Alexanders CD-Tipp der Woche: Thomas Andreas Beck – Stille führt

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Wenn jemand so wie der Schreiber dieser Zeilen als Mitarbeiter Konstantin Weckers aus Wien kommt, musikalisch unter anderem sozialisiert mit Georg Kreisler, Helmut Qualtinger, Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Rainhard Fendrich, Ludwig Hirsch, Roland Neuwirth und Josef Hader, vielfach also aus einem künstlerischen Biotop des schelmisch bis bitter Abgründigen, dann ist er besonders gespannt auf das Konzert am 1.10.2017 im Heppel & Ettlich in München, das den 1968 in Wien geborenen Coach und Liedermacher Thomas Andreas Beck mit den Liedern seiner ersten Solo CD unter seinem Geburtsnamen ankündigt – und erst recht auf die CD selbst. (Alexander Kinsky)

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So wie Konstantin Wecker schon mal tituliert wurde als einer, der äußerlich mehr wie ein Klavierträger denn wie ein Sänger am Klavier aussieht so könnte man meinen, auch Thomas Andreas Beck sei mit seiner kräftigen, sportlichen Statur der ideale Mann für Möbeltransporte. Doch weit gefehlt, da setzt sich einer mit seiner Gitarre hin, lässt das nachdenkliche Klaviervorspiel vom Band durchlaufen und hebt dann urwienerisch, mit überbordender Emotionalität und wie sofort selbstverständlich wird mit durchdringender Ehrlichkeit zu singen und zu spielen an, dass es aber sowas von unter die Haut geht. Die Themen gehen ans Eingemachte, nichts wird beschönigt oder geglättet.

Wenn Hannes Wader und Konstantin Wecker betonen, man solle den Holocaust nie vergessen oder totschweigen, um ihn, als Mahnmal im Bewusstsein der Menschen verankert, nie wieder zu ermöglichen, so bestätigt und verdeutlicht Thomas Andreas Beck dies mit seinem Bekenntnislied „Schaut´s hin“, die Gräuel des Krieges schonungslos aufzählend. Seine Sensibilität fürs Mitmenschliche, Mitfühlende und in Extrembeispielen Entsetzliches anklagend und erschütternd Herausstellende offenbart Thomas Andreas Beck in sehr persönlich gefärbten Beziehungsliedern und Liedern für nahe Verwandte wie die Großmutter und den Sohn, aber erst recht in denen mit existenziellen Themen wie Kindesmissbrauch, autoritäre Erziehung oder allgemeiner angesichts der Not in der Welt oder der erdrückenden Atmosphäre in der Großstadt. Wenn man dann aus einem weiteren Lied erfährt, dass sich der Großvater erschossen hat und wie der Enkel seine Fassungslosigkeit in Worte und Töne zu kleiden versucht, so geht das ganz extrem zu Herzen. Zusammen mit dem kongenialen Mitmusiker Tom Bayer (Gitarre und Percussion) versteht Beck es, die Lieder vielfach extrem emotional aufzubauen, zunächst fast unscheinbar ruhig, und dann zum Seelenaufschrei explodierend. Die sich steigern könnende Wucht erinnert durchaus an den jüngeren Konstantin Wecker, an die Momente des „Halt´s Mei, Faschist“ oder ans „Renn lieber, renn“, und wenn Beck in die Rolle des widerlich autoritären Vaters schlüpft an Weckers „D´ Zigeiner san kumma“ oder Gerhard Polts oberflächlich witzige und doch im Kern die Masken beinhart herunterreißende Analyse des Faschistoiden im Durchschnittsbürger.

Ein Konzertabend, der aufgrund seiner Inhalte sehr nachdenklich stimmt, aber auch durch die offene Art des Urwieners Beck und mit dem Schmäh der auf der Bühne rennt eine einnehmende Herzlichkeit sondergleichen ausstrahlt.

Die CD (erschienen 2017 im Label Rhythm & Roses), die ebenfalls mit dem Klaviervorspiel beginnt (eine weitflächige Klavierwelt aufbauend, mit schwergewichtigem Grundton), bringt zehn dieser starken Lieder handgemacht, nur Beck singend und Gitarre spielend, mit dieser unverblümten Schlichtheit die Authentizität vom ersten bis zum letzten Ton zum Festhalten gespannt aufrecht erhaltend, Schlag auf Schlag, man wird durchgebeutelt, erschüttert, zutiefst bewegt, emotional im Innersten bewegt. Beck stellt sich den Abgründen seines Lebens, als Opfer wie als möglicher Täter, und er nimmt die großen Weltprobleme gleich mit in die Gesamtperspektive, immer aus persönlicher, ehrlicher, vielfach fassungsloser Sicht heraus, aber gerade dadurch auch Hoffnung und vielleicht helfendes Mitgefühl mit anderen Betroffenen erzeugen könnend. „Schaut´s hin“ also bei jedem Krieg, wenn Ihr Adis und Edis („Adi und Edi“) kennt lasst nicht zu, das sie weiter Menschen fürs Leben verderben, wehrt euch gegen autoritäre Erziehung („Heim“), habt Mitgefühl für Außenseiter der Gesellschaft („Großer Held“), schreit auf angesichts des Leids in der Welt („Der Schrei“), lasst euch nicht erdrücken von den Situationen, die euch vielleicht im Moment überfordern („Die Stadt“, „Die Erde bebt“). Versucht, im engsten Umfeld das Mitmenschliche, Liebende hochzuhalten, in der Erinnerung („Große Mutter“) wie im gelebten Leben („Mei Bua“) – und Euch dem Entsetzlichen, nicht Fassbaren irgendwie zu stellen, vielleicht künstlerisch, vielleicht mit Hilfe von außen („Opa ohne Kopf“).

Kurz: Die Lieder von Thomas Andreas Beck machen Mut, sich dem Leben in seiner ganzen Vielfalt wirklich konstruktiv zu stellen, dem unglaublich Schönsten wie auch dem grausamsten Unrecht.

Mehr Infos zu Thomas Andreas Beck: http://thomasandreasbeck.at/
CD-Bestellmöglichkeit: http://www.hoanzl.at/stille-fuhrt.html

 

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