Soll Griechenland weiter herunterverhandelt werden in bitterste Not?

 in Holdger Platta, Über diese Seite

58. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“„Wenn Herr Schäuble das gesehen hätte, was ich heute gesehen habe, und ein Herz in seiner Brust schlagen sollte, würde er seine Haltung gegenüber Griechenland ändern und seine Aussage, dass die Griechen nach wie vor über ihre Verhältnisse leben, revidieren.“ So unser Vor-Ort-Helfer in Griechenland, Tassos Chatzatoglou. Eigentlich aber müsste Wolfgang Schäuble wissen, was abgeht. Und falls er es wirklich nicht weiß, will er es wohl nicht wissen. Seit 2010 gibt es das Phänomen, das unter dem Namen „Griechenlandkrise“ bekannt geworden ist und eigentlich eine Krise von Menschlichkeit und Demokratie in ganz Europa ist. Da sollte man meinen, dass ein Umlenken angesagt wäre, eine Beendigung der zerstörerischen Austeritätspolitik, wenigstens eine Abmilderung der schlimmsten sozialen Not. Nichts dergleichen. Europa drängt in Verhandlungen derzeit vehement auf eine Veränderung der Situation, und zwar – man staune! – auf ihre weitere Verschärfung und Verschlimmerung. Man weiß eigentlich gar nicht mehr, was man dazu sagen soll. Aber was man tun kann, liegt auf der Hand: weiter helfen und spenden, damit wenigstens einigen ein bisschen geholfen wird. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

nichts Genaues weiß man nicht: dennoch will ich zu Beginn des heutigen Artikels über unsere GriechInnenhilfe doch einige wenige Anmerkungen machen zu den Gesprächen, die derzeit in Athen geführt werden in Sachen „Rettungs“paket (ich denke, über die ideologische Verlogenheit dieses Begriffs muss ich Euch nicht mehr informieren).

Jawohl, seit Dienstag dieser Woche, seit dem 28. Februar, sind wieder Vertreter der sogenannten „Gläubigerseite“ in Athen: Vertreter der EU-Kommission, Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB), Vertreter des Euro-Stabilitätsmechanismus (ESM) und – man höre und staune! – sogar des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Jawohl, es soll um Schuldenerleichterungen für Griechenland gehen – ab 2018 vielleicht -, um – wie IWF-Chefin Christine Lagarde am Mittwoch dieser Woche unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel mitgeteilt hat – „längere Kreditlaufzeiten und Zinserleichterungen“ für Griechenland. So weit, so gut, könnte man sagen. Aber in Wahrheit trifft eher das Gegenteil zu:

1. Christine Lagarde hat sich damit losgesagt von einem Schuldenschnitt für Griechenland. Der IWF ist nicht mehr im Boot, wenn es um – zumindest partielle – Schuldenbefreiung für Griechenland geht.
2. Die Auszahlung des – angeblich am 12./13. Juli 2015, also vor knapp zwei Jahren zugesagten – „Hilfs“pakets für Griechenland in der Höhe von 86 Milliarden Euro lässt damit weiter auf sich warten (nicht mal 26 Milliarden Euro Umschuldungs(!)beträge, mit heftiger Zinslast belegt, flossen bislang nach Griechenland).
3. Weiterhin aber, und dieses vor allem, wird die Ausbezahlung weiterer Kredit“hilfen“ für Griechenland – wie gesagt: zur partiellen, zinsbelasteten, Tilgung von Altkrediten des ausgebluteten und kaputtsanierten Griechenlands – abhängig gemacht von der Realisierung einer weiteren Kaputtmacherpolitik dort, von weiterer Absenkung – bereits jetzt: niedrigster! – Sozialstandards in Griechenland, von weiterer Zerstörung von Arbeiterrechten, von weiterer Belastung der eh schon überlasteten Menschen in Griechenland mit Steuern und sonstigen Abgaben, von weiteren Privatisierungen schließlich im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge in Griechenland. Konkret:
4. Erneut sollen Einkommenssteuern erhöht, Renten demgegenüber abgesenkt werden.
5. Erneut soll es Aufweichung von Kündigungsschutzrechten, von Tarifrechten für die arbeitenden Menschen in Griechenland geben.
6. Erneut soll die Versorgung der Menschen mit Wasser und Strom übergehen in die Hände kommerzieller Betreiber, also preissteigernde Profitinteressen das Regiment übernehmen im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge. Kurz:
7. Die unsägliche, die inhumane „Austeritäts“politik in Verbindung mit weiteren „Deregulierungs“-, sprich: Entrechtungsmaßnahmen für die Menschen in Griechenland soll fortgesetzt werden. Alles, was in volkswirtschaftlicher Betrachtung nur als Zerrüttungspolitik bezeichnet werden kann und, in menschenrechtlicher, in sozialer Hinsicht, als Zerstörung eines menschenwürdigen Gemeinwesens schlechthin, all das soll, nach Auffassung von EU-Kommission, EZB, IWF und ESM, weiter vorangetrieben und sogar verschärft werden in Griechenland. Zwar darf man konstatieren:

Noch hält Tsipras dagegen, im Bündnis vor allem mit den Gewerkschaften in Griechenland. Aber wie lange noch? Die griechische Schwesterpartei von CDU/CSU, die „Nea Dimokratia“, wittert Morgenluft, nähert sich bei Umfragewerten einer Zustimmungsquote von 30 Prozent (während die Syriza allmählich auf die 15-Prozent-Marge zusteuert). Wie wird also dieser Kampf in und um ein Land ausgehen, dem unerbittlich ein Schäuble nach wie vor bescheinigt, dass dessen Dahinvegetieren in Elend und Not in Wahrheit doch ein „Leben über den Verhältnissen“ sei? Mit einem Wort: Hungermüssen, Stromsperren, eiskalte Wohnungen, weil das Heizöl nicht mehr bezahlt werden kann – für Schäuble und Lagarde, für Merkel und Co. ein Lotter- und Luxusleben! Und es wird von diesem „Luxus- und Lotterleben“ noch sehr drastisch im heutigen Bericht die Rede sein, dank des Augenzeugenberichtes von Tassos Chatzatoglou. Doch zuvor, kurz wenigstens noch, die neuesten „Pegelstände“ bei uns, was SpenderInnen- und Spendenzahlen betrifft.

Nun, liebe HdS-Leserinnen und HdS-Leser, leicht, gleichwohl unverkennbar, stiegen bei uns die Unterstützungszahlen wieder an. Während der letzten sieben Tage zahlten 22 SpenderInnen 617,50 Euro auf das Hilfskonto bei uns ein, in der Vorwoche waren das nur 370,- Euro und 4 SpenderInnen gewesen! Ich danke Euch allen sehr für diese Hilfe, sehr auch für die immense Beharrlichkeit, mit der so viele unter Euch uns – und vor allem den drangsalierten Menschen in Griechenland! – die Treue halten. Das ermutigt uns alle, weiterzumachen – und weiterzukämpfen auch mit vergleichsweise kleinen Mitteln gegen ein riesengroßes Problem! Und: wie sehr das hilft, diese Hilfe im Einzelfall, wie bitter notwendig diese Hilfe ist und wie bitter die immense Not, gegen die solche Hilfe, ein bißchen jedenfalls, anzugehen versucht, das zeigt vor allem der neueste, der wiederum ungeheuer beeindruckende Bericht unseres Mitakteurs Tassos Chatzatoglou über seine jetzt noch andauernde Reise nach Griechenland. Ich veröffentliche seinen Hilfsreport vom Montag dieser Woche in voller Länge hier, zusätzlich versehen mit zwei Fotos, die auf dieser Hilfsfahrt entstanden sind:

„Lieber Holdger, liebe Alle,

nach elfstündiger Fahrt durch Ex-Jugoslawien erreichte ich die griechische Grenzstation Idomeni. Nichts erinnert dort noch an die schrecklichen Verhältnisse mit den Tausenden von Flüchtlingen, die dort vor einiger Zeit monatelang in Zelten ausharrten mussten. Nach einem kurzen Gespräch mit der Zöllnerin wurde ich mit der griechischen Realität konfrontiert. Die Zöllnerin hinter ihrer Glasscheibe begutachtete meinen Reisepass und fragte mich, wie lange ich schon in Österreich lebe. Ich antwortete: seit meinem 19. Lebensjahr. „Aha“, sagte sie, „1970, damals hatten wir Diktatur. Damals verließen sehr viele junge Leute haben Griechenland. Heute verlässt unsere Jugend wieder Griechenland, obwohl wir keine Diktatur haben“. Und im gleichen Atemzug fragte sie mich: Kann man die EU als eine Diktatur bezeichnen?“ Ich gab Ihr keine Antwort. Ich erreichte Thessaloniki, wo ich auch übernachtete.
Am nächsten Tag traf ich Freunde, die uns in der Vergangenheit bei einigen Fälle mit Recherchen geholfen hatten. Sie berichteten mir über unseren Schützling Sofia. Sie hat derzeit Probleme wegen eines Formalfehlers bei der Verhandlung über einen alten Baukredit bei ihrer Bank. Es besteht akute Gefahr, ihre Wohnung zu verlieren. Wir werden weiter über den Verlauf der Verhandlungen von Sofia I. mit der Bank informiert.
Am Nachmittag fuhr ich weiter nach Athen. Am Samstag kaufte ich bei Sklavenitis, Filiale Kesariani, Essensbons. Ein paar Telefonate mit unseren Schützlingen haben mich allerdings nachdenklich gestimmt. Nach jedem Gespräch, das ich geführt hatte, stellte ich ein Gefühl der Erleichterung bei meinen Gesprächspartnern fest. Sie wissen, dass wir sie – solange es Spendengelder gibt – nicht fallen lassen.

Ich besuchte Chara, die Mutter von Dionysis. Die Kinder mit ihrer Offenheit fragten mich, ob ich derjenige bin, der für die Spaghetti von Dionysis sorgt. Ich habe versucht, es ihnen zu erklären. „Nein, ich bin es nicht alleine“, sage ich, „wir sind viele, die sich um die Kinder Sorgen machen. Es sind viele, die Geld für sie schicken, weil sie sich um den kleinen Dionysis und andere Menschen sorgen. Sie alle leben im fernen Deutschland, Österreich und in der Schweiz.“ Der kleine Andreas fragte mich, wo Deutschland liegt. Manto wollte wissen, ob es in Deutschland viel Geld gibt, und der kleine Dionysis fragte mich, ob er mit dem Geld Chips kaufen kann! Der aufgeweckte Andreas stellte die Frage, ob ich für die Kinder, welche vor dem Krieg fliehen, eine Schule kaufen kann. Seine Lehrerin hat gesagt, die armen Kinder haben keine Schule. Gedanken eines griechischen 8-Jährigen. Die Begegnung mit den Kindern hat mich ein bisschen stolz gemacht, stolz, dass ich einer Gruppe angehöre, die solchen Kindern ein wenig deren Not lindert. Für den kleinen Dionysis ist unsere Hilfe sogar lebenswichtig, da die Familie dessen Spezialnahrung niemals selbst besorgen könnten.
Am 2.Tag meiner Reise fuhr ich nach Megara zu Familie K.. Die ältere Tochter fand mittlerweile Arbeit in einem Kleidergeschäft. Das, was sie verdient, reicht nicht für eine eigene Wohnung. Sie lebt deshalb bei ihrem Vater in Athen.

Die zweitälteste Tochter Georgia wohnt bei ihrer Mutter und fand Arbeit in Pachi, einer Kleinstadt in der Nähe. Sie ist sogar versichert, erzählte sie mir voller Stolz. „Die meisten arbeiten schwarz“, meinte sie. Angeliki ist bereits 15, gut in Mathematik, hat jedoch Probleme mit den anderen Fächern. Sie überlegt die Schule abzubrechen und eine Friseurlehre zu beginnen. Maria geht in die 6. Klasse Grundschule (im griechischen Schulsystem gibt es eine 6-jährige Grundschule, gefolgt von 3 Jahren Gymnasium und 3 Jahren Lyzeum). Nächstes Jahr komme sie aufs Gymnasium, erzählte sie mir ganz stolz. Rafaela ist 3 1/2 Jahre alt und sehr schüchtern. Die Familie hat Nachwuchs: Ein Hund – ein zugelaufener Streuner – empfing mich am Tor. Das Tor war mit einem Vorhängeschloss verriegelt. Nach dem Einbruch letztes Jahr hat die Mutter das Tor repariert und verschlossen. Der Hund hatte die Familie gefunden. Er schlief die ganze Nacht vor dem Tor. Tagsüber kam er wieder, um wieder seinen Schlafplatz vor dem Tor einzunehmen. Nach dem dritten Tag meinte die kleine Maria zu ihrer Mutter: „Der Hund weiß, dass wir nichts haben, aber er hat selbst auch nichts, und er sollte deshalb bei uns bleiben“. Der Hund hat die Familie ausgesucht und die Mutter fühlt sich nun sicherer. Jetzt lebt der Hund bei der Familie, die Großmutter bringt Futter, das sie in den Tavernen der Ortschaft sammelt. Allerdings gibt es ein großes Problem: der Hund ist weder geimpft noch entwurmt und stellt vor allem für die kleine Rafaela, die ihn abgöttisch liebt, möglicherweise eine gesundheitliche Gefahr dar. Deswegen möchte ich mit dem Hund einen Tierarzt aufsuchen, um ihn untersuchen, entwurmen und impfen zu lassen.
Panagiota, die alleinstehende Mutter von 5 Kindern, lebt nach wie vor unter unvorstellbar schlechten und menschenunwürdigsten Bedingungen in einer Baracke. Der Bericht von Bettina Beckröcke anlässlich ihres Besuches im letzten Sommer hat nur einen Bruchteil dessen beschrieben, was ich gesehen habe. Ich war schon mal da, hatte es damals jedoch nicht in dieser intensiven Form wahrgenommen. Mir kamen die Tränen. Diese Behausung ist eine Ruine. Die Leitungen in dem längst abbruchreifen Haus sind nach einem Kabelbrand verschmort. Der Strom wird nun mittels Kabel vom Nachbar geliefert. Es ist lebensgefährlich, in dem Kabelwirrwarr zu leben, vor allem für die kleine Rafalea.

Das Dach ist nach wie vor undicht. Es gibt kein einziges Bett, alle schlafen auf alten Matratzen, die sie auf dem Boden ausgelegt haben. In einem Flüchtlingslager wäre diese Familie wohl besser aufgehoben. Ich denke an die Worte von Bettina Beckröge: die Lösung wäre, für die Familie ein ordentliches Haus zu finden, da die Sanierung der Bruchbude ein Fass ohne Boden ist. Hinzu kommt das Problem dazu, dass der Vermieter des Hauses nicht auf meinen Vorschlag eingegangen ist, die Kosten der Sanierung mit der Miete gegenzurechnen. Es besteht auch die Gefahr, dass er nach der Sanierung die Familie auf die Straße zu setzt. Frei nach dem Motto: jetzt ist das Haus saniert und er kann teurer vermieten.
Wir müssen ernsthaft den Vorschlag von Bettina Beckröge verfolgen und an die Finanzierung einer anderen Unterkunft denken, und zwar schnellstens. Das ist die einzige Lösung für die Familie. Wenn wir die 3 Monatsmieten Kaution sichern könnten, wäre der erste Schritt getan. Laut dem Lebensgefährten der Großmutter gibt es in der Gegend Häuser, die um 150 €/Monat zu mieten wären. 100 € könnte Frau K. aufbringen, die Differenz von ca. 50 € könnte von uns zusätzlich zu Bettina Beckröges Patenschaftsspende aufgebracht werden. Aber die Familie muss da raus!!! In diesem Zusammenhang möchte ich an Holdgers letzten Aufruf erinnern, und alle HdS-Leserinnen und -Leser bitten, zweckgebunden für die Familie in Megara zu spenden.
Auf die weiteren Verhältnisse, in denen die Familie lebt, will ich aus Pietätsgründen nicht eingehen.
Eines aber möchte ich noch erwähnen: wenn Herr Schäuble das gesehen hätte, was ich heute gesehen habe, und ein Herz in seiner Brust schlagen sollte, würde er seine Haltung gegenüber Griechenland ändern und seine Aussage, dass die Griechen nach wie vor über ihre Verhältnisse leben, revidieren. Anderenfalls müsste ich glauben, der Mann hat kein Herz, in seiner Brust pumpt eine leblose, gefühllose, mechanische Pumpe, die nur Hass und Bitterkeit und Gift versprüht.
Herzliche Grüße aus Athen, Euer Tassos“

Ich denke, liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser, dass ich diesem Bericht von Tassos Chatzatoglou kein Wort hinzufügen muss und gleich meine obligaten Schlusshinweise anfügen darf:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“, wer ganz speziell das oben erwähnte Hilfsprojekt in Megara mitfinanzieren möchte (dann bitte zusätzliches Stichwort „Megara“!) und wer auch uns Akteure wieder mal mit Organisationsgeldern helfen will (dann bitte unter dem Stichwort „HDS“), der überweise uns bitte Spendengelder auf das folgende Konto:
Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE
Und hier nochmal die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):
Peter Latuska
Theodor Heuss Str. 14
37075 Göttingen
Email: latuskalatuska@web.de
Mit herzlichen Grüßen
Euer Holdger Platta

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