Minister in aller Munde

 in FEATURED, Gesundheit/Psyche, Kurzgeschichte/Satire, Politik

Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, empfiehlt Gesundheitsminister Lauterbach, mit Mundspülungen statt Speiseöl zu kochen. Nach seinem gut gemeinten Ratschlag im April 2020, Masken der Marke Eigenbau aus Staubsaugerbeuteln zu basteln (1), ebenso wie seiner Empfehlung ein Jahr darauf, einer COVID-Erkrankung mit Asthmaspray vorzubeugen (1), wartet Karl Lauterbach — mittlerweile Gesundheitsminister — erneut mit praktischen Haushaltstipps auf. Auf der Bundeszitronenpressekonferenz am vergangenen Freitag empfahl er, zukünftig Mundwasser statt Speiseöl zum Anbraten zu nutzen. Dies erhöhe die Schutzwirkung gegen SARS-CoV-2 und sei zugleich ein „Vergeltungsschlag gegen Putin“, der im April dieses Jahres den Export von Sonnenblumenöl eingestellt hatte (2). Zudem mahnte Lauterbach, es gebe keine Garantie dafür, dass alle Deutschen von Oktober bis Ostern Masken tragen würden, selbst wenn die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes, welche dies vorsieht (3), verabschiedet wird. Alltagsmundspülungen seien demnach eine kostengünstige Präventionsmaßnahme. Lauterbach appellierte erneut an die gesellschaftliche Solidarität gegen Ungeimpfte und Leugner gesundheitsfördernder Maßnahmen. Aaron Richter

 

Laut einer Umfrage des Berliner Instituts Regierungskonforme Almanforschung (RAF) braten rund 50 Prozent der zwei befragten Teilnehmer ihre Steaks mit Sonnenblumenöl an. „Wir beobachten diese Entwicklung mit Sorge“, kommentierte Gesundheitsminister Karl Lauterbach die Forschungsergebnisse des Instituts und fügte hinzu: „Derlei fragwürdige Essgewohnheiten lassen auf einen hohen Prozentsatz an Putinverstehern in der Bevölkerung schließen.“ Der Bundesregierung lägen belastbare Informationen vor, dass der Einsatz von Sonnenblumenöl eine spezifische Eigenart der russischen Küche sei. Vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges sei es „moralisch fragwürdig“, dieses ausländische Brauchtum auch hierzulande nachzuahmen, so Lauterbach.

Dass an der Umfrage des RAF nur zwei Probanden teilnahmen, stellt für den Gesundheitsminister indes kein Problem dar, erfüllt sie doch exakt die Lauterbachschen Qualitätsstandards hinsichtlich der Mindestanzahl an Probanden in wissenschaftlichen Studien (4).

Überdies sei es „gesund und kostengünstig“, die eigenen Leibgerichte erst einmal in Mundspülungen zu schwenken. Bei einer durchschnittlichen Preissteigerung von 38,7 Prozent bei Speiseölen und Speisefetten (5) müsse man langsam anfangen, über wirtschaftlichere Alternativen nachzudenken. Austeritätsministerin Annalena Baerbock pflichtete ihrem Koalitionskollegen offiziell — also auf Twitter — bei:

„Die allgegenwärtige Verfügbarkeit von basalen Lebensmitteln ist Teil eines typisch deutschen Anspruchsdenkens, das wir dringend überwinden müssen. #Entspaßifizierung #MundwasserLiebe“

Um den erwartbar steigenden Bedarf an Mundspülungen zu decken, verhandelt die Bundesregierung derzeit über ein Subventionspaket in Höhe von 666 Millionen Euro, das in Form eines neu geschaffenen Sondervermögens direkt an die Firma hinter Listerine ausgezahlt werden soll. Bei dieser handelt es sich um den amerikanischen Megakonzern Johnson & Johnson (6), dessen Erfolgsprodukt „Covid-Impfung“ in Deutschland so gut ankam, dass die STIKO sie mit dem Prädikat „ungenügender Impfschutz“ auszeichnete (7).

Dieses Mal seien aber keine nachträglichen Warnungen aus Wirtschaft oder Wissenschaft zu erwarten. Anders geschehen bei Lauterbachs Empfehlung zur Zweckentfremdung von Staubsaugerfiltern vor rund zwei Jahren: Damals riet der Hersteller Swirl dringend davon ab, seine industriell gefertigten Filter zurechtzuschneiden und über Mund und Nase zu stülpen (1). Dabei könnten Giftstoffe freigesetzt und die Atemwege geschädigt werden. Der Gesundheitsminister in spe hielt dagegen, dass ja nicht alle handelsüblichen Filter solche Stoffe beinhalten würden. Und sein gesundheitsschädlicher Rat sei ja lediglich ein Vorschlag gewesen, „was man in der Not machen könnte“ (1). „Probieren geht über studieren“, fügte er hinzu.

Kritik von rechts

Damit sich Deutschland nachhaltig von russischem Speiseöl unabhängig machen könne, hält Lauterbach auch eine Mundwasserpflicht ab Oktober für denkbar. Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery, der dem Herbst mit Schaudern und Wut entgegensieht, warnte in diesem Zusammenhang bereits vor einer „Tyrannei der Speiseölverzehrer“.

Auch Innenministerin Fancy Naeser zeigte sich besorgt, dass gegen eine angedachte Mundwasserpflicht im Herbst womöglich jene Menschen auf die Straße gehen, die „schon in der Coronazeit ihre Verachtung gegen die Demokratie herausgebrüllt haben und dabei oftmals Seite an Seite mit Rechtsextremisten unterwegs waren“ (8). Das könnten unter Umständen dieselben Leute sein, die „Öl fressen wie die Russen“. Der beste Schritt „hin zur Versorgungssicherheit“ sei die staatliche Unterstützung großer Mundwasserhersteller.

Auch Gesundheitsminister Lauterbach verteidigte das Subventionspaket gegen hartnäckige Kritiker. Auf Twitter betonte er mit Nachdruck, ihm sei von Experten mehrfach versichert worden, dass das Kochen mit Listerine medizinisch völlig unbedenklich sei. Er selbst exe seit Jahren regelmäßig mindestens ein Shotglas davon vorm Zubettgehen — dies sei auch das Geheimnis hinter seinen strahlenden Zähnen. Skeptiker dieser Praxis nannte er „Spülungsleugner“, die Verschwörungserzählungen verbreiten würden.

Außerdem war die Höhe des Listerine-Sondervermögens kritisiert worden, wenngleich es mit 666 Millionen Euro deutlicher geringer ausfallen würde als die kürzlich verabschiedeten 100.000 Millionen Euro Bundeswehrbezuschussung (9). Berichten zufolge ist bereits rund die Hälfte dieses Kontingents für die Restaurierung der Galionsfigur am Bug der Gorch Fock eingeplant.

Bei einer Weinverkostung im Kanzleramt am vergangenen Samstag wurde Lauterbach auf die Schulden angesprochen, welche die Bundesregierung derzeit anhäuft. Er verwies darauf, dass solche Fragen eigentlich dem Ressort seines Kollegen Habeck zu stellen seien, konnte sich aber eine Entwarnung nicht verkneifen:

„Wer behauptet, dass wir mit den Sondervermögen die nachfolgenden Generationen hoffnungslos verschulden würden, dem sage ich: Die kriegen doch sowieso keine Rente!“

Die Anschlussfrage, ob der leicht lallende Tonfall des Gesundheitsministers dem fortgeschrittenen Alkoholkonsum an jenem Abend zuzuschreiben war oder eher einem generellen kognitiven Niedergang, wollte ein persönlicher Sprecher Lauterbachs nicht kommentieren, während dieser schon unter dem Tisch lag.

Das Corona-ABC

„Wir kochen mit Listerine“ ist nicht die einzige Devise, die derzeit von der Bundesregierung ausgegeben wird. Unverändert setzt man hier auf Masken, Masken, Masken: Eine geplante Neufassung des Infektionsschutzgesetzes sieht vor, dass von Oktober bis Ostern in allen Innenräumen der Mund „geschützt“ werden muss (3). Ob dies auch ein öffentliches Redeverbot im Winter miteinschließt, um die potentiell rissigen Lippen der Bevölkerung zu schonen, wird noch diskutiert.

Abgekürzt wird diese neue Regelung mit dem eigentlich vom Reifenwechsel bekannten Merksatz: „O bis O“. Kanzler Olaf Scholz sprach sich allerdings dagegen aus, diese Formel auch auf andere Lebensbereiche zu übertragen, um zukünftig nicht als „Olaf Scho“ zitiert zu werden. Dennoch sei er stolz auf die griffige Sprache seines Kabinetts:

„Wie auch bei der AHA-Regel ist die Formulierung ‚O bis O‘ besonders kindgerecht gelungen. Sie steht damit sinnbildlich für unser Verständnis der Bürgerrolle im Staat.“

Die neue Maskenpflicht habe außerdem den Vorteil, inzidenzunabhängig zu sein und überhaupt an keinerlei überprüfbare Parameter geknüpft werden zu müssen (3). Man habe sich dabei an einer zentralen Forderung von Fridays for Future orientiert: „Trust the science!“

Nur dass in diesem Fall nicht auf die „science“ vertraut werden soll, sondern schlicht auf die Behauptung, dass die Regierung sich danach richten werde, allerdings ohne die entsprechenden Daten offenzulegen. Offenbar sind die Daten der Regierung derart wissenschaftlich, dass sie niemand zu wissen braucht. Politik grundsätzlich transparent und anhand von messbaren Kriterien zu gestalten, sei außerdem „altmodisch“ und längst nicht mehr Teil der Neuen Normalität, so Scholz.

Ausnahmen von dieser allgemeinen und evidenzunabhängigen Maskenpflicht sollen nur noch für frisch Geimpfte, Genesene und Getestete gelten. Und als „frisch geimpft“ gilt ab Oktober nur noch, wer sich alle drei Monate die Spritze geben lässt.

Kritik hagelte es natürlich sofort vonseiten der Länder. Diese Ausnahmen überprüfen zu müssen, sei nicht zumutbar, hieß es. Statt die Maskenpflicht also einfach abzuschaffen wie in zahlreichen anderen Ländern, wäre es wohl besser, wenn die Maskenpflicht einfach unterschiedslos für alle gelten würde, immer, ohne Ausnahme.

Diese Kritik zeigte Wirkung: Eine neue Vorlage des Kabinetts sieht nunmehr das Recht der Länder vor, auch Geimpften und Genesenen ab Oktober die Maske aufzuzwingen, ohne irgendeine medizinische Notwendigkeit begründen zu müssen. Das berichten Zeit, Spiegel und RND in beschönigender Sprache (10). Nur kürzlich Getestete dürften auf eine Ausnahme von der Maskenpflicht bestehen.

Da bleibt also nur eine Frage offen: Ist das noch Satire?


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.bild.de/ratgeber/2021/ratgeber/die-10-groessten-corona-irrtuemer-von-viren-experte-lauterbach-76578602.bild.html

(2) https://www.agrarheute.com/markt/marktfruechte/russland-verbietet-export-sonnenblumen-raps-592111

(3) https://www.morgenpost.de/vermischtes/article236060703/corona-regeln-herbst-maskenpflicht-lauterbach-buschmann-massnahmen.html

(4) https://www.bz-berlin.de/deutschland/lauterbach-warnt-vor-long-covid-wegen-zwei-personen-studie

(5) https://www.manager-magazin.de/politik/deutschland/inflation-bei-7-9-prozent-grundnahrungsmittel-erreichen-neue-rekordwerte-a-1f188f96-b63c-438f-906e-b612c54d9687

(6) Nachzulesen unter anderem im Impressum des Listerine-Onlineauftritts: https://www.listerine.de/

(7) https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/127987/Corona-Nachimpfung-bei-Johnson-Johnson-angeraten

(8) https://www.welt.de/politik/deutschland/article239977935/Nancy-Faeser-warnt-vor-radikalen-Protesten-wegen-hoher-Energiepreise.html

(9) https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/sondervermoegen-bundeswehr-2047518

(10) https://www.zeit.de/gesundheit/2022-08/corona-regeln-infektionsschutzgesetz-kabinett-bundeslaender-maskenpflicht

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/coronapandemie-ampel-geht-bei-neuen-coronaregeln-auf-bedenken-der-laender-ein-a-b19ab1f8-8421-497f-a3f6-fc7dbbd50e1d

https://www.rnd.de/politik/infektionsschutzgesetz-ausnahme-von-maskenpflicht-bei-zeitnaher-impfung-nicht-mehr-zwingend-DMGBWDCVQFF5HIIWRFZTOAQ7X4.html

Showing 3 comments
  • Freiherr
    Antworten
    Nein ! – leider keine Satire, das ist Arschloch-Realitätswahnsinn auf Regierungsebenenniveau.

    Leider leider ist das geistige Niveau von 80% der Bürger auch nicht besser – weltweit einmalig auch deren Feigheit.

     

  • Volker
    Antworten
    Kann man auf „Rubikon“ ebenfalls lesen.
    Doppelt gemoppelt hält besser.
    Gell.

    Kleine Frage: Ist HdS nun ein Rubikon-Klon? Ich meine ja nur mal so, weil Chefredakteur HdS sich auch schon klonte, für Rubikon, quasi als doppelt gemoppelter Chef – Original im Allgäu, Klon in Mainz.

    Klar, zwei Chefs möchten Kohle verdienen und keine blöden Kommentare von sonderbaren Leser*innen auf HdS a) lesen und b) auch noch frei schalten müssen.
    Gut. Geschaltet wird schon, einmal in der Woche – weia, lästige Kommentare – die man auch noch lesen muss, aber keinen Freischalter findet, der sich über einen Zuverdienst freuen würde, neben seinem 1 Euro-Job als Bürger.

    Könnte schon, habe allerdings keine Zeit, und als Bedarfsgemeinschaft klonen möchte ich mich schon gar nicht.

    KI wäre eine ideale Lösung, oder auch nicht. Ein smarter Roboter, der im Allgäu die Stellung hält, alle Kommentarschreiber*innen beglückt, während in Mainz das große Ding läuft. Bankfurt grüßt Goldgrube.
    Fragezeichen.

    Bei Rubikon gibt es mehr Redakteure als Pfanddosen in BC.
    Nee…so kann ich das nun nicht bringen …

    Mit der Bitte um Freischaltung meines Kommentares an meinem Geburtstag im Jahre 2032.

    ++ glucks ++

     

  • altermann55
    Antworten
    Wenn den _Schwurblern 2 o.3 Masken aufgedrückt werden, sind sie nicht mehr zu hören.

    DrDr. Lauterbach hat sich wohl sein Leben lang der Volksgesundheit verschrieben, vorsichtiger wie Er, kann man gar nicht sein. Er behandelt uns wie seine Kinder.

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