Jenseits der Identitäts-Ideen – im Diesseits unserer Lebendigkeit

 In Buchtipp, FEATURED, Gesundheit/Psyche, Holdger Platta

Resümee aus dem Buch „Identitäts-Ideen. Zur gesellschaftlichen Vernichtung unseres Selbstbewußtseins“ von Holdger Platta

Wir leben, so hat der Soziologe ULRICH BECK konstatiert, im wachsenden Maße in einer „Risikogesellschaft“ (BECK 1986), und wir müssen uns eingestehen: diese Risiken betreffen uns in unserer persönlichen Existenz ebenso wie unsere kollektiven Existenzmöglichkeiten auf dem Planeten Erde insgesamt. Egal, ob wir von drohender Arbeitslosigkeit sprechen oder vom ökologischen Kollaps: die Menschen spüren zu Recht, daß ihr Leben oder Überleben nicht leichter geworden ist. (Holdger Platta)

Einher geht dieser Prozeß der wachsenden Gefährdung aber zugleich mit einem zweiten bedeutsamen Prozeß – mit dem, was ULRICH BECK den „Individualisierungsschub“ genannt hat (BECK 1983). Dieser Begriff meint allerdings keineswegs nur, daß die Menschen immer besser ihre ganz eigene Individualität entfalten und verwirklichen können. Im Gegenteil: gemeint ist damit auch ein sozialer Atomisierungsprozeß, der die Menschen immer stärker in die Vereinzelung und Entsolidarisierung treibt, in einen Konkurrenzdruck hinein, der Selbstverwirklichung eher behindert statt zu fördern vermag. Immer mehr scheint der Mensch ganz auf sich selber als isoliertes Einzelwesen angewiesen zu sein, immer stärker glaubt er, das Heil einzig und allein bei sich selber suchen zu müssen – im Kampf gegen andere. Es hat damit ein psychischer „Run“ eingesetzt auf narzißtisch-egozentrische Identitäts-Ideen, auf eine defensiv-aggressive Vorstellung von Ich-Identität, die Festung und Paradies in einem sein soll. Sicherheit und Glück sucht man dieser Risikogesellschaft immer ausgeprägter und ausschließlicher bei seinem eigenen abgeschotteten Ich. Freilich: bei äußerer Angepaßtheit und bei deutlich spürbarem Argwohn gegenüber der Außenwelt, bei gleichzeitigem Rückzug von den realen Problemen der Welt und bei dem Versuch der innerpsychischen Abschirmung vor ihnen. Die Mega-Fantasien der Identitäts-Ideen haben direkt mit dieser bedrohlichen Wehrlosigkeitserfahrung in der Realität selber zu tun. In Wahrheit aber fühlen sich die meisten Menschen in dieser Paradies- und Festungswelt mit ihrer sorgsam nach außen hin abgedichteten Ich-Identität keineswegs sicher. Untergründig spüren die Menschen trotz aller psychischen Panzerung die tatsächliche äußere und innere Krisensituation. Unruhe und Unsicherheit lassen sich nicht wirklich tilgen, Angst und Gefühle der Selbstentfremdung nicht völlig verdrängen, man spürt immer wieder, daß der Eindruck von der eigenen Ganzheit und Echtheit und Wichtigkeit nichts anderes sein könnte als Täuschung oder Selbstbetrug. Kurz: der Superbegriff der Identität verweist in der Realität auf das genaue Gegenteil zurück. Und das überwertige Identitätsbedürfnis stellt nur eine positive Spiegelung dieser negativen Wirklichkeit dar – mit der fatalen Gefahr der normativen Selbstüberforderung für die Menschen und mit der Gefahr, den hier analysierten Identitäts-Ideen mit ihren verlockenden Glücksversprechungen auf den Leim zu gehen. Deshalb auch seien noch einmal abschließend die sechs Hauptirrtümer genannt, die mit dieser hypertrophen Identitätsvorstellung und mit diesen Identitäts-Ideen in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen:

Irrtum eins: Identität hätte nur mit dem einzelnen Menschen zu tun (Identität gleichsam ein ausschließlich narzißtisches Projekt). Richtig anstelle dieser Selbstüberforderung ist: Identität realisiert sich stets nur in der Verbundenheit mit anderen Menschen. Autonomie ist nicht zu verwechseln mit Autarkie.

Irrtum zwei: Identität hätte nur mit der Psyche zu tun. Richtig ist: Identität schließt auch das Handeln und Leben der Menschen mit ein, sie ist stets auch lebendiger Austausch mit der äußeren Wirklichkeit und angewiesen auf Unterstützung, die von außen kommt. Identität als ausschließlich selbstproduzierte Festung ist eine Wunschfantasie, mehr nicht.

Irrtum drei: Identität meinte nur die höchstpersönliche private Existenz. Richtig ist: Identität bedarf zu ihrer realen Absicherung auch der beruflichen Selbstverwirklichungsmöglichkeit. Identität ist kein Konsum- und Freizeitbegriff. Ein solches Verständnis käme einer Halbierung des Identitätsbegriffes gleich.

Irrtum vier: Identität wäre Realisierung eines präexistierenden seelischen Bauplans im Innern des Menschen. Richtig ist, daß Identität immer auch Entwicklung und Wandlung bedeutet und entsprechender Freiheiten und Möglichkeiten bedarf – im eigenen Innern wie draußen in der sozialen Welt.

Irrtum fünf: Identität wäre so etwas wie die totale Selbstkongruenz von Anlagen/Bedürfnissen/Fähigkeiten/Lebenspraxis. Richtig ist: Identität stellt einen produktiven und lebendig-spannungsvollen Prozeß zur Selbstrealisierung dar, der Widersprüche und Scheitern nicht ausschließt.

Irrtum sechs: Identität meinte eigentlich nur Verwirklichung aller idealen Anteile der eigenen Persönlichkeit. Richtig ist: echte Identität erkennt gerade auch die nichtidealen Anteile der eigenen Persönlichkeit als eigene Anteile der Identität an.

Die Identitäts-Ideen hingegen – wir sahen es – sind geeignet, diese lebendige Identität, die sich nach humanem Maßstab in Verbundenheit mit anderen Menschen realistisch zu verwirklichen versucht, außer Kraft zu setzen. Denn:

  • Identitäts-Ideen stellen stets Idealvorstellungen dar.
  • Identitäts-Ideen zielen stets auf den ganzen Menschen.
  • Identitäts-Ideen sind also Ideale, die aufs Ganze gehen. Und:
  • Sie sind „Ideale“, die uns zumeist als „Überich-Befehle“ von außen entgegentreten. Das heißt: diesen Identitäts-Ideen gegenüber erweist sich eigentlich noch jeder reale, lebendige Mensch als minderwertig und insuffizient. Und nur durch totale Identifizierung mit ihnen kann man – scheinbar – diesem Urteil (und dieser Selbstverurteilung) entgehen.

Wir haben gesehen: Identitäts-Ideen formulieren ausnahmslos Größenideale und Allmachtsfantasien, verbunden mit der Erreichbarkeitssuggestion. In Wahrheit aber stellen sie Programme zur Selbstverdrängung  dar, zur Selbstverarmung und – potentiell – sogar zur psychischen Selbstvernichtung. Wenn die Suggestion der Macher von Identitäts-Ideen zur Illusion der Adressaten von Identitäts-Ideen wird, dann bezahlen dies die Adressaten mit einem hohen Preis. Sie geben zugunsten der Identitäts-Ideen eigentlich das Eigene auf, das eigene Ich, die wirkliche eigene Identität. Sie müssen in sich verdrängen, was den Idealen der Identitäts-Ideen nicht entspricht, sie müssen projektiv bei anderen bekämpfen, was sie bei sich selber nicht anerkennen können. Nicht Identität ist das Resultat der totalen Identifizierung mit den totalen Identitäts-Ideen, sondern Nicht-Identität.

Doch ich denke, wir haben auch gesehen, was gegen diesen Irrweg in die Selbstentfremdung hilft: Introspektion und das Auffinden der Nähe zu dem, was einem fremd erscheint (es könnte Ausdruck eigener projektiv-abgespaltener Anteile sein); Wachsamkeit gegenüber der Anbietern von Identitäts-Ideen und gegenüber der eigenen Verführbarkeit durch sie; vor allem aber: Wiederentdeckung des Umstandes, daß „Selbstfindung und Mitmenschlichkeit“ untrennbar zusammengehören – so der Gießener Psychoanalytiker HORST-EBERHARD RICHTER in seinem Buch „Die Chance des Gewissens“ (RICHTER 1986). Es kommt darauf an, daß wir aus dem Jenseits der Identitäts-Ideen, diesen Wolkenkuckucksheimen, zurückzufinden vermögen zum Diesseits unserer tatsächlichen Lebendigkeit – in der Verbindung mit den anderen Menschen.

Alle Identitätsbedürfnisse streben einen idealen Zustand an – und noch jede Identitäts-Idee formuliert solche Ideale und suggeriert deren Erreichbarkeit. Entscheidend ist, uns selber darüber nicht zu vergessen mit unserer Begrenztheit und Endlichkeit, und auch den Mitmenschen nicht mit dessen Endlichkeit und Grenzen. Deshalb scheint mir auch so wichtig zu sein, daß wir im lebendigen Austausch mit anderen Menschen an der Humanisierung unserer Lebensverhältnisse zu arbeiten versuchen und an einer Humanisierung dieser Ideale – was nicht zuletzt heißt: an deren Mäßigung und Entidealisierung.

Noch jeder Mensch will ein ganzer Mensch sein, in der Realisierung dieses Wunsches sucht er seine Stärke und Kraft. Doch keiner sollte darüber, so meine ich, in seinem Umgang mit sicher selber und den anderen vergessen: nur wo man schwach sein darf, ist man auch ganz.

Literatur:

Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main 1986

Beck, Ulrich: Jenseits von Stand und Klasse? In: Kreckel, R. (HG.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt. Sonderband 2. Göttingen 1983

Platta, Holdger: Identitäts-Ideen. Zur gesellschaftlichen Vernichtung unseres Selbstbewußtseins. Gießen 1998

Richter, Horst-Eberhard: Die Chance des Gewissens. Hamburg 1986

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