Trotz Gutachterkommission: kein Einhalt bei der Zwangsverelendung Griechenlands

 in Allgemein, Holdger Platta, Über diese Seite

griechenlandhilfelogo40. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ „Sie begriffen nicht, dass das Geheimnis des Schreckens im Detail liegt. Große Sachen zu bereuen ist ja kinderleicht: Politische Irrtümer, Ehebruch, Mord, Antisemitismus – aber wer verzeit einem, wer versteht die Details?“ (Heinricht Böll, aus „Ansichten eines Clowns“) Auch in der Griechenlandkrise sind die großen Worte – „Austeriät“, „Sparmaßnahmen“, „Verarmungspolitik“ – zwar zutreffend; sie verschleiern aber oft auch, worum es konkret geht. Der wirkliche Schrecken steckt auch in Griechenland im Detail. Wenn etwa eine alte Frau kein Geld mehr für Heizöl hat, deswegen schwer krank wird, gerade noch den letzten Winter überlebt hat und jetzt einem weiteren harten – vielleicht für sie tödlichen – Winter entgegensieht. Unsere Spendenaktion, so macht Holdger Plattas neuer Bericht deutlich, sammelt nicht allein Geld für Dinge, die das Leben der Betroffenen ein bisschen schöner macht (obwohl auch dies ein berechtigtes Anliegen wäre); es geht wirklich ums Eingemachte, in manchen Fällen buchstäblich um Leben und Tod. Umso mehr ist der Verhalten der „großen“, menschlich so kleinen Politik verwerflich. Umso mehr danken wir unsere Leserinnen und Leser für’s beharrliche Spenden. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

in den vergangenen sieben Tagen gingen an Spendengeldern 240,- Euro auf unserem Konto ein, überwiesen von 6 Unterstützerinnen und Unterstützern; in der Vorwoche hatten 9 Helferinnen und Helfer 600,- Euro für unsere Hilfsaktion gespendet. Im Namen aller Team-Mitglieder danke ich allen Spenderinnen und Spendern sehr.

Derzeit bereiten unsere Mit-Akteure aus Graz, Evelin und Tassos Chatzatoglou, weitere Hilfsreisen nach Griechenland vor. Geplant ist der Besuch bei allen Hilfsbedürftigen – Menschen wie Institutionen –, die schon jetzt zu unserem Betreutenkreis zählen. Hinzukommt auch die Klärung vor Ort – in Korydallos vermutlich –, welche Einzelpersonen und Familien mit Migrationshintergrund, Flüchtlinge also, die von Konstantin Wecker für diesen speziellen Zweck aus dem Erlös seines Buches „Dann denkt mit dem Herzen“ gespendeten Gelder in der Höhe von 4.000,- Euro erhalten sollen. Diese Klärung vor Ort ist uns mit großer Dringlichkeit auch von der Vizebürgermeisterin aus Korydallos, von Frau Lambrini Manou, empfohlen worden. Zu befürchten ist sonst, so entsprechende Informationen aus der Region, dass Hilfsgelder in die falschen Hände gelangen könnten, konkret: dass Firmen und „Helfer“ die Spendenbeträge „sonstwohin“ verschwinden lassen. Dem stellen wir uns selbstverständlich in den Weg. Nachteil allerdings: dadurch verursachte Zusatzreisen, unvermeidbar und dringend erforderlich, schlagen negativ zu Buche beim verbleibenden Spendenvolumen.

Eine weitere Hiobsbotschaft, die mir Tassos Chatzatoglou zukommen ließ, am vergangenen Sonntag, betrifft den an Mittelmeeranämie erkrankten Andreas A.: zwar ist dessen Gesundheitszustand nach der Milzoperation stabil, auch das Blutreinigungsgerät, das wir für ihn besorgen konnten, funktioniert zufriedenstellend. Allerdings wurde die gesamte Familie A. inzwischen auf die Straße gesetzt, wegen aufgelaufener Mietschulden. Auch bei diesem Fall werden sich Evelin und Tassos Chatzatoglou direkt vor Ort der Sache annehmen und eine Lösung zu finden versuchen.

Schließlich erfuhr ich von Tassos Chatzatoglou auch noch von dem folgenden neuen Hilfsbedarf. Ich zitiere dazu in vollem Umfang aus seiner letzten Mail:

„Bereits im September erfuhren wir von Bekannten von Frau Stamatia R., geboren am 27.10.1930 in Griechenland. Sie war mit Arthur R., einem Deutschen, verheiratet. Die beiden lebten zunächst in Deutschland, später in Griechenland. Arthur verstarb vor einigen Jahren. Stamatia lebt nun alleine am Ortsrand von Platanos und bezieht eine deutsche Witwenrente in Höhe von rund 600 €. Sie hat keine Kinder und keine Verwandten mehr und ist total auf sich alleine gestellt. Frau Stamatia benötigt aufgrund ihres Alters laufend medizinische Betreuung. Um die Medikamente ohne die deutsche Krankenkasse besorgen zu können, zahlt sie 50 € monatlich an die griechische Krankenkasse. Der Betrag wurde von der I.K.A. (griechischen Krankenkasse) nach Vorlage des deutschen Pensionsbescheides festgelegt. Es bleiben nun rund 550 € zum Leben und für die medizinische Betreuung. Frau Stamatia ist im Ort sehr beliebt und wird von den Bewohnern unterstützt, wo es nur geht. Im letzten Winter konnten die Nachbarn Frau Stamatia allerdings nicht mehr helfen, da sich die meisten selber bereits am Existenzlimit befinden. Es stehen Strom- und Wasserschulden in Höhe von ca. 600 € an, die dringend bezahlt werden müssen. Der Winter kommt, und Frau Stamatia hat kein Geld, um ihren 1000-Liter-Heizöltank befüllen zu lassen. Schon letzten Winter war der Tank leer, und sie verbrachte ihn in dem ungeheizten Haus. Daraufhin erkrankte sie so schwer, dass die Nachbarn sie ins Krankenhaus bringen mussten. Aufgrund ihres Alters besteht die Gefahr, dass Frau Stamatia diesen Winter in einem ungeheizten Haus nicht überleben könnte. Evi wird Frau Stamatia besuchen. Sie wird uns darüber berichten. Wir möchten nach Überprüfung der finanziellen Situation der Frau Stamatia nach Möglichkeit helfen, den Heizöltank zu befüllen und die Strom- und Wasserrechnungen zu bezahlen.“

Es versteht sich von selbst, dass wir dort helfend einschreiten werden. Was mich bei diesem Bericht zusätzlich bewegt hat – nicht zum erstenmal, wie Ihr wisst –, das ist die enorme Hilfsbereitschaft der – oft selber verarmten – Griechinnen und Griechen auch untereinander. Leider hört man in Deutschland – etwa die Hartz-IV-Opfer betreffend – viel seltener von solch zutiefst mitmenschlicher Hilfsbereitschaft (vom brutalen Sanktionsverhalten bundesdeutscher „Sozial“behörden einmal ganz abgesehen). Um so schändlicher, dass ein derart wunderbares Land mit derart wunderbaren Menschen auch weiterhin dieser völlig verrohten „Austeritätspolitik“ der Eurostaaten ausgesetzt ist, wie ich sie an dieser Stelle schon mehrfach zu analysieren und kritisieren versuchte. Auf solche Weise jedenfalls verteidigt man kein „christliches“ Abendland!

In dieses Bild passt übrigens auch der Bericht der Expertengruppe, der vor wenigen Tagen der Europäischen Kommission vorgelegt worden ist, der Bericht einer Gruppe von Fachleuten, die im Auftrag der griechischen Regierung und eben dieser Europäischen Kommission, die Arbeitsmarktsituation in Griechenland untersucht hat. Hier einige wenige Punkte aus diesem Bericht (ich beschränke mich auf die Situation der arbeitenden Menschen in Griechenland):

* Der Anteil von Beschäftigten, die noch unter dem Schutz von Tarifvereinbarungen stehen, ging zwischen 2009 und 2013 von 83 auf 42 Prozent zurück.

* Die Zahl der Branchentarifverträge sank von 163 im Jahre 2008 auf nur noch 12 im Jahre 2015.

* Aufgrund dieser Tatsachen schrumpften die Löhne in Griechenland während der letzten 6 Jahre um 24 Prozent.

* Auch der Mindestlohn wurde in diesem Zeitraum um 22 Prozent gekürzt.

* Und auch der abgesenkte Mindestlohn für Beschäftigte unter 25 Jahren wurde von der Tsipras-Regierung – trotz gegenteiliger Zusagen – nicht wieder angehoben aufs vormalige Niveau.

All das, so die Expertenkommission, sollte unverzüglich und einschränkungslos korrigiert werden. Auch die „kalte Aussperrung“ – die „Freistellung“ von Beschäftigten nichtbestreikter Betriebe – sollte nicht mehr möglich sein. Doch bislang haben irgendwelche Offiziellen, die bei der Eurostaatenpolitik das Sagen haben, noch nicht reagiert. Der von den „Institutionen“ forcierte Abbau von Arbeiterrechten ist Stand der Dinge nach wie vor. Und dieses trotz des Umstands, dass sogar die griechischen Unternehmerverbände, nicht nur die Gewerkschaften, Wiederherstellung der Tarifautonomie gefordert haben. Was, nebenbei, zeigt, dass die Empfehlungen der Expertenkommission keinesfalls „revolutionären“ Charakter besitzen, sondern gerademal das Maß an „Marktwirtschaft“ verlangen, auch für Griechenland, das – zumindest eigener Propaganda zufolge – typisch für Resteuropa ist.

Der Kapitalismus, wir wissen es, schlägt schon längst im gesamten Europa zu, zerstört auch bei uns die Sozialsysteme und die Ansprüche der Menschen auf ein Leben in materieller Sicherheit, auf Schutz vor Armut und Not. Doch in Griechenland ist der Kapitalismus längst schon umgeschlagen in eine noch brutalere Version seiner selbst: in frühkapitalistische Verhältnisse, die man auch als Neokolonialismus bezeichnen kann. Unsere Staaten sind es, die für das Elend in Griechenland verantwortlich sind. In Brüssel wird entschieden, was in Athen Sache ist. Und der Ausverkauf all dessen, was in Griechenland noch einigermaßen funktioniert und rentabel erscheint, an Investoren aus Europa, China und anderswo, diese Zwangsenteignung Griechenlands zugunsten des internationalen Kapitals komplettiert dieses Bild der Totalverelendung im Süden Europas nur.

Und damit –  wieder einmal –  zu den obligaten Schlusshinweisen. Also:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, den bitten wir um unterstützende Spende, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“, auf das folgende Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Und hier nochmal die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):

Peter Latuska
Theodor Heuss Str. 14
37075 Göttingen
Email: latuskalatuska@web.de

Mit herzlichen Grüßen
Euer Holdger Platta

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search