Vom Chinesen an sich

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire

„Chinese“ in einer Marionetten-Aufführung von „Jim Knopf“

Dass der Chinese an sich gefährlich ist, ist zunehmend Konsens. Nur: Warum ist das so? Und wer ist der Chinese überhaupt? Eine nur halb ernste sino-unlogische Betrachtung für alle, denen die eigenen Vorurteile über den Russen langweilig geworden sind und die endlich mal auch ein anderes Volk hassen und mit Klischees bombardieren möchten. Bobby Langer

 

„Kennt Ihr China, das Vaterland der geflügelten Drachen und der porzellanenen Theekannen?“ Heinrich Heine

„Nach Chinesien, nach Chinesien | Möcht’ ich, wo ich nie gewesien.“ Ludwig Eichrodt

Seide ist das stärkste, reißfesteste Naturmaterial, gleich nach Spinnfäden. Die Seidenstraße könnte eine vergleichbare innere Stärke aufweisen. Die Chinesen kommen, daran zweifelt niemand. Aber nicht mit Kamelen wie das letzte Mal. Auch nicht mit Panzern und Raketen, solange sie keiner nötigt. Sie kommen mit dem Selbstbewusstsein der ältesten Hochkultur der Welt mit einer Kontinuität von rund 5.000 Jahren. Sie sind der Elefant, der uns den Porzellanladen geliefert hat. Das Gefährliche am Chinesen ist, dass er weder katholisch noch evangelisch ist, aber trotzdem gut arbeitet; dass er weder Deutscher noch Amerikaner ist, aber dennoch intelligent; dass er den American Dream nicht so ernst nimmt, wie er sollte, und vor allem: dass es zu viele von ihm gibt. Meist übersehen: Der Russe ist östlich, doch der Chinese, wiewohl südlich des Russen gelegen, ist ungleich östlicher als jener.

Wer ist der Chinese?

Wer also ist der Chinese? Es gibt ihn nicht. Umso bedrohlicher ist er, zumal es ihn nicht als Chinesin gibt. Der Chinese ist der europäische Albtraum. Er ist der Mongole vor Wien, auch wenn er kein Mongole ist. Er ist der einstige Untermensch, der sich als moderner Übermensch entpuppt. Es ist nicht mehr undenkbar, dass wir, der eigenen Kultur verlustig, eines Tages alle Chinesen sein möchten und dann, mangels Mandelaugen, zu Chinesen zweiter Klasse würden.

Wir haben schon immer gewusst, dass der Chinese uns über ist. Er ist das Wasser, und wir sind der Stein. Wo wir sinnfreie Buchstaben verwandten, kombinierte er sinnvolle Bilder. Er verfasste Lieder und Gedichte, als wir noch auf den Bäumen siedelten und uns in Nesseltuch kleideten. Er hat nicht nur die Seide, das Porzellan und das Schwarzpulver erfunden – was schlimm genug ist –, sondern auch die Nudel, die Staatskunst, die Philosophie und die Ästhetik. Nach der seidenen Leichtigkeit seiner Bilder sehnen wir uns bis heute. Sie entstammen einer uns fremden Seele, einer Seele von luftiger Intensität. Selbst seine Wolkenkratzer sind verspielter als die unseren und kratzen tatsächlich an den Wolken. Schwarzpulver nutzte er für Feuerwerke, wir nutzten es für den Krieg.

Halbseidene Klöße

Würde uns der Chinese beneiden, wären wir ihm weniger gram. Tatsächlich verhält es sich umgekehrt. Zwar haben wir ihm das Porzellan, die Nudel, die Philosophie und die Ästhetik geraubt, aber wer fühlt sich schon gerne als Räuber? Die Staatskunst konnten wir ihm nicht entwenden, obwohl wir ihm viele Köpfe abgeschlagen und viele Herzen aus der Brust gerissen haben. Nicht einmal unsere Diktaturen sind seinen kaiserlichen vergleichbar. Ach, die Kaiser: Weder in Britannien noch in Amerika gab es Kaiser; die deutschen Kaiser herrschten immerhin 47 Jahre, die chinesischen 2.132 Jahre. Die Ethnie der Han-Chinesen umfasst ca. 1,3 Milliarden Menschen, die Ethnie der Deutschen gibt es gar nicht, ebenso wenig wie die Ethnie der Briten oder der Amerikaner. Kaiser FuXi spielte seine Musik auf einem mit Seidenfäden bespannten Instrument, Kaiser Shennong lehrte sein Volk die Herstellung von Seide und Hanf, Kaiser Wilhelm II. führte die Deutschen gegen die Chinesen in den Krieg, tötete als leidenschaftlicher Jäger 46.000 Tiere, zerhackte aus Vergnügen Bäume und war der Protektor der kaiserlichen Bartbinde. Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Chinesen sind also durchaus berechtigt und äußern sich unter anderem im Verzehr halbseidener Klöße.

Das Ende Europas

Elastisch und gleichzeitig reißfest und stark – das sind nicht nur die Eigenschaften der Seide, sondern auch die des Chinesen. Nur weil es ihn nicht gibt, wie wir ihn uns vorstellen, kann er so sein, wie er ist. Mit dem weitgehend bartlosen Chinesen ist der Deutsche nicht vergleichbar, auf ihn treffen die Eigenschaften der Seide wenig zu. Der elastische Chinese richtet sich nach den Umständen und macht sich ungern gemein, der Deutsche hingegen macht sich die Umstände untertan und verbrüdert sich gerne. Da, wo der Chinese triumphiert, bricht und splittert das spröde deutsche Wesen.

Umso irritierender ist der Respekt vieler deutscher Dichter, etwa Goethes, Hesses oder Brechts, vor dem Chinesen. Alfred Döblin, einer unserer besten Autoren, hat dem Chinesen mit „Die drei Sprünge des Wang-lun“ gar einen großen Roman gewidmet, einen Klassiker der Avantgarde.  Wollte der Deutsche nun von seinen literarischen Vorbildern lernen und sich mit dem Chinesen verbrüdern, so passte sich der Chinese dem Deutschen an wie das Yin dem Yang oder das Wasser dem Stein. Das verspräche eine kaiserliche Zukunft ohne Kaiser, das Ende des Nationalismus und den Beginn einer neuen Welt – zumal der Chinese nicht kommt, wie wir befürchten, sondern längst angekommen ist: in uns. Nun gilt es nur noch, die dem Deutschen ungemein unverständliche, weil einfache, chinesische Philosophie des Nicht-Handelns zu erlernen, mit deren Hilfe man durch Nicht-Tun zur Weltmacht wird. Huānyíng guānglín, herzlich willkommen!

Showing 2 comments
  • Bartolomé de Las Casas
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    Ich schätze mal daß ziemlich viele „der Chinesen“ von ihrer Hochkultur in etwa die Ahnung haben, wie viele „der Deutschen“ von den häufig zitierten deutschen Literaten, Dichtern und Poeten.

    Und noch etwas haben „die Chinesen“ mit „den Deutschen“ gemein. Ihre Herren mögen sie auch nicht leiden und deswegen bekommen sie nicht nur keine Bildung sondern werden auch noch eingesperrt:

    Shanghai-Politik nach neuen Corona-Befunden: Null-Covid-Strategie oder Dystopie?
    8 Apr. 2022
    Shanghai befindet sich seit dem 1. April im kompletten Lockdown, bei 8.000 dokumentierten Coronafällen in der 26 Millionen-Einwohner-Metropole. Die Maßnahmen sind radikal. Die Einwohner dürfen derzeit ihre Wohnungen nur für COVID-19-Tests verlassen.
    Anfang April meldete China die Registrierung eines neuen Omikron-Subtypus, der sich aus der Haupt-Untervariante BA.1.1. entwickelt haben soll. Wie auch in den vorausgegangenen Corona-Wellen reagierte der Staat unmittelbar mit der sogenannten Null-Covid-Strategie, was das Herunterfahren des gesamten gesellschaftlichen Lebens bedeutet. Bestandteil der Maßnahmen ist zum einen die Verpflichtung aller Bürger einer betroffenen Region regelmäßige PCR-Testungen vornehmen zu lassen, und zum anderen das Verbot, die Wohnung oder das Haus zu verlassen. Die Betroffenen werden über Behörden oder Lieferdienste mit Lebensmitteln versorgt.
    https://de.rt.com/asien/135724-shanghai-politik-nach-corona-neuinfektionen/

    Was auf dem Spiel steht ist nicht der Chinese, der Deutsche oder sonstwer, sondern das Menschsein an sich. Falls es nicht vor heute bereits verschwand. Der vorcoronare Homo Oekonomicus stirbt aus als digitalisierter Kyber-Pharmazeutikus.

  • Volker
    Antworten

    Er verfasste Lieder und Gedichte, als wir noch auf den Bäumen siedelten und uns in Nesseltuch kleideten.

    Nach Kleinbonum trieb es Chinesen aber nicht.
    Denn Idefix war wachsam, das Dorf von Zaubertrank gestärkt, und Troubadix betrunken sang: kein Schlitzohr kommt den Pfad entlang.
    Dafür kamen die Römer.
    Ihr Götter alle: Schützt unsere Hinkelsteine, leckere Wildschweinbraten und die bonumische Fledermaus.

    (…) sondern auch die Nudel (…)

    Dünne, klitschige Reismehlwürmer mit Überlänge, die sich dem Esser um Nase und Ohren wickeln, als Zeichen fernöstlicher Kochkunst mit Stäbchen. Klar, auf Löffel balancieren, das ginge nicht, selbst eine Gabel würde verzweifeln.

    (…) weil einfache, chinesische Philosophie des Nicht-Handelns zu erlernen, mit deren Hilfe man durch Nicht-Tun zur Weltmacht wird.

    Hartz 4-Dynastie?
    weia

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