Holdger Platta: Untergrundfrage

 in FEATURED, Holdger Platta, Poesie

Zum fünften Mal heute Lyrik von Holdger Platta aus seinem Gedichtband „Das Blaue vom Himmel“ aus dem Jahre 1983: Gleich zweimal setzen sich diese Texte mit Propagandaformeln auseinander, die während der APO-Zeit immer wieder den protestierenden Studierenden entgegengehalten wurden. Zum einen mit dem Vorwurf, die Bewegung der Rebellierenden bewege sich nicht mehr „auf dem Boden des Grundgesetzes“ – das in einer Zeit, da ein Ministerpräsident Filbinger allen Ernstes im Bonner Bundestag behaupten konnte, das Grundgesetz schütze den Kapitalismus. Zum anderen mit den Floskeln, man solle sich bitteschön an die „Spielregeln“ der Demokratie halten und die Demokratie biete genügend „Freiräume“, auch ohne Protest auf der Straße Kritik an der Politik der Großen Koalition vorzubringen. Erneut zeigt Holdger Platta hier mit den Mitteln der Lyrik – mit dem Beim-Wort-Nehmen derart verlogener Worte -, was von diesen Schutzbehauptungen zu halten war: gar nichts. Apropos „Auslegungen“ im ersten Gedicht: wer dabei an Grundgesetz als „Auslegeware“ denkt, liegt vermutlich nicht falsch. HdS-Redaktion

Untergrundfrage

Auf dem Boden
des Grundgesetzes
stehn wir
ja gern.

Aber was
fangen wir
mit dem doppelten Boden

seiner Auslegungen an?

 

Spielregeln und Freiräume

Man redet immer
von den Spielregeln
unserer Demokratie,

und da dachte ich immer,
unsere Demokratie
solle man
ernstnehmen.

Man redet immer
von den Freiräumen
unserer Demokratie,

und was existiert
drumherum?

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    Freiherr von Anarch
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    tja –

    die erste grössere Herausforderung an die Grundgesetze oder ‚Probe‘ seiner Gültigkeit hat das Grundgesetz als Gültigkeit nicht überstanden.

    Spätestens 1967 wars damit dann vorbei mit der ‚Jungen Demokratie ‚ – an ihre Stelle trat die Ernüchterung, dass die Grundgesetze immer unter Vorbehalt einer Verfassungsänderung durch das Herrschaftssystem standen und Demokratie Auslegungssache des Politischen Machtsystems war.

    Dabei war es ja keineswegs eine ‚Zerreissprobe‘ auf die eine Machtpolitik mit Entdemokratisierung zu antworten gehabt hätte – es war lediglich die Inanspruchnahme der Grundgesetze durch eine Protestbewegung: Versammlungs- und Meinungsfreiheit.

    Da wurde dann schlagartig auch klar auf welch dünnem Boden diese Verfassung stand, schon bei der ersten ‚Belastungsprobe‘ durchgebrochen und seither sukzessive die Deformierung einer demokratischen Verfassung hin zur jetzigen diktatorischen.

    Die ‚Freiräume‘ hat der Staat mit staatsgewaltigem Machtmonopol ausgefüllt, dies mit ‚Wahrung‘ der Grundgesetze begründet, mit Erhalt des Rechtsstaates und einer ‚Demokratie‘ gar – überdeutlich also die wahren Absichten dieses Systems und deutlichst die Verformung entgegen der Verfassung.

    Inzwischen ist es ja blanker Zynismus, wenn Politiker ins Micro heucheln: ‚ Lasst uns unsere Demokratie und unsere Freiheit nicht aufs Spiel setzen, lasst uns dieses Land nicht zerreissen… ‚.

    Wo ein ‚Patron‘ Patronen verschiesst gegen die Inanspruchnahme der Grundgesetze durch die Bürgerschaft, hat die Demokratie schon verloren, hat das Herrschaftssystem selbst den Boden der Demokratie verlassen – damals schon.

    Heute ist es Diktatur – ‚der Staat darf sich nicht erpressen lassen !‘ als Herrschaftsrechtfertigung zur eigenen Entdemokratitisierung seit damals, hat dazu geführt.

    Umkehrbar ist diese Transformation nicht mehr, schon weil Bürgerliche Gegenwehr im Sinne der Grundgesetze gegen fortschreitende Diktatur diktatorisch unterdrückt wurde – Verfassung und Grundgesetze heute ergo nichts mehr wert sind – Auslegungssache des Herrschaftssystems allein und weiterhin wird nach Herrschaftsbelieben verformt.

    Und das Verfassungsgericht ??

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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      Die A N N A loge
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      Oh je, steht es doch so schlimm um unseren Staat? Diktatur? Die habe ich doch glatt übersehen!

      Sitze im mittendrin im dunklen, feucht-modrigen, doppelten Boden und bekomme den verfluchten Deckel nicht auf. Das verstellt offensichtlich den ungetrübten Klarblick. 🙂

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    Freiherr von Anarch
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    Kann ja jeder mal die Probe machen, wies um ‚unsere Grundrechte‘ so bestellt ist….

    Nimm einfach mal deine Grundrechte, wie laut Verfassung ja garantiert, in Anspruch:

    nehmen wir mal Art. 1 bis 20 oder weitere, von der Würde und Unversehrtheit bis Recht auf Wohnen, Arbeit, angemessen jeweils, Versammlungsfreiheit,deine Freiheitsrechte insgesamt  e.t.c –

    du landest im Knast und anschliessend wegen Wiederholung in der Psychiatrie oder gleich in der Klapse wie bei Weigerung der Zwangsräumung praktiziert, Zwangsmaßnahmen allgemein – die laut Verfassung ja nicht sein dürften.

    Der Staat verweigert dir deine Grundrechte und weil du trotzdem diese einfach so in Anspruch nimmst, dich dementsprechend verhältst – landest du  letztlich in der Psychiatrie – tja…

    Nicht ganz dicht der Bürger, meint er könne auf seine Rechte bestehen !

     

     

     

     

     

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