Unser Lobpreis für Mikis Theodorakis

 in FEATURED, Friedenspolitik, Kultur

Mikis Theodorakis

Leider, es hat nicht sollen sein! – Einige von uns aus dem HdS-Team hatten für den diesjährigen Friedensnobelpreis den griechischen Komponisten Mikis Theodorakis vorgeschlagen. Angestiftet von unserer Leserin Bettina Beckröge, die auch den Begründungstext schrieb, unterstützt darin von unserem Redakteur Holdger Platta, hatten rechtzeitig zum Vorschlagstermin Ende Februar dieses Jahres zahlreiche Mitmenschen aus ganz Europa diesen Vorschlag beim Osloer Friedenspreiskomitee eingereicht – so unter anderem Jean Ziegler, Konstantin Wecker, Prof. Dr. Iannis Athanassios/Uni Leipzig sowie alle Mitglieder des HdS-Teams und Bettina Beckröge. Natürlich sind wir weit davon entfernt, den tatsächlich gekürten Träger des diesjährigen Friedensnobelpreises in Frage zu stellen – ganz im Gegenteil: das Ican, die Genfer Organisation für die Abschaffung der Atomwaffen, scheint keine schlechte Wahl zu sein. Dennoch möchten wir, in nachträglicher Anerkennung – und jetzt dürfen wir ja! –, unseren Begründungstext für Mikis Theodorakis nicht einfach in irgendwelchen Papierkörben verschwinden lassen. Hier also unser Lobpreis auf Mikis Theodorakis, den mittlerweile 92jährigen Komponisten aus Griechenland (Holdger Platta).

Sehr geehrte Damen und Herren,

es gibt viele berechtigte Gründe, einen Friedensnobelpreis zu verleihen, der wichtigste erscheint uns, wie die Namensgebung des Preises besagt, das bedingungslose Engagement für die Erhaltung des völkerverständigenden Friedens. Wir möchten im Folgenden darstellen, inwiefern Mikis Theodorakis den Titel des Friedensnobelpreisträgers 2017 an der Seite der würdigen Vertreter Kofi Annan, Al Gore sowie Martin Luther King verdient hat. Wir stützen unsere Thesen auf das Lebenswerk des engagierten Schriftstellers, Politikers und Komponisten sowie auf zwei entscheidende Musikkompositionen, die weltweit zur Völkerverständigung beitrugen.

Einer kurzen Darstellung seiner wichtigsten Lebensstationen folgen tiefer gehende Betrachtungen zu seinen beiden Kompositionen, dem „Canto General“ und der „Ballade von Mauthausen“.

  1. Lebensstationen

Kindheit, Jugend in Griechenland und Musikstudium in Paris (1925–1959)

Mikis Theodorakis, 1925 auf der Insel Chios in Griechenland geboren, ist ein griechischer Komponist, Schriftsteller und Politiker. Er gehört zu den bekanntesten zeitgenössischen Komponisten. Trotz der schwierigen politischen Umstände, die sein Leben stets begleiteten, war sein vorrangiges Interesse zeitlebens die Musik und der selbstlose Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit. Bereits mit 15 Jahren richtete sich das Leben von Mikis Theodorakis auf sein Hauptziel aus, Komponist zu werden. Während der Besetzung Griechenlands durch fremde Truppen 1941- 44 engagierte sich der junge Theodorakis in der Widerstandsbewegung, weswegen er mit achtzehn Jahren erstmals inhaftiert wurde.

Während des griechischen Bürgerkrieges (1944- 49) durchlebte Mikis Theodorakis eine leidvolle Zeit. Aufgrund seines Engagements für die linke Befreiungsfront wurde er verhaftet und im Zeitraum von 1947- 1949 erst auf die Insel Ikaria, anschließend auf die KZ-Insel Makronisos verbannt, wo er den Repressalien schutzlos ausgesetzt war. Verbannung, Hunger und Folter, gefolgt von einer schweren Krankheit, überlebte er einzig durch seinen eisernen Willen und seine Zuflucht in die Welt der Musik.

„Keiner von uns wusste, ob er den morgigen Tag überlebt. Wie es mich in dieser Situation, als ich im Zelt saß, plötzlich überkommen konnte und ich zu komponieren begann, das ist mir selbst ein Rätsel …Oft gingen meine Aufzeichnungen verloren. Aber das Komponieren waren für mich der Ausweg, so wie ein Gestrandeter vom Glauben an seine Rettung eine Flaschenpost ins Meer wirft“. (Zitat Mikis Theodorakis aus „Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern“ von Asteris Kutulas).

Als Theodorakis 1949 aus der Haft entlassen wurde, war er physisch am Ende. Erst nach längerem Aufenthalt auf Kreta erholte er sich von den Folgen der unmenschlichen Misshandlungen. Er bekam eine Anstellung als Leiter der Musikschule von Chania und gründete sein erstes Orchester. Anfang der 1950er Jahre bestand Theodorakis erfolgreich am Athener Konservatorium seine Musik-Examina. Er arbeitete zunächst als Komponist von Hörspiel- und Ballettmusik, bevor er, nach seiner Heirat 1954 mit seiner Frau, nach Paris zog. Am Pariser Konservatorium belegte er ein Zusatzstudium in der Kompositions- und Dirigentenklasse, das er 1959 mit Auszeichnung abschloss. Mit der Aufführung seiner Ballettmusik feierte er riesige Erfolge. 1960, nach der Geburt seines Sohnes, zog es ihn zurück nach Athen, zu den Wurzeln der griechischen Musik.

Der junge Komponist in Athen (1960-1967)

Von 1960 bis 1967 entwickelte sich Theodorakis zum erfolgreichsten Komponisten Griechenlands. Es war gleichzeitig der Beginn einer Zusammenarbeit mit bedeutenden griechischen Lyrikern und der Vertonung ihrer Gedichte. 1964 komponierte er den weit über alle Ländergrenzen hinaus bekannt gewordenen Liederzyklus, die „Mauthausen Trilogy“ (Ballade von Mauthausen), basierend auf den Gedichten des griechischen Schriftstellers und Lyrikers Iacovos Kambanellis. In dieser Zeit schrieb er auch die Filmmusik zu „Alexis Zorbas“. Für sein musikalisches Gesamtschaffen wurde ihm 1965 der Sibelius-Preis verliehen.

Bei der neugegründeten Lambraki- Jugendbewegung, einer kulturellen Bewegung, die sich über das ganze Land verbreitete, übernahm Mikis Theodorakis den Vorsitz. Die Lambraki- Bewegung entwickelte sich in Griechenland zu einer kulturellen Revolution. Dank seiner politischen Meinungsäußerungen wurde Theodorakis zu einer Leitfigur der politischen Erneuerung Griechenlands. 1964 wurde er ins griechische Parlament gewählt.

Leben im Untergrund während der griechischen Diktatur (1967–1970)

Als im April 1967 die griechischen Faschisten putschten, war Mikis Theodorakis gezwungen, sich zu verstecken und im Untergrund zu leben. Er avancierte zum Symbol des Widerstands gegen die Militärjunta. Bis 1974 wurde seine Musik unter Androhung von harten Strafen in Griechenland verboten. Es folgten erneut schlimme Zeiten für den Komponisten: Festnahme, Gefängnisaufenthalte, Hausarrest und Verbannung und Einlieferung ins Konzentrationslager Oropos (Athen). Die desolaten Lebensbedingungen führten zu einem Tuberkuloseausbruch, den Theodorakis in einem Militärhospital auskurierte. Im Mai 1970 gelang es eine internationalen Solidaritätsbewegung, angeführt von namhaften Komponisten, Theodorakis aus dem Gefängnis der Militärjunta ins französische Exil zu befreien.

Exil in Paris (1970–1974)

Im Pariser Exil lernte Theodorakis in den siebziger Jahren den chilenischen Dichter und Schriftsteller Pablo Neruda, kennen, der zu dieser Zeit als chilenischer Botschafter in Paris arbeitete. Neruda und Theodorakis freundeten sich an. Aus dieser fruchtbaren Freundschaft entstand die Idee zum musikalischen Gesamtkunstwerk, dem „Canto General“, einer noch heute über alle Grenzen hinaus bekannten 13-teiligen Komposition. Der „Canto General“ ist ein Zusammenspiel von Orchester und Chorgesang sinfonischen Ausmaßes. Pablo Neruda schrieb die Gedichte, Mikis Theodorakis komponierte die Musik dazu.

Politische und künstlerische Aktivität nach der Rückkehr nach Griechenland (ab 1974)

1974, nach Beendigung der Diktatur in Griechenland, kehrte Theodorakis nach Athen zurück, wo er von seinen Landsleuten wie ein Volksheld gefeiert wurde. Die vielen Stadionkonzerte waren gefüllt mit begeisterten Anhängern. Er war weiterhin politisch aktiv und wurde 1990-92 Mitglied der Landesregierung, in der er sich für die Reform des Erziehungswesens und der Kulturpolitik sowie für verbesserte Beziehungen zur Türkei einsetzte. Politisch engagierte sich Theodorakis immer wieder aufs Neue, wenn die Umstände dies von ihm verlangten, so auch im Protest gegen die Bombardierungen in Jugoslawien (1999) und gegen den Irakkrieg (2003).

In seiner Heimat konzentrierte er sich fortan auf das Komponieren von Symphonien. 1993 übernahm er für zwei Jahre das Amt des Generalmusikdirektors des Symphonie-Orchesters und Chores des Griechischen Rundfunks und Fernsehens (ERT), bevor er sich ganz aus dem öffentlichen Leben zurückzog. Seit dem Rückzug aus dem öffentlichen Leben widmet er sich der Tätigkeit als Komponist und Dirigent, ohne auf gelegentliche Stellungnahmen zur Weltpolitik zu verzichten. 2012 nahm er, im Rollstuhl sitzend, in Athen an einer Demonstration gegen die Troika teil. Dabei wurde er durch eine Ladung Tränengas im Gesicht schwer verletzt. Noch heute leidet er an diesen Verletzungen. Mikis Theodorakis lebt bis heute zurückgezogen in Athen.

Dem großartigen Musiker und politisch engagierten Menschen wurden viele Ehrungen zuteil, u. a die Ehrendoktorwürde von der Universität Montreal und der Universität Thessaloniki. Internationale Preise unterstreichen seine Stellung im Musikleben unserer Zeit. Einzig der Friedensnobelpreis wurde ihm bislang noch nicht verliehen.

2. Kompositionen

Im Folgenden stellen wir die drei Kompositionen von Mikis Theodorakis vor, die wegen ihrer weit über die Zeit und die Ländergrenzen Griechenlands hinausgreifenden völkerverständigenden Wirkung besonders geeignet sind, den Friedensnobelpreis für ihn zu begründen:

1. Μikis Theodorakis & Pablo Neruda – “Canto General”

2. Mikis Theodorakis & Iacovos Kambanellis – „Die Ballade von Mauthausen“

  1. Der “Canto General“:

Der „Canto General“ zählt zu den bedeutendsten völkerverbindenden musikalischen Werken von Mikis Theodorakis und Pablo Neruda, die auf der ganzen Welt aufgeführt werden. Neruda hatte zum Zeitpunkt des Kennenlernens die Texte bereits geschrieben, doch die Idee, diese in musikalische Poesie zu übertragen, entwickelte sich aus der Freundschaft zwischen Neruda und Theodorakis. Theodorakis gestaltete das Werk zu einer umfangreichen Komposition mit Orchester und Gesang. Theodorakis‘ Musik folgt einfühlsam den lyrischen Vorgaben Nerudas und ist von mitreißenden Melodien und Rhythmen südamerikanischer und griechischer Folklore inspiriert. Der „Canto General“ erlebte 1974 in Paris seine Uraufführung, anschließend wurde er in vielen Ländern Südamerikas aufgeführt, zum Schluss auf der ganzen Welt. Die geplante Aufführung 1973 in Chile, dem Heimatland Nerudas, musste allerdings abgesagt werden. Am 11. September 1973 wurde die gewählte Regierung Allendes durch den Militärputsch Pinochets gestürzt. Pablo Neruda wurde als enger Freund und Unterstützer Allendes im Zuge des Putsches heimtückisch ermordet, initiiert von Pinochet und seinen Helfershelfern. Den musikalischen Nachruf „Neruda Requiem Aeternam“ mit eigenem Text und Melodie fügte Theodorakis dem „Canto General“ als Nachruf an seinen verstorbenen Freund Pablo Neruda später hinzu. Die erste Aufführung in Chile fand im April 1993 nach Beendigung des Militärregimes im Theatro Monumental von Santiago de Chile statt. Der „Canto General“ ist als das Resultat einer seelenverwandten Beziehung zwischen Neruda und Theodorakis zu betrachten.

Bestandteile des Canto General:

Der Gedichtzyklus „Canto General“, der „Große Gesang“, ist ein umfangreicher Gedichtzyklus über den Kampf Lateinamerikas gegen den Kolonialismus. Das größtenteils im Exil verfasste Werk besteht aus 231 Gedichten in 15 Abschnitten und erhebt den Anspruch, die Geschichte des mittel- und südamerikanischen Kontinents in verdichteter poetischer Form wiederzugeben. Die Gedichte beschreiben den unglaublichen Reichtum Südamerikas an Schönheit und Naturwundern, aber auch die Leiden der rechtlos gemachten Bevölkerung, die mit der Landung der europäischen Eroberer anfingen und bis heute unter dem Einfluss multinationaler Wirtschaftsmächte andauern. Somit richtet sich das Werk gegen die totalitären Regierungen der Kontinente und gegen die Unterdrückung der Bevölkerung. Bis heute versteht man den Canto General als eine Art Evangelium, das sich für Frieden, Gleichberechtigung, Toleranz und Freiheit für alle Völker dieser Erde einsetzt.

Der „Canto General“ umfasst viele Ebenen des Lebens, im Spagat zwischen dem Sinn des Erhalts allen Lebens und der Gefahr seiner Zerstörung. Die Texte bedienen sich vieler Metaphern aus der Natur, die sich gleichermaßen auf die Völker und Menschen der Erde übertragen lassen.

Vegetaciones

Algunas Bestias

Vienen los pájaros

La United Fruit Co.

Voy a Vivir

Los Libertadores

America Insurrecta

Neruda Requiem

 

Vegetaciones (Die Befreier)

Das Gedicht beschreibt die Kraft und Vielfalt der Baumlandschaften in den Urwäldern Südamerikas, als Sinnbild alles Lebens. Es verweist auf die Gefahren der mutwilligen Zerstörung dieses ökologischen Gleichgewichtes.  Reich an bildhafter Sprache wird der natürliche Verlauf des Entstehens, Wachsen und Vergehen in der Natur dargestellt.

Algunas Bestias (Einige Tiere)

Das Gedicht beschreibt die in der südamerikanischen Landschaft lebende Tierwelt, als Sinnbild alles Lebens, und die Gefahr der Zerstörung des ökologischen Gleichgewichtes.  Jedes Tier wird mit seinem wesentlichen Charakterzug beschrieben. Reich an bildhafter Sprache wird das friedliche und bunte Treiben der Natur Südamerikas dargestellt.  Die Störung des idyllischen Friedens erscheint in Gestalt von Jaguar und Puma: „Mit ihrem Hunger nach Beute warten sie nur auf den richtigen Augenblick, um ihre roten Zähne zum Einsatz bringen zu können.“  Als Tier aus der Tiefe der Erde erscheint die Anakonda Schlange, die „alles verschlingende“. Anakonda war Name und Firmenlogo einer der größten Kupferminengesellschaft in Chile. Diese Firma war bis in die 50er Jahre zusammen mit anderen US-amerikanischen Firmen in Besitz der meisten Kupferminen Chiles.

Vienen los Pajaros (Die Vögel erscheinen)

Das Gedicht preist das Erwachen der Natur und die Artenvielfalt der Vogelwelt in der Natur Südamerikas. Mit Begriffen wie „Kathedralen Flügel“ und „Adler des Himmels“ lässt das Gedicht an die göttliche Schöpfungskraft erinnern.

La United Fruit Co.

Das Gedicht beschreibt die Folgen der Kolonialisierung.  Konzerne werden benannt, wie Coca-Cola Inc. und Ford-Motors.  Der „liebliche Gürtel Amerikas“, die Zentralküste, einst als „Bananenrepublik“ getauft, wird als United Fruit Company bezeichnet. „La United Fruit Co.“ beschreibt den Vorgang des systematisch betriebenen Raubbaus an der Natur und dessen bittere Konsequenzen für die Völker Südamerikas.

Voy a Vivir (Ich werde Leben)

Das Gedicht beschreibt die Hoffnung und den Willen zum Leben und, damit verbunden, die Entschlossenheit, in der Zeit der Krisen und Probleme den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit nicht aufgeben zu wollen. „Ich bin bereit, mich auf neue Worte, Menschen und Wege einzulassen, die mich erwarten, die mit Bangen an meine Tür klopfen.“ Das Gedicht bezieht sich auf die Zeit, da in den Ländern Chile, Argentinien, Spanien und Griechenland fast zeitgleich Militärregierungen die Macht übernommen hatten.

Los Libertadores (Die Befreier)

In dem Gedicht „die Befreier“ steht ein Baum für die Kraft des Volkes. Es wird der Jahreswechsel beschrieben, und wie im Wechsel der Jahreszeiten Teile des Baumes sterben und wieder neue Zweige und Knospen entstehen. Es wird beschrieben, wie die Wurzeln des Baumes sich zeitlos und beständig ausbreiten.

Die Wurzeln des Baumes symbolisieren die ursprüngliche Kraft der Traditionen eines Volkes. Aus ihnen nährt es sich, wächst und gedeiht.

Der Baum verkörpert auch die Kraft der Völker, hervorgehend aus den vergossenen Tränen und dem Leid der Märtyrer, die für die Freiheit des Volks ihr Leben gaben. Diese Kraft macht widerstandsfähig gegen alles, was vernichten will. Die Blüten des Baumes symbolisieren die neuen strahlenden Helden des Volkes, die ihr Volk verteidigen und schützen. Durch sein stetiges Wachstum wird der Baum immer größer und kräftiger. Sein Bild wird in jedem seiner Samen gespeichert. Dort, wo die Samen landen, verankern sie sich fest im Boden. „Das ist der Baum des Volkes, aller Völker, der Freiheit, des Kampfes“ Jeder einzelne, der dieser Idee folgt, wird am Ende belohnt und darf die Siegesfrucht des Baumes ernten. Auch wenn einzelne Äste abbrechen, bleiben die Wurzeln des Baumes bestehen. Das Gedicht „Los Libertadores“ zieht direkte Analogien zwischen der Natur und dem Menschen. In einfacher bildlicher Sprache wird in dem Gedicht demonstriert, inwieweit die Freiheit des Einzelnen und die Freiheit eines Volkes als Naturgesetz zu betrachten sind.

America Insurrecta (Aufständisches Amerika)

Dieses Gedicht zieht Parallelen zur Eroberung der Inka- Kultur durch die spanischen Eroberer, was ein großes Unglück für die Einheimischen bedeutete („Wie eine Pflugschar hart war die Wahrheit“).

In Metaphern aus der Natur wird die Freiheitsgeißelung von Völkern beschrieben, sowie der daraus entstehende Durst nach Freiheit und Unabhängigkeit („zum Schweigen gebracht ward ihr Blühen…, doch, die Wände zerbrechend, brach sie hervor, den Boden von Kerkern befreiend…“).  Die Wortbilder lassen Hoffnung schöpfen und erkennen, woraus die Völker ihre Kraft ziehen können, um sich selbst als Volk wiederaufzubauen („Heute wie damals gehst du aus dem Volk hervor… heute wirst du aufrütteln die Tore mit misshandelten Händen, mit Splittern überlebender Seelen“). Das Gedicht würdigt die Kraft und das Durchhaltevermögen, aus der Natur geboren, der dunkelhäutigen Naturverbundenen Ureinwohner Südamerikas während der Jahrhunderte langen Zeit der Unterdrückungen.

(Redaktionelle Anmerkung: wir fügen hier eine Verlinkung ein zu den „Vegetaciones“ aus dem „Canto General“):

 

 Neruda Requiem

Beim letzten Teil des „Canto General“ stammt auch der Text von Mikis Theodorakis, nicht nur die Komposition. Es ist ein würdevoller Nachruf auf seinen Freund und Mitgestalter des „Canto General“, Pablo Neruda, und gleichermaßen ein trauerndes Gedenken an die Völkergruppen, die versklavt wurden, sowie an die Menschen, die noch heute in Unfreiheit und Versklavung leben müssen.

Der „Canto General“ lässt erinnern an den Gesang von Mercedes Sosa, die gegen die Unterdrückung von Naturvölkern Liedtexte geschrieben und veröffentlicht hat (z.B. „Todo Cambia“). Der „Canto General“ ist in seiner Vielfältigkeit und weitgefassten Sprache auf Natur und Völker vieler Länder, sowie auf das Heute übertragbar. „Los Libertadores“ und „América Insurrecta“ sind Lieder der musikalischen Poesie, die nach wie vor für Gültigkeit haben, heute für Krisen- und Kriegsgebiete, wie z.B. Syrien.

  2. Die Ballade von Mauthausen

Andonis

Drapetis (The Runaway)

Otan Teleiosi o Polemo (When the War ends)

Asma Asmaton

Die Ballade wird als einer der schönsten musikalischen Werke, das je über den Holocaust geschrieben wurde, beschrieben. Nach Gedichten des griechischen Dichters Iacovos Kambanellis, einem Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen, und musikalisch von Mikis Theodorakis zu einer Gesamtkomposition umgesetzt, umfasst die Ballade einen musikalischen Zyklus in vier Arien. Sie spiegelt die Erfahrungen Kambanellis im KZ Mauthausen wider, einschließlich seiner Liebe zu einer litauisch-jüdischen Frau, inmitten all der Grausamkeiten. Über 100.000 Opfer starben im Lager Mauthausen. Kambanellis überlebte die Gefangenschaft. Die Texte basieren auf seinen Aufzeichnungen, die er nach seiner Befreiung niedergeschrieben hatte. Jedes Gedicht der Ballade beschreibt einen eigenen Teil der Erinnerung Kambanellis an die Zeiten im KZ Mauthausen.

„Andonis“ beschreibt das Leiden, die Tränen und den Verrat in den Arbeitslagern des KZs.

„Drapetis“ erzählt von der Flucht eines Häftlings, seiner Denunziation und Wiederauslieferung im KZ.

„Wenn der Krieg zu Ende ist“ beschreibt das Finale, die Fantasie von der Wiedervereinigung der beiden Verliebten unter dem Damoklesschwert des Todes.

„Asma Asmaton“ beschreibt das Hohelied der Liebe und die Versuche, in der Hoffnungslosigkeit die Liebe zu finden. Asma Asmaton ist als das „Lied der Lieder“ zum Höhepunkt der Ballade zu zählen.

 

Mädchen von Mauthausen,

Mädchen von Belsen,

habt ihr nicht meine Liebe gesehen?

 

Wir haben sie auf dem eisigen Platz gesehen

mit einer Ziffer auf ihrem weißen Arm,

mit einem gelben Stern auf dem Herzen.

 

Wie schön sie ist, meine Liebe,

die von ihrer Mutter

und den Küssen ihres Bruders Verwöhnte.

Niemand hat je gewusst, dass sie so schön ist.

 

(Redaktionelle Anmerkung: hier die Verlinkung zu „Asma Asmaton“ aus der „Mauthausen-Ballade“):

Aus den folgenden Worten Mikis Theodorakis lässt sich entnehmen, dass er in der musikalischen Umsetzung der „Ballade von Mauthausen“ einen höheren Auftrag sah: nämlich ein Werk zu schaffen gegen das Vergessen.

Weltkriegs Gefangener in Mauthausen. Er schrieb Anfang der sechziger Jahre seine diesbezüglichen Erinnerungen unter dem Titel „Mauthausen“. 1965 verfasste er zu diesem Thema auch vier Gedichte, die er mir gab, damit ich sie vertone. Ich habe das sehr gern gemacht, weil mir erstens die Poesie in diesen Texten gefallen hat und weil ich zweitens während der Besatzungszeit selbst in italienischen und deutschen Gefängnissen eingesperrt war; vor allem aber, weil ich sah, dass wir die Möglichkeit haben würden, mit Hilfe dieser Kompositionen den Jugendlichen die Geschichte in Erinnerung zu rufen, jene Geschichte, die niemals vergessen werden darf.

Die Mauthausen-Lieder richten sich natürlich in erster Linie an all jene, die unter Faschismus gelitten und gegen ihn gekämpft haben. Wir alle müssen uns aber immer wieder die Verbrechen der Nazis vor Augen halten, weil dies das einzige Mittel dagegen ist, dass sich solche Dinge wiederholen könnten. Wir sehen täglich, dass der faschistische Geist noch längst nicht erloschen ist. Er zeigt oft nicht sein wahres Gesicht, aber faschistische Kulturen und Mentalitäten gibt es überall auf der Welt. Für uns, die diese Schreckenszeit durchleben mussten, ist es die wichtigste Aufgabe, unsere Kinder vor dieser Gefahr zu schützen.“

(Mikis Theodorakis)

Die Worte von Mikis Theodorakis entsprechen den Worten von Simon Wiesenthal in seiner bekannten Rede: „Aber wir, die Überlebenden, sind nicht nur den Toten verpflichtet, sondern auch den kommenden Generationen: Wir müssen unsere Erfahrungen an sie weitergeben, damit sie daraus lernen können … Es genügt nicht, dass alles schon in Büchern festgehalten wurde, denn ein Buch kann man im Gegensatz zu einem Menschen nicht befragen. Ein Zeuge muss ein ‚lebendiger‘ Zeuge sein…“

Die „Ballade von Mauthausen“ ist ein lebendiges Zeugnis. Sie erinnert an die grausame Vernichtung von Tausenden von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit der einmaligen musikalischen Gesamtkomposition legt sie ein Zeugnis ab für die Erlebnisse des Häftlings Kambanellis im KZ Mauthausen. Sie steht als Zeichen gegen jegliches Wiederaufleben von faschistischem Gedankengut und ist als Botschaft der Versöhnung zu betrachten. Asma Asmaton, das Lied der Lieder, wirkt über die Ballade hinaus. Sie zeigt, dass sich Hass nur durch Liebe überwinden lässt.

III. Abschließendes Plädoyer:

Eine Präsentation des Lebens und musikalischen Wirkens von Mikis Theodorakis in dieser Ausführlichkeit erschien uns wichtig, um die Vielfältigkeit seines Engagements auf  politischer und musikalischer Ebene darstellen zu können.

Wenn es um die Bewahrung von Demokratie und um die Verteidigung des hohen Gutes der Freiheit des Einzelnen geht, engagiert sich Mikis Theodorakis Zeit seines Lebens, von Jugend an, ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, aber stets im Schutze seiner Musik. In den Kompositionen von Mikis Theodorakis zeigen sich sein musikalisches Können und die unglaubliche Schaffenskraft auf höchster Ebene. Die Verbindung von kulturellem Gedächtnis zu Griechenland und die musikalische Umsetzung eigener Lebensanschauungen in die Kraft der Musik machen Mikis Theodorakis zu einem außergewöhnlichen Komponisten. Seine Werke, in denen Traum und Praxis vereint sind, wecken Bewusstsein und fordern, die tägliche Wirklichkeit nicht einfach so hinzunehmen. Sein ungebrochenes Engagement für sein Heimatland, für den Dialog mit der Jugend, für den Dialog mit den Unterdrückten und Verfolgten, sein Einsatz für das Vermitteln und Bewahren der internationalen Kultur und Musik, als auch sein völkerverständigendes Engagement machen ihn zu einem Menschen, der sich nach unserer Meinung mehr als verdient gemacht hat für die Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis.

 

 

 

 

 

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