Von Kühen und Kojoten

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire

Seit den Fabeln Jean de La Fontaines wissen wir: Wenn bestimmte Autorinnen und Autoren über Tiere schreiben, sind eigentlich Menschen gemeint. Eine kleine Geschichte zum Mitdenken. Susanne Alpers

Die Herde steht im Pferch. Die meisten stehen eng beieinander, die Wärme der Anderen beruhigt sie. Es ist immer Heu in der Raufe. Das Gatter im Blickfeld verheißt Schutz und Grenze.

Draußen sind die Kojoten. Sie laufen frei herum, sie gehen ihre eigenen Wege. Sie sind räudig. Sie stellen eine Gefahr dar für die Kühe im Pferch.

Manche Kühe trotten zum Gatter. Es ist eng in der Herde und der Mist steht hoch. Sie wollen sich nur mal die Beine vertreten und  schauen nach draußen. Sie sehen die Kojoten an. Manche fürchten sie, manche nicht.

Aber die Herde ruft. Zuerst vereinzelt, dann zunehmend ungeduldiger. Alle müssen zusammen bleiben. Sonst sind sie verloren.

Die Kojoten sind unter Beschuss. Eigentlich darf es sie gar nicht mehr geben. Verzichtbare Parasiten. Sie bewegen sich, wie sie wollen. Irrational. Sie bringen Unordnung. Entweder sie werden Teil der Herde oder sie müssen weg.

Wenn ich in Gedanken über diese Landschaft fliege, höre ich das ängstliche Muhen der Einen und das einsame Kläffen der Anderen in der Nacht.

Ich frage ich mich: wer hat mehr Würde?

Showing 5 comments
  • Jasmina Sch.
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    Liebe Frau Albers, ja, Tiergeschichten, Parabeln sind bestimmt lesenwert und interessant, aber mir persönlich  geht es gerade so, dass ich Ihrer  Tier-Metaphrik gar nicht so recht folgen kann bzw. mag. Wissen Sie, was für wunderbare, soziale  Tiere Kojoten sind?  Wenn Natur-Parallelen, diese wäre doch evtl. auch ganz schön,:  es soll Ameisen geben , in Afrika, die in einer Symbiose leben, mit einem bestimmten Akazienbaum, der Baum versorgt sie mit Blättern, einem Unterschlupf  und Nektar, dafür verteidigen die Ameisen den Baum, wenn er angegriffen wird. Finde ich persönlich fast etwas besser passend, als Sinnbild?  Ist  aber alles völlig subjektiv, und  nur  eine kleine Idee, die meinem persönliches Empfinden der Situation  etwas näher ist. 😉 Liebe Grüße, J.
  • Judith Endler
    Antworten
    Jasmina  Sch. möchte ich zustimmen und ergänze: Wer hat denn die Herde in den Stall gesperrt? Wo in der freien Natur, leben Herden im Stall?
  • Susanne Alpers
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    Zum besseren Verständnis von Fabeln: nicht nur die Tierfiguren sondern auch die gewählten Adjektive sind metaphorisch gewählt.

    Mit freundlichen Grüssen von einer „räudigen Kojotin“,

    Susanne Alpers

  • heike
    Antworten
    Ich habe da andere Erfahrungen gemacht. Nicht selten habe ich schon Kojoten in ein Gatter gehen sehen, und sich darin zu Kühen verwandeln.

    Dann gehen sie aus dem Gatter wieder heraus und werden zu Goldhamstern. Oder Kojoten. Und schimpfen auf die anderen Kühe im Gatter.

    Das nennt man fehlende Selbstreflektion. Oder den Balken im eigenen Auge nicht sehen wollen, oder ganz einfach die Wahrheit über das menschliche Wesen, das sich wechselnden Umständen anzupassen vermag.

    Menschen machen ihre Erfahrungen. Die Erfahrungen, die wir zur Zeit machen dürfen, grenzen schon sehr an Schildbürgergeschichten. Absurd. Irrational.

    Alles erscheint wie ein großes Spiel, dessen Ausgang wohl noch immer in den Sternen steht.

    Und das wiederum macht, dass man die Hoffnung nicht verliert.

    (Warum bestehen manche Menschen so auf ihrem Kojotentum? Wahrscheinlich geht es da um die Freiheit, das eigene Wesen ausdrücken zu dürfen, wie es ist, sich keine Vorschriften machen zu lassen.

    Verstehe ich auch. An jeder Ecke steht heute irgendwer und möchte seine Vorschriften durchsetzen.

    Der Ehemann, die Ehefrau, der Schnelltest-Corona-Tester, usw.usf.

    Das Gute an dieser Situation ist, dass man auch gut projizieren kann – wenn ich gegen meine Ehefrau keine Chance habe, dann wettere ich eben gegen … den Politiker und jene Politikerin…. es stehen genug zur Auswahl.

    Das Problem hinter dem Corona-Problem ist eigentlich: Wie gebe ich meinem Leben einen Sinn? Was ist der Sinn meines Lebens? Wofür möchte ich meine Energie einsetzen?

    Meiner Meinung nach geht es dabei immer auch um eine Horizonterweiterung, um ein erweitertes Erfassen. Allerdings braucht das eben auch intakte Wurzeln. Das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann, ist seine Wurzeln zu kappen. Dann hat man ein gefügiges Wesen, denn bevor der Mensch eingeht, dann entscheidet er sich doch eher für Gefügigkeit.

    Nun könnte man den Menschen, die manche als Kühe bezeichnen, unterstellen, dass sie solche wurzelgekappten Geschöpfe sind. Aber vielleicht sind sie auch ganz einfach von ihrer inneren Veranlagung her sanftmütige Geschöpfe, die in Ruhr und Gemeinschaft grasen und niemanden etwas zuleide tun wollen.

    Und die Kojoten sind Menschen, die halt ihre Einsamkeit und ihr ráuhes und ungefiltertes Leben brauchen und vermissen.

    Warum soll es keinen Platz auf dieser Erde für beide und alle anderen „Menscharten“ geben?

    Wahrscheinlich wird munter weiter getestet werden, und nichts wird das aufhalten … auch wenn man sich immer wieder fragt, wie es bloß dazu kommen konnte.

    Ich denke, dass es bei vielen Menschen auch darum geht, ihre angeborenen Instinkte ausleben zu können. Was wird aus der Menschheit, wenn das ausreichend geschehen ist? Dann herrscht so etwas, wie ein Gleichgewicht, und Harmonie kann sich einstellen. Und daraus kann Freude erwachsen und Zufriedenheit, Kraft kann geschöpft werden, für neue Projekte.

     

     

     

     

     

  • Elvira Pasner-Senf
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    Ich denke,  ein Hinweis auf Beuys und sein Werk „Coyote, I like Amerika and America likes me“ von 1974 darf an dieser Stelle nicht fehlen.  Näheres ist zB. auf der Seite „Kunst im Unterricht“ nachzulesen. Auszug/Zitat: “ Nach Aussagen des Künstlers soll der Kojote die Ureinwohner Amerikas symbolisieren und deren Verbundenheit zur Natur. Für die Ureinwohner ist der Kojote ein heiliges Tier, er bedeutet Kraft und Wandlung. Er wird sogar zur Gottheit erhoben. Für “den weißen Mann” ist der Kojote dagegen das Gegenteil. Er verkörpert hier etwas Schmutziges und Unzähmbares.“ Quelle: https://www.kunstimunterricht.de/kunstgeschichte/kuenstler/98-joseph-beuys-und-seine-aktion-coyote-i-like-america-and-america-likes-me.html

     

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