„Nationalismus“ überwinden – bis in unsere Begriffe hinein!

 In FEATURED, Holdger Platta, Politik

Ein Diskussionsbeitrag zu einem langen Wagenknecht-Zitat in einem HdS-Kommentar. Ist Nationalismus immer schlecht? Man könnte differenzieren: „Guter“ Nationalismus befreit von der Übermacht einer Besatzungsmacht (siehe etwa die antikolonialistischen Bewegungen in der Dritten Welt); „schlechter“ Nationalismus wird selbst übergriffig und maßt sich eine grundsätzliche Überlegenheit des eigenen Volkes an. Dennoch: Tat Sahra Wagenknecht gut daran, diesen Begriff in der Ära von Orban, Höcke und Seehofer zu rehabilitieren? Wäre es nicht besser gewesen, das Gemeinte aus dem Verlangen nach Freiheit und Humanität zu begründen? (Holdger Platta)

Zweifellos: ein Begriff wie „Nationalismus“ schillert. Dasselbe gilt für das davon abgeleitete Eigenschaftswort „national“ – und schon gar für das Eigenschaftswort „nationalistisch“. Dabei zeigt ein genauerer Blick auf diese Begriffe sehr schnell: es hängt sehr stark vom historisch-gesellschaftlichen Zusammenhang ab, ob diese Begriffe eher negativ oder positiv zu verstehen sind. Und abhängig sind Definition von „Nationalismus“, „national“  und „nationalistisch“ sowie deren ethisch-psychologische Bewertung auch davon, in welchem Erdteil bzw. in welcher Weltregion dieses Begriffstriade aufzutauchen beginnt. Aber konkret:

Das renommierte Wissenschaftler-Handbuch „Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert“, herausgekommen 1971 im kaum minder renommiert zu nennenden Kölner  Kiepenheuer & Witsch-Verlag, definiert den Begriff „Nationalismus“ zunächst eindeutig negativ. Der betreffende Sachartikel beginnt mit den Worten:

Nationalismus, emotionale Bindung an die eigene Nation oder nationähnliche Gruppe bzw. Institution (Staat, Volk, Volksgruppe, Stamm oder Rasse). Auf Grund der durch ihn hervorgerufenen Konflikte, Kriege, Verfolgungen und Verbrechen wird der N. [= Nationalismus. HP] im allg. negativ bewertet; seine Überwindung zugunsten eines Internationalismus bzw. Kosmopolitismus gilt als moralisches Ziel…“ (Bd. II, S. 550f).

Im weiteren Verlauf dieses Sachbuch-Artikels aus der Feder von Eugen Lemberg, seinerzeit – 1971 – Soziologieprofessor in Frankfurt am Main, wird allerdings dargelegt, dass vor allem in der Dritten Welt und vor allem im 20. Jahrhundert „Nationalismus“ auch Bestandteil antikolonialer Bewegungen war, vor allem in Afrika. Staatswerdung, Nationenwerdung, Befreiung vom kapitalistischen Joch, das den betreffenden Kolonien zum Beispiel von Ländern wie Großbritannien und Frankreich auferlegt war, bildeten eine Einheit, bei der kein Bestandteil vom anderen zu trennen ist. Also halten wir fest:

Dort war „Nationalismus“  identisch mit einem Kampf um Freiheit und Autonomie, mit einem Kampf um Selbstbestimmung, mit einem Kampf um Befreiung von Fremdherrschaft und Ausbeutung durch – vor allem – Industriestaaten der sogenannten Ersten Welt (mit Europa an der Spitze, was Afrika betrifft; mit den USA an der Spitze, was den sogenannten amerikanischen „Subkontinent“ – Mittel- und Südamerika – betrifft), „Nationalismus“, das war in diesem Falle stets das Erkämpfen einer eigenen staatlichen Souveränität, das war antiimperialistischer Kampf, nicht aber Ausdruck eigener Überlegenheitsfantasien oder Expansionsgelüste. Kurz also:

Wer beide Erscheinungsformen von „Nationalismus“ in einen Topf wirft, wer beide Varianten von „Nationalismus“ gleichsetzt – westlichen „Nationalismus“ bis weit in den Faschismus hinein mit „Nationalismus“ der Dritten und Vierten Welt, in Afrika und anderswo, der trägt wahrlich nicht zur Klärung der Fragen bei, die in Europa  mittlerweile wieder auf der Tagesordnung stehen: was ist oder zu was wird „Nationalismus“ im wachsenden Maße wieder bei uns? Wer das betriebe, dieses Ineinssetzen oder dieses Verwechseln der beiden Erscheinungsformen von Nationalismus in Europa und, zum Beispiel, Afrika, der müßte am Ende konsequenterweise einen Mohammad Mossadegh (Persien) auf die gleiche Stufe stellen wie einen Viktor Orban in Ungarn, einen Patrice Lumumba (Kongo) gleichbewerten wie eine Marine Le Pen (Frankreich), einen Salvador Allende (Chile) gleichsetzen mit einem AfD’ler wie Björn Höcke bei uns.

Ich denke, man wird mir zustimmen können: bei diesem Verwechseln und Ineinssetzen würden alle Katzen grau!  Tendenziell setzte man sämtliche Befreiungsbewegungen der Welt gleich mit allen – zumindest potentiell – faschistischen Bewegungen der Welt. Absurd! Positiv heißt dieses jedoch:

Wer hierzulande, hier in Europa, über „Nationalismus“ spricht, der sollte das auch im bundesdeutschen oder europäischen Kontext tun. Und in diesem Kontext ist „Nationalismus“ eindeutig definiert, seit langem schon, nämlich eindeutig negativ, und zwar ganz so, wie im zitierten Sachbuch-Artikel aus dem eingangs erwähnten „Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert“ nachzulesen ist. Und ausdrücklich zuzustimmen ist insofern der Kommentatorin „Heike“ bei uns (vom 15. August 2018):

„Ein Nationalismus, der sich über andere Völker stellt, führt sicher zu nichts Gutem“.

Doch was hat es dann auf sich mit dem langen Zitat, das Kommentatorin „Heike“ dieser Feststellung folgen lässt, mit den Aussagen von Sahra Wagenknecht in ihrem Buch „Reichtum ohne Gier“ (dort auf Seite 36)? – Hier zunächst (leicht korrigiert) das relativ lange Zitat:

„Bezeichnenderweise gehören im ärmeren Teil der Welt ausschließlich solche Länder zu den Gewinnern der Globalisierung, deren Politik nach den heute üblichen Denkschemata nationalistisch genannt werden müsste, weil sie sich der Freihandelsideologie der Globalisierung eben nicht unterworfen, sondern – wie China, Südkorea, seit den Neunzigern auch Vietnam – ihre Wirtschaft geschützt, den Kapitalverkehr reguliert und ihre Entwicklung in die eigenen Hände genommen haben.

In vielen Entwicklungsländern dagegen ist die Lage heute hoffnungsloser als noch vor drei oder vier Jahrzehnten. Denn einem ärmeren Land nach dem anderen wurden von selbst ernannten (sog.) Internationalisten ‚Freihandelsabkommen‘ aufgezwungen, die ihre heimische Produktion vernichtet und ihre Märkte zur Beute westlicher Agrarmultis und Industriekonzerne gemacht haben. Millionen Kleinbauern und Gewerbetreibende wurden auf diese Weise um ihre Existenz gebracht. Wenn sie sich dann auf den Weg in wohlhabendere Länder machen, spricht man verächtlich von Wirtschaftsflüchtlingen.“

Feststellung eins: selbstverständlich zeigt dieses Zitat, dass – wie „Heike“ uns schrieb – der Begriff „Nationalismus“ in „verschiedener Bedeutung verwendet“ werden kann und – natürlich – mit höchst unterschiedlicher Bewertung auch.

Feststellung zwei: ebenso deutlich wird allerdings, dass Sahra Wagenknecht sich bei ihrer Positiv-Verwendung des Begriffes „nationalistisch“ – ich hätte freilich den Begriff „national“ für präziser gehalten – genau auf jene Weltregionen und politökonomischen Zusammenhänge bezieht, die auch von mir – wie von meinem Gewährsmann Professor Eugen Lemberg –  in den Mittelpunkt gestellt worden sind: auf die Selbstbefreiungskämpfe antikolonialistischer Staaten und Bewegungen in der Dritten Welt.

Feststellung drei: Und dieses bedeutet, mit aller Klarheit gesagt: mit nationalistischen Entwicklungstendenzen in Europa hat diese ganz spezifische Positivbewertung des Begriffes „nationalistisch“ (oder auch „Nationalismus“) nichts, aber auch gar nichts zu tun. – Freilich:

Feststellung vier: ob es sonderlich erkenntnisfördernd ist, Selbstbefreiungskämpfe antikolonialistischer Staaten und Bewegungen in der Dritten Welt den Stempel „nationalistisch“ aufdrücken zu wollen, das halte ich zumindest für sehr diskussionsbedürftig. Mir jedenfalls scheint: Missverständnisse sind bei der Verwendung dieses schillernden Begriffs – siehe Anfang dieses Artikels! – nahezu vorprogrammiert. Präzise gesagt: wer – wie Sahra Wagenknecht an der zitierten Stelle – den Begriff „nationalistisch“ sozusagen mit der Wortbedeutung „antikapitalistisch“ aufzufüllen (und damit aufzuwerten!) versucht, läuft zumindest Gefahr, seinen eigenen Antikapitalismus nationalistisch umzuinterpretieren.

„Irgendwie“ werden im Gesamtzitat der Sahra Wagenknecht „Nationalismus“ und „Antikapitalismus“ miteinander gleichzusetzende oder miteinander zu verwechselnde Begriffe. Das tut mit Sicherheit der Verständigung zwischen allen Diskussionsteilnehmern nicht gut. Wagenknecht zieht fast zwangsläufig den Verdacht „nationalistischer“ Denktendenzen auf sich – und ein Konstantin Wecker (auf und gegen den sich „Heikes“ Kommentar mit ihrem langen Wagenknecht-Zitat bezog) wird, im Umkehrschluss, dem Verdacht ausgesetzt – wegen seiner Aussage „Nationalismus wird uns immer ins Elend führen“ –, er gäbe mit dieser Aussage den Antikapitalismus auf. Nichts allerdings wäre falscher als das! Doch andersherum, positiv, formuliert:

Mir scheint, viel besser wäre es gewesen (viel besser auch für unsere zukünftigen Debatten zu diesem Themenkomplex), Sahra Wagenknecht hätte von „einzelstaatlichen“ Aktionen gegen „Freihandelsabkommen“ gesprochen, nicht von „nationalistischer“ Politik. Sahra Wagenknecht hätte auch besser daran getan, den Selbstbefreiungs- und Menschenrechts-Charakter all dieser Bewegungen gegen den globalisierten Kapitalismus zu betonen statt den vermeintlich „nationalistischen“ Charakter derselben. Und schließlich: Sarah Wagenknecht hätte besser daran getan, den internationalen – meinetwegen auch: internationalistischen – Charakter all dieser einzelstaatlichen Bewegungen gegen den Weltkapitalismus zu akzentuieren, statt abzuheben auf den Umstand, dass  weltweite Bewegungen sich selbstverständlich stets und überall auf dem Globus in Einzelstaaten geltend machen! Wie sollte das auch anders sein? Aber konkret:

Dass während des Vietnamkrieges „nationale“ Bewegungen in den USA und in Frankreich, in England und Deutschland aufbegehrten gegen diesen völkerrechtswidrigen Krieg mit den Merkmalen eines Völkermordes (Stichwort „Agent Orange“), machte aus diesen Bewegungen doch keine „nationalistischen“ Bewegungen, wie man, wenn man Wagenknecht folgen wollte, retrospektiv zu formulieren hätte! Das waren, jeweils eigenständig in den jeweiligen Ländern aufgekommene, Friedens- und Menschenrechtsbewegungen, die uns junge Menschen damals weltweit auf die Straße brachten, selbst wenn die einen das in Washington taten und die anderen in Paris, die einen in London und die anderen in Berlin. Anders gesagt:

Wagenknechts Begriff des „Nationalismus“ bzw. des „Nationalistischen“ verengt Prozesse wie den soeben kurz skizzierten auf eine einzige Dimension (ich meine sogar: auf eine nahezu unerhebliche!), nämlich auf die vermeintlich „nationale“ oder gar „nationalistische“ Dimension. In Wahrheit aber handelt es sich bei all diesen Freiheits-, Friedens- und Menschenrechtsbewegungen um Widerstandsaktionen, die grundlegend doppelten Charakter haben: sie realisieren sich allesamt in einzelnen Ländern und stellen insofern „nationale“ Bewegungen dar; sie realisieren sich aber gleichzeitig weltweit – und sind demzufolge auch als „internationale“ Bewegung zu werten!

An diesem – übrigens: auch sehr ermutigenden! – Doppelcharakter geht Wagenknechts reduktionistische Begrifflichkeit, die ausschließlich mit dem Eigenschaftswort „nationalistisch“ zu hantieren versucht, also völlig vorbei, und sie verkennt oder verfehlt damit auch den Grundcharakter linker – nämlich menschenrechtsorientierter, freiheitsorientierter, friedensorientierter – Bewegungen schlechthin, deren immer zugleich auch internationalen Charakter! Heißt konkret (am Beispiel von Wagenknechts Thema „Freihandelsabkommen“ dargelegt):

Unser, der Deutschen, Widerstand gegen TTIP war lediglich in geografischer Hinsicht ein deutsches Geschehen. In Wirklichkeit war dieser Widerstand gegen TTIP ein internationaler Prozess, der sich auch in Deutschland abspielte, aber nicht nur bei uns. Gleichzeitig, wir wissen es, standen auch Menschen in zig anderen europäischen Ländern gegen dieses TTIP-Monster auf, gleichzeitig war es also auch französische, britische, niederländische, schwedische Bewegung undundund, gleichzeitig war es demzufolge auch internationales bzw. internationalistisches Geschehen.

Und mehr noch: es zeigte sich darin, in diesem Internationalismus über die vielen Staatsgrenzen hinweg, eine Verbundenheit von Millionen von Menschen im gesamten Europa, es zeigte sich ein Vorschein jener Welt, von der Konstantin Wecker in seinem Lied „Ich habe einen Traum“ – in der Gestalt einer poetischen Vision – wieder und wieder zu singen pflegt: der Vorschein einer „grenzenlosen Welt“. Manchmal, bei manchen Bewegungen für Frieden und Freiheit und Menschenrechte, trat diese Verbundenheit und trat dieser Vorschein damals schon zu Tage, zu Zeiten der APO-Zeit;  manchmal, bei manchen Bewegungen dieser Zielsetzung und Art, zeigt sich das auch heute noch! Und tatsächlich, mein Eindruck ist:

Der „revolutionäre“ Mensch, von dem viele von uns träumen, angesichts der vielen Weltprobleme, vor denen wir stehen, dieser „revolutionäre“ Mensch wird deshalb auch eines vor allem sein: ein über eigene Grenzen hinausgelangender kooperationsfähiger Mensch! Anders gesagt: für eine Welt, die besser aussehen möge als heute, bedarf es nicht nur klarer politischer Programme und vieler Menschen, die sich mit Verstand darauf verständigt haben. Es bedarf auch der Sympathie und Empathie unter den Menschen! Denn sonst scheitert bereits im Kleinen, was im Großen gelingen soll!

„Nationalismus“-Begriffe  hingegen machen schon in der Sprache kaputt, was in der Realität erst noch entstehen soll: eine Welt der freien und gleichberechtigten Menschen, die geschwisterlich miteinander verbunden sind – über all die trennenden und idiotischen Nationen- und „Nationalismus“-Grenzen hinweg. Wir haben uns nicht von unserer Nationalität her zu definieren – in unserer Identität nicht und nicht in unserem Verhalten –, sondern von unserer Mitmenschlichkeit her, die keinen Menschen auf diesem Erdball ausnimmt von dieser Solidarität und Mitmenschlichkeit.

 

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