Staubteufel – Über ein sommerliches Phänomen am Wegesrand

 In FEATURED, Umwelt/Natur

Der Autor liebt Naturspaziergänge und sieht „seine Welt“ durch eine ökologisch achtlose Menschheit bedroht, die Natur nur nach ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit beurteilt. Über landschaftlicher Schönheit liegt heutzutage ein großes „noch“. Plötzlich sieht er sich mit einem unerklärlichen Naturphänomen konfrontiert. Dieses wirbelt seine sonst eher rationale Weltsicht kräftig durcheinander. (Götz Eisenbert)

 

Seit jeher habe ich eine Vorliebe für Feld- und Waldwege, Wege, die nicht asphaltiert oder betoniert sind, sondern rechts und links eine Fahrspur mit Sand und kleinen Steinchen aufweisen und dazwischen mit Gras bewachsen sind. Robert Walser ist mit Vorliebe über sie gewandert. Am liebsten sind sie mir im Sommer, wenn sie trocken und staubig sind. Im Idealfall führen sie durch Felder, an deren Rand Korn- und Mohnblumen wachsen und über denen Lerchen aufsteigen und ihren trillernden Gesang ertönen lassen. Auch Grillen-Gezirpe liegt in der Luft, die vor Hitze vibriert. Oder sie führen durch einen Wald und sind an den Rändern mit Moos, Farn oder Heidelbeerkraut bewachsen. Hier und da leuchten Fingerhut und Rittersporn. Es duftet nach Harz, das die Hitze aus den Bäumen tropfen lässt. In der Luft liegt das Summen und Brummen von Insekten.

Noch gibt es ja einen Rest von ihnen. Überhaupt liegt über alldem inzwischen ein großes „Noch“, alles ist von der Furie des Verschwindens bedroht. Unsere Landschaften sind unterm Diktat der Verwertbarkeit weitgehend zu ökologischen Wüsten geworden.

Rund um den Edersee, der mein bevorzugtes Ferienziel ist, gibt es glücklicherweise noch eine Menge solcher Wege. Letzte Woche entdeckte ich einen davon, den ich bisher noch nicht kannte. Er begann am Rande eines Dorfes und führte zunächst durch Wiesen und Felder. Ein Bauer auf seinem Traktor fuhr vorüber und wirbelte, obwohl er langsam fuhr, eine Menge Staub auf. „Es müsste dringend einmal regnen“, rief er mir aus luftiger Höhe entschuldigend zu.

Rechter Hand folgte eine Pferdekoppel. Die Pferde standen im Schatten eines Schuppens und schnaubten, als sie mich sahen. Zwei Rotmilane kreisten am blauen Mittagshimmel und stießen ihre heiseren Schreie aus. Die Sonne stand im Zenit. Es ging ein leichter Wind, der die Hitze milderte und erträglich machte. Kurz bevor der Weg in den Wald mündete, zweigte rechts ein kleiner Weg ab. Als ich mich dieser Weggabelung näherte, wurde plötzlich Staub aufgewirbelt, bildete eine spiralförmige Säule, die langsam vom Boden hinauf bis in Höhe meines Kopfes wuchs. Sie stand vielleicht zwanzig Sekunden in der Luft und sank dann wieder in sich zusammen. Es war wie ein Spuk. Danach war nichts mehr von dem Ereignis zu sehen, es gab keinen Sturm, keine Gewitterwolken – einfach nichts, was dieses eigenartige Phänomen erklären konnte. Auch am Boden war nichts zu sehen.

Ich bezog es in meiner Ratlosigkeit  auf mich und überlegte, was mir jemand damit sagen wollte. Jemand oder etwas wollte mich beeindrucken: „Sieh her, was ich alles zustande bringen kann!“ Ein kleines Kunststück der Natur am Wegesrand, flüchtig, aber imposant. Ein Zauberer hatte einen seiner Tricks vorgeführt, blieb selbst aber in der Kulisse verborgen. Ich bin kein religiöser Mensch und glaube nicht an epiphanische Ereignisse, durch die sich Gott den Menschen offenbart. Aber dennoch musste ich an den brennenden Dornbusch denken.

Ich ging dann weiter und tauchte in den kühlen Wald ein. Das eben Erlebte ließ mich so schnell nicht los. Starke sommerliche Sonneneinstrahlung heizt die Luft am Boden stark auf, sie steigt hoch und wird durch Luftströmungen in Rotation versetzt. Es entsteht ein Sog, der Staub aufwirbelt und so das Phänomen überhaupt erst sichtbar macht. So oder so ähnlich wird es gewesen sein, dachte ich. Es war wohl so eine Art Mini-Tornado. Aber auch dieser sachliche Erklärungsversuch nutzte mir nichts. Es blieb etwas Rätselhaftes zurück, das meine Phantasie beschäftigte. Ich hatte keine Lust, mir das Phänomen selbst zu entzaubern und es auf eine dürre Formel zu bringen. Die Poesie verschwindet, wenn man etwas zu genau weiß. Manchmal muss man sich vor Wissen schützen.

Als ich gegen Abend in meiner Pension ankam, erzählte ich den Wirtsleuten, die im Garten beschäftigt waren, von meinem Erlebnis. „Wie du das beschreibst, war das wohl ein Staubteufel. So nennt man das von alters her“, sagten sie. Beide erinnerten sich, dass sie verschiedentlich Staubteufel gesehen hätten, kleinere und größere. „Manchmal entstehen sie in der Mittagshitze auf den Feldern. Dann nennt man sie Heuteufel, weil sie trockenes Gras oder Spreu aufwirbeln. Diese Begriffe stammen aus einer Zeit, als die Leute noch an Gott und damit auch an den Teufel geglaubt haben“, fügte Hildegard erklärend hinzu. Es gebe ja keinen Gott ohne seinen Gegenspieler. Da das Phänomen dieser Staubwirbel den Leuten unerklärlich und unheimlich gewesen sei, hätten sie es mit dem Teufel in Zusammenhang gebracht und sich vor ihnen gefürchtet.

Heute gebe es ja weder Gott noch Teufel, niemand wisse mehr, dass der Teufel die Hölle bewohne, Hörner und einen Pferdefuß habe und nach Schwefel rieche. Ihr Enkel Luca erfahre darüber im Konfirmationsunterricht nichts. Diese modernen Pfarrer glaubten selbst nicht mehr, dass es den Teufel gebe. Vielleicht, spekulierte Hildegard weiter, hätte man die Wirbel Staubteufel genannt, weil ja auch Jesus in der Wüste vom Teufel in Versuchung geführt worden sei. Wüste und Staub, das hänge ja irgendwie zusammen, und mit etwas Phantasie könne man ja in den kleinen Staubsäulen einen Teufel erkennen. „So, jetzt muss ich aber die Tomaten gießen“, beendete Hildegard ihren Exkurs in die Kulturgeschichte des Staubteufels.

 

Erstveröffentlichung dieses Artikels im „Gießener Anzeiger“

 

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete jahrzehntelang als Gefängnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug und betrieb nebenbei eine intensive kulturelle Arbeit mit Gefangenen. Eisenberg arbeitet an einer fortlaufenden „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“, deren dritter Band unter dem Titel „Zwischen Anarchismus und Populismus“ im September im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erscheint.

 

 

Anzeige von 3 kommentaren
  • Christoph
    Antworten
    High,

    solche Mini-Wirbelstürme habe ich beim Heumachen schon öfter beobachted (gar nicht mal so weit weg vom Ederseee). Manchmal ganz klein, manchmal 10 oder 20m hoch, manchmal sieht man auch nur am Heu, wie es da so rumliegt, daß da was war. Für mich ists immer wieder ein besonderes Erlebnis.

    Unbedingt: sich das Staunen können bewahren …

    Christoph

    https://vimeo.com/280577775

  • Zu wenig Staub
    Antworten
    Staubteufel auf der Erde…, nichts für die elitär gierenden Umweltfeinde. Die schauen sich diese lieber auf unseren roten Nachbar, den Mars an.

    In einer eventuellen Zukunft.

  • Zu wenig Staub (Versuch 2)
    Antworten
    Staubteufel auf der Erde…, nichts für elitär gierenden Umweltfeinde. Die schauen sich diese lieber auf unseren roten Nachbar, den Mars an.

    .

    In einer eventuellen Zukunft.

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