Alexanders Albumtipp am Sonntag: Masako Ohta – My Japanese Heart

 in CD-Tipp

Japanische Klaviermusik vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart stellt die in München lebende aus Tokyo stammende Pianistin Masako Ohta auf ihrem im Juni 2020 bei Winter & Winter veröffentlichten Album „My Japanese Heart“ vor. (Alexander Kinsky)

Man kann die fast 70 Minuten dieses Albums musikhistorisch-analytisch oder ausschließlich emotional hören. Man kann damit Komponisten und ihre spezifische musikalische Sprache kennenlernen oder man kann sich einfach auf die Stimmungen der Stücke einlassen. Man kann den Werktiteln folgen und somit „prüfen“, inwieweit sich diese „Festlegung“ überträgt, oder man vertraut ausschließlich dem eigenen Instinkt und den Assoziationen, die sich ohne Vorgaben beim Hören einstellen.

Die Komponistennamen: Toshio Hosokawa (geboren 1955), Kengyo Yatsuhashi (1614-1685), Toru Takemitsu (1930-1996), Michio Miyagi (1894-1956), Kengyo Yoshizawa (1800 oder 1808-1872), Kiyoshige Koyama (1914-2009), Masako Ohta (geboren 1960) und Fumio Yasuda (geboren 1953).

Eine persönliche Reise durch dieses Album:

Toshio Hosokawas Melodia II kommt aus der Stille, aus dem Nichts. Einzelne helle Töne, wie Sterne am Himmel. Man ist mitten im (Welt)Raum. Meditative punktuelle Klaviermusik zum Innehalten. Zeitlose Musik zum Sich-Fallenlassen.

Anders zeitlos sind Kengyo Yatsuhashis Six Steps of Melodies (Sechs Schritte von Melodien), vier kurze fernöstlich anmutende Charakterstücke.

Der wohl bekannteste Komponistenname ist Toru Takemitsu. Rain Tree Sketch und Rain Tree Sketch II spielen mit der Wasserassoziation.

Mit Michio Miyagi geht es an einen See im Frühling – Haro no Umi (Sea in Spring).

Wie improvisiert wirkt Masako Ohtas Klavierspiel bei Kengyo Yoshizawas Regenpfeier Chidari no Kyoku (Song of Plovers). Musik ganz aus dem Augenblick.

Anders exotistisch die Seemöwen-Variation Kagome-Variation (Seagull-Variation) von Kiyoshige Koyama.

Hibusi ist ein Fabel-Vogel, dessen von Fumio Yasuda notierte Rufe in die (Klavier)Natur führen, wie bei Messiaen.

Masako Ohta improvisiert danach über japanische Volks- und Kinderlieder, auch im Klavier und dezent mit der Stimme – Toushin Do-i / Tinsagu nu Hana.

Das Album wird mit Musik von Toru Takemitsu abgerundet – Litany – In Memory of Michael Vyner wirkt wieder „wie eine japanische Improvisation“. Das ist auch eine Art „Wassermusik“, und sie endet still im Raum, in der universellen Einheit des Beginns.

Das fernöstlich Exotistische, harmonisch wie melodisch, klingt natürlich fast durchgehend durch. Die vielgestaltige Aufeinanderfolge von Impressionen, Stimmungs- und Empfindungsbildern vermag es, die Zeitebenen aufzuheben. Spannender ist es hierbei, nicht an den Zeitangaben zu kleben, sondern sich eben einfach fallenzulassen.

Sofort wieder hören, festhalten, nicht loslassen möchte ich beim Hören Melodia II, Chidari no Kyoku, Hibusi und Litany.

Zwölf oder acht Minuten sind wie vier Minuten. Nichts ist nichts und alles ist alles, nichts ist alles und alles ist nichts.

Masako Ohtas Homepage: http://www.masako-ohta.de/

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search