Spiritualität, Religion, Esoterik, Mystik, Glaube (1/2)

 in Roland Rottenfußer, Spiritualität
Rumi, Sufi-Dichter und Mystiker

Rumi, Sufi-Dichter und Mystiker

Ein paar überfällige Begriffsklärungen. Das Misstrauen der „linken“ Szene gegenüber Spiritualität sitzt tief. Teilweise mag es auch daran liegen, dass der Begriff vieldeutig ist und nicht immer korrekt verwendet wird, wie ich in meinem Artikel „Was ist Spiritualität?“ dargelegt habe. Spiritualität sollte nicht grundsätzlich für die Fehler von institutionalisierter Religion und Esoterik in Mithaftung genommen werden. Sie sollte nicht als „kontaminiert“ von den Verbrechen der Inquisition oder dem abergläubischen Wortgeklingel esoterischer Nebelwerfer ad acta gelegt werden. Die Unterscheidung zwischen Religion, Esoterik, Spiritualität, Mystik und Glauben ist wichtig für die Einschätzung der damit verbundenen Weltanschauungen. Und obwohl es Überschneidungen gibt und einfache Urteile wie „Esoterik böse, Spiritualität gut“ zu kurz greifen, kann Information helfen, rationalistische Hexenjagden gegen alles Spirituelle zu beenden. (Roland Rottenfußer)

„Ich versuchte, ihn zu finden am Kreuz der Christen, aber er war nicht dort. Ich ging zu den Tempeln der Hindus und zu den alten Pagoden, aber ich konnte nirgendwo eine Spur von ihm finden. Ich suchte ihn in den Bergen und Tälern, aber weder in der Höhe noch in der Tiefe sah ich mich imstande, ihn zu finden. Ich ging zur Kaaba in Mekka, aber dort war er auch nicht. Ich befragte die Gelehrten und Philosophen, aber er war jenseits ihres Verstehens. Ich prüfte mein Herz, und dort verweilte er, als ich ihn sah. Er ist nirgends sonst zu finden.“ (Rumi)

„Mein Zugang zum Göttlichen war aber – jenseits von Kirche und Religionsunterricht – von Anfang an die Mystik“, schreibt Konstantin Wecker in seinem neuen Buch „Mönch und Krieger“. Es liegt nahe, unseren Streifzug durch die spirituellen Begrifflichkeiten mit diesem „mysteriösen“ Wort zu beginnen.

Mystik: Ursprung und Kern von allem

Mystik ist die unmittelbare und persönliche Verbindung eines Menschen zur Natur, zu anderen Menschen, zu Gott, zum Göttlichen oder Ewigen. Verschiedene Stufen von Kommunikation und Verbundenheit können in das Gefühl von Einheit, von völliger Verschmelzung mit dem „Anderen“ münden. Mystik ist somit nicht – wie Scholastik oder Dogmatik – ein bestimmter Zweig der Theologie, den man studieren könnte. Sehr gelehrte Männer können als Mystiker völlig unbegabt sein, so wie mancher „Laie“ ganz spontan zu Erleuchtungserfahrungen gekommen sein soll. Es gibt dazu charakteristische Zen-Geschichten wie die des späteren Patriarchen Huineng, der aus der Klosterküche heraus zu höchsten Aufgaben berufen wurde. Mystik ist im christlichen Raum verbunden mit Namen wie Meister Eckhart, Theresa von Avila oder Johannes vom Kreuz. In diesem Rahmen können mystische Erfahrungsinhalte nicht ausführlich dargestellt werden.

Wichtig ist aber: Mystik hat nichts „Dunkles“ oder „Okkultes“ an sich, wie das Wortfeld „Mysterium“, „mysteriös“, „Mystery“ usw. nahe legt. Im Gegenteil würden Mystiker sagen, dass es nichts „Helleres“ und Beglückenderes gebe als die Nähe der Gottheit. Beweisbar sind derartige Erlebnisse nicht, hier ist aber entscheidend, dass Mystik als unmittelbare Erfahrung nicht automatisch in die Nähe von „Esoterik“ gerückt werden sollte, die ja meist mit dem Anspruch auftritt, eine erlernbare Geheimlehre oder gar Geheimwissenschaft zu sein. Auch eine Verbindung zu der für viele Skeptiker obsoleten „Magie“ muss verneint werden. Magie meint meist die aktive Beeinflussung der Realität durch die Kraft des Willens, ist also mit der Absicht verbunden, Macht auszuüben. Mystik bezeichnet dagegen das „Einfließen“ des göttlichen Geistes in einen Menschen, der sich diesem Prozess eher passiv hingibt. Im Sinn des Jesus-Worts: „Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat“ geht die „Initiative“ bei der mystischen Vereinigung in letzter Konsequenz von Gott aus. Es geht also nicht so sehr darum, Übungen als „erlebniserzwingende Maßnahmen“ zu kultivieren, als darum, offen und durchlässig zu werden, keinen unnötigen Widerstand zu leisten gegen das, was geschehen will.

Mystik ist als Begriff insofern nahe an der Spiritualität, wenn man auch nicht sagen kann, dass beide Begriffe gänzlich identisch sind, da es historisch bedingte Bedeutungsschattierungen gibt. Mystiker sind von den Vertretern der institutionellen Religionen oft verfolgt, verketzert, sogar getötet worden. Der islamische Sufi-Meister Al-Hallādsch wurde von seinen „Glaubensbrüdern“ für einen einzigen Satz gekreuzigt: „Anā l-ḥaqq“ – übersetzt etwa: „Ich bin die Wahrheit“, im übertragenen Sinn auch: „Ich bin Gott“. Die Parallelen zu Jesus, der Ungeheuerlichkeiten wie „Der Vater und ich sind eins“ oder „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ausgesprochen hat, sind offensichtlich. Mystik und Religion stehen und standen somit teilweise miteinander auf Kriegsfuß. Eventuelle Aversionen gegen religiöse Institutionen müssen und sollten daher nicht auf die Mystik übertragen werden. Im Vergleich zu Spiritualität erscheint Mystik als der „dramatischere“ Begriff, immer auf die „unio mystica“, die Verschmelzung mit der Gottheit abzielend. Obwohl es neben der Gottesmystik u.a. auch Naturmystik und sogar mystische Sexualität gibt, verwende ich für den Alltagsgebrauch lieber „Spiritualität“, weil damit Geistigkeit oder Geistlichkeit in einem sehr umfassenden, die „gewöhnliche“ Realität liebevoll mit einbeziehenden Sinn bezeichnet werden kann.
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Religion: aus Verbundenheit wird Verbindlichkeit

Religion ist vom Wortsinn her eigentlich etwas sehr Schönes: „Rückverbindung“ heißt sie wörtlich übersetzt. Womit soll man sich rückverbinden? Mit dem Ursprung, der Quelle, Gott oder dem Göttlichen. Damit ist eine zuvor bestehende Trennung, ein Abreißen der Verbindung impliziert, mythologisch dargestellt als Vertreibung aus dem Paradies. Der moderne Mensch lebt im „Exil“ eines entfremdeten Isolationsgefühls. Angst und Einsamkeit sind die quälenden Symptome seines existenziellen „Geworfenseins“ in die materielle Welt. Seine Sehnsucht zieht ihn zurück zu einem seelischen Heimatraum, in dem er sich wieder angebunden fühlen kann, unverloren, ganz. Religion kann im Gegensatz zu Spiritualität niemals rein weltlich im Sinne von „Geistigkeit“ gedeutet werden. Etwas Göttliches, Heiliges, Ewiges ist immer Gegenstand von Religion („Rückverbindung“). Während sich die monotheistischen Religionen auf einen persönlichen Gott (Allah) beziehen, der geschichtlich wirksam wird, indem er Menschen „anspricht“ und sich ihrer als Werkzeug bedient, postuliert der Hinduismus die Identität der Einzelseele („Atman“) mit der Weltseele („Brahman“). Diese Identität ist immer gegeben, sie muss durch spirituelle Techniken lediglich erweckt, bewusst gemacht werden.

Die bisher genannten Aspekte von Religion unterscheiden sich im Grunde nicht von Mystik. Ich bin aber von der These ausgegangen, dass der „schlechte Ruf“ von Religion auch die Spiritualität ungerechterweise in Mitleidenschaft gezogen hat. Diese Beobachtung rührt vom äußeren Erscheinungsbild der Religionen her, in unseren Breiten vor allem der christlichen Kirchen. In Umkehrung der Weckerschen Definition der Spiritualität als „Anarchieform der Religion“, kommt einem Religion häufig als die Diktaturform der Spiritualität vor. Zumindest erscheint dort der Heilige Geist, der häufig mit dem fließende Wasser verglichen wurde, in Strukturen „festgefroren“. Glaubenszwang, Gewissensausforschung, Hierarchien, Machtstrukturen und Rituale, deren Ausübung – wenn nicht durch unmittelbare Gewalt, so doch durch gesellschaftlichen Konformitätsdruck – aufgezwungen wird, prägen ihr äußeres Erscheinungsbild. Sexueller Missbrauch, wie er von einigen Priestern verschuldet wurde, ist nur die augenfälligste Verfallsform eines über Jahrhunderte von den Kirchen ausgeübten deformierenden Zugriffs auf die menschliche Seele. Besonders hervorzuheben ist hier die Manipulation durch Schuld und Scham. Tendenziell zeigt sich Religion oft als Gleichschaltung der Glaubensinhalte mittels wiederholter (Auto-)Suggestion, etwa in der Liturgie oder in der „gebetsmühlenartigen“ Repetition mythologischer Gründergeschichten. Hinzu kommt die gerade von Marx und seinen Nachfolgern in den Mittelpunkt gerückte Verschwörung zwischen kapitalistischer Ausbeutungsabsicht und religiöser Vertröstungstheologie.

Freilich ist das hier von mir gezeichnete negative Bild einseitig. Es berücksichtig nicht die große Zahl aufrechter, sozial eingestellter Gläubiger und Priester, die Geborgenheit und Orientierung spendende Funktion der Gemeinde, das soziale Engagement der Kirchen usw. Ich versuche hier aber gerade jene Aspekte zu benennen, die das Bild der Religion in den Augen vieler politisch Aktiver eingetrübt haben – und mit ihm das der Spiritualität. Spiritualität, wie ich sie verstehe, ist allerdings in vieler Hinsicht das glatte Gegenteil der dogmatischen Religion. Spiritualität schafft einen freilassenden, nicht-hierarchischen Raum, in dem jeder eigene mystische Erfahrungen machen kann. Spiritualität ist wie Mystik somit zunächst eine einsame Angelegenheit, die im zweiten Schritt jedoch Verbindung schaffen kann, da spirituelle Einheitserfahrungen den Menschen darin schulen, sich mit der Natur, mit den Mitmenschen, mit dem „Ganzen“ in einem liebevollen Zusammenhang zu erleben.

Religion stiftet im Gegensatz dazu vordergründig Gemeinschaft, inszeniert einen rituellen Gleichklang, hinter dessen Fassaden sich jedoch Einsamkeit und Nichtangebundensein verbergen können. Religion spaltet die durch „Gotteskindschaft“ natürlich Verbundenen künstlich in Gläubige und Ungläubige, Mitglieder und Nichtmitglieder, Regeltreue und Regelübertreter. Auch die Verhaltensweisen der Menschen werden künstlich aufgespaltet: in heilig und sündig, recht und unrecht, rein und unrein, koscher und nicht-koscher usw. Die Welt zerfällt so in eine korrekte und eine unkorrekte „Teilschöpfung“. Der Kampf gegen die Regelübertretung ist für die „Pharisäer“ aller Religionen stets ein projektiver Kampf gegen unterdrückte eigene, nicht-linientreue Anteile. Da das Verbundenheitsgefühl bei den meisten Gemeindemitgliedern nicht durch eigenes mystisches Erleben unmittelbar gegeben ist, wird es durch die Krücke eines verkrampften Glaubenwollens und Glaubensollens künstlich gestützt. In der Spiritualität ist jeder gleichsam Stifter, Priester und Anhänger seines eigenen, ganz persönlichen Glaubens. Religionen dagegen unterwerfen Tausende dem einmaligen mystischen Impuls eines Religionsstifters und den daraus von seinen „Nachfolgern“ konstruierten Lehrgebäuden und Überwachungshierarchien. Aus natürlicher Verbundenheit wird so künstliche Verbindlichkeit. „Heilige Schriften“ und ihre Autorität können sogar dazu beitragen, ein freies spirituelles Leben zu unterdrücken, da jede von ihnen abweichende Erfahrung geleugnet oder zum Gedankenverbrechen gestempelt wird.

Eine Spiritualität, die nicht befreit, verdient ihren Namen nicht. Sie tendiert zu den Verfallsformen der Religion, etwa den Verbotskatalogen der Taliban, die u.a. untersagten, Musik zu spielen und Drachen steigen zu lassen – überwacht von einer rigiden Religionspolizei. Diese Art von Religion wird durch Verengung ihrer Glaubensinhalte und Ausdrucksformen auf angeblich „Offenbartes“ nicht zum Befreier, sondern zum Zuchtmeister der Seele. Wir dürfen ihren anmaßenden Zugriff auf unser innerstes Erleben getrost zurückweisen.

Glaube – ein Missverständnis

Hierzu noch ein Exkurs über den Glauben, den vielleicht am meisten überschätzten und missverstandenen Begriff in den Religionen. Gerade im Protestantismus wird ihm eine zentrale Stellung eingeräumt. „Allein durch die Gnade, allein durch den Glauben“ soll sich nach Martin Luther die Erlösung vollziehen. Gegenüber dem Glauben tritt somit selbst die Verpflichtung zu ethisch korrektem Verhalten in den Hintergrund. Glaube befreit insofern von der rigiden Logik von Gesetz und Strafe, Luther entwertet damit aber auch den Bereich der konkreten Tat gegenüber dem Bereich der inneren Einstellung. Ist es nicht, um einen Menschen einzuschätzen, viel wichtiger, wie er handelt, als woran er glaubt? Hinzu kommt: Was wird aus denen, die nicht (im Sinne Luthers) glauben können? Glauben ist ein Wort der deutschen Sprache, das in höchst unterschiedlichen Bedeutungsschattierunge verwendet wird. Wer sagt „ich glaube“, muss sich also bewusst sein, welche Definition des Begriffs für ihn zutrifft.

1. „Ich glaube“ synonym zu „Ich nehme an, ich vermute, ich halte für wahr“. In diesem Sinn ist Glaube unbedenklich. Ich glaube z.B., dass es in diesem riesengroßen Universum irgendwo noch andere bewohnte Planeten gibt. Es erscheint mir plausibel, aber ich bestehe nicht darauf, dass auch andere das glauben. Ich mache daraus kein „Lehrgebäude“ mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit für andere.

2. „Ich glaube“ im Sinn von „ich habe erlebt“. Eigene Erfahrung kann einem von anderen nicht abgesprochen werden, wir können sie aber auch nicht auf andere übertragen. Sie bleibt einmalig, individuell, ja intim. Ich glaube aufgrund von Erfahrung z.B., dass es besondere „Energieerfahrungen“ bei Gebeten und Meditationen gibt. Es gibt sie auch an besonderen Orten. Diese Erfahrungen können mit „strömendem“ oder „kribbelndem“ Körpererleben verbunden sein, seelisch auch mit Qualitäten wie „Frieden“, „Segen“, „Geborgenheit“, „Güte“. Beschreibungen solcher Erfahrungen werden durch die Sprache gefiltert und sind somit auch an die (religiöse) Kultur gebunden, in deren Kontext sich die Sprachmuster gebildet haben. Ich könnte z.B. sagen, die beschriebenen Energieerfahrungen deuteten auf die Präsenz des „Heiligen Geistes“ hin. Es sei somit für alle anderen verbindlich, mich als einen Abgesandten des Heiligen Geistes anzuerkennen. Dies wäre Missbrauch. Andererseits würde ich Unerfahrenen auch nicht zubilligen, zu behaupten, Erfahrungen, wie ich sie beschrieben habe, gäbe es überhaupt nicht.

3. Die dritte Form von Glauben ist im Kontext von organisierten Religionen die häufigste. Sie meint „offizielle“, von religiösen Autoritäten vorgegebene Glaubensinhalte, die für eine bestimmte Gemeinschaft verpflichtend sind. Repräsentiert wird sie z.B. durch die vom damaligen Kardinal Ratziger in einem Hirtenwort verwendete Formulierung „Es ist zu glauben.“ Nicht zu glauben würde den Ausschluss aus der Gruppe zur Folge haben. Das Persönlichste, ja Intimste wird auf diese Weise in einen formellen, kollektiven und ritualisierten Kontext eingebracht, wird abfragbar, überprüfbar, kontrollierbar gemacht durch Machtinstanzen. Auch bei der Schuldschöpfung, der Kreation von schlechtem Gewissen bei Gemeindemitgliedern, spielt der Glaube eine große Rolle, denn der Glaube als innere Realität ist nicht leicht mit dem Willen zu beeinflussen. Ein so verstandener Glaube hat die Akzeptanz von Religion bei gebildeten, freiheitsliebenden Menschen sehr stark beeinträchtigt. „Es ist zu glauben“-Glaube fordert mit Recht zum Widerspruch heraus.

Auch das christliche Glaubensbekenntnis („Credo“), gesprochen in jedem Gottesdienst, hat in diesem Zusammenhang vielleicht eine eher schädliche Wirkung entfaltet. Es legt den Verdacht nahe, dass jene Glaubensgewissheit, deren Ausdruck es sein möchte, in Wahrheit durch penetrant wiederholte Autosuggestion erst herbeigeführt werden soll. Auch setzt das „Credo“ für mein Gefühl teilweise falsche Schwerpunkte: Gott ist darin ein Mann, ein himmlischer Vorgesetzter, dem es sich zu unterwerfen gilt. Sein Aufenthaltsort ist der Himmel. Jesus ist hat eine historisch einzigartige, unwiederholbare Verbindung zu ihm, was andere Religionen implizit entwertet. Seine Mutter war eine Jungfrau. Er ist ein Richter der Menschen, vor dem man Angst haben muss. Die Kirche selbst ist heilig und anbetungswürdig, usw. Nichts von einem Gott, der sich liebend in seine Schöpfung verströmt. Nichts vom „guten Hirten“ und einer grenzenlosen Vergebung, die stärker ist als jedes Regelwerk. Nichts von Nächsten- und Feindesliebe oder von der fundamentalen Skepsis Jesu gegenüber Macht und Hierarchien.

Wir können also zusammenfassen: Jener Glaube, der bei Skeptikern (gerade auch bei politisch interessierten) immer wieder berechtigten Widerspruch auslöst, ist eigentlich nur Variante 3, der „Es ist zu glauben“-Glaube. Variante 1 ist eine eher unaufdringliche Form des „Für-wahr-Haltens“ mit im Grunde agnostizistischem Charakter. Variante 2 bleibt ausschließlich beim persönlichen Erleben, ist nicht widerlegbar, ist aber auch in keiner Weise „kanonisierbar“.

Wie können wir mit Blick auf diesen kurzen Glaubens-Exkurs Spiritualität einordnen? Spiritualität ist undogmatisch, verhält sich gegenüber anderen „Spiritualitäten“ respektvoll und nimmt gegenüber nicht selbst erlebten Phänomenen eine eher agnostizistische Haltung ein. Man hält die Erlebnisberichte anderer für möglich, versteift sich aber auch nicht auf die Überzeugung, dass sie wahr sind. Was die eigenen, unmittelbaren Erfahrungen betrifft, so vertraut man ihnen, misstraut aber ein bisschen den Worten und Begriffen, in die der Verstand sie zu fassen versucht. Eine solche Spiritualität ist ebenso unbeirrbar, wie sie im guten Sinn des Wortes demütig ist: sich stets der Grenzen ihrer eigenen Erkenntnisfähigkeit bewusst. Im Namen einer solchen Spiritualität können keine Kriege geführt werden, können Menschen nicht religionspolizeilich verfolgt und gemaßregelt werden. Es besteht kein Grund zu Misstrauen und übertriebener Ablehnung gegenüber einer solchen Spiritualität – nicht einmal seitens einer säkularen Linken, die die Grundannahmen und Erlebnisinhalte spiritueller Menschen nicht teilen kann.

Will man diesem ausgeprägten Widerwillen auf die Spur kommen, muss man aber noch einen anderen Begriff untersuchen, der dafür maßgeblich verantwortlich ist: Esoterik.

(Morgen lesen Sie auf HdS den zweiten Teil des Artikels mit dem Schwerpunktthema „Esoterik – Geheimnis-Krämer im Nebel)

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