Alexanders Albumtipp der Woche – A Hidden Life

 in Alexander Kinsky, CD-Tipp, Filmtipp

Dies ist gleichzeitig ein Filmtipp, dt. „Ein verborgenes Leben“, läuft derzeit noch in den Kinos, die Geschichte des Franz Jägerstätter, der im 2. Weltkrieg den Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigerte. (Alexander Kinsky)

Die gewaltige Selbstinszenierung des Nationalsozialismus, parallel dazu eine familiäre Idylle in der Tiroler Bergwelt, geborgen in der Natur und der Dorfgemeinschaft, der einfache Bauer Franz Jägerstätter (August Diehl), seine Frau Franziska (Valerie Pachner), die drei kleinen Mädchen.

Trainingstage beim Militär, Briefe von ihr an ihn, Briefe von ihm an sie – echte, tiefe, aufrichtige Liebe, echtes, tiefes, aufrichtiges Vertrauen, riesige Freude aufs Wiedersehen.

Der Nationalsozialismus frisst sich ins kollektive Bewusstsein. Der Bürgermeister wird zum Nazi, der Pfarrer empfiehlt die notwendige Anpassung, der Bischof ist schon vom System vereinnahmt.

Es bleibt nur dieses: Innere Emigration, stilles Neinsagen. Verweigerung ohne Kampf, denn der wäre, der ist völlig sinnlos.

Das Dorf wird immer feindseliger der Familie gegenüber. Farbfilmszenen von Hitlers Idylle am Obersalzberg – er begrüßt niedliche Mädchen – zeigen die Verschiebung.

Unweigerlich wird sie kommen, die Einberufung zur Wehrmacht.

Und als sie kommt wird der Abschied zutiefst schmerzlich, aber er geschieht still, ohne Hysterie.

Verweigerung des Hitlergrußes, Gefängnis.

Mühsam übernimmt die Ehefrau, unterstützt von ihrer Schwester, alle schwere Bauern-Tagesarbeit, lange im Ungewissen, wie es mit ihrem Mann weitergeht.

Briefe von ihr an ihn, von ihm an sie – echte, tiefe, aufrichtige Liebe, echtes, tiefes, aufrichtiges Vertrauen, aber furchtbares ungewisses Getrenntsein voneinander.

Überstellung nach Berlin, alltäglicher Sadismus im Gefängnis Tegel. Das reine Gewissen lässt durchhalten.

Im Hof einem Mitgefangenen ein Stück Brot abgegeben, die brutalen Tritte auch nachdem man sich schon am Boden krümmt hinnehmen müssen.

Am Bauernhof versiegt der Brunnen, ein Deserteur lässt sich blicken, die treue Zugkuh stirbt.

Weizenfelder, frisches Heu, die Berge, die Kinder hier, von Angst geprägte Empathie verweigernde Menschen und sadistische Nazis dort.

Die bangen Wochen bis zum Unvermeidlichen, quälende Tage und Nächte.

Mehrmals das Angebot: Unterschreiben, dann ist er frei, wenigstens die Alternative Sanitätsdienst akzeptieren. An die Familie denken, die Frau wird immer zu ihm halten, trotzdem weiß er, er wird ihr unendlich weh tun (müssen), das Gewissen lässt es nicht anders zu.

Dann der Anwaltsbrief, das Todesurteil.

Die Ehefrau und der Pfarrer fahren nach Berlin. Das letzte Wiedersehen. Tiefe, aufrichtige, echte Liebe. Das Gewissen lässt es aber nicht zu, doch noch, im letzten Moment, zu unterschreiben.

Der unausweichliche letzte Weg, zum Fallbeil. Das Gewissen ließ keine andere Wahl.

Der Nachspann beginnt mit einem Zitat:

„Denn wenn die Welt immer besser wird, so ist das zum Teil auf Taten ohne historischen Rang zurückzuführen; und dass es um den Leser und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, das verdanken wir zur Hälfte den zahlreichen Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und in Gräbern ruhen, die kein Mensch besucht.“ (George Eliot)

Epische drei Stunden nimmt sich der Film Zeit, die echte Liebe im Einklang mit der Welt zu zeigen und wie das Gewissen des Einzelnen diese Liebe zwingt, aufs schlimmstmögliche Ende zuzugehen. Gerade indem mit den Brieftexten und unzähligen Detailszenen aus dem jeweiligen Alltag der Liebenden eine immer quälendere Länge der Wartezeit auf das Unvermeidliche erzeugt wird, gewinnt der Film an ganz, ganz eindringlicher Seelentiefe.

Exquisite Besetzung bis in kleinste Nebenrollen: Matthias Schoenaerts (Herder), Michael Nyqvist (Bischof Joseph Fließen), Bruno Ganz (Richter), Jürgen Prochnow (Major Schlegel), Martin Wuttke (Major Kiel), Karl Markovics (Bürgermeister), Alexander Fehling (Fredrich Feldmann), Tobias Moretti (Pfarrer Ferdinand Fürthauer), Ulrich Matthes (Lorenz Schwaninger), Sophie Rois (Tante) und Johannes Krisch (Der Müller).

Die symphonische Filmmusik zu „A Hidden Life“, dem eindringlichen dreistündigen Filmepos mit August Diehl als Franz Jägerstätter, komponierte der 1951 in Los Angeles geborene Filmmusikkomponist James Newton Howard. Das Orchester wurde von Pete Anthony dirigiert. Die Musik ist auch als CD, erschienen im Dezember 2019 bei Sony, erhältlich.

Howard komponiert wie Philip Glass, sanft fließende Orchestermusik. Die Musik unterstreicht die innere Ausgeglichenheit Jägerstätters. Er weiß aus tiefstem Inneren, dass er trotz aller privater Schrecknis die das mit sich bringen muss das Richtige tut.

Unheimlich und eigen sphärisch ragen aus dem Soundtrack die Tracks 5 Indoctrination, 6 Morality In Darkness und der erste Teil von Track 10 Descent (der dann in ein verlorenes Violinsolo mündet) heraus. Der erste Teil von Track 14 There Will Be No Mysteries wirkt wie ein sphärischer Lichtstrahl im All.

Ergänzt wird der Soundtrack mit einigen älteren Aufnahmen bereits veröffentlichter Werke, die sich stilistisch optimal in den Film einfügen.

Aus Georg Friedrich Händels Oratorium „Israel in Egypt“ gibt es einen feierlichen Chor, aus Arvo Pärts Tabula Rasa (einem Konzert für zwei Violinen (bzw. Violine und Viola), präpariertes Klavier und Streichorchester) das ausführliche Silentium, den viertelstündigen längsten Track des Albums, im Orchestersatz deutlich differenzierter als Howards Musik, aus einer Tschechischen Suite des großen Melodikers Antonín Dvořák den Eröffnungssatz Allegro moderato und auch eine fließende Orchester-Trauermusik, den 4. Satz (Adagio cantabile) aus Henryk Góreckis Kleinem Requiem für eine Polka.

Der 2016 gedrehte deutsch-amerikanische Film wurde 2019 erstmals gezeigt und kam Anfang 2020 in die deutschen Kinos. Regie führte Terrence Malick.

Verwiesen sei hier auch auf Axel Cortis halbdokumentarischen ähnlich eindringlichen Schwarzweiß-Fernsehfilm „Der Fall Jägerstätter“ aus dem Jahr 1971 mit dem wie Diehls Jägerstätter in sich ruhenden Kurt Weinzierl in der Hauptrolle.

Die internationale Homepage zum Film: https://www.searchlightpictures.com/ahiddenlife/

 

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!