Agressoenergetik – die neue Dimension der Schattenarbeit

 in Allgemein, Roland Rottenfußer
Mal auf eine Merkel-Puppe draufhauen, Dampf ablassen – und dann geht alles weiter wie vorher

Mal auf eine Merkel-Puppe draufhauen, Dampf ablassen – und dann geht alles weiter wie vorher

Immer wenn Menschen am Arbeitsplatz oder im sozialen Leben Opfer von Diskriminierungen werden, machen sich Therapeuten an die Arbeit. Ihre Anstrengungen gelten allerdings nicht der Veränderung der Systeme, nein, verändert werden soll das Bewusstsein der Opfer, die zur Verarbeitung negativer Reize und zur Akzeptanz des Unvermeidlichen angehalten werden. Die neueste Therapieform, höchst effizient zur Befriedung heftiger Emotionen, nennt sich Agressoenergetik. Roland Rottenfußer hat ein Seminar besucht. (Satire: Roland Rottenfußer)

„Hören Sie mir jetzt gut zu, Herr Müller – und ich möchte nicht unterbrochen werden“, sagte Horst Kleinschmidt, ein hageres Männlein mit beginnender Stirnglatze und unvorteilhafter Hornbrille. Seine Stimme hatte einen festen, beinahe drohenden Klang. „Ich habe mir Ihre Launen und Ihr ewiges Genörgel jetzt lange genug angehört. Jetzt ist Schluss damit, haben Sie verstanden?“

„Aber, Herr Kleinschmidt, so haben Sie doch Verständnis!“, kam eine vorsichtige, etwas ängstliche klingende Stimme von gegenüber. „Es lag keineswegs in meiner Absicht…“

„Nein, Herr Müller, Ihre Ausflüchte und Rechtfertigungen können Sie sich sparen. Das einzige, was ich in nächster Zeit von Ihnen sehen will, ist der neue Vertragsentwurf in meinem Fach. Inclusive der 150-prozentigen Gehaltserhöhung, dem Weihnachts-, Oster- und Pfingstgeld und der Einführung der 25-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich.“

„Herr Kleinschmidt, das würde ich einem Mitarbeiter von Ihrer Bedeutung natürlich liebend gern… aber haben Sie doch bitte Verständnis für die engen finanziellen Rahmenbedingungen in unserer Firma… eine Lohnerhöhung in diesem Umfang würde unser Budget…“

„Schluss jetzt!“, schrie Kleinschmidt mit hochrotem Kopf. „Ich habe Ihre Sklavenhaltermentalität endgültig satt! Das ist mein letztes Wort! Bis morgen mittag ist der neue Vertragsentwurf in meinem Fach, oder sie haben mich zum letzen Mal in Ihrem Saftladen von Firma gesehen!“

Von gegenüber nur betretenes Schweigen. Dann ein kleinlautes „Selbstverständlich, Herr Kleinschmidt. Wie Sie wollen.“

Horst – mehr als er selbst!

„Wunderbar, Horst“, rief Frank Frey, der Aggressoenergetik-Trainer seinem gelehrigen Seminarteilnehmer zu. Kleinschmidts Augen nahmen einen selbstzufriedenen, triumphalen Ausdruck an. „Du bist heute wirklich über dich hinausgewachsen, Horst, und hast energetische Blockaden im Bereich des Kehlkopfchakras auflösen können. Du fängst an, dich von den physiomentalen Strangulierungen zu befreien, die durch eine unheilige Allianz von Kirche, Staat und Elternhaus in Form von muskulären Panzerungen schon von Kindheit an in dir eingespeichert waren.“ Frey schaltete den Monitor ab, auf dem zuvor noch ein virtueller Sparringspartner – ausgestattet mit den computergenerierten Gesichtszügen von Kleinschmidts Chef, Herrn Müller – zu sehen gewesen war.

Finanzpolitische und sexualenergetische Entladungen

Zwei Meter von Kleinschmidt entfernt drosch ein anderer Mann in verzweifelter Wut auf eine Strohpuppe ein, deren Gesicht eine täuschend echte Gummi-Nachbildung von Finanzminister Schäuble war. „Du Schwein!“ brüllte der leicht dickleibige Mann aus Leibeskräften. „Gib mir das Geld zurück, das du mir gestohlen hast!“ Der bereits reichlich zerzauste „Wolfgang Schäuble“ flog mit einem lauten Knall an die Wand und sank zu Boden. Neben ihm harrten die nicht minder gefledderten Puppenimitationen von Donald Trump, Recep Erdogan und Florian Silbereisen ihres Einsatzes bei weiteren aggressoenergetischen Übungen.

In einer anderen Ecke des Seminarraums umfasste ein Teilnehmer eine weibliche, blonde Ganzkörpergummipuppe mit festem Griff, schaute ihr tief in die Augen und sagte mit rauchiger Marlboro-Stimme: „Zier dich nicht, Baby, du willst es doch auch!“ Er küsste die Puppe ruckartig auf den weit aufgerissenen, rot bemalten Gummimund und zerrte sie durch eine Tür in den sexualenergetischen Entladungsraum.

Im Vertrauen…

„Es gibt auch Kurse für Frauen“, beruhigte mich Frank Frey, „für die wir unseren Teilnehmerinnen George Clooney- und Robert Pattinson-Puppen zur Verfügung stellen.

„Glauben Sie nicht, dass die Arbeit, die Sie hier machen, auch gefährlich sein kann?“, fragte ich den Therapeuten, als er sich nach der Seminarbesichtigung zum Interview zu Verfügung stellte. „Was, wenn Ihre Kursteilnehmer ernst machen und ihren Chef oder ihre Frau tatsächlich so behandeln würden?!“

„Wo denken Sie hin?“, antwortete Frey. „Das Gegenteil wird passieren. Die Leute haben ihrem Schattenaspekt ins Auge geblickt und sich durch kathartische Entladung von ihm befreit. Die Chefs und Ehepartner meiner Schüler bleiben völlig unbehelligt. Auch die Politiker und Wirtschaftsbosse müssen nicht befürchten, mit den Agressionen konfrontiert zu werden, die sie selbst durch ihre Politik hervorgerufen haben. Nach unseren Seminaren gehen die Teilnehmer müde und zufrieden nach Hause, haben sich ausgetobt, und alles bleibt beim Alten. Durch die Erfolgserlebnisse im künstlichen Übungsraum unseres Workshops entfällt jede psychodynamische Notwendigkeit, dass sich die Teilnehmer auch im richtigen Leben behaupten. Im Vertrauen…“, fügte Frey hinzu und senkte seine Stimme zu einem fast unhörbaren Flüstern, obwohl er und ich in seinem Büro allein waren. „…wir bekommen Zuschüsse vom Finanzministerium und vom Bundesverband der Deutschen Industrie. Die wissen schon, wer ihre Freunde sind.“

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