4 Millionen Personen überprüft. Ca. 1.100 davon wurde der Eintritt in den bzw. das Verbleiben im öffentlichen Dienst verwehrt,[4] Insgesamt wurden 11.000 Verfahren eingeleitet. Allein bei den Lehrern gab es 2.200 Disziplinarverfahren und 136 Entlassungen.[25]

      Als erstes Bundesland hob das Saarland den Radikalenerlass am 25. Juni 1985 förmlich auf. Weitere Bundesländer folgten oder ersetzten den Erlass durch länderspezifische Nachfolgeregelungen. Als letztes Bundesland stellte der Freistaat Bayern 1991 die Regelanfrage ein.“

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    Bettina
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    Und der Verfassungsschutz lächelte milde,

    denn er war wie immer über alles im Bilde.

    • Avatar
      Peter Boettel
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      Liebe Bettina,

      ein guter Spruch, den ich mir merken muss.

      Viele Grüße und bleibe gesund.

      Peter

       

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    Ulrike Spurgat
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    Ein Künstler drückt das aus was ihm wichtig ist.

    Zum Radikalenerlass:

    Wiki bleibt ein Herrschaftsinstrument, ist also unzuverlässig, insbesondere dann, wenn es um kritische, dabei vor allem um politische Themen geht.  Die Zahlen, die Dunkelziffer der Berufsverbote (1951 die ersten gegen die Kommunisten unter dem elenden Adenauer, dann das KPD Verbot, 1968 die DKP als eine Antwort auf die damals bundesrepublikanischen, gesellschaftlichen Verhältnisse und bumms 1972 der Radikalenerlass unter dem „Friedensfürsten“ Willi Brandt sind um einiges höher, wenn man die konkrete, unsägliche Geschichte der Berufsverbotspraxis bis in die heutige Zeit näher anschaut und beleuchtet.

    2016 Karem Schaumberger, Mitglied der DKP und lange Zeit vom nahenden Berufsverbot betroffen gewesen. (Maximilian-Universität-München)

    Richtig ist, dass Bayern als letztes Land 1991 das bisherige Verfahren zum Radikalenerlass, die „Regelanfrage“ beim Verfassungsschutz beendeten, führten aber gleichzeitig ein neues Verfahren ein. Am 11. Dezember 1991 verordnete die Staatsregierung in einer Bekanntmachung die „Pflicht zur Verfassungstreue im öffentlichen Dienst.“

    2017 verweigert die Bezirksregierung von Oberbayern  dem Lehreranwärter  Benedikt Glasl eine Referendar Stelle weil er Mitglied einer Studierenden- und Jugendorganisation bei der PdL, die ja vergleichbar eher harmlos sind, aus meiner Sicht.

    Es sind Momentaufnahmen einer Praxis, die niemals enden wird in einem System, dass die Rechtsnachfolge des Faschismus ist.

    Der Kampf um den Namen „Carl von Ossietzky“ (Herausgeber der Weltbühne, KZ- Häftling in Esterwegen, Friedensobelpreisträger 1936 an einer der damalig fortschrittlichsten Universitäten im Land war von Tränen, dem Mut zur unbedingten gesellschaftlichen Veränderung und dem Willen für diesen Namen, für den Namensgeber, der entschlossen gegen den Faschismus und für den Frieden mit allen Konsequenzen einzustehen. Meine besten Freunde waren vom Berufsverbot betroffen; einem Verbot, dass Krankheit, Verzweiflung und Zukunftsängste zur Folge hatte, sie aber nicht an ihrem weiteren Kampf hinderte und sie ihrer Verpflichtung treu geblieben sind: Nie wieder Faschismus und Krieg !“ Der Mensch ist ein gesamtgesellschaftliches soziales Wesen und wenn seine Entwicklung durch Isolationsprozesse vom gesellschaftlichen Erbe (z.B. durch Berufsverbote, Arbeitslosigkeit usw.) behindert wird, entwickelt der betroffene Mensch sogenannte „Überlebensstrategien“, die sich als Trauer, Schmerz, in Selbstzweifeln und depressiven Verstimmungen äußern können, als eine von vielen, möglichen Antworten auf eine unerträgliche Lebenswirklichkeit.

     

     

     

     

     

     

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    Piranha
    Antworten

    Klare Worte sind in diesen Zeiten eine erfrischende Notwendigkeit. Außerparlamentarisch, parteifrei und gnadenlos analysieren Deutschlands schärfste Zungen beim 16. Politischen Aschermittwoch die Lage der Nation.

    schreibt der WDR 5 und hat die Veranstaltung auf 1,48 h gekürzt als Podcast wiedergegeben. 🙁

    Aber: „Maulhelden“ war klug genug und zu meinem großen Vergnügen, mit zwei, drei kleinen Verschleierungstaktiken die ganze Sendung einzustellen Im letzten Jahr war nirgends etwas zu finden, außer das kurze Hörvergnügen von Max Uthoff. Ältere Sendungen verschwinden auch immer wieder, was ich schade finde, denn oft ist es hochinteressant, wie vorausschauend Kabarettisten sein können.  Also schaut euch das Aktuelle an, solange es drin bleibt; es lohnt sich nicht nur wegen Georg Schramm!

    Der 16. Politische Aschermittwoch der Kabarettisten in Berlin.

    https://www.youtube.com/watch?v=DRXnIr_V62c

     

    Lieber Holdger,

    ich wusste nicht so recht, wo ich diesen Hinweis einstellen sollte und dachte, zu einem politischen Gedicht passt es am Ehesten 🙂

    Schönen Feiertag,

    P.

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