Wenn Pferde menschenflüstern

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire

Beitrag zur Lesung des Plesse-Autoren-Kreises am 5. September 2021 in Bovenden. Autor: Martin Block, Göttingen

 

Ich lag im Bett und war müde. Wieviel Tier braucht der Mensch? Komische Frage, aber ich brauchte eine Antwort. Offenbar so viel, dass es bald keine Tiere mehr gibt, sind ja alle im Schlachthof, so wie einst „Fury in the slaughterhouse“. Erinnert sich noch jemand, vorzugsweise von denen, die die 90er Jahre noch relativ jung miterlebt haben?

War zu müde zum Überlegen und schlief ein.

Bin auf einer grünen Wiese, der Wald ganz nah, bin wie in Watte gepackt. Alles ganz fern und doch ganz nah, irgendwie undeutlich. Irgendetwas beschäftigt mich, ich weiß aber nicht was. Diffuse Angst, aber noch ganz gut aushaltbar. Auf einmal ist da ein Pferd, hellbraun, das vor mir auf der Wiese grast. Ich komme näher. „Schön, daß du da bist“, sagt das Pferd – und ich bin ganz sprachlos. „Ich dachte, Tiere können nicht sprechen“, bringe ich schließlich hervor. „Denkste“, grinst das Pferd und grast weiter. „Ich komme zur Hälfte vom Bauernhof“, höre ich mich weiter sagen. „Was soll denn das heißen?“ wiehert mein Gegenüber. „Nunja, meine Mutter kommt voll vom Bauernhof, da bin ich doch zur Hälfte von dort.“ „Das muss nichts heißen“, sagt der Braune, „meinst wohl, du bist ein Pferdeversteher, ein Pferdeflüsterer.“ „Quatsch, Mann, hab ich gar kein Bock drauf, man soll ja nicht so tun als ob.“

„Aber ihr Menschen tut doch fast immer so als ob, nicht wahr? Einfach mal loslassen, einfach mal nur dasein. Es ist doch schon alles da, hat mal der große Mozart gesagt. Ganz einfach. Das Einfache, das so schwer zu machen ist…..“

Das Einfache, das so schwer zu machen ist. „Sag mal, spielst du auf den ollen Brecht an?“ wage ich zu fragen. „Na hör mal, warum haben wir dich denn studieren lassen? Du müsstest es doch wissen: das Einfache ist die Form, die all unseren Beziehungen zugrundeliegt. Warum sprecht, taktiert, handelt und verhandelt ihr Menschen immer in der Weise, dass es eher gegeneinander als miteinander geht? Mehr Koop, Mann, weniger Kampf! Was ist eigentlich euer Zentrum? Ich hörte mal, der Mensch soll das höchste Wesen für den Menschen sein.“ „Du hörst dich an wie ein predigender Hippie des 20. Jahrhunderts, nicht wie ein Pferd.“

Das Pferd unverdrossen: „’I have a dream‘, sagte mal jemand. Und ein anderer, Alan Parsons, machte tolle Musik zu dem schönen Titel ‚A dream within a dream‘. Kennste?“ „Klar“, sage ich, obwohl ich es fast schon vergessen hatte. Erstaunlich, dass mich ein Pferd daran erinnert. Träume ich?

„Ich muß jetzt weiter“, sagt der Braune. „Wohin?“, will ich wissen. „Zu meiner Braut, es ist Paarungszeit.“ „O Mann, das ist ja tierisch gut, vielleicht wären genaue Paarungszeiten auch bei uns Menschen ganz sinnvoll.“ „Ja, für‘s Kooperieren kann‘s auch mal Regeln geben, Bruder“, wiederkäut der Vierbeiner. „Und sei ganz Mensch, sonst wird das nix mehr mit dem Planeten.“ Ich schaue ihm nach, er trabt ganz entspannt seiner Braut entgegen, einer feurigen Schwarzen. Als ich ihm sinnierend nachsehe, wache ich plötzlich auf.

Wieviel Tier braucht der Mensch? Ach ja, daran dachte ich vor dem Einschlafen. Wieviel Mensch braucht das Tier, wäre wohl die bessere Frage.

Aber diese Frage wird ja nicht mal im Traum gestellt.

Showing 2 comments
  • Das Gleichgewicht des Lebens...
    Antworten

    Wieviel Tier braucht der Mensch?

    Na…immer mehr, da es ja immer weniger gibt.

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    Ist doch logisch oder?

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    Wieviel Mensch braucht das Tier…

    Na…immer mehr, da es ja immer weniger gibt.

    .

    Ist doch logisch oder?

  • Volker
    Antworten
    Hippie, Paarungszeit, Grüne Wiese, Planet?
    Ich glaub, mich tritt ein Gaul.

    Mensch braucht Zeit
    An einem Bahnsteig wartet ein Reisender auf den letzten Zug, maskiert, verjagt Fledermäuse. Haare und Bart lassen vermuten, er hätte es nicht eilig haben wollen, oder dürfen, wartet lange wohl, sehr lange schon.
    Jutesack statt Alditüte, hagere Gestalt. Von einem anderen Stern, könnte man meinen, Totalcrash wahrscheinlich, gestrandet, verirrt, abgezockt, vertrieben und vergessen – auf einem Planeten der Affen.

    Es fährt kein Zug in Richtung Irgendwo, die Zeit ist abgefahren, und irgendwie schon gar nicht.

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