Was wenn Gott einer von uns wäre?

 In FEATURED, Kultur, Spiritualität

Bruder Thomas Quartier mit Joan Osborne

Bruder Thomas im Dialog mit Joan Osborne über Spiritualität, Singen und Bob Dylan. Wer kennt nicht den Song aus den Neunzigern: „What if God was one of us“? Keine Disco und kein Kaufhaus, wo er nicht rauf und runter gelaufen wäre. Aber hat irgendjemand die Frage auch wirklich gehört? Was, wenn Gott einer von uns wäre? Bei genauerem Hinhören geht es um eine künstlerische Artikulation von etwas Unbekanntem. Was, wenn Gott einen Namen hätte? Fragen über Fragen. Thomas Quartier, Mönch und Professor für Spiritualität, hat sich ihnen gemeinsam mit der Sängerin dieses Hits, Joan Osborne aus New York, gewidmet. Er traf sie während ihrer Tournee durch die Niederlande im März 2018, wo sie ihr Programm „Songs of Bob Dylan“ präsentierte.

Spiritualität: heilige Fremde

Am Ende eines jeden Konzerts spielt Joan Osborne ihren großen Hit. Die Leute singen mit, klatschen begeistert. Ich bin zunächst skeptisch: Ja klar, Gott ist toll (“God is great”), wie sie im Refrain singt. Aber was hat das mit heutiger Sinnsuche zu tun, in einer Zeit, wo Gottesglaube kaum mehr selbstverständlich ist? Dennoch versuche ich, die Frage ernst zu nehmen: Kann ich mir vorstellen, dass Gott einer oder eine von uns ist? Ich muss an mein Leben als Mönch denken. Nein, konkret ist mir Gott noch nicht begegnet. Oder habe ich es vielleicht einfach nicht gemerkt, weil ich allem Fremden gegenüber nicht wirklich offen bin? Jede Form von Spiritualität sucht nach dem Unbekannten, dem Fremden. Könnte Gott “der heilige Fremde” sein, der mir allzu oft ganz und gar nicht heilig vorkommt und von dem ich mich abwende? Intuitiv, ohne es ausdrücklich zu wollen?

Joan teilt meine Unsicherheit dem heiligen Fremden gegenüber: “Natürlich ist uns die Vorstellung von Gott als Fremdem in der Welt, jemand der uns als Bettler erscheint, aus biblischen Geschichten wie dem Barmherzige Samariter bekannt. Aber sie ist auch ein ganz konkreter Test für uns, das Göttliche in Menschen außerhalb unserer Gemeinschaft zu erkennen, und den Fremden nicht einfach als ‚den anderen‘ seiner Menschlichkeit zu berauben. Können wir uns wirklich gegenseitig als Brüder und Schwestern auf der Erde erkennen und so etwas wie Nächstenliebe empfinden?“ Die Frage der Heimatlosigkeit und Fremdheit, die im Liedtext zum Ausdruck kommt („just a stranger on the bus“), wird für mich in diesem Gespräch sehr konkret. Ich merke, dass die Suche nach Gott, dem Grund aller menschlichen Würde, für Joan auf der Bühne und für mich im Kloster dieselbe Herausforderung beinhaltet: erkenne den heiligen Fremden.

Einfach ist das nicht, egal wo wir uns befinden. Und doch passiert es immer wieder, wenn wir nur die Augen aufmachen. Mitten in unserem Leben geschehen Wunder. Ich denke an meine Klostergemeinschaft. Wie oft muss ich meine Irritationen überwinden, wenn ich mit meinen Mitbrüdern leben will. Und doch leben wir miteinander. Joan hat etwas ganz Vergleichbares einmal gesungen („Hallelujah in the city“, 2008). Sie fühlt sich „verloren in der Stadt“, ertrinkt im „Meer von Menschen“. Doch letztlich kann man gerade in jener Entfremdung „Halleluja“ singen. Jeglicher Pessimismus ist dann mit einem Mal verschwunden: “Wenn man sich meine Heimatstadt New York anschaut, sieht man einen Mikrokosmos der Menschheit. Menschen mit ganz unterschiedlichen ethnischen, religiösen und ökonomischen Hintergründen leben doch zusammen. Natürlich gibt es viel Ausbeutung und Unterdrückung, aber es gibt auch viele Beispiele, wie sie äußerliche Unterschiede überwinden und sich miteinander verbinden. Wenn man an einem schönen Frühlingstag durch die Straßen läuft, anderen zulächelt und die Menschlichkeit spürt, kann das eine sehr spirituelle Erfahrung sein“.

Im Konzert hatte Joan an jenem Abend sehr emotional gegen die heutige amerikanische Politik Stellung bezogen: „Wir Amerikaner können uns wirklich nur bei der Welt entschuldigen für das, was heute bei uns passiert. Wir sind, was das angeht, wirklich am Ende. Aber wir werden wieder aufstehen und zeigen, dass die Welt besser ist“. Die spirituelle Erfahrung des heiligen Fremden bedeutet in der Tat, die Welt besser zu machen. Dazu beginnt man in seinem eigenen Mikrokosmos – für mich das Kloster, für Joan die Straßen von New York. Wer den Fremden erkennt, hat die Welt schon verändert!

Singen: verkörperte Einheit

Wie immer bei einem intensiven Konzerterlebnis frage ich mich, was eine so spektakuläre Performance für einen Mönch bedeuten kann, der doch eher unscheinbar und eintönig zu singen scheint. Ich fühle mich spontan mit der bezaubernden Wirkung des Gesangs verwandt. Joan Osborne gehört sicherlich zu den besten Sängerinnen im Bereich Blues und Folk und hat weitaus mehr zu bieten als nur den einen bekannten Song. Auf ihren inzwischen neun Alben hat sie sehr unterschiedliche Musikstile verarbeitet. Bei ihrer Tournee in den Niederlanden kann man sich wieder einmal davon überzeugen, was man mit seiner Stimme so alles bewirken kann. Hat die Performance als Sängerin für sie etwas mit ihrer spirituellen Suche zu tun? Joan versteht meine Vermutung auf Anhieb: “Ich glaube, dass Musik im allgemeinen und Singen insbesondere eine solche Kraft haben, weil sie uns auf allen Ebenen unseres Menschseins berühren: emotional, intellektuell, physisch und spirituell. Wenn dein Körper im Konzert mit den Klängen vibriert, die die Instrumente und andere Sänger produzieren, entsteht ein physischer Kontakt, bei dem man nicht mehr sagen kann, wo die eine Person endet und die andere anfängt. Diese Einheit strahlt auch auf jene aus, die die Musik anhören und sie in ihren Körper, ihren Geist und ihre Seele aufnehmen“.

Die musikalische Gemeinschaft als Verkörperung der menschlichen Einheit? Ja, genau darum geht es, so sind wir uns gleich einig. Joan: “Musik ist ein Beispiel buchstäblicher Gemeinschaft miteinander“. Das ist unabhängig vom Stil und von der Art des Singens. Osbornes Können hat sich nie beschränken lassen: “Ich bin ständig auf der Suche, habe mich daher nie auf ein einziges Genre festgelegt. Ich möchte in der Lage sein, in all diesen Wassern zu schwimmen. Zum Glück wurde ich in verschiedenen musikalischen Welten willkommen geheißen. Ich bin wirklich gesegnet, was das betrifft”. Nicht jeder ist freilich ein stimmlicher Virtuose wie sie, auch ein Mönch nicht. Aber darum geht es auch nicht. So kann ich ihre Aussage gleich auch für mich selber verstehen: wenn man in einer musikalischen Welt „willkommen geheißen wird“, dann heißt das, dass man Teil einer Einheit ist, die durch Musik verkörpert wird (embodiment). Das ist auch bei meiner Art des geistlichen Gesangs so. So unterschiedlich unsere Klosterkapelle und die Bühne, auf der Joan allabendlich steht, auch sein mögen, heute Abend greift die Einheit auch auf mich über.

„Ich hatte befürchtet, dass Du die Verbindung mit Mönchtum und Spiritualität merkwürdig finden würdest“, sage ich ihr. „Nein, ganz und gar nicht“, sagt sie, und ich merke, dass es hier nicht um eine Parallele geht, die man einfach so benennen kann. Nein, man kann sie nur verkörpern. War es das, was das Publikum bei ihrem Konzert so begeisterte, so andächtig zuhören und dann wieder enthusiastisch jubeln ließ, wenn der wunderbare Pianist Keith Cotton, der Osborn an jenem Abend begleitete, ein atemberaubendes Solo spielte? „Wir sind heute Abend alle Freunde“, hatte sie zu Beginn auf der Bühne gesagt. Das klang fast nach einer Plattitüde. Aber es wurde zu einer Ankündigung, die sich beim Singen, in der erlebten Musik bestätigte. Alles was wir über Spiritualität gesagt hatten, dass man den heiligen Fremden treffen und ehren muss, wurde auf einmal wahr.

Dylan: gesungenes Lied

Es ist sicher kein Zufall, dass Joan Osborne für ihr Programm und das gleichnamige Album (Songs of Bob Dylan; 2017) Bob Dylan ausgewählt hat. Vieles von dem, was wir in unserem Dialog besprochen haben, lässt sich auf Dylan beziehen, ist von ihm inspiriert. “Der heilige Fremde” zeigt sich nirgends in der amerikanischen Kunst der letzten Jahrzehnte so eindrücklich wie in der Figur des Heimatlosen, des „Hobo“, den Dylan in allen Varianten immer wieder besingt und verkörpert. War das ein Grund für Joan, sich seinem Werk zu widmen? „Ich denke, ein Lied muss gesungen werden, unabhängig davon, wer es geschrieben hat. Es kann in einer Aufnahme oder auf der Bühne lebendig werden, aber es muss gesungen werden um zu vollem Leben zu erwachen“. Der Sänger tritt also hinter das Lied zurück. Es geht nicht um die Person, sondern um das gesungene Lied. Das trifft mich als Mönch mitten ins Herz. Nichts anderes versucht jeder spirituelle Gesang. Es geht nicht darum, wer oder was man ist, sondern nur um das Lied, das eine grandiose Offenheit in sich birgt.

Natürlich gibt es so etwas wie Genialität, Virtuosität. Kaum jemand wird bestreiten, dass die Songs von Bob Dylan eine außergewöhnliche Qualität haben und in ihrer Tiefe unerschöpflich sind. Wie kommt es, dass ich manches im virtuosen Konzert von Joan Osborne und beim Hören ihres wunderbaren Albums ganz neu entdecke? „Unterschiedliche Interpretationen desselben Liedes erlauben es uns manchmal, verschiedene Aspekte zu genießen, die im Original nicht zur Geltung kamen. Dylans Werk ist so reich, dass ich es eine Ehre finde, Teil jener Kette von Performern zu sein, die seine Songs am Leben halten und sie weitergeben“. Auch ich habe mich immer wieder mit Dylans Liedern beschäftigt. Seit ich Mönch geworden bin, nicht mehr auf der Bühne, wohl in meinem Gesang, meiner Lebensweise und in meinen Schriften.

Ich habe mich jedoch immer gelangweilt, wenn mir jemand “die Bedeutung” eines Dylan Songs erklären wollte. Jede Form von “Dylanologie” hat mich meist abgeschreckt, auch wenn ich selber über Dylan und Spiritualität geschrieben habe. Nun sehe ich auf einmal auf dem Tourneeposter der Joan Osborne Band genau dieses Wort: „Dylanology“. Warum stört es mich hier nicht? “Für mich bedeutet es, dass ich Dylans Werk nicht nur performe, sondern dadurch auch ergründe. Für mich heißt das, immer tiefer in die verschiedenen Schattierungen vorzudringen, bis ich jenen ‚Lieblingsplatz‘ finde, wo meine Stimme und der Song sich treffen, sodass etwas Neues aufblüht“. Tue ich das nicht tagtäglich bei meinem eigenen Gesang? Und sollte nicht jeder Sänger und jede Sängerin das tun? Und ist jenes Neue nicht genau das, wonach wir suchen, der unbekannte Gott, den wir kaum sehen aber vielleicht besingen können? Wir sind alle Dylanologen, auf der Bühne, im Kloster oder in welcher Lebenssituation auch immer!

Bei aller Bewunderung, die sowohl Joan als ich Bob Dylan entgegenbringen, jenem enigmatischen Tamburinmann, der sich immer wieder entzieht, wenn man meint, ihn zu verstehen: es geht letztlich um das Lied, das man finden, sich aneignen, singen, leben und weitergeben muss. Auch Konstantin Wecker, mit dem ich in den letzten Jahren manchen Dialog führen durfte und mit dem ich mich verbunden fühle wie mit kaum einem anderen Sänger, kommt mir an jenem Abend natürlich in den Sinn: „Ich singe, weil ich ein Lied hab“. Ich bin mir sicher, dass er sich mit Freuden in den Dialog zwischen Joan und mir eingebracht hätte. Ich selber habe mich von den Liedern Weckers, Osbornes und Dylans und vieler anderer inspirieren lassen. Leider kommen sie in unserem gregorianischen Choral im Kloster nicht so zur Geltung… Oder vielleicht doch? Warum eigentlich nicht? Wenn Gotts schon einer von uns ist…

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