Vom Verschwinden des Kuckucks

 in FEATURED, Umwelt/Natur

Kuckuck

Reinhard Mey veröffentlichte in den 70ern sein elegisches Lied „Es gibt keine Maikäfer mehr“ und er warnte: „Vielleicht gehen uns die Maikäfer nur ein kleines Stück voraus.“ Heute ist ein noch traurigerer und für das Ökosystem gefährlicherer Trend festzustellen: Es gibt (vielleicht bald) keine Singvögel mehr. Die schönen Stimmen im Frühling, das bunte Federkleid – werden sie nur noch eine Erinnerung an eine „heilere“ Jugendzeit sein? Ein Symptom sieht Götz Eisenberg im Verschwinden der Kuckucksrufe. Natürlich widmet sich der Sozialwissenschaftler in seinem Artikel nicht ausschließlich der Naturbetrachtung. Er stellt weiter gehende Fragen und beleuchtet noch ein anderes brisantes Thema: diskriminierende Mensch-Tier-Vergleiche. (Götz Eisenberg)

Nachdem vor ein paar Tagen mein Text „Das Recht auf Stille“ hier verlinkt worden ist, wurde heute Morgen unter meinem Balkon ein ähnliches „Stück“ aufgeführt: eine Kakophonie für zwei Laubbläser, Rasenmäher und Motorsäge. Dazu die üblichen Motorräder vorn an der Kreuzung. Der drohende „stumme Frühling“, also das rapide Abnehmen der Zahl der Sing- und Feldvögel und die am Horizont der Zeit auftauchende Möglichkeit ihres Verschwinden, ist etwas, das mich erschreckt, mehr als alle ökonomischen Krisen- und Untergangsszenarien. Es ist für mich, was für Pasolini das „Verschwinden der Glühwürmchen“ war. Bestimmte Phänomene haben nicht nur mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln zu tun, sondern wurzeln in einem bestimmten Typus der Industrialisierung und dem mit ihm verbundenen Raubbauverhältnis zur äußeren und inneren Natur. Wir leben, um es mit einem Terminus von Lévi-Strauss auszudrücken, in einer zu „heißen“ Kultur: Wir leben zu schnell, zu aufwendig, zu brutal, zu spitz, zu metallen, zu laut und zu rechtwinklig. Das gilt auch für die Wissenschaft, die in ihrer Maßlosigkeit alles totschlägt, was eine etwas sanftere Stimme hat und was sich vor Laboratoriums-Beleuchtung und verkrampften Fragestellungen zurückzieht. Mit unserer Homo-faber-Mentalität trampeln wir alles nieder und nehmen bestimmte Dinge nicht mehr wahr. Als die Furcht vor einem möglichen Sterben des Waldes grassierte, karikierte mein Freund Fritz die Haltung, mit der diese Gesellschaft und ihre Bewohner auf solche Alarmsignale reagieren, mit dem Entwurf eines Aufklebers: „Mein Auto fährt auch ohne Wald.“ Heute würde man zynisch fragen: Wozu brauchen wir Singvögel? Die scheißen auf mein Autodach!

In den Bäumen in meiner Nachbarschaft saß schon letztes Jahr eine Amsel, die in ihren Gesang eine markante Quarte eingebaut hat, die sie dieses Jahr wieder in ihr Repertoire aufgenommen hat und stets zwei bis drei Mal wiederholt. Diese Quarte unterscheidet ihr Pfeifen von anderen Vogel- und auch Amselstimmen. Die Lautbekundung dieser Amsel lud und lädt mich zur Nachahmung ein. Vom Balkon aus versuche ich ihr zu antworten und sie aus der Reserve zu locken. Ich weiß natürlich nicht, ob die Amsel mein Pfeifen als ebenbürtig anerkennt und überhaupt ernst nimmt. Eines Tages ging ein kleines Kind an der Hand der Mutter durch die Straße und reagierte auf das Pfeifen der Amsel, indem es Tatütata rief. Da begriff ich plötzlich, woher die markante Eigenart im Gesang dieser Amsel stammen könnte. Auf einer nahegelegenen Hauptstraße fahren mehrmals am Tag Polizei- und Rettungsfahrzeuge vorüber, die das Martinshorn eingeschaltet haben. Die Amsel hat dieses Intervall derart oft gehört, dass sie diese Tonfolge übernommen und in ihren Gesang eingebaut hat. Sie verhilft ihr nun zu einem Alleinstellungsmerkmal und damit möglicherweise zu einem Vorteil im Kampf um die Gunst weiblicher Amseln. So interpretierte ich den Alarmruf dieser Amsel bislang. Nachdem ich in den letzten Wochen viel vom uns drohenden „stummen Frühling“ gehört habe, neige ich dazu, ihre Coverversion des Martinhorns als eine an uns Menschen gerichtete Warnung zu interpretieren: „Wenn ihr nicht schleunigst etwas an eurem Lebensstil und eurem Umgang mit der Natur ändert und unsere Existenzbedingungen respektiert, werden wir euch mit eurem Lärm allein lassen.“

Ich kann mir ein Leben, das diesen Namen verdient, in einer Welt ohne Singvögel nicht vorstellen. Ich weiß zum Beispiel nicht, wann ich zum letzten Mal einen Kuckuck gehört habe. Eine Weile hingen hier in den Wäldern Zettel aus, die Spaziergänger aufforderten, sich beim Forstamt zu melden, wenn sie einen Kuckuck gehört hatten. Mein Vater konnte den Ruf des Kuckucks perfekt nachahmen, in dem er in die auf eine bestimmte Weise gefalteten Hände blies. Dann kam der jeweilige Revierinhaber näher, um zu schauen, wer sich da in sein Territorium gewagt hatte. Ging man früher im Mai in den Wald, stieß man alle paar hundert Meter auf ein Exemplar dieses eigenwilligen Vogels.

In meiner Kindheit signalisierte der Ruf des Kuckucks den Beginn einer kulinarischen Ausnahmezeit. Man schnitt den aus der Hausschlachtung stammenden rohen Schinken an und aß den ersten Spargel dazu. Außerdem steckte man sich ab Mitte April, bevor man zu einem Spaziergang aufbrach, Geld in die Hosentasche, um mit ihm zu klimpern, wenn man den ersten Kuckuck hörte. Nur der erste Ruf galt, und wenn man das bei ihm tat, gab es Hoffnung, dass einem das ganze Jahr hindurch das Geld nicht ausging. Das sind Geschichten aus einer Zeit, da das Wünschen noch geholfen hat.

Inzwischen macht der Kuckuck sich rar und ist vom Aussterben bedroht. Infolge der Erderwärmung kehren viele Zugvögel früher in ihre Brutgebiete zurück oder treten die beschwerliche Reise in den Süden gar nicht erst an. Der Kuckuck lässt sich nicht hetzen und bricht erst aus seinem Winterquartier südlich der Sahara auf, wenn eine gewisse Tag- und Nachtlänge ihm signalisiert, dass es Zeit wird. Wenn er schließlich in unseren Breiten eintrudelt, findet er keine Pflegeeltern mehr. Die anderen Vögel, in deren Nestern er für gewöhnlich seinen Nachwuchs einquartiert, sind mit Nestbau und Familiengründung schon zu weit fortgeschritten, als dass der Kuckuck noch zum Zuge kommen könnte. So werden wir uns wohl über kurz oder lang von diesem eigenartigen und symbolträchtigen Vogel verabschieden müssen. Zuzutrauen ist ihm, dass er sich – von der Furie des Verschwindens bedroht – verpuppt hat und nun als Finanzmanager sein Unwesen treibt, der seine faulen Kredite in den Fonds der anderen platziert. In dieser neuen Funktion wird er Rache nehmen für seine Vertreibung und dafür sorgen, dass uns allen eines Tages das Geld ausgeht.

Beim Nachdenken über den Kuckuck fällt mir eine kleine Begebenheit aus meiner Anfangszeit im Gefängnis ein. Der ehemalige Vollzugsdienstleiter, das war der Chef der uniformierten Bediensteten, hat mich, als ich Mitte der 80er Jahre in Butzbach zu arbeiten begann, eines Tage in der Mittagspause zu seinen Bienenstöcken mitgenommen. Das war eine freundliche Geste, beinahe ein Liebesbeweis. Als er mir gerade voller Begeisterung von deren sprichwörtlichen Fleiß, der strengen Ordnung und dem hierarchischen Aufbau des Bienenstaates vorschwärmte, die einem geordneten und strikt gegliederten menschlichen Staatswesen zum Vorbild dienen könne, ließ sich auf einem Pfosten ganz in der Nähe ein Kuckuck nieder. Ein seltenes Ereignis, denn man bekam auch früher diesen scheuen Vogel eher zu hören als zu sehen. Der ältere und kurz vor seiner Pensionierung stehende Kollege nutzte die Gelegenheit, um mir seine Philosophie des Verbrechens vorzutragen. „Sehen Sie den Kuckuck dort? Er ist wie die Ganoven, die wir in unserer Obhut haben: Er legt seine Eier in fremde Nester und lässt die anderen die Arbeit verrichten. Der kleine Kuckuck nimmt seinen Stiefgeschwistern das Futter weg und schmeißt sie am Ende gar aus dem Nest! Der Kuckuck ist unter den Vögeln, was der Verbrecher in der menschlichen Gemeinschaft ist: ein Parasit.“

Auch mein Vater hat uns sein nationalsozialistisches Weltbild, das den „Zusammenbruch“ unbeschadet überstanden hatte, gern anhand von Naturvorgängen erläutert. Einmal zeigte er uns Kindern im Garten einen Apfelbaum, an dem sich eine Efeupflanze emporrankte. „Seht ihr den Efeu dort? Er ist ein Schmarotzer und entzieht dem Apfelbaum seinen Saft. Er ist für die Bäume, was der Jude für den deutschen Volkskörper ist. Man muss ihn ausmerzen, um den Baum zu retten, der uns mit seinen herrlichen Äpfeln versorgt.“ Auch Katzen galten als undeutsch und irgendwie asiatisch. Sie schleichen ums Haus, lassen sich nicht dressieren und machen, was sie wollen. Während der Hund beim Menschen bleibt, auf ihn hört und wie ein Inspektor nach dem Rechten sieht. Er ist zu etwas nutze, während die Katzen einfach so da sind. Einzig als lebende Mausefallen seien sie zu gebrauchen. Aber auch darauf sei kein Verlass.

All diese frühen Indoktrinationen sind im seelischen Untergrund immer noch wirksam. Darauf hat Tilman Moser vor vielen Jahren bereits hingewiesen. Wie durch ein Steigrohr steigen sie gelegentlich auf, mischen sich in aktuelle Bezüge ein und färben die Wahrnehmung. Das Denken und Fühlen vieler Zeitgenossen über Migranten und Geflüchtete ist von solchen frühen Prägungen beeinflusst. Sie entziehen sich dem Bewusstsein und sind gerade darum umso wirksamer. Manches hat sich gesetzt in der Schulzeit, wurde zugeschüttet, nicht aufgearbeitet, vergessen, in Träumen umgearbeitet, in neue Formen gegossen. Aber der Schichtenaufbau der Seele bleibt. Es bildet sich ein scheinbar tolerantes, demokratisiertes Erwachsenenbewusstsein, aber das steuert nicht die Geruchszellen, die ihren Betrieb aufnehmen, wenn eine ausländische Familie bei der Bahnfahrt das Abteil füllt. Verschmutzungsängste lösen Fluchtreflexe aus, Abgrenzungen kommen in Gang.

Der Rassismus sitzt im Kinderkörper, meldet sich gelegentlich an unerwarteten Stellen und überschwemmt das Erwachsenenbewusstsein mit seinen uralten Ängsten. Bestimmte Nachrichten oder Bilder bohren längst verschüttete Schichten unseres Bewusstsein oder Unbewussten an, die sich dann wie ein Verstärker an die gegenwärtig gesehenen Bilder anschließen oder sich über sie schieben. Wer mit diesen Dimensionen nicht rechnet, wird die Phänomene, die uns seit einiger Zeit umtreiben und mit Sorge erfüllen, nicht begreifen und ihnen nicht Paroli bieten können.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gefängnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. In der „Edition Georg Büchner-Club“ erschien 2016 unter dem Titel „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“ der zweite Band seiner „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“. Dort hat er zuletzt unter dem Titel: „Es ist besser, stehend zu sterben als kniend zu leben! No pasarán!“ auch ein Bändchen zum Spanischen Bürgerkrieg veröffentlicht.

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