Vom Segen des Segnens

 In Allgemein, FEATURED, Spiritualität

Pater Anselm Grün

Manchmal hat man den Eindruck, in den Religionen drehe sich alles um Buße und Sünde – ein zutiefst negatives Menschenbild also. Tatsächlich ist das Primäre aber nicht die „Urschuld“, sondern der ursprüngliche Segen, den Gott seiner ganzen Schöpfung spendet. Wir können ihn aufnehmen und weitergeben an andere. Kritik wird häufig über-, Segen unterschätzt, weshalb auch sehr viele Menschen nicht mit sich im Reinen sind. Wenn wir segnen, helfen wir, dass sich das Gute, das wir anderen wünschen, auch tatsächlich entfalten kann. Der Benediktinermönch Anselm Grün bringt das Segnen aus den Kirchen heraus in den Alltag – nicht nur der Gläubigen. (Christian Salvesen)

Kurze Geschichte des Segnens

Alle Kulturen und indigenen Völker haben ihre Schöpfungsmythen und kennen auch den Ritus des Segnens. So ist die Haltung der erhobenen Hände, die wir in bestimmten Filmen bei Propheten und Priestern sehen, laut Anselm Grün über 10.000 Jahre alt. Sie ist – im Unterschied zum Zeichen des Kreuzes – nicht an das Christentum gebunden. Die amerikanischen Ureinwohner erbitten den Segen von Manitu und blasen den Rauch des Tabaks in die vier Himmelsrichtungen, das Räuchern gilt in etlichen Traditionen als Ritual der Reinigung und des Segnens. Man kann solche Rituale von vornherein als Aberglaube und irrational abtun. Allerdings sind einige Merkmale des Segnens wissenschaftlich erwiesen von positiver Wirkung – auf individueller und sozialer Ebene. In der christlichen Tradition des Abendlandes hat das Segnen zweifellos eine zentrale Rolle gespielt, meist in Verbindung mit der kirchlichen Doktrin und Autorität. So wurde zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert Laien, die sich anmaßten, öffentlich zu segnen, verfolgt und als Wahrsager oder Hexen verurteilt. Doch jeder – auch wenn er Atheist ist – kann und darf segnen. Das betont der Benediktiner Anselm Grün im Segens-Seminar immer wieder und leitet die TeilnehmerInnen zum Segnen an.

Schöpfungssegen und Nachhaltigkeit

Im Alten Testament segnet Gott die Schöpfung, Menschen, Tiere und Pflanzen. Doch die Ausbeutung der Natur, die heute die Erde an den Rand der Vernichtung geführt hat, lässt sich ebenfalls mit Aussagen der Bibel legitimieren: Etwa dass sich der Mensch die Erde „untertan“ machen solle. Allerdings haben frühere Kulturen ohne jeden biblischen Hintergrund bereits für Kahlschläge der Wälder gesorgt, und China hat seine aggressive Umweltpolitik wohl auch nicht gerade auf dem Alten Testament aufgebaut. Anselm Grün weist auf zwei unterschiedliche Versionen der „Vertreibung aus dem Paradies“ hin. Eine Ausbeutung und Zerstörung der Natur lasse sich daraus nicht ableiten, vielmehr der Auftrag, Hüter der Schöpfung zu sein. Es gibt bedenkenswerte Verbindungen zwischen den Begriffen „Schönheit“, „schauen“ und „schonen“. Wer die Schönheit in der Natur sieht, kann nicht umhin, sie zu achten und zu schonen.

Dazu ein Zitat aus dem aktuellen Buch von Anselm Grün und Dr. Friedrich Assländer: „Segen – die heilende Kraft“:

„Die Bibel beginnt nicht mit Sünde und Schuld, sondern mit dem Segen! Nachdem Gott die Menschen erschaffen hatte, segnete er sie: „Gott segnete sie und sprach: ‚Seid fruchtbar, und vermehrt euch‘ (…) Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.[1] Der Anfang von allem ist für das Christentum der Segen, allerdings folgt auf die Schöpfungsgeschichte gemäß der Heiligen Schrift unmittelbar die Geschichte des Sündenfalls. Damit wird das Geheimnis gelüftet, dass in der guten und schönen Welt so manches doch nicht so gut läuft und dass es auch Böses gibt. Leider hat die christliche Botschaft der letzten Jahrhunderte den Akzent zu sehr auf Sünde und Schuld gelegt. Das entspricht grundsätzlich aber nicht dem wahren Wesen des christlichen Glaubens. Der Grund allen Glaubens ist eigentlich der gute Gott und die gute Schöpfung. Der Mensch hat bekanntlich diese gute Schöpfung korrumpiert, weil er selbst „wie Gott“ sein wollte. Ein anderer Glaubensgrund ist daher Jesus Christus, der die ursprüngliche Schönheit der Schöpfung wiederherstellte und den Menschen in seiner gesegneten Würde erneuerte. Weder am Ursprung der Schöpfung noch am Beginn der christlichen Tradition stand also ein moralischer Zeigefinger, sondern vielmehr tiefe Dankbarkeit und großes Wohlwollen.“

Benedicere und die Fehlerkultur

„Benedicere“, der lateinische Begriff für Segnen, bedeutet wörtlich „Gutes sagen“ und kennzeichnet den kommunikativen Aspekt. Lob und gute Wünsche sind dem Segnen näher als Tadel und Missgunst. Wohlwollen hilft in allen Lebensbereichen, sei es im Büro, beim gemeinsamen Mittagessen oder am Krankenbett. Kritik ist wichtig, keine Frage, doch erinnern wir uns, wie wir als Kinder in der Schule für kleine Fehler fertig gemacht wurden. Was hat uns mehr geholfen und motiviert: Vom Lehrer oder den Eltern runtergeputzt oder durch Lob und guten Zuspruch aufgebaut zu werden? Grün und Assländer, beide seit Jahrzehnten erfolgreiche Unternehmensberater, plädieren dafür, in Schulen, in der Erziehung zuhause und im Umgang mit den Mitarbeitern in Betrieben und Unternehmen mehr mit Wohlwollen und aufbauender Kritik als mit dem ständigen Herumreiten auf Fehlern zu arbeiten. Das wäre eine Art von Segnen, die dem Einzelnen und der Gemeinschaft und Wirtschaft gleichermaßen gut tut.

Fluch und Segen

Zwei Seiten einer Medaille? Es lassen sich viele Beispiele aufzählen, wo etwas zunächst als Segen erschien und zum Fluch wurde und umgekehrt. Die gesamte technische Entwicklung und die sogenannte Zivilisation – ist sie ein Segen oder eher ein Fluch? Was sagen die wenigen letzten Naturvölker, Wildtiere und Wälder? In vergangenen Jahrhunderten war es üblich, Kanonen (wie Kirchenglocken) zu segnen. Feldherrn erbaten Gottes Segen für ihren Sieg. Der Gegner wurde verflucht. In diesen Kontexten sind Fluch und Segen relativ. Segensreich ist das Nützliche, Angenehme, Befriedigende. Anselm Grün fragt darüber hinaus nach einem Segen an sich. Für ihn steht das Göttliche für den Segen, den der Mensch nicht manipulieren kann.

Frau und Segen im Beruf

Segen und segnen hat von jeher etwas Weibliches, Mütterliches. Offenheit, Empfänglichkeit und Mitgefühl sind verbunden mit Achtsamkeit und einem Gespür für das, was sich dem Machen, Sagen und Denken entzieht. Es macht Sinn zu fragen, wo und wie solche Qualitäten in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen. Sind sie wichtig? Wozu dienen sie? Für die Vertreter einer kapitalistisch-rationalistischen Ideologie sind sie wohl eher ein rotes Tuch. Doch da tut sich Einiges. Etliche Studien belegen, dass Unternehmen mit Frauen als CEOs erfolgreicher sind als solche mit rein autoritären-patriarchischen Strukturen. Und es hilft durchaus, wenn ein Geschäftsmeeting mit einer kurzen Meditation begonnen wird, wie nicht nur der ehemalige Unternehmer Friedrich Assländer zu berichten weiß. Die Benediktiner, die „Gesegneten und Segnenden“, haben mit ihrer Formel „ora et labora“ auch für wirtschaftlichen Erfolg gesorgt, vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit und heute wieder. Entspannung und Arbeit müssen einem ausgewogenen Rhythmus folgen. Und schließlich, die letzte und am meisten gefürchtete Entspannung, der Tod, das Ende von mir als ums Überleben kämpfender, hat wieder weibliche Qualität. So singen die Mönche zur Beerdigung das „Salve Regina“.

Segen und Frieden

„Dona nobis pacem“, das „Gib uns Frieden“ kennt wohl jeder aus einer der berühmten Kompositionen von Bach, Mozart und anderen. Um Frieden zu bitten, schön und gut, aber wie wäre es, selber zum Frieden beizutragen? Das geht nur, wenn ich mit mir selbst im Frieden bin. An erster Stelle steht da für Pater Anselm die Vergebung. Damit stimmt er mit den meisten Psychologen und Therapeuten überein. Sein „5 Schritte“-Programm ist keinesfalls abgehoben:

  1. Würdige die Wunde
  2. Lasse die Wut zu.
  3. Erkenne, was objektiv geschehen ist.
  4. Befreie Dich von negativer Energie und der Macht des Anderen.
  5. Verwandle die Wunden in Perlen

Eine Möglichkeit, Frieden zu finden ist, den Menschen, der Dich verletzt hat, im Geiste zu segnen. Das kann Wunder wirken!

Hier ist eine Geschichte zum Thema Vergebung

Zwei Freunde wanderten durch die Wüste. Irgendwann auf ihrer Reise fingen sie an zu streiten und der eine Freund gab dem anderen eine Ohrfeige. Der Freund, von der Ohrfeige zutiefst verletzt, sagte nichts dazu und schrieb nur in den Sand: „Heute hat mir mein Freund eine Ohrfeige gegeben.“ Sie gingen weiter, bis sie schließlich zu einer Oase kamen, in der sie baden wollten. Der zuvor schon Geohrfeigte wäre dabei fast ertrunken, hätte sein Freund ihn nicht gerettet. Als er sich schließlich wieder erholt hatte, gravierte er in einen Stein: „Heute hat mir mein Freund das Leben gerettet.“ Der andere wunderte sich und fragte: „Warum hast du in den Sand geschrieben, als ich dich geschlagen habe, und nun schreibst du auf einen Stein?“ Der Freund lächelte und antwortete: „Wenn ein Freund uns verletzt, sollten wir es in den Sand schreiben, wo der Wind der Vergebung es wieder auslöschen kann. Aber wenn uns etwas wirklich Schönes widerfährt, dann sollten wir es in einen Stein gravieren, in die Erinnerung des Herzens, von wo es nicht mehr verschwinden kann.“

(Quelle: https://www.zeitzuleben.de/vergebung/

Zum Abschluss des Online-Seminars „Segen“, am Ende der 12. Lektion, bringt Anselm Grün gleichsam sein Vermächtnis zum Ausdruck:

„Ich wünsche den Menschen, dass sie sich bedingungslos geliebt fühlen. Dass sie aufhören, sich ständig rechtfertigen und beweisen zu müssen. Dieser Druck führt dazu, dass ich andere klein machen muss. Wenn ich mich ganz angenommen fühle, kann ich mich freuen über die anderen Menschen. Mein Segenswunsch ist, dass Du auch den Segen im anderen erkennst (…) Und ich wünsche den Menschen, dass sie frei werden von Illusionen. Segen heißt: Frei werden von alten Illusionen. Dass wir immer mehr die Gegensätze überbrücken durch die Liebe. Dass wir uns im Tiefsten verbunden fühlen. Dann brauchen wir andere nicht mehr zu bekämpfen.“

Christian Salvesen (www.christian-salvesen.de)

 

Online-Seminar:

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Info und Zugang: www.segnen-lernen.de

Buch: Anselm Grün, Dr. Friedrich Assländer: Segen – die heilende Kraft. Kamphausen-Medien, Bielefeld 2017,…

 

[1] 1. Mose 1:28,31

Anzeige von 3 kommentaren
  • Volker
    Antworten

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    Klar, ich lasse mich online segnen und werde dafür noch zur Kasse gebeten. Was wäre, sollte ich mich segnen lassen die Rechnung aber nicht begleichen können? Aha, geht nur mit vorheriger Bankabbuchung sowie Freischaltung zum Segnungsort?

    „Lass dich fesseln von den berührenden Ausführungen und praktischen Anleitungen von…“

    Ja, eine gute Geschäftsidee, an der Leichtgläubigkeit seiner Mitmenschen teilzuhaben, um sie nach kapitalisticher Logik zu Gold zu verwandeln. Voll krass – gesegnet sei der Profit mit dem Glauben. Ihr habt’s echt verstanden wie’s geht, donnerwetter, welch ein Segen für die Gemeinde geistlicher Wertschöpfung.

    Nun verstehe ich auch den „Besonderen Hinweis“, der Leser*innen zum Lesen inspirieren möchte, wenn auch unter gelegentlichen Kopfschmerzen. Also. Ich frage mal gewagt in die Redaktionsrunde: Verwechselt ihr Journalismus mit Werbung heilversprechender Bauernfängerei?

  • eulenfeder
    Antworten
    …der Finanzverwalter des Klosters Münsterschwarzach spekuliert als Fondmanager an der Börse – erfolgreich.

    Das Kapital dafür ‚leiht‘ im die Heiligkeit in gutem Gottvertrauen an seine ‚gute Nase‘ im Spekulationsgeschäft.

    Über sein Vermögen spricht er nicht gerne ( gehört alles dem kloster, meint er…. ),

    dennoch nimmt er reichlich für seine Vorträge und die Millionen aus dem Verkauf seiner Bücher, bleibt aber Klosterbesitz, versichert er….

    “ Er spekuliert auf Kredit, nimmt schon mal Fremdwährungsdarlehen auf, kauft Mittelstandsanleihen und Griechenland-Bonds. Schlaflose Nächte habe er dabei nie gehabt. „Ich habe, Gott sei Dank, nie so einseitig spekuliert, dass alles ins Wanken gekommen ist“, bleibt Grün gelassen. Man müsse halt streuen. Zumindest hier beherzt er die herkömmlichen Börsenweisheiten.

    all in all: ein Kapitalist im Mönchsgewande, von Gottes Hand aber gesegnet und deshalb nichts verwerfliches.

     

     

     

     

    • Piranha
      Antworten
      Anselm Grün ist ein beeindruckender Mann und Menschenfreund; 2002 oder 2003 war ich fünf Tage Gast in Münsterschwarzach.

      Dass er zugleich geschäftstüchtig ist, kann ich ihm schwerlich vorwerfen.

      Er ist der Cellerar (nicht der Abt) des Klosters, was heutzutage ein  Betriebswirt ist; es ist seine Aufgabe und seine Verantwortung, das Kloster am Laufen zu halten.

      Zumindest damals, also vor 14 oder 15 Jahren, konnte jemand, der über wenig oder kaum finanzielle Mittel verfügte, auch kostenfrei oder für ein geringes Entgelt an Seminaren teilnehmen.

      .

      Was ich kritisiere: hat man die ersten 5 – 10 Büchlein von ihm gelesen, hat man damit auch den Rest gelesen, denn es ist die immer wiederkehrende gleiche Thematik in veränderter Form.

      Aber auch hier: Geschäftstüchtigkeit, weil er wohl einen Bedarf erkennt und deckt.

      Allerdings: eins seiner Standardwerke von 2003 „Führen mit Werten“ verkauft er inzwischen für 900 Euro. (!) Auch die erweiterte Fassung und die neu hinzugefügte DVD rechtfertigt diesen Preis nicht, wie ich meine.

      Meine Ausgabe von 2003 kostete damals um die 150, wenn ich mich recht entsinne.

      MitarbeiterInnen des mittleren Managements, z. B. in Gesundheitsbetrieben, dürften sich einen Preis von 900,- kaum leisten können.

      .

      Trotzdem:

      wer noch nie etwas von ihm gelesen hat, sollte es vielleicht wenigstens einmal tun.

      Ich könnte mir vorstellen, dass es seine Bücher auch in den städt. Bibliotheken gibt.

      .

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