Selbst das Ende der «Rettungen» rettet Griechenland nicht!

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

130. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ „Vor der Krise war der griechische Staat pleite, jetzt sind es viel Griechen selber“, fasst die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine die Ereignisse der letzten Jahre zusammen. Erfrischend, wenn auch im „Mainstream“ einmal ein Stück Wahrheit durchschimmert. Insgesamt singen die Medien aber in diesen Tagen wahrheitsunabhängig das Heldenlied vom „geretteten“ und „befreiten“ Griechenland, das sich nach drei von den Europäern gnädigerweise gewährten „Hilfstranchen“ auf dem Weg der Genesung befindet. Nichts könnte falscher sein. Und während mancherorts wehleidig beklagt wird, „Deutschland“ habe bei der Griechenlandretterei eigentlich nur draufgezahlt, haben die Menschen vor Ort oft nicht mal mehr das Geld für Essen, Miete und Medikamente. Gewinner bei dem bösen Spiel waren vor allem die Gläubigerbanken, um deren „Rettung“ es eigentlich ging. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

merkwürdig genug: der heutige Tag, der 20. August 2018, wird von Tsipras & Co. als der große Tag der Befreiung gefeiert, aber „Befreiung“  wovon? Wenn wir der Propaganda der Euro-Staaten glauben wollen, als Tag der „Befreiung“ von etwas, das eben diese Euro-Staaten stets als Politik der „Rettung“ oder „Hilfe“ für Griechenland gefeiert haben. Wie kann man aber als „Befreiung“ feiern, was angeblich das Ende von „Hilfe“ und „Rettung“ ist? Wie kann man das feiern in einem Land, das dank dieser „Rettung“ und „Hilfe“ am Boden liegt, mit einer Bevölkerung, der es heute, von den Allerreichsten abgesehen, schlechter geht als vor Krisenbeginn, im Jahre 2010, und zwar schlechter geht gerade wegen dieser sogenannten „Hilfs“- und „Rettungs“-Politik?

Nun, ich komme darauf noch zurück. Ich werde auch nochmals darauf  hinweisen, dass es ab diesem heutigen Tag, dem „sagenhaften“ 20. August, weitergehen wird mit schärfster Überwachung dieses zugrundegerichteten Griechenland. Vorher aber ein paar Angaben zu unserer Hilfs- und Protestaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“. Selbstverständlich ist da viel Bescheidenheit im Spiel, gleichzeitig aber auch Hilfe, kleine, bescheidene Hilfe für manche notleidenden Menschen in Griechenland. Zunächst also, wie schon gewohnt, zu den neuesten Spendenzahlen:

Während der letzten sieben Tage gingen 380,- Euro, überwiesen von 3 UnterstützerInnen, auf unserem IHW-Konto ein. Das stellt gegenüber der Vorwoche, da 564,- Euro auf unserem Hilfskonto landeten, überwiesen von 6 SpenderInnern an uns, „natürlich“ einen Rückgang dar. Gleichwohl aber meine ich, dass diese 380,- Euro, die während der dritten Augustwoche bei uns gelandet sind, eher als Zeichen Eurer Beharrlichkeit zu werten sind, als Zeichen der Hilfsbereitschaft, die auch drei Jahre nach Beginn unserer Spenden- und Protestaktion für die Menschen in Griechenland nicht zu versiegen droht. Dank also erneut für Euren Beistand, und Dank natürlich erneut im Namen des gesamten OrganisatorInnenteams!

Dass wir den verarmten Familien auf Andros helfen werden, teilte ich Euch ja bereits in meinem letzten Hilfsbericht mit. Dort werden wir vor allem offene Rechnungen für Lebensmittel bezahlen können (direkter kann Überlebenshilfe wohl kaum zum Ausdruck kommen), aber ein weiteres Mal wird auch Krankenhilfe erforderlich sein. Andreas, der zehnjährige Bruder von Dionysis, der schon seit langem zu den von uns betreuten Kindern in Griechenland zählt, bedarf nun ebenfalls unserer Unterstützung. Bei ihm ist erst jetzt eine Gaumenanomalie entdeckt worden, die zumindest ein ganzes Jahre lang behandelt werden muss und für deren Therapie die griechische Krankenkasse, die IKA, keinerlei Kosten (ca. in der Gesamthöhe von 1.000,- Euro) übernimmt.

Allein ein solches Beispiel zeigt, was aus diesem Griechenland geworden ist, bei aller „Retterei“ und „Helferei“ von Seiten der Euro-Staaten: selber nämlich ein einziger „Krankheitsfall“. Und zwar ein „Krankheitsfall“, zu dessen Entstehung seit einiger Zeit auch die SYRIZA ihren Beitrag leistet. Womit ich auch schon – ein weiteres Mal – bei der Darstellung und Analyse der Gesamtsituation in Griechenland bin. Und beginnen möchte ich mit dem, was ein Alexis Tsipras seinerzeit – im Januar 2015 war das – seinen WählerInnen versprochen hatte. Ich zitiere aus einer Rede von ihm:

„Wir besiegen die Furcht. Heute eröffnen wir die Straße zur Hoffnung. Wir tun das mit großer Geschlossenheit und mit großem Stolz. Für ein Griechenland mit sozialer Gerechtigkeit und mit Wohlstand. Wir werden ein gleichberechtigtes Mitglied Europas sein, das sich verändert. In einem Europa der Menschen und der Solidarität. Wir sind optimistisch, dass uns die Zukunft gehört und wir werden gewinnen.“

Nein, keines dieser Versprechen hat die SYRIZA-Regierung eingelöst. Im Gegenteil, um aus einem Bericht des „Deutschlandfunks“ (DLF) vom 16. August zu zitieren: Tsipras hat „als linker Politiker den Spar- und Reformkurs härter durchgesetzt als es jeder Konservative je getan hätte“. Zwar müssen die Kredite (zur Rückzahlung von Krediten) von Seiten Griechenlands an die Euro-Staaten nicht schon ab 2023 zurückgezahlt werden (mit einem „Risikoaufschlag“ von insgesamt 4,5 Prozent!), sondern erst ab 2033, zwar laufen manche Darlehen an Griechenland jetzt über 42 Jahre bis ins Jahr 2060 hinein, was in den kommenden Jahrzehnten eine Kostenersparnis von 34 Milliarden Euro mit sich bringen soll.

Aber die Not in Griechenland ist damit nicht kleiner, sondern größer geworden, so die „Frankfurter Rundschau“ in einem heutigen Bericht über die Situation in dem kaputtgeretteten Griechenland – unter dem Titel „Die Menschen werden noch mehr leiden“, das nur nebenbei –, und selbst die DLF-Autoren Theo Geers und Michael Lehmann konzedieren am Ende ihres DLF-Beitrages vom 16. August dieses Jahres: „In Wahrheit (…) wird erst das nächste Jahr entscheiden, ob Griechenland wirklich über den Berg ist“.

Ich füge hinzu: bestenfalls wird dieses bereits im kommenden Jahr der Fall sein. Realistischer dürften die Befürchtungen sein, dass es mit dem griechischen Leid auch 2019 noch nicht sein Ende haben wird. Griechenland, seit einiger Zeit schon das Land der Armenküchen und wachsenden Obdachlosigkeit, der Enteignungen und fehlender Job-Perspektiven, des Exodus‘ von rund 600.000 meist junger und höchstqualifizierter Arbeitskräfte sowie Firmenpleiten im mehrfach fünfstelligem Zahlenbereich, dieses Griechenland steht noch lange nicht vor dem von Tsipras im Januar 2015 zugesagten Glück. Um es mit den Worten eines griechischen Rentners zu sagen, der in dem genannten DLF-Bericht (mit dem Titel „Von deutscher Strenge und griechischem Leid“) zu Worte kommt:

„Die linke Regierung hat uns verarscht, unser Leben wurde in Fetzen gerissen. Wir können nicht mal unseren Kindern helfen. Wir sind mit einer ehrwürdigen Pension in den Ruhestand gegangen und haben geglaubt, davon auch gut leben zu können. Aber leider will die Regierung, dass wir möglichst früher sterben.“

Selbst der Kommentator der „Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen“ (HNA), unseres Regionalblattes hier, Politikredakteur Detlef Drewes, brachte diesen Sachverhalt mit dem folgenden Satz auf den Punkt:

„Vor der Krise war der griechische Staat pleite, jetzt sind es viel Griechen selber.“

Konsequent bezeichnet der betreffende Journalist in der heutigen Ausgabe der HNA gegenteiliges Optimismusgetöse auch als „Lobhudelei“, etwa die Aussage des Eurogruppen-Chefs Mario Centeno, den Drewes mit den Worten zitiert: „Es ist geschafft. Wir haben nach dieser langen und schwierigen Anpassung eine sanfte Landung hinbekommen“ (an diesem Satz ist richtig nur, daß Griechenlands „Reise“ während der letzten Jahre mit einem „Sinkflug“ verglichen wird). Und in dieselbe Kategorie selbstbeweihräuchernder „Lobhudelei“ fällt für Detlef Drewes auch das Propagandagefasel von Pierre Moscovici, dem EU-Währungskommissar: „Die griechische Krise ist (…) vorbei“.

Mit der Überschrift „Athen ist noch lange nicht gerettet“ widerspricht der HNA-Redakteur bereits im Titel zu seinem lesenswerten Bericht über das „Rettungs“-Ende der Euro-Staaten-Politik gegenüber Griechenland diesen narzißtischen Selbstbelobigungen der europäischen Politiker, und er beschließt seinen Artikel mit dem Begriff der „Augenwischerei“ sowie mit dem Satz: „(…) von einer Rettung Athens kann (…) noch lange keine Rede sein“. Staunenswerte Aussagen, staunenswerte Klarheit, die ich so – ich räume es ein – von „unserer“ HNA nicht zu erwarten wagte! Und deswegen teile ich an dieser Stelle auch noch die folgenden Aussagen des HNA-Redakteurs Detlef Drewes mit (Ehre, wem Ehre gebührt!). Zum Beispiel diese hier:

„(…) die Annahme, dass man sparen muss, um mehr Einnahmen zu erzielen, hat zumindest bisher nicht funktioniert. Griechenland steht am Ende der Hilfsprogramme nicht weniger gefährdet da als vorher.“

Oder auch diese Erkenntnis:

„Unterm Strich ist die Reform eines überbordenden und unbezahlbaren Sozialsystems zu dessen Demontage geworden.“

Des weiteren auch diese Feststellungen noch:

„Hinzukommt, dass die Währungsunion einen Überwachungsmechanismus und Auflagen für das Land geschneidert hat, die unrealistisch erscheinen. So soll das Land bis 2022 einen Primärüberschuss (Staatseinnahmen ohne Schuldendienst) von rund 3,5 Prozent und danach bis 2060 von 2,2 Prozent erwirtschaften. Ein derart permanentes Plus über mehr als vier Jahrzehnte hat noch nie ein Land erreicht.“

Und abschließend sei auch diese Aussage des HNA-Redakteurs noch zitiert (wobei ich das mit der „Überforderung“ der Euro-Partner anders sehe als er):

„Tatsächlich waren die Euro-Partner jahrelang überfordert und butterten immer neue Finanzinstrumente und Hilfspakete nach, bei denen es mehr darum ging, die eigenen geldgebenden Banken zu stabilisieren als den Griechen zu helfen.“ (Hervorhebung im Fettdruck von mir; HP)

Ich sage sehr gern: manchmal freut es mich doch, solche Sätze auch in einer „bürgerlichen“ Zeitung lesen zu können und nicht selber erst, in Gemeinschaft mit anderen „linken“ Kritikern, formulieren zu müssen.

Und hiermit, erneut und wie immer an dieser Stelle, meine Bitte um Spendengelder von Euch. Abschließend also die obligaten Hinweise dazu:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“,  der überweise uns bitte Spendengelder auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 200,- Euro erforderlich -, wende sich bitte an unseren neuen Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen ,oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „IHW“ versehen. Wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

 

Anzeige von 4 kommentaren
  • Peter Boettel
    Antworten
    Und seltsamerweise, nachdem  besonders Deutschland durch Schäuble und Merkel, leider auch mit Unterstützung der SPD, Haupttreiber der menschenfeindlichen Austeritätspolitik war, will Nahles ungeprüft dem Nicht-EU-Mitglied Türkei, wo fast jede Woche deutsche eingesperrt werden, Geld zukommen lassen, nachdem bereits mehrere Milliarden dorthin transferiert wurden, damit Erdogan Kriege führen kann.

    Aber dem EU-Mitglied Griechenland, und dort nicht einmal den Menschen, werden nur Hilfen unter unmenschlichen Auflagen zugebilligt, obwohl Deutschland gerade gegenüber Griechenland in der Schuld steht.

    Mir geht jedesmal das Messer in der Tasche auf, wenn ich an diese S…denke.

    • Piranha
      Antworten

      Mir geht jedesmal das Messer in der Tasche auf, wenn ich an diese S…denke.

      Ja, so, lieber Peter, gehts mir auch, denk ich an gierige Lügenschweine, die den großen Reibach mit dem Elend anderer machen.

      Und die Medien?

      Ein ganz kleines bisschen Kritik, ein ganz kleines bisschen Mitleid… und die nächste Rentenkürzung im Januar wird erwähnt, nicht aber, was es bedeutet für die, die eh kaum leben können.

      „Das Leben bleibt bescheiden, aber die Griechen haben Hoffnung bekommen“

      spricht ARD-Griechenland-Korrespondent Christian Buttkereit

      Hier nachzuhören: https://www.sr.de/sr/sr3/themen/panorama/griechenland_nicht_mehr_rettungsschirm100.html

      Und als sei es nicht genug: Lohnkosten für die Arbeitgeber gesenkt und Steuern für die Arbeitnehmer erhöht.

      Da stört mich schon – was es immer tat, auch bei uns hier – der Begriff „Lohnkosten“. Aber darüber rede ich ein ander Mal – vielleicht, das gehört nicht  hierher.

      350 Milliarden Schulden sollen es geschätzt Ende 2018 sein.

      Also 50 Milliarden mehr als 2010!!

      Ich fürchte, mit allem, was wir bis jetzt wissen: Griechenland wird auf nicht absehbare Zeit nicht mehr den GriechInnen gehören.

       

       

       

  • Volker
    Antworten
    Dazu Paul Craig Roberts: Völkermord an der griechischen Nation

    Die Erklärung, dass die griechische Krise vorbei ist, ist lediglich eine Erklärung, dass es nichts mehr gibt, was man dem griechischen Volk für die Interessen der ausländischen Banken entnehmen kann. Griechenland sinkt schnell. Alle Einnahmen aus Seehäfen, Flughäfen, Stadtwerken und dem Rest des öffentlichen Eigentums, der gewaltsam privatisiert wurde, gehören nun Ausländern, die das Geld aus dem Land nehmen und damit die griechische Wirtschaft weiter nach unten treiben.

    hier weiterlesen>>

    • Peter Boettel
      Antworten
      Ein sehr guter Artikel, leider wird er nicht von denen gelesen, die die ganze Misere zu verschulden haben.

      Insbesondere sollte sich Deutschland schämen, nach den Greueltaten im 2. Weltkrieg (s. auch das Buch von Wolfgang Schorlau, Der grosse Plan) dem griechischen Volk durch die Austeritätspolitik und der Aneignung der größeren Flughäfen und gleichzeitigen Abwälzung der Kosten für diese Flughäfen auf den Staat, die Luft zum Atmen genommen zu haben, während andererseits Griechenland dem Londoner Schuldenabkommen, durch das Deutschland die Kriegsschulden erlassen wurden, zugestimmt hatte.

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