Poeten der Macht oder Poetisierung der Verlogenheiten

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

128. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ „Es tut gut, Gutes zu tun“. In dieser Folge seiner umfassenden Berichterstattung über Griechenland erzählt Holdger Platta ausnahmsweise auch über die Gefühle der Helfenden. Diese sind ganz überwiegend positiv, und Helfen wird sehr zur Nachahmung empfohlen. Auch sollte sich niemand wegen der wahrscheinlich aufkommenden Freude schämen oder wegen vermeintlicher Eitelkeit und Gutmenschentums mit sich hadern. Wir sehen ja täglich, wohin uns Hilfeverweigerung und Schlechtmenschentum geführt haben. Immerhin gibt es diesmal wieder gute Nachrichten – bei den Spendeneeingängen wie auch bezüglich des Befindens einer unserer Empfängerinnen. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

jawohl, erneut eine sehr gute griechische Nachricht aus London, der britischen Hauptstadt: Katerina K., die junge Griechin aus Piräus, der wir seit 2015 behilflich waren (selbstverständlich auch finanziell), die lange Zeit ihrer schweren Erkrankung an Leber und Nieren zu überstehen, hat uns eine kurze Meldung zukommen lassen, der nur beste Neuigkeiten zu entnehmen sind. Katerina, die sich vor einigen Wochen einer zweiten Organtransplantation unterziehen musste, dem Einpflanzen einer Niere (gespendet vom Vater), schrieb uns am vergangenen Freitag (hier in deutscher Übersetzung):

„Es ist alles in Ordnung bei mir, ich fühle mich großartig. Alles entwickelt sich weiterhin gut, die neue Niere arbeitet sehr gut. Katerina“

Dem können wir alle – SpenderInnen wie MitarbeiterInnen in unserem Helferteam – nur hinzufügen: Hoffentlich dürfen wir sehr bald von einem rundum guten Ende ihrer Genesungsgeschichte erfahren. Selbstverständlich berichten wir darüber. Und ich gestatte mir, in diesem Zusammenhang auch einmal von uns selber zu sprechen, von der Freude, die solche Nachrichten bei uns auszulösen vermögen. Dabei greife ich gleichzeitig auch einmal die Angriffe jener Kritiker an unserer Hilfsaktion auf, die Euch wie uns – den SpenderInnen wie OrganisatorInnen – narzißtisch-getöntes „Gutmenschentum“ unterstellen, also glauben, uns vorhalten zu müssen, dass solche Mitfreude nur uns selber befriedigen solle. Zu diesem Zweck greife ich mal einige Bemerkungen auf, die ich in meinem ersten Halbjahresbericht – in der letzten Woche des Jahres 2015 war das – Euch mitzuteilen wagte: die Tatsache nämlich, dass wir bereits zu diesem Zeitpunkt äußerst arbeitsreiche Monate hinter uns hatten, aber auch das folgende „Geständnis“ (mit einigen Reflexionen dazu):

„(…) das alles war und ist auch ungeheuer befriedigende Arbeit gewesen. Ich weiß, der folgende Satz wird ein wenig pathetisch klingen, aber es ist so: sich in die Bereiche des Helfenkönnens zu begeben, das war und ist für meine Mitakteure und mich auch so etwas gewesen wie eine Reise ins Glück. Zur Nachahmung empfohlen, wobei jede und jeder seine Grenzen nicht vergessen mag, jeder und jede also im Rahmen der eigenen Möglichkeiten bleibt: man muss es erlebt haben, um erfahren zu dürfen, dass es verdammt gut tun kann, Gutes zu tun.

Ich weiß: der letzte Satz wird einigen womöglich etwas arg befremdend in den Ohren klingen. Darf man so empfinden, darf man das schreiben? Ist hier nicht falscher Stolz im Spiel, Hoffart, Arroganz sogar? Oder kommt da nicht uraltes – ich sage: furchtbar abgestandenes! – Christentum in einem hoch? Hat nicht ein Martin Luther gelehrt, dass allein der Glaube zähle – „sola fide“ -, nicht die „guten Werke“? Und ist es mit den „guten Werken“ nicht dahin, wenn man sogar weiß und schreibt, man habe „Gutes“ getan?

Ach, Kappes, liebe Leute! Mir ist eine Welt lieber, in der viele Menschen Gutes tun – und sie wissen das auch und dürfen das auch wissen –, als eine Welt, in der selbst das Gute nur mit zerknirschtem Gewissen getan werden darf und in Selbstvorwürfen endet. Entsetzlich! Calvin, dieser – sorry – furchtbare Finsterling und Über-Asket in Genf, ließ eine Patentante ins Gefängnis werfen, als diese über die Taufe ihres Patenkindes vor Freude in der Kirche zu lachen begann. Ich meine, diese zutiefst menschlichkeitsfeindliche Psychologie sollten auch alle Konfessionen auf dieser Welt mittlerweile im Orkus der Geschichte begraben haben. Amen! Sela!“

Mir scheint, dem ist auch heute nichts hinzuzufügen, um so weniger, als wir wieder und wieder betont haben, bis in die Berichte der letzten Wochen hinein, dass wir solche Freude nicht verwechseln mit der großen politischen Lösung für das kaputtgerettete Griechenland schlechthin. Und vielleicht ist an dieser Stelle auch der richtige Ort, einmal zu erinnern an den großen Enthusiasmus, der zu dieser Hilfs- und Protestaktion für die geschundenen Menschen in Griechenland geführt hat. Stellvertretend dafür ein weiterer Ausschnitt aus dem damaligen Halbjahresbericht, ein Ausschnitt, in dem ich meine HelferInnensuche zu schildern versucht habe, und zwar ein „Anklopfen“ bei Konstantin Wecker, in jener Zeit noch Herausgeber der HdS. Hier also der betreffende Absatz aus dem Anfangsteil meines Halbjahresberichtes 2015:

„Klar doch, Konstantin Wecker würde man nicht in die Alltagsarbeit bei dieser Hilfsaktion einspannen können, aber würde er überhaupt einverstanden sein, dass wir ‚seine’ Website urplötzlich benutzen, um auf ihr – kontinuierlich! – für eine Hilfsaktion Gelder einzuwerben? Ihm also, den noch auf Konzert-Tournee befindlichen Konstantin Wecker, trug ich folglich in einer etwas längeren Mail – so ca. eine halbe DINA-4-Seite lang – meine Planungen vor. Die Reaktion von Konstantin Wecker war, wie ich finde, typisch für ihn, typisch für seine spontane, herzliche, wieder und wieder spürbare Mitmenschlichkeit. Sie bestand aus drei Worten (by the way: in einem Wort geschrieben) und aus roundabout 10 Ausrufezeichen: „Jajaja!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“ – Tja, so einfach kann es zugehen beim genüsslichen Ausleben von Humanität (…)“

Natürlich: nicht immer und durchweg kann bei einer Hilfsaktion, die mittlerweile drei Jahre „auf dem Buckel hat“, vom „genüsslichen Ausleben“ der Humanität die Rede sein. Jede und jeder von uns macht da hin und wieder auch Phasen der Niedergeschlagenheit durch – nebenbei: gerade deswegen, weil wir das Große und Ganze der Probleme in Griechenland nicht verdrängen oder narzißtisch-erfolgsbesoffen übersehen –, aber insgesamt sind unsere Helfer- und Protestimpulse nicht erlahmt, und wir werden weitermachen (und weitermachen können), solange Ihr uns dabei helft.

Und damit bin ich auch schon beim zweiten Thema dieser Woche, und auch aus diesem Bereich darf ich heute wieder sehr gute Nachrichten verkünden:

Nein, die vergangenen sieben Tage bescherten uns beim Spendenaufkommen keine „Nullrunde“ wie in der Woche davor: insgesamt 17 Unterstützerinnen und Unterstützer überwiesen für unsere Spendenaktion 905,- Euro an uns. Hinzu kamen 300,- Euro für den Trägerverein von „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“, für die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, überwiesen von einem Spender an uns! Heute besteht also gleich mehrfacher Anlass, Euch Dank zu sagen für die Unterstützung durch Euch – und ein weiteres Mal spreche ich diesen Dank mit großer Freude aus, auch im Namen aller anderen Aktiven aus unserem Team! Und bitteschön:

Zählen wir – mit allerdings reichlich gedämpfter Stimme – auch jene Nachricht aus den vergangenen Tagen zum „guten“ Teil unseres Berichts. Tatsächlich ist nun auch die Stunde näher gerückt, in der die Bundesregierung der letzten Kreditrate an Griechenland zustimmen dürfte, der Auszahlung jener 15 Milliarden Euro, die bis zum 20. August an Griechenland fließen sollen. Ihr erinnert Euch: weil die SYRIZA fünf griechische Inseln, ökonomisch besonders belastete Inseln, ausnehmen wollte von der sofortigen Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 24 Prozent und diesen Steuersatz erst mit einer halbjährigen „Verspätung“ auch dort, in diesen Krisenregionen, einführen will, hat es ganz speziell in Deutschland viel Gezeter gegeben – und ganz speziell bei unserer grandios-menschenfreundlichen FDP: von einem „erheblichen Vertrauensverlust“ sprach die Partei der Besserverdienenden.

Berlin solle die Auszahlung verweigern, so Vertreter dieser Klein- und Kleinlichkeitspartei. Und mit erstaunlicher Offenheit betonte ihr finanzpolitischer Sprecher Otto Fricke, in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ aus Berlin, dass davon keine Gefahr ausgehen würde für die Euro-Staaten: „Es ist falsch, Griechenland weiteres Geld zur Verfügung zu stellen. Anders als bei den ersten beiden Hilfspaketen geht von Griechenland keine Gefahr mehr für die Euro-Zone als Ganzes aus“ (= Hervorhebung von mir! HP). Haushaltspolitiker Fricke schwang sich sogar zum Fast-Poeten auf, als er eine deutsche Redensart („hinter die Fichte führen“, gemeint damit: betrogen werden) sozusagen ins Mediterrane übersetzte: „Wir werden hinter die Zypressen geführt“, so dessen Genöle (in trauter Gemeinsamkeit mit AfD-Chef Meuthen, der davon faselte, dass Griechenland die Gläubigerstaaten „erneut am Nasenring durch die Manege“ führen wolle).

Nun, egal, ob Zirkusrund oder Zypressenhain: tatsächlich rang sich der Haushaltsausschuss des Bundestages zu einer Auszahlung dieser letzten Kreditrate durch, und eine Rolle dabei hat wohl vor allem die Zusage der griechischen Regierung gespielt, dass sie diesen Mindereinnahmenbetrag auf den fünf griechischen Inseln, diesen Steuerverlust von maximal 28 Millionen Euro (andere Quellen sprechen sogar von nur 15 Millionen Euro), kompensieren wolle durch Kürzungen im sogenannten „Verteidigungs“-Etat der Griechen. Nun, Kleinparteileutchen wie Fricke kam es wohl vor allem auf eines an: Griechenland zu zeigen, dass es auch zukünftig unter verschärfter Bewachung stehen wird. In den Worten der – konservativen! – Athener Zeitung „Kathimerini“ gesagt: „Der Betrag mag unbedeutend erscheinen, aber die deutsche Regierung war bestrebt, Athen mitzuteilen, dass sie in Zukunft keine Abweichungen vom Programm tolerieren wird“.

Und worin besteht dieses „Programm“? – Wir alle kennen das entsprechende Propagandarepertoire der westeuropäischen Staaten dafür, dieses Gefasel von „Hilfe“ und „Rettung“, von „Memoranden“ und „Reformen“. Da ist doch wohltuend zu nennen, dass die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Gesine Lötzsch, die folgenden Worte fand, nachzulesen in einer Pressemitteilung von ihr vom 1. August dieses Jahres:

„Das Ziel des ‚Hilfsprogramms‘ war es, durch eine brutale Kürzungspolitik die Schuldenlast zu reduzieren. Das Gegenteil ist passiert. Der Sozialstaat wurde zerstört, und die Schulden sind weiter gestiegen. Wer jetzt von der Rettung Griechenlands spricht, ist ein Zyniker. Griechenland ist nicht gerettet.“

Von einem „gnadenlosen Umgang mit Griechenland“ sprach deshalb auch unser Internetkollege Jascha Jaworski von „Maskenfall“ und begründete das unter anderem damit – auf der Basis von Informationen aus einem Fernsehbeitrag von „Frontal 21“ vom 31. Juli des Jahres -, dass die Gesundheitsausgaben pro Kopf in Griechenland währen der Jahre 2007 bis 2016 „schlicht halbiert“ worden sind – ein Vorgang, der im Verlogenheitsenglisch der Euro-Staaten, im sogenannten „Memorandum of Understanding“ von 2012, mit der Überschrift versehen worden war: „To modernise the healthcare system“ (= „Die Krankenversorgung modernisieren“). Wer solches liest, sollte besser wissen, wo die „Fichten“ oder „Zypressen“ stehen, hinter die Gesamteuropa geführt werden soll. In Griechenland jedenfalls nicht, sehr wohl aber in Brüssel und Berlin.

Womit ich wieder einmal bei meinen obligaten Schlussbemerkungen bin:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“, der überweise uns bitte Spendengelder auf das Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 200,- Euro erforderlich -, wende sich bitte an unseren neuen Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V“, wäre eigentlich sehr dringend mal wieder auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „IHW“ versehen. Wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets
Euer Holdger Platta

Kommentare
  • Bettina
    Antworten
    Lieber Holdger,
    .
    Die wahre Poesie darf nie zu einem Instrument der Macht missbraucht werden. Die wahre Poesie eröffnet uns Welten. So viel aus meiner Sicht vorweg gesagt.

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    Danke für deinen guten Bericht. Ich werde ihn noch ein paar mal lesen müssen, bis ich auch deine Aussagen zwischen den Zeilen gelesen haben werde. Mögen alle Kritiker der IHW-GriechInnenhilfe für immer verstummen.  Sie haben keine Ahnung, was es an Arbeit, Engagement und Idealismus bedeutet, diese einzigartige Hilfsorganisation aufrecht zu erhalten. Ich danke dir, als Initiator und Leiter der Hilfsorganisation, ich danke all den Helfern vor Ort und denen, die mehrmals im Jahr nach Griechenland fahren, um die Hilfsgüter an die richtigen Stellen, bei den Hilfsbedürftigen, den Ärmsten der Armen zu verteilen. ich danke auch Konstantin Wecker, der die IHW-GriechInnenhilfe in den HdS verankert hat, ohne wenn und aber. ich danke natürlich auch ganz besonders all den Spendern und Spenderinnen, die mit jeder Spende ihr Herz sprechen lassen.
    .
    Dir, lieber Holdger, wünsche ich, dass du morgen einen Tag von deiner vielen Arbeit ausruhen und den Tag für dich in besonderer Art und Weise genießen kannst. Du wirst wissen, warum ich dir das an dieser Stelle heute schreibe.

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    Ich verbleibe mit einem Lied, an das ich immer wieder gerne erinnere, einem  griechischen Lied, hier wunderschön gesungen, einem Lied, das Mikis Theodorakis komponiert hat.
    .
    Theodorakis & Kotsiras –
    Tis dikaiosinis ilie noite (SUBTITLES)
    https://youtu.be/o1I_VGP4gFY

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