Mitmenschlichkeit und Rebellion

 in GRIECHENLAND, Holdger Platta, Politik (Ausland), Über diese Seite

Mikis Theodorakis forderte für sein Land die Würde zurück.

70. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Nicht helfen ist besser als helfen, und je schlechter wir Menschen behandeln, umso besser“ – so könnte man die Anschauung eines Gegners unserer Griechenland-Spendenaktion im Leserkreis zusammenfassen – mit der er ja nicht allein steht, die vielmehr von Teilen des „linken“ Spektrums immer wieder vertreten wird. Denn, so diese verquere Logik, wenn man Menschen immer tiefer ins Elend absinken lässt, wird sich aus Verzweiflung gewiss die große Revolution gebären, die alle politischen Verhältnisse wieder in Ordnung bringt. Wir folgen dieser Auffassung nicht. Zunächst weil ein Hungernder Brot noch dringender als Belehrungen über politische Zusammenhänge braucht; dann auch weil halb verhungerte und demoralisierte Menschen zur Revolution nicht taugen …

Schließlich auch: Würden Politiker wie Schäuble die Ausplünderung und Entrechtung der GriechInnen weiter vorantreiben, wenn sie glaubten, dass sie damit den optimalen Nährboden für eine Revolution bereiten? Vorerst wird der organisierte Wahnsinn innerhalb der EU weitergehen. Setzen wir weiter Zeichen der Hoffnung! Diese Aktion allein verändert nicht die Welt, aber die Lebenswelten zumindest einiger besonders schlimm betroffener Menschen. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

zugegeben: etwas pessimistisch waren wir OrganisatorInnen schon, als wir vor einer Woche den neuesten Spendeneingang mitzuteilen hatten. Lediglich 85,- Euro waren auf unserem Hilfskonto gelandet, überwiesen von 4 UnterstützerInnen. Und vielleicht erinnert Ihr Euch daran: selbst Sonderaktionen von Bettina Beckröge und mir hatten diesen Rückgang nicht verhindern können, nicht einmal der bewegende Hilfsbericht von Tassos Chatzatoglou, unserem „Außenhelfer“ in Griechenland, aus der Woche davor. Aber: heute sieht das schon wieder etwas anders aus. Und ich denke, nicht nur ich werde darüber erleichtert sein. Mehr als dreimal so viel ging während der letzten Woche auf unserem Spendenkonto ein, trotz der Tatsache, das es nur einen Spender/eine Spenderin mehr gab als in der Woche davor, nämlich 5. Kurz also: für die letzten sieben Tage konnten wir wieder einen Anstieg bei den Hilfsgeldern verzeichnen, nämlich 330,- Euro, und wir alle atmeten, etwas erleichtert, auf. Was ich, natürlich, auch mit einem herzlichen Dank verbinde an die UnterstützerInnen. Und dieses selbstverständlich auch im Namen aller anderen aus unserem HelferInnenteam. Ihr werdet sehen, wie erforderlich Fortsetzung unserer Hilfsaktion ist. Gerade auch vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Ereignisse. Freilich: ein paar andere Bemerkungen noch vorweg (weil’s darüber mächtig viel Diskussion während der letzten Woche auf HdS gab):

Nein, liebe HdS-Leserinnen und HdS-Leser, wir schreiben uns kein „Gutmenschentum“ zu (was immer das sein mag; und was immer am Gegenteil des „Gutmenschentums“ gut wäre). Uns leitet nicht abstrakte Moral, sondern Mitempfinden für Menschen, denen es schlecht geht. Und wir sind tatsächlich so schlicht gestrickt, dass wir uns wohler fühlen in einer Welt, in der es möglichst auch allen anderen Menschen möglichst gut geht.

Nein, liebe HdS-Leserinnen und HdS-Leser, wir geben uns nicht der Selbsttäuschung hin, mit unserer Klein-Aktion die großen Probleme in Griechenland beseitigen zu können! Wir wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten alles tun, was wenigstens einigen Menschen in Griechenland konkret zu helfen vermag. Größenwahn ist unsere Sache nicht!

Nein, liebe HdS-Leserinnen und HdS-Leser, wir lassen nicht Menschen in Griechenland über die Klinge springen, lediglich deshalb, weil solche Hilfsaktionen angeblich – ich bezweifle das, nebenbei – den Schäubles der Welt in den Kram passen könnte! Wer daraus entnehmen sollte, dass uns damit Menschenhilfe wichtiger ist als das Bedürfnis, die Schäubles der Welt durch Nichthilfe ärgern zu können – nochmal: tollkühne Vermutung das! -, hat also Recht! Wer aus dem Sowohl-Als-auch unserer Aktion – Hilfe und Protest in einem zu sein – ein Entweder-Oder machen will – entweder fightet Ihr, oder Ihr helft! –, wird unter uns also keine Anhänger finden. Wir halten, ganz im Gegenteil, dieses Splitting zwischen „Politik“ und Mitmenschlichkeit für entsetzlich! Und ich kenne auch kein historisches Beispiel, wo das mit diesem Splitting zwischen „Politik“ und Menschlichkeit auch jemals geklappt hätte (im Sinne der humanen Ziele). – Das also im Nachgang zur Diskussion während der letzten Tage hier! Und Dank allen, die unsere Position so überzeugend, so beharrlich und so konsequent vertreten haben!

Womit ich, wieder einmal (und wahrlich, wahrlich nicht zum erstenmal!), bei den politischen Dimensionen der Griechenland-Probleme bin: bei dem, was am Montag dieser Woche, also am 22. Mai, erneut in Brüssel geschah (dürftig, sehr dürftig, insgesamt die bundesdeutsche Berichterstattung darüber!):

Die Euro-Vertreter – an der Spitze Schäuble und hinter ihm Merkel – haben am Wochenanfang abgelehnt, Griechenland den Kredit zuzuerkennen, in der Höhe von 7,5 Milliarden Euro, den Griechenland benötigen wird, um im Juli Altschulden zurückzahlen zu können an die sogenannte „Geber“-Seite. Griechenland droht also weiterhin der Staatsbankrott, die totale Zahlungsunfähigkeit, obwohl Griechenland in der Vorwoche, am Donnerstag, den 18. Mai, allen Forderungen der Euro-Seite im Parlament zugestimmt hatte. Nämlich:

  • weiterer Absenkung der Renten,
  • weiteren Steuererhöhungen,
  • weiterer Absenkung der Steuerfreibeträge,
  • weiterem Abbau von Arbeitnehmerrechten, zum Beispiel beim Kündigungsschutz,
  • weiteren Zwangsenteignungen von Staatsbetrieben zugunsten privater (fast ausschließlich: außergriechischer) Konzerne.

Obwohl das griechische Parlament damit allen Auflagen zugestimmt hatte, die ihm von Euro-Seite aus abverlangt worden sind – zum Teil unter Vertragsbruch jener Vereinbarungen, die längst zwischen Europa und Griechenland beschlossen worden waren, im Juli 2015! –, gab und gibt vor allem Schäuble nicht Ruh. Ihn interessiert die weitere Verelendung der Menschen in Griechenland offenkundig ebenso wenig, wie es offenbar uns nicht interessieren sollte, die Helfer, die zu helfen versuchen, so der erwähnte Leser aus der Vorwoche auf unserer Website! Fest an der Seite des bundesdeutschen „Christdemokraten“ aus dem Schwabenland – wann endlich verwahren sich die christlichen Kirchen gegen eine derartige Blasphemie? – der Getreue aus den Niederlanden, Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem, sowie der slowakische Finanzminister Peter Kazimir. Und fest im Blick bei Schäubles weiterem „Nein“ – so gleich mehrere Kommentatoren – die Chancen für CDU und CSU bei der kommenden Bundestagswahl, Chancen, die angeblich geschmälert würden, wenn Schäuble sein Einverständnis erklärte mit den – längst zugesagten! – Krediten für Griechenland. Was mich auf die Konflikte in der Eurokommission im Einzelnen bringt:

Schäuble will weitere Kredite an Griechenland nur auszahlen lassen, wenn sich auch der Internationale Währungsfond, der IWF, am „Hilfsprogramm“ für Griechenland beteiligt. Der IWF, mit Christine Lagarde an der Spitze, will dieses aber nur unter der Voraussetzung tun, dass Griechenland Laufzeit-Verlängerungen bei der Kreditrückzahlung und Zinssenkungen zuerkannt werden. Das aber genau will Schäuble eben nicht. Ergebnis: Nichtentscheidung am vergangenen Montag, Vertagung der Beschlüsse auf einen Termin rund um den 20. Juni herum, und in Griechenland – bitteschön, das ist halt Christenpolitik! – weiteres Zittern, weitere Angst, noch mehr Wirtschaftszerstörung und Sozialstaatsabbau und noch entschiedenere Fahrt auf den Abgrund zu.

Selbst einen Mikis Theodorakis, mittlerweile fast 92 Jahre alt, hielt es, angesichts dieser Geschehnisse, nicht mehr in seiner Zurückgezogenheit aus. Er rief inzwischen, gemeinsam mit zahlreichen anderen Künstlern aus Griechenland, mit Akademikern, Schauspielern und Schriftstellern, zum Widerstand auf. In einem Appell, der letzte Woche veröffentlicht wurde, setzt er sich „für ein Griechenland ohne Memoranden, ohne Armut, ohne Besatzung, ohne Beschützer“ ein – letzteres ist selbstverständlich bitterste Ironie, das mit den „Beschützern“ –, und Mikis Theodorakis plädiert in seinem Aufruf für ein „freies, souveränes, unabhängiges, antiimperialistisches und tatsächlich demokratisches Griechenland“! Es gälte, „Ungehorsam“ zu organisieren und „Widerstand“ – „wie in der Verfassung vorgesehen“. Ziel sei es, „die Heimat und unsere Würde zurückzugewinnen“! – Wir werden unseren bescheidenen Beitrag dazu leisten, wir werden mithelfen, dass dieses möglich wird, und Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen in Griechenland nicht schon gänzlich am Boden liegen, kurz vorm Krepieren sind, sondern stattdessen noch über jene Kräfte verfügen oder wiederverfügen, die ihnen bei allzu großem Elend abhanden zu kommen drohen! Damit ist auch – auch! – unsere Mitmenschlichkeit Voraussetzung für die erforderliche, für die notwendige, für die humane Rebellion in Griechenland und anderswo!

Wir arbeiten daran, auch weiterhin.

Damit zu meinen obligaten Schlusshinweisen:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“,  oder wer auch uns Akteure wieder mal mit Organisationsgeldern helfen will (dann bitte unter dem Stichwort „HDS“), der überweise uns bitte Spendengelder auf das folgende Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Und hier nochmal die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):

Peter Latuska
Theodor Heuss Str. 14
37075 Göttingen
Email: latuskalatuska@web.de

Mit herzlichen Grüßen
Euer Holdger Platta

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