Zuhausesein in der Obdachlosigkeit…

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

129. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Obdachlose, die unter Brücken und auf Parkbänken schlafen oder den Müll nach Essbaren durchsuchen – Alltag im „geretteten“ Griechenland. Man sollte meinen, die Tatsache, dass es sich um eine kollektive Krise handelt, die kaum den Einzelnen anzulasten ist, würde die Behörden und Vermieter dort milder stimmen. Noch immer aber verlieren Menschen in großer Zahl ihre Wohnungen, weil zwischen steigenden Ausgaben und sinkenden Einnahmen fast kein Raum mehr ist für Leben. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

Ihr erinnert Euch: in der Vorwoche hatten 17 Spenderinnen und Spender 905,- Euro an uns für die GriechInnenhilfe überwiesen. Ich meine: eine großartige Zahl, wenn man bedenkt, dass unser Nothilfeprogramm vor gut drei Jahren – am 24. Juli 2015 – ins Leben gerufen wurde und eine derartige Beharrlichkeit, den Menschen in Griechenland wieder und wieder helfen zu wollen, keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. Doch selbst in der vergangenen, in der zweiten Augustwoche – im Zeitraum vom 6. bis 12. August – gingen 564,- Euro auf unserem Spendenkonto ein, überwiesen von 6 UnterstützerInnen an uns. Auch dieses keine Selbstverständlichkeit! Sehr herzlichen Dank also erneut allen Helferinnen und Helfern in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz! Vermutlich werden wir jetzt erstmal für eine Nachfinanzierung unseres Hilfsprogramms für zahlreiche Armutsfamilien auf der Insel Andros sorgen. Bericht darüber hoffentlich bald!

In Griechenland selber blickt man nun gespannt dem 20. August entgegen, jenem Tag, da das Dritte Kreditprogramm der Euro-Staaten für das kaputtgerettete Hellas ausläuft und auch das damit verbundene Vorschriften- und Überwachungsprogramm von Seiten der westeuropäischen Länder zu Ende geht, offiziell jedenfalls. Der sogenannte „Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM)“ hat vor gut einer Woche die letzte Rate nach Athen überwiesen, in der Höhe von 15 Milliarden Euro, die Regierung in Griechenland kommentierte das mit den Worten, dass damit der „letzte Akt des Memorandums-Dramas“ abgeschlossen sei, und überall in dem Land keimen verstärkt Sorgen oder auch Hoffnungen auf.

Nun, was die Hoffnungen angeht, halten sich diese allerdings in engen Grenzen (sie werden fast nur von Regierungsseite aus unter die Leute gebracht). Angesichts der Tatsache, dass 5,5 Milliarden Euro der letzten Kredit-Tranche gleich wieder zurückfließen sollen an die Kreditgeberbanken, in Deutschland und Frankreich vor allem, zwecks Tilgung alter Schulden dort, kein Wunder! Und wenn man hinzunimmt, dass die anderen 9,5 Milliarden Euro in ein sogenanntes „Finanzpolster“ fließen sollen (in der Gesamthöhe dann von 24 Milliarden Euro), das angeblich den gesamten Finanzierungsbedarf Griechenlands während der nächsten 22 Monate abdecken soll, dann verwundert die Skepsis nicht, die von der „Griechenland-Zeitung“ (GZ) in ihrer letzten Ausgabe vom 8. August so formuliert worden ist (ich zitiere aus dem Kommentar des SZ-Redakteurs Dimos Chatzichristou):

„Mit einem Schuldenstand von weit über 180 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) kann das griechische Boot nur bei idealer Wetterlage aus eigener Kraft auf den Meeren der internationalen Hochfinanz segeln: Wenn die Zinsen jahrelang niedrig bleiben und keine Kriege, Krisen oder Rohstoffspekulationen aufschrecken. Das ist eher unwahrscheinlich. Ohne einen deutlichen Schuldenschnitt ist ein neues griechisches Rettungspaket nur eine Frage der Zeit“ (Fettdruck: HP).

Optimismus, der berechtigt wäre und seiner selbst sicher, hörte sich wohl anders an. Und dass ein neuerliches „Rettungspaket“ nichts anderes bedeuten würde als neuerliches Ingangsetzen der barbarischen Austeritätspolitik, dürfte ebenfalls außer Frage stehen. Sie wird ja eh weiterbetrieben, diese systematische Verelendungspolitik gegenüber der Bevölkerung im eigenen Land, kreuzbraver Exekutor dieser Killerpolitik ist seit einiger Zeit die vormals linke Regierung der SYRIZA, und irgendwelche Verbesserungen für die verarmten oder verelendeten Menschen in Griechenland sind nirgendwo in Sicht!

Im Gegenteil: die auch in diesem Jahr 2018 zu erwartende Steigerung im Tourismusgewerbe – von mehr als 10 Prozent Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr ist die Rede – geht an den armen Menschen in Griechenland nahezu vollständig vorbei. Und mehr und mehr Griechinnen und Griechen verlieren auch ihre Häuser oder Wohnungen und landen – buchstäblich, nicht nur metaphorisch gemeint! – auf der Straße. Seitdem Tsipras und Genossen die Verfahren zur Zwangsversteigerung auf Online-Betrieb umgestellt haben, können mittlerweile 50 bis 100 Versteigerungen pro Tag durchgezogen werden, früher waren es maximal 1 bis 2 Immobilien gewesen, die an einem Tag verhökert werden konnten. In einem Bericht des Deutschlandfunks vom heutigen Tage (= 14. August) hören sich demzufolge die Kommentare von Betroffenen folgendermaßen an (ich zitiere nur eine kleine Auswahl aus den mitgeteilten Äußerungen):

  • „Viele Leute glauben immer noch, dass nur die Häuser der Reichen unter den Hammer kommen oder von denen, die ihre Kredite nicht abbezahlen. Das ist ein Märchen, das die Regierung gerne erzählt, aber die Realität sieht anders aus.“
  • „Es werden auch viele kleine Wohnungen zwangsversteigert. Der Mann, der uns um Hilfe gebeten hat, der hat seine Bank mehrmals angeschrieben, er hat alle Briefe aufgehoben und die Bank hat ihm nie geantwortet.“
  • „Seit den Sparauflagen haben wir eine Politik, die nur in eine Richtung geht und die heißt Bankenrettung und nicht Rettung der Bürger. Eine Vorgabe der Europäischen Union. Keine griechische Regierung kann sich da widersetzen und sich gegen die Versteigerungen stellen. Aber wir können da nicht tatenlos zusehen. Jeder von uns könnte der nächste sein.“
  • „Die Gesellschaft befindet sich im Ausnahmezustand. Wir sehen Leute, die im Athener Stadtzentrum auf den Parkbänken und vor den Hauseingängen schlafen und im Abfall nach Essen suchen. In Griechenland ist das ein neues Phänomen. Und doch ist es mittlerweile normal geworden.“

Und dieses „neue Phänomen“ hat in Griechenland sogar ein neues Wort hervorgebracht: „Neo-astegi“, „Neo-Obdachlose“, so heißen die Menschen, die wegen der grandiosen – sprich: brutalen! – Austeritätspolitik ihr Zuhause verlieren – verlieren wegen einer Politik, die früher noch von der SYRIZA bekämpft worden ist und heute von eben dieser SYRIZA selber betrieben wird, auch ohne Oberherrschaft und direkten Befehl der Euro-Staatenwelt. Das bedeutet: in diesem neuen Europa zuhause zu sein, heißt für viele, ihr Zuhause einbüßen zu müssen. Ein Wort für dieses Neo-Europa ist „Neo-Obdachlosigkeit“. Und man täusche sich nicht: was heute am Beispiel Griechenlands exekutiert wird, das könnte morgen auch Alltagsgeschehen in anderen europäischen Ländern sein. Kurzum: bei der Diagnose der Verhältnisse in Griechenland werden wir gleichzeitig auch mit einer Prognose konfrontiert, mit einer bedrohlichen Prognose für andere Staaten auf unserem Kontinent.

Womit ich wieder einmal bei meinen obligaten Schlussbemerkungen bin:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“,  der überweise uns bitte Spendengelder auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 200,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren neuen Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e. V“, wäre eigentlich sehr dringend mal wieder auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „IHW“ versehen. Wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

 

 

 

Anzeige von 2 kommentaren
  • Volker
    Antworten
    Online-Versteigerungen, Obdachlosigkeit per Mausklick, widerlicher Begriff Neo-Obdachlosigkeit passend dazu – ich könnte mich übergeben (sorry).
    Dass die griechische Regierung sich diesem verordneten Wahnsinn beugt, dazu noch, das begreife wer will, ich nicht mehr.

    Wohin mit Obdachlosen, damit sich Touristen nicht erschrecken, die einmal im Jahr unter griechischer Sonne Urlaubsfreuden buchen (inkl. Sightseeing-Touren) und Postkartenidylle verbreiten? Eine schreckliche Vorstellung sicherlich, allerdings auch bedrohlich realitätsnah.

    Fraport und Co freuen sich darüber, verbreiten sich wie Aaasfliegen –

  • Für MUTTIS...
    Antworten
    …“VEREINGTE PARASITEN VON EUROPA„.
    Obdachlos, ohne ein Zuhause,

    und ein Strohhalm als sein Zuhause für den Halt seines Lebens, ausgehölt für ein Europa neoliberaler Werte der Gemeinschaft.

    Auf viele Opfer gegründet, mit noch mehr unabsehbare Opfer in die Vollendung! Dieses Europa wurde über die Köpfe der Bürger hinweg mit Lügen gegründet. Mit Lügen begonnen um auf Gedeih und Verderb in die Vollendung zu enden. Der Weg zur Zukunft der Menschheit hat fast 8 Milliarden versuche, bevor sie Geschichte wird.

    Der Sünden an ihr selbst und ihrer Welt um sie hat noch lang kein erkennbares Ende erreicht.

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