Wo die Wirtschaft wachsen soll, darf der Mensch gerne krepieren…

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

110. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Im Kapitalismus ist der Mensch niemals Zweck, sondern immer Mittel des Wirtschaftens. Er dient entweder als Konsumvieh („Kaufkraft“, „Binnennachfrage“) oder als Arbeitsvieh, das Unternehmern und Investoren durch Lohnverzicht Geldverluste zu ersparen hat. Steht die „Kaufkraft“ im Mittelpunkt ökonomischen Denkens, ist das für ärmere Menschen noch humaner, denn man lässt ihnen gnädigerweise noch etwas Geld in der Tasche. In Griechenland, wo die „Kaufkraft“ und damit auch die Lebensqualität massiv erodiert sind, kam man nun auf den grandiosen Gedanken, nicht die „Binnennachfrage“, sondern die internationale Wettbewerbsfähigkeit müssten gefördert werden. Das wahrscheinliche Ergebniss: noch schlechtere Löhne. Der inhumane Wahnsinn dort kennt wirklich keine Grenzen mehr. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

während der letzten sieben Tage gingen nur – von 2 SpenderInnen – 37,50 Euro an Neuspenden auf unser Hilfskonto ein. In der Vorwoche waren das noch 250,- Euro gewesen (ebenfalls von lediglich zwei UnterstützerInnen an uns überwiesen). Ob an diesem Rückgang meine reduzierten Berichtsmöglichkeiten die Schuld hatten – die technischen Gründe dafür erwähnte ich ja in meinem letzten Bericht–, weiß ich nicht. Gleichwohl kann man dieses Resultat als enttäuschend empfinden, um so stärker, wenn man bedenkt, dass bei der großen Feierlichkeit zur Friedenspreisverleihung an Konstantin Wecker vor knapp vierzehn Tagen in Göttingen rund 600 Flyer zu unserer Hilfsaktion an alle Besucherinnen und Besucher verteilt worden sind. Wie auch immer: den beiden SpenderInnen der letzten sieben Tage unser herzlichster Dank! Und aufgrund des Monatswechsels – Stichwort „Dauerspender“ – werde ich in der nächsten Woche ganz sicherlich wieder über bessere Zahlen berichten können.

Aus Griechenland, unsere Hilfsaktion betreffend, erreichten mich hingegen in den letzten Tagen bessere Nachrichten: unsere „Außenteamer“ Uschi und Karlheinz Apel konnten in Kyparissi, in der Südpeloponnes, aus ihrem dortigen „Verbandsstofflager“, nochmals den Arzt mit Mullbinden, Multikompressen und Pflastern versorgen, auch das Gersundheitszentrum in Neapolis bekam nochmals Nachschub von uns mit ärztlichem Verbandsmaterial. Und Uschi und Karlheinz Apel, die in diesen Tagen zurückkehren werden aus Griechenland, haben für den Mai dieses Jahres bereits ihre nächste Reise nach Griechenland geplant. „Die staatliche Versorgung der Krankenhäuser und Arztpraxen mit medizinischem Verbandsmaterial ist weiterhin sehr (!) schleppend…“, schrieb mir Kalle zu dieser Hilfsaktion. Und zu leiden haben darunter „selbstverständlich“ vor allem die notleidenden PatientInnen. Zur Erinnerung: um auch deren ärztliche Versorgung sicherzustellen, leisten wir diese Hilfen vor Ort. Vonnöten wären solche Hilfen eigentlich landesweit. Doch immerhin wissen wir von zahlreichen anderen Helfergruppen aus Deutschland und Österreich, die ähnlich wie wir in diesem Nothilfebereich tätig sind.

Ich denke, über die in diesen Tagen vom Direktorium des Eurorettungsfonds (ESM) beschlossene Überweisung von 5,7 Milliarden Euro an Griechenland muss ich hier wohl nicht mehr viele Worte verlieren. Was in diversen Print- und E-Medien der Bundesrepublik als „Hilfszahlung“ bezeichnet worden ist, stellt ja nach wie vor nichts anderes dar als ein Neuverschuldungsprogramm für Griechenland, um Altschulden, zu einem Teil zumindest, tilgen zu können. Die Sollzinsen dafür liegen im Nullzins-Europa bei mindestens 1,5 Prozent, manchmal bei 4,5 Prozent – Motto: warum sollte das verarmte Griechenland von einer Zinsbefreiung „profitieren“, die ausschließlich für die kapitalreichen Länder in Europa beschlossen worden ist? Und kein weiteres Wort muss ich sicher auch darüber verlieren, dass Griechenland diese Gnadengelder lediglich deshalb bekommt, weil es auftragsgemäß den weiteren Sozialstaatsabbau vorantreibt im eigenen Land: Lohn- und Rentenkürzungen, Zwangsversteigerungen von Immobilienbesitz, Zerstörung der landeseigenen Infrastruktur durch „Privatisierungen“, Einschränkung nicht zuletzt der Arbeitnehmerrechte bei Streiks und dergleichen.

Ganz auf dieser Linie liegen demzufolge auch die Empfehlungen des griechischen „Instituts für Wirtschafts – und Industrieforschung (IOBE)“, vorgestellt vor nichtmal zehn Tagen in Anwesenheit des griechischen Finanzministers Euklidis Tsakalotos sowie des Gouverneurs der Bank von Griechenland, Iannis Stourmaras: nicht das Elend oder die Armut im eigenen Land beenden, heißt die Schlußfolgerung dieses Instituts aus seiner Analyse der Krisenjahre in Griechenland zwischen 2008 und 2015, nicht also Kaufkraft im eigenen Land wiederherstellen, Binnennachfrage und innerstaatliches Ankurbeln der Konjunktur. Nein, damit Griechenland wieder wettbewerbsfähig werden solle, in Europa und weltweit, müsse der „Privatkonsum“ weiter „gedrosselt“ werden, so das Wissenschaftler-Votum dieses Instituts. Und staatliche Gelder sollen nicht in die Armutsbekämpfung fließen, sondern in „unternehmerische Investitionen“ und in die „Exporte“. Da weiß man doch, wo gegebenenfalls freiwerdende Staatsgelder landen werden! „Die größte strukturelle Schwäche der Vergangenheit war der starke Fokus der Wirtschaft auf die Ausweitung des Binnenkonsums“, so das IOBE in seinem Bericht, der „Griechenland-Zeitung (GZ)“ zufolge vom 21. März 2018. Kein Wort in diesem Großbericht – immerhin ein Vierspalter in diesem Blatt -, dass wenigstens SYRIZA-Mitglied Tsakalotos Einspruch erhoben hätte gegen diese Empfehlungen, die beides zugleich sind: volkswirtschaftlicher Unfug und asoziales Geschwätz!

Nun, es verwundert daher nicht, dass die SYRIZA, das Bündnis angeblich der „radikalen Linken“, bei der neuesten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „Pulse“ wiederum auf dem zweiten Platz gelandet ist, weit abgeschlagen hinter der konservativen „Nea Dimokratia (ND)“: mit 19,5 Prozent gegenüber 28,5 Prozent für die ND. Und kein Wunder auch, dass sich lediglich noch 22 Prozent für Alexis Tsipras entscheiden würden als neuen Regierungschef, 31 Prozent hingegen für den ND-Vorsitzenden Kyriakos Mitsotakis. Nicht verschwiegen werden sollte freilich dabei: 39 Prozent der Befragten hielten weder Mitsotakis noch Tsipras für eine wünschenswerte Option. Und auch dieses sei noch ergänzt: was insgesamt die Situation in Griechenland betrifft, so gaben, dieser Umfrage zufolge, fast zwei von drei Griechen, nämlich 63 Prozent, zu Protokoll, daß sich Griechenland ihrer Meinung nach „sicher“ oder „wahrscheinlich“ „in die falsche Richtung bewegt“. Kann das verwundern in einem Land, wo die Löhne seit 2010 um fast 20 Prozent gesunken sind und Griechenland damit negativer Rekordhalter im gesamten Europa geworden ist? In einem Land, das beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Zeitraum 2008 bis 2015 Eimbußen von mehr als 26 Prozent hat hinnehmen müssen, und zwar wegen, nicht trotz der sogenannten europäischen „Rettungspolitik“? Das kann wohl nur Experten verwundern, die noch mehr Privatkonsum abdrosseln wollen in diesem Land, zum Beispiel die Damen (?) und Herren vom IOBE. Unwillkürlich fragt man sich: wieso nur den „Privatkonsum“ drosseln, wieso erwürgt man nicht gleich die angeblich übermäßig konsumierenden Menschen direkt? Schließlich ist Hungern durchaus noch steigerbar. Wie wäre es also mit völligem Nahrungsentzug? Zugunsten der notleidenden Exportindustrie? – Nun, vielleicht hört man dazu ja noch was von der SYRIZA, von Politikern wie Tsipras und Tsakalotos. Man darf gespannt sein. Oder auch nicht…

Auf jeden Fall gilt: diese „Suche nach einem neuen Wachstumsmodell“, so die GZ in ihrer Überschrift, setzt ganz auf das Wachstum der Wirtschaft. Wenn dabei ein Großteil der Bevölkerung auf der Strecke bleibt, scheint das kein Nachteil zu sein. Kurz also: wo die Wirtschaft wachsen soll, darf der Mensch derweil gerne krepieren! Und wenn nicht auf einen Schlag, dann doch bitte sanft und allmählich!

Und damit, wie immer, zu meinen Schlusshinweisen:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“, oder wer auch uns Akteure wieder mal mit Organisationsgeldern helfen will (dann bitte unter dem Stichwort „HDS“), der überweise uns bitte Spendengelder auf das folgende Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Und hier die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):

Peter Latuska
Theodor Heuss Str. 14
37075 Göttingen
Email: latuskalatuska@web.de

Mit herzlichen Grüßen
Euer Holdger Platta

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