Alexanders Albumtipp am Sonntag: Alexa Rodrian – One Hour To Midnight

 in CD-Tipp

Die aus München stammende Jazzsängerin und Songwriterin Alexa Rodrian hat unter anderem in New York studiert und wirkt als Lehrbeauftragte für Jazz und Populargesang an der Universität der Künste in Berlin. Seit 1991 veröffentlicht sie Soloalben, „one hour to midnight“, im Juni 2020 bei enja records erschienen, ist ihr bereits siebentes. (Alexander Kinsky)

Produziert und aufgenommen hat es Friedrich Störmer live in der evangelischen Kirche zum Guten Hirten im Berliner Stadtteil Friedenau.

13 zum Großteil von Alexa Rodrian selbst geschriebene Songs sind darauf enthalten, und bei jedem wirkt ein jeweils anderer musikalischer Gast mit, der jedem Song eine ganz eigene musikalische Farbe gibt. Florian Holoubek, der Blue Man Group Schlagzeuger, die Harfenistin Julia Becker, der Rockcellist Noah Hoffeld, Alexas Ehemann und Mitmusikant, der Gitarrist und musikalische Leiter der Blue Man Group Jens Fischer Rodrian, der Vibraphonist Franz Bauer, der Pedal Steel Gitarrist Gerhard Schmitt, der Baritonsaxophonist und Bassklarinettist Lars Zander, die Jazzpianistin Doro Gehr, der Posaunist Friedrich Milz, der Bassist Sven Faller und die Jazzsängerin Esther Kaiser wechseln einander ab. Das Spannende ist nun eben, wie jeder Song mit der jeweiligen Instrumenten- oder Vokalfarbe seinen speziellen Charakter gewinnt. Da ergeben sich ganz individuelle Zwiegesänge zwischen dem Gesang und dem Instrument.

Alexa Rodrians geschulte Jazzstimme „führt“ als beständiger Pol durch all diese Songwelten, durch Mörtels Songs, durch den Jazzclub-assoziativen Titelsong One Hour to Midnight, durch Jens Fischer Rodrians so ganz und gar berührenden Asamba-Song (Asambas Geschichte kennt man ja auch von Jens erzählt – in allen Farben!), durch Love in Three Four, durch Rabahs Call, durch Same Old (da der Schreiber dieser Zeilen Klavier spielt, ist er hier besonders gespannt auf Doro Gehrs Pianopart – und wird nicht enttäuscht, das ist feinfühliges Jazzpianospiel vom Besten zu den Vocals, ein großartiges Jazzchanson!), durch Sunday (hier spürt man besonders, wie Alexa und Jens musikalisch ein Herz und eine Seele sind), durch Back up the Hill und durch die auf Deutsch gesprochene Hexenstunde fürs selbstbewusste, selbstbestimmte Frausein zusammen mit Esther Kaiser (eine wider anders spannend mystisch-rituelle Schlussnummer).

Vier Songs sind exzeptionelle Coverversionen.

Gleich der erste Song erschüttert mehrfach. Es ist der von Abel Meeropol geschriebene Billie Holiday Klassiker Strange Fruit. Alexa Rodrian hat das Album VOR „George Floyd“ aufgenommen. Umso „erschreckender“, dass ausgerechnet dieser Song das Album aber sowas von entsetzlich aktuell eröffnet. Der Song ist furchtbar zeitlos und in der Originalaufnahme mit Billie Holiday, die den Seelen aller Sklaven der Welt eine Stimme gibt, die man nie vergisst, nur vom Klavier begleitet, eines der bewegendsten Dokumente der Songgeschichte. Florian Holoubeks persönlichkeitsstark-perkussiver Ansatz und Alexa Rodrians Jazzintonation versuchen erst gar nicht, Billie Holiday irgendwie nachzuahmen, sie geben dem Song eine völlig neue, anders erschütternde Farbe, aus dem kalten Berliner Großstadtasphalt erstehend.

Whitney Houstons von George Merrill und Shannon Rubycam geschriebener Dancepop-Disco-Superhit I Wanna Dance With Somebody, 1987 erstveröffentlicht, im Original eine perfekte Pop-Produktion mit sterilem 80er Sound und Bläsersätzen, mittlerweile nicht zuletzt durch den auch tragisch frühen Tod Whitney Houstons ein Stück historische Popgeschichte, ist auch ungemein spannend nicht wiederzuerkennen, mit Franz Bauers Räume öffnendem Vibraphonspiel und Alexas punktgenauem Jazzgesang.

Zusammen mit dem Posaunisten Friedrich Milz gibt sie dem Klassiker House of the rising Sun auch einen verblüffenden neuen Swing, in kompakter Kürze.

Und am meisten mag wohl Alexa Rodrians englische Fassung von Konstantin Weckers Liedklassiker von 1978 Ich liebe diese Hure, I love this hariot, überraschen, im „Zwiegesang“ mit Lars Zanders Bassklarinettenspiel auch ganz eigen magisch swingend.

Das Album lässt sich gleichzeitig leicht und spannend niveauvoll durchhören – der „ruhende Pol“ ist Alexas Stimme, und die jeweiligen musikalischen Mitgestalter bringen ihre ganz speziellen Farben ein, ideal dem Gesang angepasst.

Das Making of zum Album:

Die Homepage von Alexa Rodrian: https://www.alexarodrian.de/

Comments
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    Ulrike Spurgat
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    Mit viel Fleiß ist der Klasse Text geschrieben, der neugierig auf „Alexanders Albumtipp am Sonntag“ macht.

    Vielen Dank!

     

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