V.C. Herz: Die Besucher 2/2

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire, Umwelt/Natur

Die Hirogen – eine Jägerspezies aus dem Star Trek Universum

Ein Science-fiction-Thriller ist auch für dieses sehr abwechslungsreiche Magazin eine Seltenheit. V.C. Herz hat in seinem unnachahmlichen Stil eine spannende Fantasiegeschichte geschrieben, die – wie immer bei ihm – auf eine bittere Wahrheit verweist: „Höhere“ Spezies unterdrücken und quälen die „niederen“ wie es ihnen beliebt und ohne jedes Erbarmen. Diese Tatsache machen wir uns nur nicht immer bewusst, denn wir wähnen uns als Menschen auf der sicheren Seite – der Täterseite. Aber ist es wirklich gewiss, dass wir die höchstentwickelte Spezies im Universum sind? (V.C. Herz, der 1. Teil dieser Satire ist ein Stück weiter unten auf dieser Seite zu lesen)

Ich sollte hier verschwinden. Vorsichtig klettere ich den Baum hinunter und beginne zu laufen. Möglichst weit weg von hier. Ich laufe in sicherem Abstand zur Straße. Nach wenigen Kilometern – langsam beginnt es zu dämmern – erreiche ich eine kleine Ortschaft. Ich schleiche mich hinein, der Ort wirkt wie ausgestorben. Ich sehe ein Haus, vor dem ein Kinderfahrrad lehnt. Vielleicht finde ich dort Klamotten. Die Haustüre steht offen, ich gehe hinein. Überall hängen Spinnweben, eine Ratte huscht unter einen Schrank, als sie mich sieht. Ich gehe in den ersten Stock und finde ein Kinderzimmer, allerdings ist alles rosa dekoriert , hier scheint ein Mädchen gewohnt zu haben. Nach etwas Suchen finde ich aber in ihrem Kleiderschrank etwas, das mir passt. Ich habe jetzt zwar ein pinkes T-Shirt mit Herzchen an, aber das ist mir egal. Hauptsache, ich habe wieder Klamotten. Erschöpft lege ich mich auf das Bett.

Plötzlich schrecke ich auf. Ich höre Stimmen. Als ich aus dem Fenster blicke, geht die Sonne gerade wieder unter, scheinbar habe ich den ganzen Tag geschlafen. Die Stimmen kommen aus Richtung des Nachbarhauses. Ich gehe in das Zimmer nebenan, aus diesem Fenster kann ich in den Nachbargarten blicken. Ich traue meinen Augen kaum. Im Garten brennt ein großes Lagerfeuer. Ein junges Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt, mit einer großen Stange vom Hals bis zum Rektum durchbohrt, dreht sich langsam der Länge nach über dem Lagerfeuer. Sie hat noch kaum Brandwunden, scheinbar hat man ihren leblosen Körper gerade erst über das Feuer gehängt.

Aus dem Nachbarhaus kommen zwei Außerirdische. Zum ersten Mal sehe ich sie ohne ihre Raumanzüge. Sie sind uns Menschen sehr ähn-lich, obgleich ihre Hautfarbe grau ist und ihre Augen blau leuchten. Beide haben eine Flasche Bier in der Hand und lachen herzhaft. Aus dem Haus kommt plötzlich ein rosa Schweinchen und reibt sich am Bein eines der Außerirdischen. Dieser streichelt das Tier, kramt dann in einer seiner Taschen und wirft dem Schwein etwas hin. Ich muss zweimal hinsehen, aber ich habe richtig gesehen. Es sind abgetrennte Menschenohren. Das Schweinchen beginnt darauf zu kauen.

Mir wird schlecht. Ich muss weg, ich kann auf keinen Fall hier bleiben, es ist zu gefährlich. Einige Stunden, nachdem die Außerirdischen das Mädchen verzehrt haben und wieder ins Haus gegangen sind, suche ich mir in der Küche ein paar Vorräte, stopfe sie in einen Rucksack und verlasse das Haus im Schutz der Dunkelheit. Auf dem kürzesten Weg lasse ich die Ortschaft hinter mir, bloß weg von den Außerirdischen.

Schließlich gelange ich an einen Waldrand. Vielleicht finde ich hier ja einen sicheren Unterschlupf. Es ist düster und unheimlich, mitten in der Nacht allein in der Wildnis. Ständig höre ich irgendein Rascheln und bleibe stehen. Aber es scheinen nur irgendwelche Tiere zu sein. In der Ferne sehe ich eine kleine Hütte auf einer Lichtung. Das sieht doch nach einem vernünftigen Unterschlupf aus, denke ich mir. In der Hütte finde ich ein kleines Bett, es gibt sogar eine Wasserversorgung. Perfekt, hier kann ich erst einmal bleiben. Erschöpft lege ich mich schlafen.

Am nächsten Morgen wache ich vom Zwitschern der Vögel auf. Ich verlasse die Hütte und beginne die Gegend zu erkunden. Ich finde einen Bach in der Nähe, unter einigen Bäumen wachsen reichlich Pilze. Plötzlich höre ich etwas. Ich drehe mich um und sehe wie ein Mann auf mich zuläuft. „Lauf!“, brüllt er mich an. Ich schließe mich ihm an. „Was ist los?“, frage ich verängstigt. „Sie sind hier – sie haben meine Frau erwischt. Aus dem Nichts kam der Laserstrahl. Sie ist einfach umgefallen, und ich bin losgerannt.“ Neben mir trifft ein roter Strahl einen Baum, der geht in Flammen auf. „Sie sind dicht hinter uns, wir sollten uns trennen! Alles Gute und viel Glück!“, meint der Fremde, während er seine Laufrichtung ändert.

Ich laufe schneller. Ich höre einen Schrei, und als ich zur Seite blicke, sehe ich, wie der Mann zu Boden geht. Neben mir schlägt erneut ein Strahl ein. Ich habe furchtbares Seitenstechen, ich kann nicht mehr. Aber ich muss weiterlaufen, sonst erwischen sie mich auch. Ich stolpere über einen Ast und falle. Als ich mich wieder aufraffe, steht einer der Außerirdischen vor mir. Er grinst, während er mit seiner Strahlenpistole abdrückt. Ich verspüre einen brennenden Schmerz in der Brust und merke, wie meine Beine nachgeben. Alles ist plötzlich ganz verschwommen, ich spüre noch, wie ich auf dem Boden auf-schlage. Dann fallen meine Augen zu.

Aus dem neuen Satirenband von V.C. Herz: „Das Leben ist kein Ponyhof“, der gerade erschienen ist. Es ist schon das dritte Buch des Autors dieser Art. Näheres (und weitere Geschichten) auf www.pflanzliche-kurzgeschichten.de

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