Mitgefühl als Medizin für die Weltwirtschaft

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Autorin Monika Herz

Auch Leserinnen und Leser von „Hinter den Schlagzeilen“ kennen sicher das Gefühl: Irgendwann ist es genug mit den negativen, belastenden Nachrichten und man schaltet einfach ab. Das Mitfühlen mit all den Not leidenden Griechen, Hartz-IV-Betroffenen, Flüchtlingen und Kriegsopfern, zu dem uns wohlmeinende Journalisten, „zwingen“, laugt aus – und gerade sehr engagierte Menschen sind vom Aktivisten-Burnout betroffen. Paradoxerweise könnte es also dazu kommen, dass gerade die zum Mitgefühl fähigen Menschen „abschalten“, dass sich die besonders Zugewandten abwenden. Was können wir tun, um für Leidende wirklich hilfreich zu sein, ohne selbst zu leiden? Wie können wir Glück verbreiten, anstatt dass sich Unglück auch noch auf uns überträgt? Monika Herz hat sich angeschaut, wie buddistische Mönche die Fähigkeit zum Mitgefühl in sich kultivieren. Mit Weltflucht hat deren Form der Meditation nichts zu tun; ihre Qualitäten könnten vielmehr, wenn sie von immer mehr Menschen erlernt werden, helfen, eine bessere Welt zu schaffen.

Ich habe kürzlich von einer Studie gelesen, bei der mittels moderner Bildgebungsverfahren getestet wurde, welche Bereiche in unserem Gehirn aktiv werden, wenn wir zum Beispiel mit dem kläglichen Weinen kleiner Kinder konfrontiert sind. Die Probanden, Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten und jeden Alters, hörten die wimmernden Laute, und es schaltete sich der Bereich im Gehirn ein, der normalerweise aktiv ist, wenn wir selber Schmerzen haben. Die sogenannten Spiegelneuronen spielen hier eine Rolle. Für mich ist das Ergebnis auch ein wissenschaftlicher Beweis für die wahre Bedeutung des Wortes „Mit-Leid“. Allerdings ist damit auch mit beinharten, naturwissenschaftlichen Methoden nachgewiesen, dass die Idee vom rein egoistischen, nur am eigenen Vorteil interessierten Menschen eine Fehl-Annahme ist. Menschen fühlen mit anderen Wesen so weit mit, dass sie sogar den Schmerz selbst spüren! Mitleid ist jedoch bekanntlich nicht Mitgefühl. Wenn wir selber Schmerzen empfinden, wenn jemand anderes leidet, dann vermehrt das nur das Leiden, und es ist erstmal niemandem gedient. Aus dem Gefühl des Mitleids kann jedoch der Impuls wachsen, helfen zu wollen.

Die Versuchsleiterin Tania Singer, Direktorin am Max-Planck-Institut Leipzig, interessierte sich auch dafür, in welcher Weise das Gehirn tibetischer Mönche und Nonnen reagiert, wenn sie mit dem Leid von Menschen konfrontiert sind. Im tibetischen Buddhismus wird der Kultivierung von Mitgefühl der höchste Stellenwert eingeräumt und die Meditationspraxis der Erweckung von Mitgefühl gehört zum täglichen Brot der Ordensleute. Durch diese Meditation entsteht die Fähigkeit, sich anderen Wesen wohlwollend, freundlich und gütig zuzuwenden, ohne sich anstecken zu lassen vom Elend. Der Dalai Lama gilt wohl auch deswegen als die beliebteste Person der ganzen Menschheit, weil er diese Geisteshaltung mit seinem ganzen Leben zum Ausdruck bringt. Tania Singer bat also darum, die Gehirnaktivität einiger Langzeitmeditierender im Magnetresonanztomographen untersuchen zu dürfen. Fasziniert stellte sie fest, dass bei ihnen ganz andere Gehirnareale angesprochen werden, nämlich solche, die normalerweise bei Belohnungen aktiv werden, wenn Trost gespendet wird oder wenn wir uns auf ein Stück Schokolade freuen. Die Mönche und Nonnen konnten sogar bewusst das Ausmaß dieser Gehrinaktivität steuern. Wahres Mitgefühl erzeugt also nicht Schmerz in uns, sondern eine besondere Art von Wohlbefinden!

Aufgrund der Motivation des Helfenwollens wird eine Krankenschwester freundlich und professionell ihre Arbeit tun, wenn wir krank sind, und ein Handwerker wird kommen und unsere kaputte Heizung reparieren, damit wir nicht frieren. Damit aber eine dauerhafte Freude an helfender Arbeit entstehen kann – ohne „Burnout“ und Depressionen –, könnte es hilfreich sein, durch die Meditation des Mitgefühls unsere Einstellung, bzw. unsere Gehirnreaktion so zu verändern, dass wir uns dabei langfristig wohl fühlen. Oft ist es ja so, dass wir allein schon durch die täglichen Nachrichten dermaßen mit der elenden Situation erbarmungswürdiger Menschen oder Tiere überflutet werden, dass wir einfach abschalten. Das Leid in der Welt ist einfach zu groß! Wir ignorieren das Elend, weil wir den eigenen Schmerz nicht ertragen – und dieser ist ja auch tatsächlich kein Beitrag zur Hilfeleistung. Es macht also Sinn, durch die Kultivierung von echtem Mitgefühl besser dazu imstande zu sein, hilfreich in der Welt tätig zu sein. Im Grunde kann jede Tätigkeit oder Situation den Teil in unserem Gehirn, der für unsere Fähigkeit zum Mitgefühl zuständig ist, wachsen lassen. Sogar beim Fernsehen könnten wir uns darin üben, Mitgefühl zu aktivieren. Es ist eine Frage des Bewusstseins, der aktiven geistigen Anstrengung. Eine Gesellschaft, in der das Mitgefühl gefördert wird, kann nach und nach alle sozialen Missstände beseitigen und wird nicht dulden, dass die einen immer reicher werden, während die anderen niemals aus dem Sumpf der Armut herauskommen. Unsere Energien beeinflussen die Wirklichkeit, auch wenn wir die Resultate nicht sofort sehen können.

Ein Mensch, der anstelle von Mitgefühl das Mitleid spürt, also eigenen Schmerz empfindet, wenn andere Wesen unglücklich sind und leiden, wird sich womöglich mit der Zeit abwenden, wird nicht mehr hinschauen wollen und können, wird das Leid ignorieren und zusehen, dass es wenigstens ihm selbst und seinen nahen Angehörigen gut geht. Ein Mensch, der den höheren Bewusstseinszustand des Mitgefühls in seinem Geist entfachen kann, wird dagegen nicht nur unter seinem eigenen Leiden weniger oder gar nicht mehr leiden, er wird auch zu einem Funken der Hoffnung für die ganze Menschheit. Ein Mitgefühls-Mensch kann freudig zum Wohle des Ganzen arbeiten, ohne auszubrennen!

Wie also können wir Mitleid, und damit den eigenen Schmerz umwandeln in echtes Mitgefühl? Wie entsteht Mitgefühl? Die Umwandlung geschieht durch Bewusstseinsarbeit. Zum Beispiel: Jetzt gerade tut sie mir wieder höllisch weh, die Erinnerung an dieses völlig durchnässte, vor Kälte bibbernde syrische Mädchen – bitterlich weinend im strömenden Regen an einem Stacheldrahtzaun an der ungarischen Grenze. Ich fühle ihren Schmerz, ich fühle ihr Nervenkostüm kollabieren. Es tut mir weh, wenn ich mich daran erinnere. Anstatt aber selber zu verkrampfen, zu verdrängen und zu ignorieren, kann ich das Bild dieses Mädchens in meinen Geist einladen. In meinem Geist nehme ich sie in die Arme, reibe ihre durchnässte Haut trocknen und wickle sie in eine warme Decke. In meinem Geist baue ich ihr ein Haus, in dem sie sicher ist, bringe ihr Tee und eine Suppe. Ich hülle sie in meinen Gedanken in eine Wolke von Zuneigung und gebe ihr, was sie braucht. Ich spreche ein Gebet für sie und bitte die Kräfte des Himmels und der Erde, ihr zu helfen. Ich vertraue darauf, dass die Materie dem Geist folgt und dass ich damit einen kleinen Beitrag leiste. Mehr kann ich im Moment nicht tun. Natürlich kann ich auch noch einer Hilfsorganisation meines Vertrauens Geld spenden, damit nicht nur im Geist, sondern auch ganz konkret etwas passiert.

Es gibt immer mehr Bestrebungen, die Kultivierung des Mitgefühls als heilsamen geistigen Zustand in unseren Schulen, in den Universitäten, im Gesundheitswesen, ja sogar in Politik und Wirtschaft einzubetten. Tania Singer, die engagierte Professorin, forscht nicht nur zum besseren Verständnis von Empathie, Mitgefühl, Neid oder Fairness oder über die Grundlagen für Kooperation und selbstlosem Verhalten (und darüber, unter welchen Bedingungen sie zusammenbrechen). Sie arbeitet interdisziplinär und vernetzt sich auch mit dem Kieler Institut für Weltwirtschaft. Ziel der Zusammenarbeit ist letztlich, die Probleme der globalen Wirtschaft besser zu bewältigen.

Ich ertappe mich gerade bei der Vorstellung, wie führende Manager von Waffenfabriken nach einem Training in der Praxis von Mitgefühl nicht mehr wegschauen, sondern aufgrund der liebenden Güte, die sie für die Menschen in den Kriegsgebieten empfinden, aufstehen und verkünden: jetzt ist Schluss damit!

Lesetipp zur Studie:
http://www.zeitpunkt.ch/index.php?id=5&tx_ttnews[tt_news]=8329&tx_ttnews[backPid]=6&cHash=5bc6bc49f2

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