Alexanders Albumtipp der Woche: Arash Safaian/Alice Sara Ott: Lara

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Mehr oder weniger populäre Klavierstücke, Kammermusik und eine diskussionswürdige „Konzertkomposition“ für Klavier und Orchester bietet das im November 2019 nur online veröffentlichte Soundtrack-Album zum Kinofilm „Lara“ mit Originalmusik von Arash Safaian und mit Alice Sara Ott am Klavier. (Alexander Kinsky)

„Lara“ (Regie Jan-Ole Gerster) geht mit der Titelfigur (verkörpert von Corinna Harfouch) durch deren 60. Geburtstag. Lara ist eine verhinderte Pianistin, die ihren ganzen Ehrgeiz auf ihren Sohn Viktor (Tom Schilling) weiterprojiziert hat. Sie lebt verhärmt und von der Welt entfremdet in Berlin. Viktor hat genau an diesem Tag sein großes Konzert, in dem er sich sowohl als Pianist als auch als Komponist vorstellen möchte. Wie geht Lara mit dieser Herausforderung um? Wie werden die Begegnungen mit ihrem Sohn verlaufen? Kann seine Komposition vor dem Publikum, vor allem aber vor ihr bestehen? Muss sie letzteres überhaupt?

Soviel sei verraten: Der Film „explodiert“ keineswegs dort, wohin er zusteuert und wo man es erwartet, aber er „explodiert“. Und wie.

Unterschiedlich wurde Musik in Filmen zum Scheitern oder Gelingen von Lebensentwürfen im Zusammenhang mit Klavierspielschicksalen bisher eingesetzt.

Ingmar Bergmans „Herbstsonate“ aus dem Jahr 1978 ist ein Mutter-Tochter-Drama mit Ingrid Bergman (ihr letzter Film) und Liv Ullmann. Das wesentliche Klavierstück darin ist Chopins Prelude a-Moll op. 28/2.

Jane Campions Filmdrama „The Piano“ (1993) mit Holly Hunter, Harvey Keitel und Sam Neill lässt an die Meeresküste Neuseelands im 19. Jahrhundert denken und setzt musikalisch anachronistisch auf den neoklassizistisch fließenden Glass-Minimalismus Michael Nymans.

„Shine – Der Weg ins Licht“ (1996) ist die oscarprämierte Künstlerbiografie des australischen Pianisten David Helfgott von Scott Hicks mit Musik von David Hirschfelder, aber etwa auch mit dem „Rach 3“ oder mit Rimski-Korsakows „Hummelflug“, am Klavier zu sehen dabei Noah Taylor als junger und Geoffrey Rush als älterer Helfgott.

Michael Hanekes beklemmende Elfriede Jelinek-Verfilmung „Die Klavierspielerin“ (2001), auch eine Mutter-Tochter-Tragödie, hier mit Isabelle Huppert und Annie Girardot in den Hauptrollen, weist Filmmusik von Francis Haines auf, arbeitet aber noch mehr mit Schuberts kammermusikalischer Psychologie.

Roman Polanskis unter die Haut gehende ebenfalls oscarprämierte Verfilmung „The Pianist“, die Autobiografie des polnischen Pianisten und Komponisten Władysław Szpilman (2002), lässt neben Originalmusik von Wojciech Kilar Hauptdarsteller Adrien Brody Originalmusik von Chopin um sein Leben spielen.

Das französische Rachefilmdrama aus dem Jahr 2006 „La Tourneuse de pages“ (Das Mädchen, das die Seiten umblättert) von Denis Dercourt mit Déborah François und Catherine Frot baut hingegen auf romantische Klavierkonzertfilmmusik von Jérôme Lemonnier.

„Vier Minuten“ (ebenfalls 2006) von Chris Kraus mit Hannah Herzsprung als junge Mörderin und hochbegabte Pianistin sowie Monica Bleibtreu als ihre Lehrerin arbeitet mit der überambitionierten Filmmusik von Annette Focks, die beim entscheidenden Konzertauftritt dem alleinigen Klavierklang nicht vertraut und das psychische Kaleidoskop der Filmheldin mit Sounds plakatiert.

Nicht zu vergessen Marcus O. Rosenmüllers erschütterndes 2. Weltkriegs-Drama „Wunderkinder“ (2011) mit Konstantin Wecker in ungewohnter Hauptrolle, die das Schicksal nicht nur der jungen Pianistin Larissa (gespielt von Imogen Burrell) besiegelt, mit Filmmusik von Martin Stock (Larissas Lied!) und viel Kammermusik für Violine (gespielt vom am 17.12.1996 geborenen Jungtalent Elin Kolev) und Klavier.

„Au bout des doigts“ (Der Klavierspieler vom Gare du Nord, 2019), Regie Ludovic Bernard, ist hingegen ähnlich „Vier Minuten“ ein Sozialisierungsversuchsfilm mit Hilfe pianistischen Talents. Musik von Harry Allouche wird ergänzt mit passenden Originalstücken.

Bei „Lara“ nun stammt die für den Film komponierte Originalmusik vom deutsch-iranischen, 1981 in Teheran geborenen Komponisten Arash Safaian. Die deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott spielt aber auch Originalwerke nicht nur von Safaian.

Safaians Titelstück Lara ist die im Gegensatz zum Film hier komplett zu hörende Konzertkomposition Viktors, beginnend als Paraphrase auf den 2. Satz von Schuberts Klaviersonate D 959 und über Rachmaninow-Anklänge mit dem hinzutretenden Orchester in eine Art fließende Philip Glass Romantik fallend. Zu hören sind hier Alice Sara Ott und das von Samy Moussa geleitete Deutsche Kammerorchester Berlin.

Flowers Dantini, Flowers Narzisse, Flowers Mimosa, Flowers Santini C, Flowers Germini und Flowers Santini A, gespielt von einem Bläserquartett des Deutschen Kammerorchesters Berlin, sind für den Film komponierte Bläserquartettimpressionen von Arash Safaian, reizvolle zeitgenössische fließende Kammermusik, voll schwebend-angespannter Atmosphäre. Diese „Blumenstücke“ durchziehen und färben den Soundtrack geheimnisvoll-nachdenklich.

Johann Sebastian Bach hat ein Konzert für Oboe und Orchester d-moll von Alessandro Marcello (1673–1747) für Cembalo bearbeitet (BWV 974). Der 2. Satz daraus, ein Adagio, ist eine wunderschöne Meditation, die Alice Sara Ott ganz schlicht und innig als erstes Stück dieses Soundtrackalbums am Flügel spielt.

Für den Film (teilweise sieht man dort ihre Hände spielen) hat Alice Sara Ott auch die berühmte „Revolutions-Etüde“ c-Moll op.10/12 von Frédéric Chopin aufgenommen, die noch berühmtere Bagatelle Nr. 25 in a-Moll WoO 59 „Für Elise“ von Ludwig van Beethovens (auch ein beliebtes Zugabenstück der Künstlerin für ihr großteils junges Publikum), den „Fröhlichen Landmann, von der Arbeit zurückkehrend“ (das ist aus Robert Schumanns Album für die Jugend op. 68 die Nr. 10, bewusst etwas holprig gespielt, weil das der Schüler im Film auch holprig spielt), dann aber auch Beethovens „Andante favori“ F-Dur WoO 57 (ursprünglich vom Komponisten als 2. Satz der „Waldstein“-Sonate op. 53 gedacht, dort dann aber durch ein geheimnisvoll angespanntes Intermezzo ersetzt) und Chopins Walzer Nr. 3 a-Moll op. 34/2 (dieser aber wohl Otts 2010 erschienener ihrer musikantisch inspirierten Leichtigkeit wegen auch sehr zu empfehlenden Gesamtaufnahme der Chopin-Walzer entnommen – für den Schreiber mit sehr persönlichem Bezug, war dies doch der erste Chopin-Walzer, den er als jugendlicher Klavierspieler erlernte).

Alice Sara Ott, seit 2009 Erfolgskünstlerin beim großen Klassiklabel Deutsche Grammophon, die im Frühjahr 2019 ihre Multiple-Sklerose-Erkrankung bekanntmachte und ihren Terminkalender nun sparsamer dosiert, drängt sich interpretatorisch nicht vor, spielt (was ihre Stärke ist) transparent und klar und bleibt dabei herzlich schlicht unterwegs, wie es die meisten Stücke ja auch vorgeben.

Für Laras „Explosion“ am Ende des Films benötigte der Soundtrack aber etwas besonders wuchtig Kräftiges. Hier greift Regisseur Jan-Ole Gerster auf eine Aufnahme von Robert Schumann Toccata C-Dur op. 7 mit Sviatoslav Richter zurück. Da bleibt kein Stein auf dem anderen angehörs dieser pianistischen statuarisch gehämmerten Wucht.

Im Film ebenfalls eingesetzt aber nicht auf dem Soundtrackalbum enthalten ist das von France Gall gesungene Popchanson Il jouait du piano debout (Stehend spielte er Klavier).

 Das Soundtrack-Album bei den KlassikAkzenten: https://www.klassikakzente.de/alicesaraott/news-und-rezensionen/die-poesie-der-musik-im-film-safaians-aussergewoehnlicher-soundtrack-zu-lara-eingespielt-von-alice-sara-ott-256334

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