Unten wie oben: gefährdete Mitmenschlichkeit

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

183. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Erneut ist Gutes zu vermelden zu unserer Spendenaktion. Durchwachsen hingegen die Nachrichten aus dem umkämpften Exarchia. Und was besprachen Mitsotakis und Merkel in Berlin? – Keineswegs etwas, das den Menschen in Griechenland zu helfen vermag. Kritik bleibt also auch weiterhin angesagt, was die Politik in und um Griechenland betrifft. Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

das relativ hohe Spendenniveau aus der Vorwoche hielt auch während der letzten sieben Tage an: 11 SpenderInnen überwiesen 435,- Euro an uns; vom 27. August bis zum 2. September waren das 525,- Euro gewesen (SpenderInnenzahl 7). Natürlich freuen wir uns darüber, und wir danken erneut allen UnterstützerInnen unter Euch sehr.

Uschi und Kalle, unsere Hilfsreisenden, sind inzwischen in Griechenland eingetroffen, aber ein Bericht über ihre Aktivitäten dort steht noch aus. Zur Erinnerung: sie werden das Kreiskrankenhaus in Neapolis und die Landarztpraxis in Kyparissi/Südpeloponnes mit medizinischen Hilfsmitteln beliefern, im Gesamtwert von rund 4.000,- Euro. Dieses Material wird dazu dienen, die ärztliche Versorgung auch verarmter PatientInnen (ohne Versicherungsschutz) sicherzustellen. Daß der neue Regierungs-Chef in Griechenland, Kyriakos Mitsotakis, keinen Anlass zu sehen scheint, das Problem der kaputten Krankenversorgung in Griechenland anzugehen und auch die Behebung der dramatischen sozialen Nöte im Land ganz generell für kein Thema hält, das ihn interessieren sollte – dazu später noch was!

Vorher noch ein paar Nachinformationen zum Thema Exarchia. Ihr wisst, zu jenem ganz besonderen Stadtviertel in Athen, das als „Hochburg“ der Anarchisten gilt, das zur Zufluchtsstätte für viele Flüchtlinge geworden ist (die von den Anarchisten nach Kräften unterstützt werden, mit dem Renovieren von Wohnungen für sie und mit Geldmitteln für deren Lebensunterhalt), zu jenem Ortsteil in der griechischen Hauptstadt, wo auch zahlreiche Künstlerinnen und Künstler zuhause sind.

Zuallererst: jawohl, die meisten Migranten, die am 26. August bei einem brutalen Polizeieinsatz festgenommen worden sind – darunter auch zahlreiche Kinder -, wurden inzwischen auf diverse Flüchtlingslager in Athen und Griechenland verteilt. Einige MigrantInnen – ohne sogenannt-“gültige“ Personalpapiere – wurden sogar in einem Gefangenenlager mit Namen „Petrou Ralli“ untergebracht. Und wieder andere sind sogar in Gefängnissen eingesperrt worden. Griechenland, Geburtsstätte von Menschenrechten und Demokratie, zeigt mehr und mehr die Visage eines Polizeistaats, der an die Obristenzeit von 1967 bis 1974 denken lässt.

Inzwischen wird bereits über Selbsttötungen unter den Migranten berichtet. Jene Verzweiflung, die alle Flüchtlinge ins Ausland trieb, ist für manche zur Verzweiflung geworden, die sie nicht mehr weiterleben lässt. Eine Schande für Griechenland, das ganz gewiss auch. Eine Schande aber vor allem für das gesamte Europa, das sich immer noch sehr gerne „Wertegemeinschaft“ nennen lässt. Diese Toten sind nicht zuletzt Opfer geworden eines Kontinents, das die letzten Reste seiner eigenen Menschlichkeitsorientierungen auf den Müllhaufen geschmissen hat.

Was nun die Situation der Anarchisten in diesem Athener Stadtviertel betrifft, soll heute nur von zwei Fakten die Rede sein: intensiv bereiten sich viele Anwohner von Exarchia auf den 14. September vor. An diesem Tag soll es zu einer Groß-Demonstration in diesem Viertel kommen. Und die andere Information – nicht nur in diesem Zusammenhang von Wichtigkeit: nein, einig sind sich die vielen Anarchisten-Gruppen in Exarchia nicht. Jene, die für Pazifismus eintreten, für konsequent gewaltfreie Aktionen, werden von anderen als „bürgerlich“ beschimpft. Und andere haben sich abenteuerliche Namen zugelegt – „Feuerzellen“ zum Beispiel – und scheinen gewillt zu sein, auch mit Molotow-Cocktails auf die – zu Recht! – verhaßten „Bullen“ loszugehen. Gleichwohl ist festzustellen:

Man arbeitet daran, Gemeinsamkeit herzustellen. Unter dem Slogan „No Pasaran“ (= „Sie kommen nicht durch“, übernommen aus dem Spanischen Bürgerkrieg, gemeint war damals die Verteidigung  des von den Franco-Truppen bedrohten Madrids) wird für diesen Einigungsversuch plakatiert. Und nach allem, was man aus der anarchistischen Szene insgesamt hört, soll sich die Zahl ihrer Anhänger während der letzten Wochen „dramatisch“ erhöht haben – so zum Beispiel nachzulesen auf „EMRAWI“, in einem langen Beitrag vom 3. September des Jahres. Im übrigen haben alle Bewohner von Exarchia damit zu kämpfen, dass vermutlich von anderer, von staatlicher Seite aus einiges dafür getan wird, diesen Stadtteil am Strefi-Hügel zum Umschlagplatz für Drogen werden zu lassen. Undercover-Cops komplettieren dieses Bild.

Mein riesengroßer Wunsch ist: dass der Kampf für mehr Mitmenschlichkeit in Exarchia mit Mitteln der Mitmenschlichkeit geführt wird. Wer, wie es in dem Beitrag auf EMRAWI heißt, eine Welt ohne Kapitalismus oder Unterdrückung will, sollte nicht selber auf Methoden setzen, die Methoden der Unterdrückung sind. Und Waffeneinsatz, Gewaltanwendung, Angstmachen durch die „Propaganda der Tat“ sind selber freiheitsvernichtende Formen der Aktion – von deren Größenwahn einmal abgesehen. Den Kampf  gegen die „Orbanisierung“ Griechenlands kann man gewinnen, einen Krieg dagegen niemals! Herz ist also an diesem 14. September gefragt – und Vernunft.

Womit ich, wie bereits angekündigt, beim derzeitigen Regierungs-Chef Griechenlands bin – genauer gesagt: bei dessen „Staatsbesuch“ am vorletzten Donnerstag in Berlin. Auch dort glänzten Herz und Vernunft durch Abwesenheit.

Nun, ich sagte es bereits: Beseitigung der sozialen Probleme scheint für Herrn Kyriakos Mitsotakis kein Thema zu sein – ebenso wenig wie die Sanierung des maroden Gesundheitssystems in Griechenland. Wenn man dem langen Bericht der „Griechenland Zeitung“ vom 4. September glauben darf, dann ging es um alles Mögliche bei diesem Treffen von Merkel und Mitsotakis am 29. August – um die 3,5 Millionen notleidenden Menschen in Griechenland ging es bei diesem Treffen nicht! Und der griechische Premierminister scheute bei seinen Dankesbezeugungen gegenüber der Kanzlerin nicht mal vor blanken Lügen zurück. Vor lauter Kriecherei sieht man die Wahrheit nicht mehr.

„Solides Verständnis“ hätten die Deutschen „während der vergangenen zehn Jahre“ den Griechen gegenüber aufgebracht, so Mitsotakis im O-Ton. Und was die Zukunft beträfe, so gehe es nunmehr vor allem um neue „Reform-Programme“ – wahrlich, spätestens seit den Zeiten des Neoliberalismus ist der einst zukunftsverheißende „Reform“-Begriff zum Droh- und Schreckwort verkommen! Und in der Tat: wichtigstes Moment dieser „Reform-Programme“, so Mitsotakis und Merkel im gespenstischen Einklang, seien weitere „Privatisierungs-Programme“, seien weitere „Privatisierungspläne“ der griechischen Regierung, „auf die auch viele deutsche Unternehmer zurückgreifen wollen“, so die bundesdeutsche Kanzlerin. Ob das griechische Gesundheitssystem davon was haben wird? Ob das von uns betreuten Menschen wie Panagiota K. mit ihren drei Töchtern irgendwas nützt? Wurde von Anhebung der Renten gesprochen, von der Etablierung eines Sozialhilfesystems, das diesen Namen verdient? Wurden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu menschenwürdigen Bedingungen zur Sprache gebracht? In einem Satz also: kamen bei diesen Gesprächen die Interessen des unteren Bevölkerungsdrittels in Griechenland überhaupt vor?

Ganz offenbar nicht! – Und dieses verwundert auch nicht. Denn eine deutsche Kanzlerin kann schlecht über Probleme in Griechenland sprechen, über die sie in Deutschland so beharrlich schweigt. Mit ihrer Doppellüge „Deutschland geht es gut, „Uns geht es gut“ hat Merkel ja auch bei uns diesen Menschen gegenüber immer nur die kalte Schulter gezeigt. Da kann man nicht plötzlich die warme Schulter erwarten gegenüber den notleidenden Menschen im allzu fernen Mittelmeerstaat!

Nach allem, was ich gelesen habe, fanden die Gespräche von Merkel und Mitsotakis in prächtiger Stimmung statt. Aber was wundert das uns. Diese Gespräche fanden ja auch statt in prächtigen Interieurs. In abgehobenen Sphären interessiert eben das Unten nicht.

Um das wir uns freilich weiter kümmern werden – mit Kritik an denen da oben!

Und damit auch dieses Mal wieder zu meinem Aufruf zu Spenden für unsere Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“.

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

 

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