Ouzo oder Irreführung?

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

131. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ „Je kränker es in diesem Lande zugeht, desto mehr Gesundbeterei ist zu hören von Seiten der SYRIZA!“ Holdger Plattas Urteil über die neue Euphorie des griechischen Ministerpräsidenten Tsipras ist hart. Man muss aber wohl wirklich zu tief ins Ouzo-Glas geschaut haben, um derartige Hymnen anzustimmen: „Die Memoranden der Armut, der Rezession und sozialen Verwüstungen sind endlich vorbei“. Oder der 20. August sei ein „Tag der Erlösung“ gewesen. Wahrscheinlicher ist, dass der Hellenen-Messias seine Not leidenden Landsleute bewusst täuscht. Nur aus der Kenntnis der ganzen, bitteren Wahrheit können aber Mitgefühl und wirksame Hilfsmaßnahmen erwachsen. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

die folgende Tatsache ist Euch sicherlich schon vertraut: meine Berichte über Griechenland und über die Menschen in Griechenland gleichen oft Krankenberichten. Und diese Feststellung ist nicht nur metaphorisch oder bildlich zu verstehen, mit der die Situation Griechenlands insgesamt mit der Situation eines Erkrankten verglichen werden muss. Diese Aussage – Ihr wisst es – ist oft auch wörtlich gemeint und bedeutet, dass wir vielen einzelnen Menschen zu helfen hatten (und weiterhin helfen werden!), die außerstande waren und sind, Operationen zu bezahlen oder Arztkosten, das Geld aufbringen zu können für dringend erforderliche Behandlungen oder für medizinische Hilfsmittel verschiedenster Art. Lasst mich heute mit „Fällen“ aus diesem Hilfssektor beginnen! Und freut Euch vielleicht mit uns darüber, dass es aus diesem Bereich auch Gutes zu berichten gibt!

Zuallererst: Katerina K., der jungen Patientin aus Piräus, die sich vor einigen Wochen – in London – einer zweiten Transplantation unterziehen musste – ihr wurde eine Spenderniere ihres Vaters eingepflanzt –, geht es von Tag zu Tag besser. Die neueste Nachricht von ihr: sie kann nun bereits, in der Begleitung ihres Bruders, kleinere Spaziergänge machen in der britischen Hauptstadt und ist nicht mehr ans Bett gefesselt. Noch ist die bange Wartezeit nicht vorüber, „Abstoßungsreaktionen“ des eigenen Körpers gegen das implantierte „Fremdorgan“ können hin und wieder auch viele Monate später erst auftreten nach dem Operationstermin, aber die Hoffnung von uns allen ist groß, daß dieses bei Katerina nicht der Fall sein wird. Schon die Implantation der Teileleber vor einem guten Jahr – da war die Mutter die Organspenderin gewesen – verlief zum Glück ohne Komplikationen und ohne Negativfolgen danach. Möge der zweite Eingriff in diesem Jahr also ebenfalls erfolgreich sein! Ich werde auch weiterhin über Katerina berichten. Und was die anderen PatientInnen betrifft, denen wir zur Seite stehen, kann auch da von positiven Entwicklungen berichtet werden.

Erinnern möchte ich zunächst daran, dass Andreas, der Bruder von Dionysis, der schon seit längerem zu den von uns betreuten Kindern in Griechenland zählt, in diesen Tagen die ersten 500,- Euro für seine Gaumenschiene erhält. Weitere 500,- Euro werden folgen, wenn das erforderlich ist. Und wie immer kümmern sich aus unserem HelferInnenteam Evi und Tassos Chatzatoglou um Andreas und Dionysis.

Dasselbe gilt für eine Tochter aus unserer Patenfamilie in Megara, der wir vor mehr als einem Jahr eine menschenwürdige Wohnung verschaffen konnten und für die wir seither die Mietkosten übernommen haben. Auch bei dieser werden Evi und Tassos Chatzatoglou die HelferInnen sein. Zum Hintergrund dieses Falles: Maria, die zweitjüngste Tochter in dieser Familie, hat Probleme mit ihrem Herzen bekommen. Das Kinderkrankenhaus in Athen ist außerstande, die erforderliche Diagnostik mit Herzultraschall vorzunehmen, weshalb die Untersuchung – kostenpflichtig! – von einer Privatklinik vorgenommen werden muss. Kostenpunkt: 300,- Euro. Auch hier übernehmen die Bezahlung wir, da die griechische Krankenkasse nicht bereit ist, die betreffenden Kosten zu tragen (ein Beispiel dafür, dass nicht nur einzelne Menschen in Griechenland erkranken, sondern das gesamte medizinische Versorgungssystem in Griechenland ein „Krankheitsfall“ ist). Gerne kommen wir der Bitte von Marias Großmutter nach, helfend einzugreifen in dieser Situation!

Schließlich, und das sei für heute die letzte Nachricht aus diesem Bereich: seit Ende letzter Woche sind auch Uschi und Karl-Heinz Apel wieder unterwegs nach Griechenland, um dort, in Neapolis, das Kreiskrankenhaus mit neuem Nachschub an medizinischen Hilfsmitteln zu versorgen, mit Verbandsmaterial und ähnlichem mehr. Ein weiteres Mal also ein Beispiel dafür, dass auch die griechische Krankenversorgung Not leidet an allen Ecken und Enden. Und ein weiteres Beispiel dafür, dass der griechische Premierminister Alexis Tsipras blanken Unsinn erzählt, wenn er von der „Rettung“ Griechenlands spricht. Ich komme darauf noch zurück. Hier nur der Satz: je kränker es in diesem Lande zugeht, desto mehr Gesundbeterei ist zu hören von Seiten der SYRIZA!

An dieser Stelle schiebe ich erstmal die neuesten Zahlen zum Spendenaufkommen für unsere GriechInnenhilfe ein. Nunja, da sah es während der letzten sieben Tage weniger gut aus als in der Woche davor: lediglich 110,- Euro gingen auf unserem Hilfskonto ein, überwiesen von 2 SpenderInnen an uns (in der Vorwoche waren es 380,- Euro gewesen, gespendet von 3 UnterstützerInnen). Kein Ergebnis also, das fröhlich zu stimmen vermag, doch auch kein Resultat, das Anlass geben würde für Sorgen tiefergreifender Art. Seit längerem schon geht jeweils zum Monatsende hin das Spendenaufkommen zurück, und auch dieses Mal dürfte der Anfang des neuen Monats weitaus besseres Zahlenmaterial präsentieren. So oder so: Dank den SpenderInnen der vergangenen Woche, und dieser Dank, natürlich, wie immer auch im Namen des gesamten HelferInnenteams!

Und wie sieht es nun in Griechenland insgesamt aus, wenige Tage nach dem offiziellen Ende der Austeritätspolitik am 20. August? Atmet da eine ganze Nation auf? Oder verharrt die Bevölkerung auch weiterhin in Depression und Resignation?

Nun, keinen Zweifel läßt Alexis Tsipras aufkommen  an seiner höchstpersönlichen Hochstimmung, die ihn erfasst zu haben scheint (es wäre die Stelle, wo ich den Satz von vorhin, den Satz mit der „Gesundbeterei“, noch einmal wiederholen könnte). Am vergangenen Dienstag, den 21. August, ließ Tsipras noch einmal aufs prahlerischste von sich hören. In Vathi, der Inselhauptstadt von Ithaka, hielt der griechische Regierungs-Chef eine Rede an die Nation, volltönend im hellsten Sonnenschein, eine Rede, die mit der Herrlichkeit der Bucht und dem Hafen im Hintergrund, mit all dem Glanz zu konkurrieren schien. Zur Strafe sei Tsipras mit einigen seiner besonders strahlenden, besonders hellglänzenden Sätze zitiert:

„Heute beginnt für unsere Heimat ein neuer Tag“, so begann der griechische Premier: „Die Memoranden der Armut, der Rezession und sozialen Verwüstungen sind endlich vorbei“. Und er setzte seine Rede in einem offenbar schlagartig von allem Elend befreiten Griechenland mit der Behauptung fort, dass Hellas das Recht zurückerhalten habe, nun wieder über seine Zukunft selber bestimmen zu dürfen. Der Ministerpräsident wörtlich: „Als normales europäisches Land, ohne Zwang aus dem Ausland, ohne weitere Erpressungen, ohne weitere Opfer unseres Volkes“.  Und der Politiker weiter: man würde nun „mutig“ für die „Wiedergeburt Griechenlands“ arbeiten: „Für eine Heimat des Wohlstandes, der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit“. Und selbst diese Formulierung ließ Tsipras nicht aus: man habe nun, nach dem 20. August, den „Tag der Erlösung“ erreicht, man stünde am „Beginn einer neuen Epoche“!  – Tatsächlich? Steht man nun dort? Gibt’s nun wieder Freiheit und Selbstbestimmung in Griechenland? Gehört all das Kaputtreglementiertwerden der Vergangenheit an? Ebenso wie das Kaputtkontrolliertwerden, das Elend, die Armut von Millionen von Menschen?

Nun, der Wirtschafts- und Währungskommissar der EU-Kommission Pierre Moscovici wusste es am selben Tage schon besser: die Europäische Kommission werde auch weiterhin, viermal im Jahr, die Finanzen Griechenlands „unter die Lupe“ nehmen, hieß es da. Des weiteren war zu erfahren, daß bereits am 10. September, keine drei Wochen nach diesem sagenhaften Befreiungstag, dem 20. August, die EU-Kontrolleure in Athen erneut auf der Matte stehen – „um die Fortschritte bei den bereits vereinbarten Maßnahmen zu kontrollieren“, so die „Griechenland-Zeitung (GZ) in ihrer letzten Ausgabe vom 22. August. Und klar dürfte damit sein (kein ernsthafter Experte bezweifelt dies): „Freiheit“ in Griechenland, das ist Freiheit unter Aufsicht. Und „Wiedergeburt Griechenlands“ ist Wiedergeburt in einem Gefängnis. Mit den Worten der GZ gesagt: „(…) ein Ende der Austeritätspolitik ist nicht in Sicht“. Frage denn also: blickt Tsipras nicht mehr durch? Oder hatte er an diesem wundersamen Tag der sagenhaften Wunder einfach zu viel Ouzo getrunken, bevor er mit seiner Selbstlobpreisrede begann?

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal:

Das Bruttoinlandsprodukt dieses Landes ging von 240 Milliarden Euro auf 186 Milliarden Euro zurück. 289 Milliarden Euro an Schulden soll dieses Land zurückzahlen an die westeuropäischen Gläubigerbanken. Die Staatsverschuldung Griechenlands selber liegt immer noch bei 180 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung (BIP). Und das Freiburger Centrum für europäische Politik (cep) bilanziert: „Das Land konsumiert 107 Prozent seines verfügbaren Einkommens und lebt damit im 13. Jahr in Folge über seine Verhältnisse“. Dies trotz der Tatsache, dass insgesamt – während der sogenannten „Rettungs“-Jahre – die Renten 20 mal gekürzt worden sind, die Löhne um mindestens ein Drittel gesunken sind, die Einnahmen aus der immens gesteigerten Mehrwertsteuer (von einstmals 13 auf nunmehr 24 Prozent) im Vergleich zum Vorjahr rückläufig sind.

All das wissen die Experten, all das weiß auch der griechischer Regierungspräsident mit Namen Tsipras. Und trotzdem soll all das schlagartig ein Ende haben, Hoffnung machen, Wiederbeginn eines Aufschwungs sein? – Wie schrieb eben jener Detlef Drewes, den ich in meinem letzten Bericht schon so ausführlich zitierte, der durch und durch „bürgerliche“ Redakteur der durch und durch „bürgerlichen“ Tageszeitung HNA (= „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine“), in seinem letzten Bericht über Griechenland, in seinem Artikel über diesen „Befreiungstag“ in Griechenland, den 20. August, am Tag darauf – und er meinte damit eben jenes Griechenland, von dem Alexis Tsipras derart euphorisch-euphorisierend schwadronierte? – Ich zitiere: „Die EU nennt es ‚ein neues Kapitel‘ für Griechenland. Experten sprechen von einem ‚anhaltenden Verfall der Kreditfähigkeit‘.“ Um es in meinen Worten zu sagen, nicht zuletzt mit einem Blick zurück auf den Anfang meines heutigen Berichts:

Das Elend Griechenlands, über das wir – im „Großen“ wie im „Kleinen“ – wieder und wieder zu berichten haben, dieses Elend wird nur von einem Elend noch übertroffen: vom Elend der Verlogenheit, mit dem so manche die Wahrheit Griechenlands wegquatschen wollen, vielleicht ja sogar im eigenen Kopf. Ithaka, das war jenes Eiland, an dem Odysseus nach langer Irrfahrt eines Tages wieder ankam, Ithaka scheint aber auch jenes Eiland zu sein, von dem aus für manche die Irrfahrt erst beginnt: eine Irrfahrt, die aus Irrtümern und Irreführungen besteht.

Oder sollte es doch nur der Ouzo gewesen sein?

Und hiermit, erneut und wie immer an dieser Stelle, meine Bitte um Spendengelder von Euch. Abschließend also die obligaten Hinweise dazu:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“,  der überweise uns bitte Spendengelder auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 200,- Euro erforderlich -, wende sich bitte an unseren neuen Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen ,oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e. V“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „IHW“ versehen. Wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

 

 

 

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