In meinem Reifen reift dein Reich! – Rainer Maria Rilke

 In FEATURED, Kultur, Spiritualität

Rainer Maria Rilke

„Durch alle Wesen reicht der eine Raum: Weltinnenraum.“ Das Rilkes Gedichte von mystischer Natur sind, ist mit Händen zu greifen. Sein „Stunden-Buch“ ist ein fortwährendes Gespräch mit Gott und die „Duineser Elegien“ versuchen in Versen von rätselhafter, betörender Schönheit das Geheimnis der Engel zu ergründen. Nicht jeder Interpret geht allerdings so weit wie der Autor Roland Ropers, der schreibt: „Rainer Maria Rilke ist ein poetischer Botschafter Gottes.“ Eine knappe Lebensbeschreibung mit wunderbaren Zitaten, die vor allem den spirituellen Rilke im Auge behält. (Roland Ropers)

In seinem Buch „Mystiker unserer Zeit im Porträt“ beschreibt Roland Ropers 75 spirituelle Persönlichkeiten. Er skizziert ihre Lebensläufe und zitiert zentrale Aussagen aus ihren Werken. Dabei überwindet der Autor nicht nur die Grenzen zwischen den Religionen, indem er z.B. Mystiker mit christlichem, buddhistischem und hinduistischem Hintergrund porträtiert – er beleuchtet auch u.a. den Weg eines Rainer Maria Rilke, Leonard Bernstein, Martin Luther King oder des Physikers Hans-Peter Dürr. Es entsteht der Eindruck, dass Gottberührung überall und auf sehr verschiedenen Wegen geschehen kann.

Wie ein weiser Meister nimmt der Dichter Rainer Maria Rilke seine Leser an die Hand und führt sie ahnend in eine Richtung, wo sich der Kosmos als Erfahrungsraum der göttlichen Wirklichkeit zunehmend öffnet.

Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht. Auch, der dich liebt und der dein Angesicht kennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht in deinem Atem schwankt, besitzt dich nicht. Und wenn dich einer in der Nacht erfasst, sodass du kommen musst in sein Gebet: Du bist der Gast, der wieder weitergeht. Wer kann dich halten, Gott? Denn du bist dein, von keinem Eigentümers Hand gestört, so wie der noch nicht ausgereifte Wein, der immer süßer wird, sich selbst gehört.

René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren. Seine Kindheit und Jugend in Prag waren wenig glücklich. Sein Vater, Josef Rilke, ein charakterschwacher und unzufriedener Mensch, war nach misslungener militärischer Karriere Bahnbeamter. Seine Mutter, Sophie Entz, eine herrschsüchtige Frau, entstammte einer wohlhabenden Prager Fabrikantenfamilie.

Ihre Träume von einem vornehmen Leben fand sie in ihrer Ehe nicht erfüllt. 1884 brach die Ehe der Eltern auseiander. Auch das Verhältnis zwischen der Mutter und dem einzigen Sohn war belastet, weil sie den frühen Tod der älteren Tochter nicht verkraftete. Aus emotionaler Hilflosigkeit heraus band sie René – französisch für der Wiedergeborene – an sich und drängte ihn in die Rolle seiner verstorbenen Schwester. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr fand sich Rilke so als Mädchen erzogen, frühe Fotografien zeigen ihn mit langem Haar, im Kleidchen. Auf Druck der Eltern besuchte der dichterisch und zeichnerisch begabte Junge ab 1885 eine Militärrealschule zur Vorbereitung auf eine Offizierslaufbahn. Die Zumutungen militärischen Drills und die Erfahrungen einer reinen Männergesellschaft traumatisierten den zarten Knaben nachhaltig. 1891 brach er wegen Krankheit seine militärische Ausbildung ab. Er konnte sich von 1892 bis 1895 in privatem Unterricht auf das Abitur vorbereiten, das er 1895 bestand. 1895/96 studierte er Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie in Prag und München.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.

Nach seinem Weggang aus Prag änderte Rilke 1896 seinen Vornamen von René in Rainer und dokumentierte damit nach außen die Bemühung, die unglückliche Bindung an die Herkunftsfamilie zu verarbeiten. 1897 traf Rainer Maria Rilke in München die weit gereiste Intellektuelle und Literatin Lou Andreas-Salomé und verliebte sich in sie. Rilke folgte ihr im Herbst 1897 nach Berlin und bezog eine Wohnung in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. 1898 unternahm er eine erste mehrwöchige Auslandsreise nach Italien. In den beiden Jahren darauf besuchte er zweimal Russland. Im Herbst 1900, unmittelbar nachdem Lou Andreas-Salomé den Entschluss gefasst hatte, sich von ihm zu trennen, hielt sich Rilke zu einem längeren Besuch bei Heinrich Vogeler in Worpswede auf. Vogeler veranstaltete im Weißen Saal seines Barkenhofs sonntägliche Treffen, wo neben Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker und Carl Hauptmann auch die Bildhauerin Clara Westhoff verkehrte. Clara Westhoff und Rainer Maria Rilke heirateten im folgenden Frühjahr. Im Dezember 1901 wurde ihre Tochter Ruth geboren. Bereits im Sommer 1902 gab Rilke jedoch die gemeinsame Wohnung auf und reiste nach Paris, um dort eine Monografie über den Bildhauer Auguste Rodin zu verfassen.

Die Beziehung zwischen Rilke und Clara Westhoff blieb Zeit seines Lebens bestehen, doch war er nicht der Mensch für ein bürgerliches und ortsgebundenes Familienleben. Gleichzeitig drückten ihn finanzielle Sorgen, die durch Auftragsarbeiten nur mühsam gemildert werden konnten.

Rainer Maria Rilke ist ein poetischer Botschafter Gottes, nicht nur ein Liebender der Natur, sondern auch Großstadtbewohner, Gesellschafter adliger Damen und Geistesgrößen. Seine gesamte Dichtung ist von tiefer Religiosität geprägt. Die erste Pariser Zeit war für Rilke schwierig, zugleich aber brachte die Begegnung mit der Moderne zahlreiche Anregungen: Rilke setzte sich intensiv zunächst mit den Plastiken Auguste Rodins, dann mit dem Werk des Malers Paul Cezanne auseinander. Mehr und mehr wurde in diesen Jahren Paris zum Hauptwohnsitz des Dichters. Von 1905 bis 1906 wird Rilke als Sekretär bei Auguste Rodin angestellt, der ihm gleichzeitig eine idealisierte Vaterfigur ist. Das Dienstverhältnis beendete Rodin im Mai 1906 abrupt, kurz nachdem Rilkes leiblicher Vater gestorben war.

Es begann für Rilke eine tiefe Schaffenskrise, die erst im Februar 1922 mit dem Abschluss der bereits 1912 begonnenen Duineser Elegien endete. Dieser Gedichtzyklus verdankt seinen Namen dem Aufenthalt Rilkes auf dem Schloss Duino der Gräfin Marie von Thurn und Taxis bei Triest in der Zeit von Oktober 1911 bis Mai 1912. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs überraschte Rilke während eines Deutschlandaufenthaltes. Nach Paris konnte er nicht mehr zurückkehren; sein dort zurückgelassener Besitz wurde beschlagnahmt und versteigert. Den größten Teil der Kriegszeit verbrachte Rilke in München. Von 1914 bis 1916 hatte er eine stürmische Affäre mit der Malerin Lou Albert-Lasard. Anfang 1916 wurde Rilke eingezogen und musste in Wien eine militärische Grundausbildung absolvieren. Durch Fürsprache einflussreicher Freunde wurde er zur Arbeit ins Kriegsarchiv überstellt und am 9. Juni 1916 aus dem Militärdienst entlassen. Die Zeit danach verbrachte er wieder in München. Das traumatische Erlebnis des Kriegsdienstes – als Erneuerung der in der Militärschulzeit erfahrenen Schrecken – ließ ihn als Dichter nahezu völlig verstummen.

Erst im Sommer 1921 fand er im Schlossturm von Muzot in der Nähe von Sierre im Kanton Wallis eine endgültige Wohnstätte. In einer intensiven Schaffenszeit vollendete Rilke hier innerhalb weniger Wochen im Februar 1922 die Duineser Elegien. Seit 1923 musste Rilke mit großen gesundheitlichen Beeinträchtigungen kämpfen, die mehrere lange Sanatoriumsaufenthalte nötig machten.

Erst kurz vor Rilkes Tod wurde seine Krankheit als Leukämie diagnostiziert. Der Dichter starb am 29. Dezember 1926 im Alter von nur 51 Jahren im Sanatorium Valmont sur Territet bei Montreux und wurde am 2. Januar 1927 auf dem Bergfriedhof von Raron im Wallis westlich von Visp beigesetzt.

Die Stunde des Sterbens, die diese Einsicht einem jeden abringt, ist nur eine von unseren Stunden und keine ausnahmsweise. Unser Wesen geht immerfort in Veränderungen über und ein, die an Intensität vielleicht nicht geringer sind als das Neue, Nächste, Übernächste, das der Tod mit sich bringt. Und so wie wir einander an einer bestimmten Stelle jenes auffallenden Wechsels ganz und gar lassen müssen, so müssen wir, strenggenommen, einander jeden Augenblick aufgeben und weiterlassen und nicht zurückhalten.

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