Schuldenerlass statt «Null-Summen-Spiel»

 in Monika Herz, Spiritualität, Wirtschaft

logo_erlassjahr_de„Wärst du nicht arm, wär ich nicht reich“, fasst Bertolt Brecht die Prinzipien unserer Wirtschaftsordnung zusammen. Schulden und Vermögen in der Welt wiegen einander auf – ein Nullsummenspiel, aber ein ebenso grausames wie widervernünftiges. Denn Reiche horten weitaus mehr als sie jemals selbst verfuttern können, und Arme dürfen sich im Schuldendienst abrackern. Die griechische Regierung erlebt es gerade eben wieder, wie unduldsam Gläubiger sind, wenn sie ihren Geldspeicher nicht weiter auffüllen dürfen. Dabei war das mal anders. Erlassjahre für Schulden gab es schon im alten Israel. Monika Herz vermischt in der ihr eigenen Art in diesem Artikel Ökonomie, Mathematik und Religionsgeschichte und kommt zu verblüffenden Ergebnissen. (Monika Herz)

Geld ist ein ziemlich interessantes Ding. Wenn ich mir die Welt so anschau, dann glaube ich manchmal, „man“ könnte sie, die Welt, mit Geld heilen. Wenigstens ein bisschen. Riesige Ströme von Geld in allen möglichen Farben und Namen rasen täglich um die Welt und entfalten Wirkungen. Zum Beispiel ist die Wirkung „Krieg“ die direkte Folge davon, dass zuvor Geld in die Entfachung eines Kriegs geflossen ist. Schließlich kostet der „Spass“ was. Für Kriege werden astronomische Summen ausgegeben. Bevor das Geld ausgegeben wird, wird es erzeugt. Und zwar direkt aus dem Nichts, aus einem „leeren Raum“ heraus. „Fiat-Geld“, so heißt unser Geld und das heißt übersetzt „Es werde Geld“. Einfach so. Im Moment ist es so, dass in der ganzen Welt Billionen von Geldern in den verschiedensten Kanälen von hier nach dort fließen. Genau gesagt handelt es sich weltweit um 199 Billionen Euro. Diese Billionen sind das Gesamt-Welt-Vermögen – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sind die Billionen die Gesamt-Welt-Verschuldung. Weil alles Geld immer in Form von Schulden in die Welt gesetzt wird. Am Ende, also jetzt in diesem Moment, kommt heraus, dass das Gesamt-Weltvermögen und die Gesamt-Weltverschuldung identisch sind. Und zwar Null. Das heißt, weil alles erzeugte Geld als Schulden in die Welt kommt und zur gleichen Zeit als Vermögen bei jemandem landet, ist das, was an Geld übrig bleibt, eigentlich gleich NULL! Die Schulden der Einen sind das Vermögen der Anderen.

Geld-Vermögen und Geld-Schulden sind quasi miteinander verheiratet. Für mich schaut es so aus, als würden die beiden keine besonders glückliche Ehe führen.

Die Erzeugung von Geld aus dem NICHTS und das Ergebnis NULL (Vermögen abzüglich Schulden) find ich persönlich absolut faszinierend. Für mich ist die Null eine Magical-Mystery-Zahl. Sie fasziniert mich mehr als alle anderen Zahlen. Obwohl von der Null noch nicht einmal ganz sicher ist, ob sie überhaupt eine natürliche Zahl ist. Oder ob sie nicht vielmehr ein neutrales Element, quasi eine Vermittlerin ist.

Ich bin Heilerin. Meine bevorzugte Heilmethode, das spirituelle Heilen, entsteht genauso wie das Geld einfach aus heiterem Himmel. Aus dem „Nichts“, aus einem „leeren Raum“ heraus. Eigentlich müsste „die Leerheit“ hier besser erklärt werden. Denn genau genommen heißt es „leer von unabhängiger Existenz“. Ein schwieriges philosophisches Thema. Die Null ist für mich ein Symbol, um die schwer zu verstehende „Leerheit“ leichter zu begreifen. Die Null macht ja auch nur in Abhängigkeit von einer anderen Zahl überhaupt erst Sinn. Dass die ganze Welt eigentlich „Null Geld“ hat, macht nur in Abhängigkeit zu den Billionen Vermögen und zu den Billionen Schulden einen Sinn.

Mathematik ist für mich eine spirituelle Disziplin. Unendlichkeiten in unzähligen verschiedenen Dimensionen werden hier bewiesen. Mathematiker beschäftigen sich auch mit „intuitionistischer Logik“ – also mit einer Logik, die den gestrengen Kriterien der Mathematik standhält, aber irgendwie intuitiv entstanden ist. Intuition entsteht ebenfalls direkt aus so einem „leeren Raum“ heraus. Eine Intuition, ein „ahnendes Erfassen“ taucht direkt und spontan im Geist auf, und zwar dort, wo der Geist zuvor leer war. Der menschliche Geist ist wie ein Gefäß, in dem sich Gedanken und Ahnungen sammeln. „Intuitionistische Logik“ ist nach Kurt Gödel (österreichischer Mathematiker, 1906-1978) dann erforderlich, wenn „Etwas“ nicht entweder wahr oder nicht wahr ist. Nach dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz gibt es Aussagen, die weder beweisbar noch widerlegbar sind. Gödel hat die Mathematiker mit seinem Unvollständigkeitssatz damals (1930) total vor den Kopf gestoßen. Die Mathematik wollte doch DIE Wissenschaft sein, in der es definitiv nur wahre oder falsche Aussagen gab. Mathematik sollte eine Festung sein in der Welt der Irrtümer.

Und da kam dieser Gödel und sagte quasi: „Das könnt ihr vergessen!“. Er war erst 24 Jahre jung, als er den legendären Satz von der Unvollständigkeit verkündete. Aufgebaut war sein Satz auf brillianter Logik. Gödel gilt heute als der Logiker schlechthin. Gödel scheute sich nicht vor der Logik von Paradoxien. Zum Beispiel ist es nicht möglich, den Satz „Dieser Satz ist falsch“ – ein sog. „Lügner-Paradox“ – zu beweisen. Wenn der Satz wahr wäre, dann würde ja nicht stimmen, dass der Satz falsch ist. Wenn der Satz aber falsch wäre, dann wäre nicht wahr, was drinsteht, nämlich, dass er falsch ist. Von solchen Paradoxien kriegt man entweder Hirnkrämpfe oder aber man wird spontan erleuchtet. Im Zen-Buddhismus bekommt man solche Paradox-Sätze ständig als Hausaufgabe mit. Es ist gar nicht so einfach mit der intuitiven Erhellung des Geistes. Aber andererseits ist es total einfach: Wenn die Wahrheit da ist, ist sie einfach da. Aber was ist schon „Wahrheit“? Ich persönlich neige dazu, vor dem Begriff zu kapitulieren.

Ist der Satz „Geldvermögen ist gleich Geldschulden“ eigentlich auch ein Paradox? Intuitiv würd ich sagen: Ja. Denn einerseits ergibt alles Geld gleich Null, wenn man die Vermögen mit den Schulden verrechnet. Und andererseits leben wir in der Wirklichkeit in einem System, in dem Geldvermögen durchaus nicht Null ist. Und wer Schulden hat, hat leider auch nicht Null Schulden. Theoretisch aber könnten wir eine neue Geldsystem-Wirklichkeit erschaffen, in der wir wieder von vorne mit Null anfangen. Wäre gar nicht schlimm. Die Welt würde nicht untergehen, sondern eine neue Wirklichkeit könnte beginnen.

Das spirituelle Heilen hat auch mit Intuition zu tun. Heilenergie entsteht spontan im Geist, im Bewusstsein. Dort wo vorher der Geist eines Kranken „leer von Gesundheit“ war, taucht die heilsame Energie auf. Diese Energie wird vom Kranken angenommen (oder auch nicht) und entfaltet seine Wirkung (oder eben nicht). So kommt es, dass ich in der Art und Weise, wie Geld entsteht und vergeht, einen Hinweis darauf sehe, wie man „die Welt“ ein bisschen heiler machen könnte. Weil man mit Geld einfach viel heilen kann. Armut zum Beispiel, eines der größten Leiden in der Welt. Armut zieht unendlich viel Elend und Krankheiten hinter sich her. Armut lässt sich mit Geld definitiv heilen. Auch Umweltzerstörung lässt sich mit Geld heilen. Auch Krieg lässt sich mit Geld heilen. Das einzig Gute am Krieg ist nämlich, dass danach mit viel Geld alles, was zuvor kaputt gemacht wurde, wieder aufgebaut wird. „Jemand“ macht ein gutes Geschäft daraus, dass zuerst zerstört und dann wieder aufgebaut wird. Man könnte die Menschen aber auch ohne Krieg neue, bessere Häuser bauen lassen. Indem man das dafür nötige Geld zur Verfügung stellt. Mit Fiat-Geld: „Es werde Geld!“ Wieso sollte das nicht gehen? Geld zu erzeugen fürs Kaputtmachen, geht ja auch.

Irgendwo habe ich mal gelesen, mit dem Geld, das Kriege kosten, könnte man theoretisch jeder Familie ein wunderschönes Haus hinstellen. Wenn schon gespart werden soll, dann wäre es doch viel sinnvoller, am Kriegführen zu sparen. Dann könnte man sich das Geld, das für Kriege extra erzeugt wird, sparen und stattdessen das viele Geld gleich direkt ins Häusle-Bauen fließen lassen. Ist nur ein Beispiel. Man könnte auch Geld in gutes Essen, in Bildung, in Kunst, in Forschung, in die vielen schönen und guten Werte fließen lassen. Wenn WIR selbst Kontrolle darüber ausüben würden, für welche Zwecke und für wen Geld aus dem Nichts heraus erschaffen wird.

Komisch, dass mir dazu jetzt gerade intuitiv mein Besuch im Stephansdom zu Wien einfällt. Zufällig wurde damals einer meiner Lieblings-Verse aus der Bibel zitiert und ausgelegt: „Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen.“(Lukas 16, 1-13)

Da erzählt Jeshua die Geschichte von einem reichen Mann, der einen Verwalter hatte. Der Verwalter war angeklagt, den reichen Mann betrogen und dessen Vermögen veruntreut zu haben. Der reiche Mann forderte den Verwalter zur Rechenschaft auf. „Zeig mir deine Abrechnungen!“. Da wurde dem Verwalter mulmig zumute, denn er musste damit rechnen, seinen Job zu verlieren. Einen neuen Job bei einem anderen reichen Mann konnte er sich abschminken. Wer würde jemanden als Vermögensverwalter einstellen, der des Betrugs überführt ist? Seine Existenz stand auf dem Spiel. Da kam ihm eine gute Idee. Er ließ alle Gläubiger des reichen Mannes zu sich rufen und ließ sich deren Schuldscheine zeigen. Wer vorher 100 Fass Olivenöl Schulden hatte, der hatte nach dem Besuch nur noch 50 Fass Schulden. Wer vorher 500 Sack Weizen Schulden hatte, hatte nachher bloß noch 400 Sack Schulden. So ging es immer weiter und so machte sich der Verwalter Freunde. Er hoffte, nach seiner unehrenhaften Entlassung auf diese Weise Unterschlupf bei seinen neuen Freunden zu finden. Als der reiche Mann davon hörte, was der Verwalter getan hatte, lobte er ihn und sprach den mysteriösen Satz: „Die Kinder dieser Welt sind klüger im Umgang miteinander als die Kinder des Lichts!“ Im Anschluss an diese Geschichte gab Jeshua Belehrungen zum richtigen Umgang mit dem „Mammon“. Man solle sich mit „dem Mammon“ anfreunden, an dem so viel Unrecht hängt und gerecht, großzügig und weise damit umgehen. Damit man über den Umgang mit dem Mammon lerne, was die wirklich echten Werte sind. Nämlich Gerechtigkeit, Großzügigkeit und Weisheit.

Sich mit „dem Mammon“ anfreunden, das heißt für mich, zu verstehen versuchen, wie die Spielregeln sind. Zu fragen, woher es kommt, wohin es fließt, wie es verschwindet und wieder neu entsteht. Zu fragen, ob man die Fließrichtung nicht ändern kann. Zu fragen, ob man die Geldschöpfung nicht selber in die Hand nehmen könnte. Als Menschheit. Oder erstmal als Nation. Oder notfalls probeweise als Verein, wie es teilweise ja längst geschieht. Weil doch jeder sieht, dass sich das schöne Geld bei den einen völlig unnötig staut, während es bei den Anderen fehlt, wo es dringend gebraucht wird.

Das war jetzt eine lange Einleitung, wo ich doch eigentlich über die Pläne der neuen griechischen Regierung sprechen wollte. Die neue griechische Regierung will nämlich tatsächlich den Fluss des Geldes umleiten. Sie will also gerecht, großzügig und weise mit dem Mammon umgehen. Diese Linken! Haben die womöglich vor, das Lukas-Evangelium zu realisieren?

Ich schaue immer noch ab und zu bei den Piraten vorbei, obwohl die ja irgendwie völlig weg vom Fenster sind. Hinter dem Fenster, dort wo es niemand mitkriegt, gibt es bei den Piraten eine Gruppe, die einen offenen Brief „an die Griechen“ geschrieben hat. Aus diesem erfahre ich, was die neue griechische Regierung eigentlich wirklich will und was sie alles versprochen hat.
• Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen, damit auch der wohlhabende Teil der griechischen Bevölkerung einen angemessenen Beitrag zur Lösung der Krise leistet.
• Eine Wende in der Abwärtsspirale von Einkommen und Produktion hin zu einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum, damit auch für die breite Bevölkerung ein menschenwürdiges Leben möglich wird.
• Akzeptanz griechischer Staatsanleihen mit sehr langer Laufzeit, um so den akuten Schuldendruck Griechenlands temporär zu mildern.
• Die Rolle der EZB so zu ändern, dass sie Staaten und öffentliche Investitionsprogramme finanziert.
• Drastische Reduzierung der Militärausgaben.
Komisch, dass ich das in der „Lügenpresse“, die natürlich nicht lügt, sondern mich täglich mit der Wahrheit bombardiert, nicht erfahren habe. Von dieser „Wahrheitspresse“ also habe ich nur gehört, dass die Griechen angeblich Europa und den Euro kaputtmachen wollen. Die Piraten aber wünschen dem Projekt der Griechen viel Glück. Das tu ich auch: Viel Glück!

Die geplanten Maßnahmen der neuen griechischen Regierung sind allerdings viel komplizierter als es in der Geschichte von dem Verwalter und dem reichen Mann damals vor 2000 Jahren der Fall war. Die Welt ist komplexer geworden. Aber im Grunde geht es um dasselbe: nämlich denen, die Schulden haben, einen guten Teil der Schulden zu erlassen. So dass der reiche Mann am Ende weniger Forderungen hat als zuvor. Schuldenerlass war damals übrigens Teil der ganz normalen zyklisch wiederkehrenden gesellschaftlichen Ordnung. Es war ein vorgeschriebenes Gebot der Thora (Lev 25,8-55). Zeitgleich wurde dann auch gleich noch eine Bodenreform durchgeführt, wurden alle Sklaven freigelassen. Alle 7 mal 7 Jahre gab es damals so ein „Jubeljahr“.

Im Gegensatz zu unserem „christlichen“ Finanzminister von heute, findet der reiche Mann in der Geschichte von Jeshua das spontan vom Verwalter inszenierte Jubeljahr richtig gut und lobt ihn sogar noch für sein Tun! Dass der reiche Mann jetzt „nur“ 50 statt 100 Fass Öl von seinen Schuldigern fordern konnte, scheint ihm egal zu sein. Schließlich kann er weder 50 noch 100 Fass Öl allein verspeisen. Wenn der reiche Mann stirbt, kann er letztlich kein einziges Fass Öl mitnehmen. Das einzige, was von ihm übrig bleibt, ist der Geist, den er in der Welt hinterlässt. Und das einzige, was da zählt, ist, ob es ein Geist war, der Schaden angerichtet hat oder ein Geist, der Frieden gestiftet hat.

Ziehe ich jetzt eigentlich die richtige logische Schlussfolgerung, wenn ich meine, die Linken und die Piraten wären 1000mal christlicher als die „C“-Parteien? Ist es nicht wunderbar, wie viele Nullen in der Wendung „1000mal christlicher“ drin stecken?

Links:
https://www.piratenpartei.de/2015/02/17/griechenland-hoffnungsschimmer-fuer-europa/

http://www.flassbeck-economics.de/mckinsey-spiegel-schulden-artikel-die-welt-versinkt-in-dummheit/

http://www.erlassjahr.de/

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