V.C. Herz: Die Besucher (1/2)

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire

Szenenfoto aus „Mars attacks“

Ein Science-fiction-Thriller ist auch für dieses sehr abwechslungsreiche Magazin eine Seltenheit. V.C. Herz hat in seinem unnachahmlichen Stil eine spannende Fantasiegeschichte geschrieben, die – wie immer bei ihm – auf eine bittere Wahrheit verweist: „Höhere“ Spezies unterdrücken und quälen die „niederen“ wie es ihnen beliebt und ohne jedes Erbarmen. Diese Tatsache machen wir uns nur nicht immer bewusst, denn wir wähnen uns als Menschen auf der sicheren Seite – der Täterseite. Aber ist es wirklich gewiss, dass wir die höchstentwickelte Spezies im Universum sind? (V.C. Herz)

Gefühlt ist es eine Ewigkeit her, mindestens ein Jahr. Ich weiß noch, wie ich mit meinen Freunden nach der Schule Fußball gespielt habe, als plötzlich dieser grelle Blitz am Himmel leuchtete. Wir haben sofort aufgehört zu spielen und sind nach Hause gelaufen.

Im Fernsehen lief nichts anderes mehr. „We are not alone!“. Auf allen Sendern dasselbe – ein Raumschiff wurde gesichtet, welches auf New York zusteuerte. An diesem Tag wurde ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte aufgeschlagen. Man konnte im Fernsehen live miterleben, wie im Central Park alles für den würdigen Empfang unserer Besucher vorbereitet wurde. Der rote Teppich wurde ausgerollt, eine Kapelle spielte Musik, Wissenschaftler reisten aus dem ganzen Land an, um dem historischen Moment beizuwohnen.

Das Raumschiff landete tatsächlich auf der vorbereiteten Fläche mitten im Central Park. Als sich die Laderampe öffnete, strömte viel Dampf heraus. Es dauerte eine Weile, bis man auf den Fernsehbildern etwas erkennen konnte. Aus dem Raumschiff trat eine Gestalt in einem Raumanzug, man konnte dadurch nicht genau erkennen, wie es aussah, sicher war aber, dass das Wesen vier Arme hatte.

Einer der Wissenschaftler eilte mit einem Blumenstrauß zu dem Außerirdischen, um ihn auf der Erde willkommen zu heißen. Der warf nur einen kurzen Blick auf den Strauß und und ließ ihn dann einfach zu Boden fallen. Zugleich zückte er ein Messer und stach damit auf den Wissenschaftler ein. Blutüberströmt ging dieser zu Boden. Vor dem Wesen schwebte plötzlich eine Art Mobiltelefon, welches scheinbar Fotos von dem Außerirdischen zusammen mit dem getöteten Wissenschaftler machte. Jedenfalls nahm der Außerirdische unterschiedliche Körperhaltungen ein, als wäre er bei einem Fotoshooting.

Dann fielen die ersten Schüsse. Die New Yorker Polizei feuerte auf den Außerirdischen. Doch die Kugeln konnten seinen Anzug nicht durchdringen. Der Außerirdische stieg wieder in sein Raumschiff und schleifte dabei den leblosen Körper des Wissenschaftlers mit hinein. Kurz darauf flog das Raumschiff wieder davon.

Ich weiß noch, wie ich damals vor dem Fernseher saß. Ich traute meinen Augen nicht, die Kinnlade war mir heruntergefallen. Warum legt dieses Wesen eine solche Strecke zurück, nur um einen Menschen umzubringen?

In den nächsten Tagen kam es zu einer Sondersitzung der UN – alle Nationen waren sich einig, man müsse sich verbünden; im Angesicht der Bedrohung müssten nun alle Menschen zusammenhalten. Wenige Wochen später tauchten wieder Raumschiffe auf. Die Schulen wurden geschlossen. Ich weiß noch, wie durch unser Dorf plötzlich Panzer rollten und wie Kampfjets über unser Haus flogen. Es kamen immer mehr Raumschiffe, und von meinem Zimmer aus konnte ich sogar ein Gefecht zwischen zwei Jets und einem außerirdischen Raumschiff beobachten. Leider waren unsere Flieger chancenlos. Die Raketen vermochten den Panzer der Raumschiffe nicht zu durchdringen. Der Kampf war innerhalb von Sekunden vorbei. Die Jets explodierten einfach, nachdem sie von einem roten Laserstrahl getroffen wurden.

Im Fernsehen sah ich Bilder von ähnlichen Gefechten weltweit – überall waren wir chancenlos. Es kamen immer mehr und mehr Raumschiffe, und wir konnten nichts dagegen tun. Wir waren machtlos. Die Regierungen versuchten mit den Außerirdischen über die Kapitulationsbedingungen zu verhandeln. Aber diese schienen nicht an einem Austausch interessiert. Schließlich, nachdem sämtliche Verteidigungsstellungen zerstört worden waren, kamen große Transportschiffe. Daraus marschierten unzählige Außerirdische, alle bewaffnet mit Laserkanonen. Unsere Bodentruppen waren ebenso machtlos wie die Luftabwehr, die gepanzerten Anzüge der Aliens konnte kein menschliches Geschütz durchdringen.

Schließlich standen sie vor unserer Haustüre. Mein Vater versuchte sie mit einem Baseballschläger abzuwehren, aber es war zwecklos. Die Eindringlinge schossen auf meinen Vater, und dieser fiel ohnmächtig um. Meine Mutter wurde gepackt und aus dem Haus gezerrt, und schließlich fanden sie auch mich und schleiften mich nach draußen.

Wir wurden alle in unterschiedliche Fahrzeuge verfrachtet. In meinem waren nur Kinder. Die Außerirdischen brachten uns zu einem nahe gelegenen Bauernhof und sperrten uns in einem der Ställe ein. Es stank furchtbar, offenbar war es ein Schweinestall gewesen. Aber die Tiere waren nicht mehr dort. Man nahm uns alles, was wir hatten. Selbst unsere Kleidung wurde uns entrissen. Seither sitze ich in diesem Stall, zusammen mit hunderten anderer Kinder.

Wir schlafen in unseren eigenen Exkrementen, Seite an Seite, so eng ist es in dem Stall. Nach einer Weile haben wir begonnen, unsere Exkremente in einer Ecke des Stalls zu sammeln, um den Rest der Halle zumindest etwas sauberer zu halten. Ganz oben an der Decke sind ein paar winzige Fenster, so können wir feststellen, ob gerade Tag oder Nacht ist. Wirkliches Sonnenlicht dringt nicht in unser Gefängnis vor. Wir bekommen jede Menge zu essen und zu trinken, man scheint uns also am Leben erhalten zu wollen. Aber warum sperrt man uns dann überhaupt hier ein?

Ich wache auf. Es ist mitten in der Nacht. Ich höre Schritte, und Stimmen, die langsam lauter werden. Ich habe ein ungutes Gefühl. Ich weiß nicht warum, aber irgendetwas stimmt nicht. Die anderen Kinder schlafen noch. Ich schleiche in die hinterste Ecke des Stalls, beschmiere mich mit den Exkrementen und versuche mich in diesen zu verstecken.

Plötzlich geht das Licht an, und es sind unzählige Außerirdische im Stall. Sie sprechen plötzlich in einer verständlichen Sprache mit uns und sagen, dass jetzt alles gut wird und wir jetzt endlich wieder nach draußen können. Es war alles nur ein Missverständnis. Die Kinder freuen sich riesig, springen auf und verlassen den Stall. Nur ich bleibe in meinem Versteck, ich habe ein ungutes Gefühl. Nachdem alle Kinder den Stall verlassen haben, geht das Licht wieder aus. Jetzt bin ich allein in der großen, dunklen Halle. Der Gestank ist unerträglich.

Ich warte, gefühlt eine Stunde, bevor ich mein Versteck verlasse. Auf Zehenspitzen schleiche ich Richtung Ausgang. Die Tür ist nicht verschlossen, vorsichtig öffne ich sie einen Spalt und schaue nach draußen. Ich höre Hilferufe. So leise wie möglich schleiche ich aus dem Stall. Nicht weit von der Tür entfernt steht ein großer Tiertransporter, daraus kann die Stimmen der anderen Kinder hören.

Ich wusste doch, dass hier etwas faul ist. Mir ist klar, dass ich ihnen nicht helfen kann, also schleiche ich mich weg vom Stall in ein Gebüsch. Ich höre ein plätscherndes Geräusch Hinter dem Gebüsch fließt ein kleiner Bach. Leise tauche ich ein, ich will auf keinen Fall erwischt werden. Das Wasser ist eiskalt, aber ich kann mich zumindest darin waschen. Wie habe ich es vermisst zu baden! Als ich aus dem Bach steige, fühle ich mich wie neu geboren. Endlich ist dieser Gestank weg.

Ich erkunde vorsichtig das Gelände und komme zu einem weiteren Stall. An einer Wand befindet sich ganz oben ein Fenster, daneben wächst ein Baum. Ich klettere hinauf und kann einen Blick durch das Fenster erhaschen. In der Halle befindet sich eine große, runde Plattform, die sich langsam im Kreis bewegt. Darauf stehen unzählige junge Frauen, allesamt nackt. Sie sind an die Plattform mit einem Seil um den Hals festgebunden. Alle haben große, kugelrunde Bäuche. An ihren Brüsten hängen Schläuche.

Plötzlich sehe ich einen Lichtschein und höre ein Motorengeräusch. Der Transporter mit den Kindern ist losgefahren, gleichzeitig ist ein anderer angekommen. Einer der Außerirdischen treibt mindestens hundert Kleinkinder, höchstens zwei Jahre alt, in unseren alten Stall.

(Fortsetzung folgt morgen in diesem Magazin)

Aus dem neuen Satirenband von V.C. Herz: „Das Leben ist kein Ponyhof“, der gerade erschienen ist. Es ist schon das dritte Buch des Autors dieser Art. Näheres (und weitere Geschichten) auf www.pflanzliche-kurzgeschichten.de

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