Zwischen Minus und Minus-Null

 in Holdger Platta, Medien
In "Planet der Affen" wurde das berühmte Symbolbild nachgestellt: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

In „Planet der Affen“ wurde das berühmte Symbolbild nachgestellt: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Wie zwei Tageszeitungen ihr Verschweigen der Münchener Demo gegen „G7“ zu erklären versuchten. Holdger Platta setzt die Auseinandersetzung mit (fehlender) Zeitungsberichterstattung anlässlich der Proteste gegen den G7-Gipfel fort. Er knüpft damit an seinen Artikel „Zwischen Minus und Null – Zur Berichterstattung über die Münchener Demonstration gegen G7 Elmau“ an. Sein Vorwurf damals: Wer friedlichen Protest selbst bei großer Teilnehmerzahl verschweigt, provoziert Gewalt, die manche notwendig finden könnten, um überhaupt „gesehen“ zu werden – Gewalt, die dann von eben diesen Medien publikumswirksam beklagt würde.

Liebe Freunde,

sicher erinnert Ihr Euch noch: In meiner Glosse „Zwischen Minus und Null“ am Montag dieser Woche berichtete ich Euch darüber, daß die beiden Tageszeitungen „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA)“ sowie „Göttinger Tageblatt (GT)“ – als einzige verbreitet im Großraum Nordhessen und Südniedersachsen – nicht berichtet haben über die Münchener Großdemonstration gegen „G7-Elmau“ vom Donnerstag letzter Woche. Ich versprach Euch, über die Antworten beider Blätter zu diesem Totalverschweigen zu informieren. Nun, hier der Anschluß- und Abschlußbericht:

Um es vorwegzunehmen: das Ausmaß des völligen Nachrichtenboykotts war noch größer, als von mir vor einigen Tagen festgestellt. Aber der Reihe nach:

Beide Zeitungen behelligte ich mit meiner Nachfrage zu dieser Nachrichtensperre. Bei der HNA schickte ich dem Leiter der Nachrichtenredaktion Dr. Tibor Pésza dieses Auskunftsersuchen zu, beim GT dem Chefredakteur Dr. Uwe Graells-Thöne. Dabei hielt ich, schon der Offenheit wegen, mit meiner Kritik an diesen Versäumnissen nicht hinter dem Berg. Unter der Betreff-Formulierung „Wieso keine HNA/GT-Berichterstattung über Münchener Demo vom 4. Juni?“ schrieb ich den beiden Herren die folgende Mail (im Folgenden bei allen Briefzitaten Tippfehler korrigiert):

„Sehr geehrter Herr Dr. Pésza/ sehr geehrter Herr Dr. Graells-Thöne,

ich habe mich als HNA-Abonnent/GT-Leser sehr gewundert, weder am Freitag noch am Samstag irgendeinen Bericht über die Münchener Demonstration gegen den G7-Gipfel in Elmau in Ihrer Zeitung gefunden zu haben. Und dies angesichts der Tatsache,
• daß es in den letzten Jahren keine Kundgebung mit mehr Teilnehmerzahlen gegeben hat (35.000 – 40.000 BürgerInnen),
• daß eine Vielzahl von Organisationen, Parteien, Einzelpersonen zu dieser Veranstaltung aufgerufen hatten,
• daß unter anderem derart renommierte Globalisierungskritiker wie Jean Ziegler als Redner auftraten und
• die HNA/das GT über die viel kleineren Demos der PEGIDA in Dresden getreulich und permanent berichtet haben, über BürgerInnen mithin, die eher dem rechten als dem linken Spektrum zuzurechnen sind.
Frage: wieso hat Ihre Tageszeitung über diese Münchener Demonstration nicht berichten mögen? Hätte es nicht grunddemokratischer Verpflichtung entsprochen, die LeserInnen ausführlich über eine derart relevante Kundgebung (inklusive der dort vorgetragenen Argumente/Thesen) zu informieren?

Da ich mich als Journalist auch öffentlich und sehr bald zu diesen Fragen äußern werde, bitte ich um rasche und veröffentlichungsfähige Antwort.

Mit freundlichen Grüßen
Holdger Platta“

Nun, vom Leiter der HNA-Nachrichtenredaktion traf als erstes eine Antwort ein (später noch ergänzt um die Auskunft, daß in der fraglichen Ausgabe vom Samstag, den 6. Juni, auf Seite 3 die von mir vermisste Berichterstattung nachzulesen gewesen sei, auch in der Regionalausgabe „Northeimer Neueste Nachrichten“, die wir hier in Südniedersachsen beziehen):

„Sehr geehrter Herr Platta,

ich weiß nicht, welche Zeitungen Sie lesen, aber die HNA kann eigentlich nicht dabei sein. Am Samstag haben wir groß über den G7-Gipfel berichtet, auf einer Seite auch über die Proteste und Demos. Dabei war auch ein Interview mit York Runte vom Aktionsbündnis Stop G7. Wie kann es sein, dass Sie das Fehlen einer Berichterstattung beklagen, wenn Sie die Berichterstattung nicht zur Kenntnis nehmen? Man reibt sich die Augen.

Mit freundlichen Grüßen,

T. Pézsa“

Zu dieser Mail mit den „freundlichen Grüßen“ muß ich nur in aller Kürze Stellung nehmen: die fragliche Zeitungsausgabe liegt bei mir nach wie vor auf dem Tisch, auch – wie ansonsten zutreffend beschrieben – die Seite 3. Resultat: Dr. Tibor Pésza schreibt die blanke Unwahrheit. Der lange Fünfspalter „Fort Knox im Alpenland“ vom HNA-Kollegen Hagen Strauss erwähnt mit keinem einzigen Wort die Münchener Großdemonstration. Stattdessen erfahren wir viel auf dieser Seite über den „gefürchteten schwarzen Block“ vor Ort in Garmisch-Partenkirchen, über die Ängste der Bevölkerung dort, über Herrn Professor Joachim Sauer, den Ehemann von Angela Merkel, über Waltraud Meier, die weltberühmte Sopranistin, die den Staatsgästen am vergangenen Sonntag auf Schloß Elmau Lieder vorgesungen haben dürfte – und über Schnittlauch (der in den Mahlzeiten bei Staatsbesuchen ein „absolutes Tabu“ sei, so der Elmauer „Sterne-Koch“ Mario Corti). München jedoch, die 35.000 bis 40.000 TeilnehmerInnen bei der dortigen Großdemo am Donnerstag, Jean Ziegler oder andere Redner bei der Kundgebung in der bayerischen Landeshauptstadt, irgendwelche Argumente der Gipfelgegner bleiben völlig unerwähnt.

Und damit kein falscher Eindruck entsteht: Auch der G7-Gegner York Runte, der angeblich das Aktionsbündnis „Stop G7“, so wörtlich in der HNA, „angeführt“ hat, wird in dem kurzen Interview zur Münchener Großkundgebung weder befragt, noch äußert dieser sich selber dazu. Berichterstattung dieser Art wird im Journalistenjargon oft gerne als „Grünzeug“ bezeichnet (nicht nur deshalb, weil deshalb auch von Schnittlauch die Rede sein kann). Es war also eher an mir, sich „die Augen zu reiben“. Und es scheint, der promovierte Journalist Dr. Pésza war außerstande, an diesem vergangenen Wochenende korrekt das eigene Blatt „studieren“ zu können. Oder hat er eben halt mal was anderes versucht: den Journalistenkollegen Platta, mitten im Juni, aufs Glatteis zu führen? Zwischenfazit jedenfalls hier: der Nichtberichterstattung durch die HNA über das Münchener Großereignis wurde eine glasklare Lüge hinzugefügt. Wie erbärmlich sieht Journalismus demzufolge aus, der zu diesem Hilfsmittel greifen muß?

Und das „Göttinger Tageblatt“, das „GT“?

Nun, dieser Kollege, der Herr Doktor Graells-Thöne, wollte zunächst überhaupt keine Auskünfte geben und schwieg sich erstmal drei Tage aus. Dann, auf mein Nachhaken hin, wurde mir die Antwort zuteil, daß es in seiner „Branche völlig unüblich“ sei, auf Anfragen dieser Art einzugehen, denn bei meiner Mail habe die „Signatur“ gefehlt, die sogenannte „vollständige Erreichbarkeit des Absenders“ (unser Telefon war und ist seit zwei Wochen wegen eines technischen Defekts außer Betrieb). Und schließlich auch dieses noch – wenn man so will: „Ausweis bitte!“ –: ich als Anfrager hätte auf jeden Fall die Medien mitzuteilen, für die ich tätig sei. Das war mir nach rund 50 Jahren Arbeit im Journalistenberuf absolut neu, und zahlreiche GT-KollegInnen des Herrn Dr. Graells-Thöne kennen mich seit Jahrzehnten. Doch sei es, wie es sei: gleichwohl bequemte sich dann auch dieser Kollege zu der einen oder anderen Antwort, und diese auf zwei Mails verteilt. Hier die entsprechenden Textpartien:

„Sehr geehrter Herr Platta,

<…>
Ich erlaube mir <…> den Hinweis, dass Mantelinhalte unserer Zeitung vom Redaktionsnetzwerk Deutschland der Madsack Mediengruppe erstellt werden. Der G7-Gipfel in Bayern hat in den Titeln unserer Mediengruppen einen umfassenden Platz eingenommen. Ich darf zudem auf die vielfältigen digitalen Vertriebswege unserer Verlage hinweisen, die den G7-Gipfel ebenfalls thematisiert haben.
(Mail vom 10. Juni, 10:51)

<…>

Wir werden von unserer Zentralredaktion aus Hannover bedient. Aus meiner Sicht haben wir dem G7-Gipfel im Göttinger Tageblatt an unterschiedlichen Erscheinungstagen in der gedruckten Ausgabe einen ausreichenden Berichtsraum zur Verfügung gestellt. Auch die Protestbewegung fand Eingang in die Berichterstattung. Zudem setzen wir als Madsack Mediengruppe auf Autoren, die uns mit einer entsprechenden Hintergrundberichterstattung bedienen. Das ist aus meiner Sicht gut gelungen.

Ich hoffe, dass Ihnen meine Angaben ausreichen.
(Mail vom 10. Juni, 15:48)

Dr. Uwe Graells
Göttinger Tageblatt
Chefredakteur“

Auch wenn’s einige von Euch jetzt überraschen mag: jawohl, diese Angaben reichten vollständig aus. Denn in Klardeutsch übersetzt, bestätigte der GT-Kollege meine Feststellung einschränkungslos: Nein, das GT hat über die Münchener Großdemonstration nicht berichtet. Daß unser südniedersächsisches Regionalblatt GT über den G7-Gipfel in Bayern berichtet hat, war von mir weder erfragt noch bestritten worden. Daß die Protestbewegung „Einzug in die Berichterstattung“ gefunden hätte – wiederum meint das lediglich Stimmungsberichte rund um Schloß Elmau herum! -, hatte ich ebenso wenig in Zweifel gezogen. Graells-Thöne bestätigte mit all diesem Herumgeeiere um meine eigentliche Frage herum demzufolge nur meinen Befund: auch das „Göttinger Tageblatt“ hatte kein Erfordernis gesehen, über das Großereignis in München eine einzige Zeile zu Papier zu bringen. Zwischenfazit also auch hier: Null-Berichterstattung – wie von mir festgestellt! Doch leider noch mehr als das (deswegen in der Überschrift zu diesem Artikel das „Minus-Null“!):

GT-Chefredakteur Dr. Graells-Thöne teilte mir zur Selbstentlastung mit, daß diese Null-Berichterstattung sogar fürs gesamte Verbreitungsgebiet der Zeitungs“mutter“ des GT, nämlich der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ“) gegolten haben dürfte. Heißt: nicht nur Stadt und Landkreis Göttingen blieben in den Tagen nach der Münchener Großdemo gegen den Elmauer Gipfel ohne Zeitungsinformation über dieses Ereignis, nicht nur die rund 40.000 GT-Abonnenten in unserer Region lebten insofern – was Printberichterstattung betrifft – „im Tal der Ahnungslosen“. Nein, dieses traf sogar für weite Teile des gesamten Verbreitungsgebietes der HAZ zu, auf den Großraum also zwischen Göttingen und der niedersächsischen Landeshauptstadt bzw., anders gesagt, rund 500.000 statt nur 40.000 Abonnenten dieser Zeitung (inklusive Regionalblätter) wurde das Münchener Großereignis zur Gänze vorenthalten! Und das bedeutet, in Addition der beiden Rechercheergebnisse bei HNA und HAZ:

Soweit es Information durch die Tageszeitungen betraf, waren, was die Münchener Proteste gegen den Elmauer Gipfel angeht, fast alle Leserinnen und Leser zwischen Kassel Süd und Hannover Nord Opfer von Nachrichtenunterschlagung oder Nachrichtenzensur geworden, also rund 700.000 AbonnentInnen dieser beiden Blätter insgesamt.

„Berichterstattung … aus meiner Sicht gut gelungen“, so schrieb mir der GT-Chefredakteur frohgemut. Ich füge hinzu (leider nicht im gleichen Maße gutgelaunt): das Wegzensieren offenbar unliebsamer wichtiger Nachrichten ebenfalls!

Demokratie auf dem deutschen Zeitungsmarkt? Bei diesem Münchener Ereignis zweifelsohne Fehlanzeige! Und vermuten muß man: deshalb Fehlanzeige, weil allzu vieles in unserem Lande nur noch Markt ist, nicht aber mehr echte Demokratie!

Liebe Freunde, wir haben noch einiges zu tun!

Euer Holdger

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