Resonanzen – Musik der Romantik und Spiritualität des Klosters im Einklang (1)

 In Allgemein, Kultur, Spiritualität, Thomas Quartier

Johannes Brahms

Was verbindet die Musik der Romantik mit der Spiritualität des Klosters? In beiden Bereichen kann unsere Andacht gedeihen: unsere Offenheit für Gott und die Welt. Musik und Spiritualität bringen etwas zum Schwingen, erzeugen Resonanzen. Darunter versteht man „jene Momente, in denen unsere Weltbeziehung durch Synchronisation im Einklang ist“ (Hartmut Rosa). Musikalische Performance synchronisiert, Musiker und Zuhörer befinden sich im Einklang und streben nach dem Höchsten. Ist das schon spirituell? Bruder Thomas Quartier OSB, Benediktiner und Professor für Spiritualitätsstudien, macht die Probe aufs Exempel und besucht als Mönch Konzerte, führt Dialoge mit Musikern. Gibt es auf den klassischen Bühnen und in der Klosterzelle die Erfahrung, dass das Weltverhältnis Wirklichkeit ist und kein bloßer Schein? Ist das ein Motor für Musiker und Mönche, die sich ganz der Resonanz verschreiben? Was erklingt davon auf der Bühne? Was hört das monastische Ohr? Eine Suche nach dem Grenzverkehr zwischen Musik und Spiritualität, zwischen Inspiration und Mystik. (Thomas Quartier OSB)

1) Romantik mit Leib und Seele
Hélène Grimaud spielt Brahms

Eine junge Frau betritt unter tosendem Applaus die Bühne bei einem internationalen Klavierfestival. Sie nimmt am Flügel Platz. Keine große Geste, keine auffällige Haltung. Sie fügt sich natürlich in das Szenario des Orchesters, wird Teil des Ganzen. Das bekannte Hornmotiv erklingt, das Brahms zweites Klavierkonzert eröffnet. Die Pianistin bewegt sich in der Musik, nicht zur Musik. Ihr ganzer Körper scheint den idealen Ausdruck in ihre Hände zu transportieren, ohne Verkrampfung, ohne Zwang, weich und harmonisch. Der Dirigent beschränkt sich auf sehr sparsame, schlichte Gesten, keine pathetischen Appelle, keine heimlichen Zeichen in Richtung der Solistin. Ohne dass sie auch nur einen Moment darüber nachzudenken scheint, ganz ohne Zögern, entstehen die wunderbaren Klänge dieses außergewöhnlichen Werkes, das der Komponist würdig befand, es bei der Premiere am 9. November 1881 in Budapest selber zu spielen. Seither wartet seine Resonanz darauf, gefüllt zu werden, von genialen Interpreten, die sich dem Weltverhältnis hingeben, das diese Musik zustande bringt.

Nach dem ersten lyrischen Motiv des Horns und des Klaviers folgt das zweite: eine eher tänzerische Melodie. Das Werk wird virtuos – und es wird hinreißend gespielt. Wie kann der Komponist, und im Einklang mit ihm heute die Pianistin, zu einem solchen dramatischen Ausdruck in der Lage sein? Ist ein unbeherrschter Gefühlsausbruch der Grund? Kommt man bei aller Dramatik nicht aus dem Gleichgewicht? Macht diese Musik nicht hyperaktiv und nervös? Offensichtlich nicht. Die junge Frau am Klavier scheint auch in den bewegtesten Passagen vollkommen mit sich selbst im Reinen zu sein. Sie atmet tief, seufzt, aber nicht aus Aufruhr und Verzweiflung, sondern schlicht weil sie immer mehr in der Musik aufgeht. Alleine schon körperlich ist es eine erstaunliche Leistung, wie eine zierliche Person eine solche Lautstärke aus dem Instrument herausholt – in der Ruhe liegt die Kraft?

Die Pianistin heißt Hélène Grimaud. Sie wurde 1969 in Frankreich geboren. Man nennt sie die „Philosophin am Klavier“, weil sie Musik als eine Art erlebt, die Welt zu erkunden und zu ergründen. Hélène begann als kleines Kind, Klavier zu spielen, und zwar um ihre überschäumende Energie zu kanalisieren. Sie suchte nach einer synchronen Weltbeziehung. Seitdem legte sie ihre aggressiven, auch autoaggressiven Neigungen ab. Ihr Gleichgewicht fand sich im Resonanzraum des Klavierspiels. Es wurde zu ihrer höchsteigenen Lebensweise.

Die Balance von Körper und Geist, die seitdem ihr Spiel prägt, kann man spirituell deuten, und zwar mit Hilfe des monastischen Charismas. Nehmen wir als Beispiel einen Mönch – oft mit dem Künstler verglichen. Er stellt sein ganzes Leben in den Dienst eines innerlichen Ausdrucks. Der Vater des westlichen Mönchtums, Benedikt von Nursia schreibt in seiner berühmten Regel für Mönche aus dem sechsten Jahrhundert, dass man „beim Psalmensingen so stehen muss, dass Herz und Stimme im Einklang sind“ (RB 19,7). Die Basis ist hier die Stimme (vox), und die ist bei Benedikt körperlich zu verstehen. Das Herz ist nicht nur der Ort für unsere Emotionen, sondern unser ganzes Inneres, unser Geist (mens). Die Harmonie dieser beiden Elemente öffnet einen spirituellen Resonanzraum.

Auch Hélène Grimaud kennt solche Räume, insbesondere wenn sie die Werke ihres seelenverwandten Komponisten Johannes Brahms spielt, die sie mit einer Zen-Übung vergleicht: “Die Musik von Brahms bildet eine perfekte Synthese aller vorhandenen Elemente. In dieser Hinsicht ist er wie ein Zen-Meister. Brahms kannte die innere Stille, ein gutes Gleichgewicht zwischen Kopf und Herz ist stets in seiner Musik präsent. Ich habe selber Zen durch seine Musik entdeckt“. Natürlich ist es spirituell gesehen sehr bemerkenswert, dass die Musik der Romantik hier ausdrücklich den Weg zur Meditation öffnet. Aus unserer Perspektive der monastischen Lebensform ist es jedoch ein natürlicher Schritt. Es geht um Romantik mit Herz und Verstand, mit Stimme und Geist, Leib und Seele – und nur so ist sie denkbar. Jeder Musiker und jeder Mönch weiß, wie man als ganzer Mensch in einen Moment höchster Musikalität hineingezogen werden kann.

Wie unsere Pianistin haben auch viele Mönche Zen-Übungen für sich entdeckt. Natürlich geht es dabei um viel mehr als ein relaxtes Gefühl oder eine Zeit der Ruhe. Gilt das auch für die Kunst? Grimaud weiß genauso gut wie viele Musikliebhaber, dass Brahms beileibe keine Entspannungsübung ist. Auch jener denkwürdige Abend beim Klavierfestival, an dem sie sein zweites Klavierkonzert spielt, zeugt davon: die meditative, spirituelle Qualität der Performance hat sicher nichts mit einer „romantisch anmutenden Atmosphäre“ zu tun. Darüber schreibt Hélène: “Der Musiker ist ein Seher. Er hat Zugang zu jener anderen Welt, die er durch Träume und Visionen ins Visier nehmen kann. Das sind keine Halluzinationen, sondern kurze Blicke auf die andere Seite der Welt, etwas Prophetisches“. Brahms bietet einen Rahmen, in dem man jenen Blick in die andere Welt wagen kann: “Sein zweites Klavierkonzert ist ein Appell, sich in diese düstere, phantastische Atmosphäre zu begeben und über sich selbst hinauszuwachsen um letzten Endes jenes unaussprechliche spirituelle Element aufzufangen, das darin verborgen ist“. Gerade wie die Psalmen im Chorgebet und wie jedes Mantra, das dem Menschen meditativen Raum bietet, die andere Seite zu erahnen, so denkt der Mönch.

Es ist sicher kein Zufall, dass Brahms Romantiker durch und durch ist – sowohl in seinem Werk als auch in seinem Leben. Wie schon angedeutet, darf man den Begriff Romantik im Grenzverkehr zwischen Bühne und Kloster nicht mit der heute so populären Klosterromantik verwechseln. Echte Romantik ist keine mysteriöse Kulisse, sondern ein Rahmen, der eine tiefere Beziehung zur Wirklichkeit ermöglicht – Resonanz. Darum kann man Romantik auch problemlos mit Spiritualität verbinden. Der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski drückt es wie folgt aus: “Die Romantik unterhält eine untergründige Beziehung zur Religion. Sie gehört zu den seit zweihundert Jahren nicht abreißenden Suchbewegungen, die der entzauberten Welt der Säkularisierung etwas entgegensetzen wollen. Romantik ist, neben vielem, was sie sonst noch ist, auch eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln“. Wir erleben beim Brahms’schen Klavierkonzert eine ästhetisch spirituelle Übung, die jedem Mönch aus dem Herzen sprechen muss. Es ist die Suche nach der anderen Welt, die man – für einen Moment – erahnt, wahrnimmt, betritt. Benedikt verwendet eine ganz ähnlich Terminologie, wenn er die Suche zu Kern des mönchischen Lebens macht. Was muss der Mönch vor allem tun? „Wirklich Gott suchen“ (RB 58, 7).

Es ist der romantische Stil, der es einem Mönch einfach macht, ganz im Konzert mit Hélène Grimaud aufzugehen, so merkwürdig das auch klingen mag. Jeder Mönch ist doch auch ein Stück weit Romantiker – und jeder Romantiker hat etwas Mönchisches. Beide sind sie Prototypen eines spirituellen Weltverhältnisses. Widerspricht aber die scheinbar unbändige Expressivität der Pianistin nicht dem verinnerlichten Gesang, den der Mönch gewöhnt ist, den er lebt? Scheinbar nicht, denn der Mönch wird tief berührt vom Spiel, und die Pianistin lässt in ihren Schriften durchaus monastische Züge erkennen, ganz im Sinne von Brahms. Sie spricht nicht gerne über ihre Art des Musizierens. Dadurch gewinnt sie die Freiheit, die nötig ist, um Brahms so zu spielen, wie er es selber auch heute getan hätte. Sein romantischer Ausgangspunkt gleicht der Monade, die der Mönch bildet: „Ein Komponist ist einsam aber frei“. Eine Einsamkeit also, die Freiheit impliziert. Wer romantisch leben möchte, tut gut daran, sich das einsame Leben des Mönchs anzuschauen. Es lohnt sich, Romantik mit Leib und Seele im Dialog mit einem spirituellen Leben zu erkunden.

Der Zusammenhang zwischen Romantik und monastischem Leben offenbart uns noch eine andere Facette einer andächtigen und befreiten Haltung: den aufrichtigen Wunsch, den alltäglichen Wahnsinn hinter sich zu lassen. So leidenschaftlich die Musik des Klavierkonzerts auch klingen mag, man ist nur zu einem so intensiven Ausdruck in der Lage, wenn man seine Leidenschaft kanalisieren kann. Darüber sagte Johannes Brahms: “Ruhig in der Freude und ruhig im Schmerz und Kummer ist der schöne, wahrhafte Mensch. Leidenschaften müssen bald vergehen, oder man muss sie vertreiben. Jede Äußerung von Leidenschaft muss legitimiert sein, nicht zuletzt durch Vorbilder in der Tradition“. Dies könnte die Aussage eine Mönchs sein: auch er erlangt seine Authentizität, wenn er sein Inneres und Äußeres singend ins Gleichgewicht bringt, einen Resonanzraum schafft, der ruhig schwingt.

Hélène Grimaud versteht es, am Klavier magische Momente zu erzeugen, die jeden Zuhörer in eine spezielle Atmosphäre versetzen. Vielleicht verwendet nur der Mönch im Publikum für diese Erfahrung das Wort „Gott“. Mönchsvater Benedikt geht es jedoch nie um die innere Ruhe oder die kanalisierte Leidenschaft als solches. Die Balance dient nur dazu, “vor dem Angesicht Gottes und seiner Engel” stehen zu können (RB 19,6). So steht der romantische Geist im musikalischen Körper nicht als Selbstzweck, sondern er verkörpert etwas viel größeres, etwas unendlich Großes. Humanum und Divinum setzten sich voraus.

Geht der musikhörende Mönch in den Augen der anderen Zuhörer im Saal nun einen Schritt zu weit? Legt er nicht eine religiöse Botschaft in eine autonome Kunstform? Johannes Brahms scheint selber in diese Richtung zu denken – und doch auch wieder nicht. Der Komponist erklärt: “Musik bedarf keiner Botschaft, sie hat aus sich selber heraus Bestand, ist absolute Musik“. Jener Begriff der absoluten Musik, der für Brahms so prägend ist, deutet aber zugleich in eine Richtung, die wir durchaus im spirituellen Sinne deuten können. Die Heiligkeit romantischer Musik besteht nicht darin, dass ein bestimmter Gott verkündigt wird, sondern dass man „eine Haltung annimmt, die mit einer anderen Welt in Kontakt bringt“, so umschreibt Hélène ihre Erfahrung. “Nun, dieser Kontakt, diese absolute Erfahrung, ist der Endpunkt der Suche nach Gott”, so würde der Mönch sagen. Brahms, der eine schwindelerregende Achterbahnfahrt am Klavier startet, kann uns nicht daran hindern, in genau dieser Absolutheit seiner Musik eine Offenbarung zu spüren – und würde das wohl auch nicht wollen.

Letztlich findet sich eine Art spirituelle Lesart auch bei Hélène, der gefeierten Inkarnation des Brahms’schen Geistes beim Klavierfestival: “Genau wie Brahms habe ich immer wieder das Bedürfnis, mich abzusondern, mich ans Ufer eines Sees zurückzuziehen, an einen Ort außerhalb der Zeit, ohne Erinnerung. Ich möchte zur Welt bringen, wer ich eigentlich schon bin: eine Pianistin, die die Ewigkeit im Moment bewohnen will. Um im Moment leben zu können, muss man spüren, was einen umgibt und seine Seele daran laben“. So ergeht es uns mit der wunderbaren Musik: Romantik, die man aus seiner ganz eigenen kleinen Klosterzelle heraus erlebt – symbolisch versteht sich, aber wohl mit Leib und Seele. Die Zelle war an jenem Abend beim Klavierfestival ein Sitz ganz nah beim absoluten Geschehen auf der Bühne, eine spirituelle Begegnung im Resonanzraum des Konzerts.

Kommentare
  • Heike Preißler
    Antworten
    Vielen Dank für diesen schönen Artikel.

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