Alexanders Albumtipp der Woche: Georg Kreisler – Heute Abend: Lola Blau

 in Alexander Kinsky, CD-Tipp

Das Musical für eine Schauspielerin des aus Wien stammenden Komponisten, Sängers und Dichters Georg Kreisler erzählt von der zunächst politisch naiven jüdischen Schauspielerin und Sängerin Lola Blau, die mit Kriegsbeginn von Wien aus über Linz und Basel in die USA emigrieren muss und nach einer Karriere als Show- und Sexstar incl. alkoholbedingten Abstürzen als gereifte und resignierende Kabarettistin nach Wien zurückkehrt. (Alexander Kinsky)

Das am 17.10.1971 im Kleinen Theater in der Josefstadt in Wien uraufgeführte Werk wurde seither bereits mehrmals auf Tonträgern veröffentlicht. Hier wird die Erstaufnahme mit der Uraufführungsinterpretin Topsy Küppers, an den beiden Klavieren Heinz Hruza und der Komponist, empfohlen.

„Heute Abend: Lola Blau“ trägt autobiografische Züge, denn auch der 1922 geborene, vor allem mit seinen zeitkritischen, satirischen Chansons bekannt gewordene Musiker, Kabarettist, Komponist, Satiriker und Schriftsteller Georg Kreisler musste 1938 in die USA emigrieren. Er kehrte dann 1955 nach Wien zurück und lebte später noch in München, Berlin, Salzburg und Basel.

Laut Georg Kreisler selbst („Lola und das Blaue vom Himmel“, Edition Memoria – Schumann, 2002) trat seine damalige Noch-Ehefrau Topsy Küppers 1971 an ihn heran, möglichst rasch ein Soloprogramm zusammenzustellen. Aus Zeitmangel griff Kreisler zum Großteil auf bereits vorhandenes Liedmaterial zurück und entwickelte damit die Geschichte zum Musical.

„Heute Abend: Lola Blau“ wurde in viele Sprachen übersetzt und wird nach wie vor weltweit aufgeführt. Für die Hauptdarstellerin bietet sich eine breite Palette der Darstellungskunst an, zwischen „zerbrochenen“ Chansons und großem Entertainment. Für einen Showauftritt in den USA lässt Georg Kreisler offen, ob die Darstellerin einen Strip bietet oder eine große Shownummer singt. Vielfach sind die Inszenierungen praktikabel auch für Tourneen entworfen, meist ohne Bühnenbild, nur die Hauptdarstellerin, ein Klavier und ein paar Requisiten. Ton- und/oder Bild- sowie Filmzuspielungen zur Verdeutlichung des zeithistorischen Hintergrunds werden im Libretto empfohlen. Einige Nebenfiguren werden je nach Inszenierung von der Hauptdarstellerin selbst, von der musikalischen Leitung, von weiteren Mitwirkenden oder vom Band geboten – oder weggelassen, wie auch so manche Musiknummer.

In der Uraufführungsbesetzung erschien bei Preiser Records eine Doppel LP. 1990 wurde diese Aufnahme auch als Doppel CD (Preiser 90044) veröffentlicht, ergänzt mit einigen weiteren Liedern aus den 60ern, die Georg Kreisler für Topsy Küppers geschrieben hat. Dies ist das Dokument eines großartigen Werks, welches an einem persönlichen Schicksal die Zeit von 1938 bis nach dem Krieg in Form eines Hörspiels mit Chansons einfängt. Den zeitgeschichtlichen Hintergrund besorgen Radioeinblendungen und Tagesschlager. Die meisten Chansons vertiefen Lolas Gefühlswelt, ein paar sind gekonnte, intelligente Shownummern.

Hört man die Aufnahme, ist man gebannt und erschüttert – die Tragik der Emigranten des 20. Jahrhunderts wie die geradezu beängstigend gut ausgefeilte Interpretation durch Topsy Küppers nehmen total gefangen. Die hörspielartigen Überleitungen zwischen den Chansons leben vom Lokalkolorit der Umgebungen (Wien, Schweiz, USA). Zwar sind die beiden Pianisten Heinz Hruza und Georg Kreisler bei den Credits genannt, man verschweigt aber die Sprecherinnen und Sprecher der markanten kleinen Nebenrollen.
ie Zimmerwirtin zu Beginn spricht breiten Wiener Dialekt, Lola meldet sich am Telefon – ganz die junge, naive, hoffnungsvolle Künstlerin – mit bewusst erotischem Tonfall, um nach dem Erkennen des anderen Gesprächsteilnehmers in einen natürlichen Sprachduktus zu wechseln.

Vom ersten Lied an erweist sich Topsy Küppers als kongeniale Chanson-Interpretin zwischen Sprechgesang und für ihre Zwecke fulminant wechselnden Gesangsnuancen. Sie gewinnt jedem Lied den nötigen Charakter ab, und das ist in den etwa 100 Minuten Spieldauer des Werks eine wahrlich großartige Leistung. Die Psychologie der Lieder ist nuanciert ausgearbeitet. Man hört, wenn man genau aufpasst, dass sie keine Wienerin ist. Doch Topsy Küppers „spielt“ die Wienerin genauso intensiv und vielseitig wie alle anderen Rollen, in die Lola zu schlüpfen hat. Ihre Stimme steht bei der Aufnahme schön im Vordergrund. Man versteht jede winzigste Nuance.

„Sympathie“ oder „Weder noch“ sind so verinnerlicht, wie „Die Wahrheit vertragen sie nicht“ oder „Sie ist ein herrliches Weib“ den nötigen „Drive“ haben.

Am Schiff nach Amerika spricht der jüdische Passagier Herr Berger die Lola an. Man vermutet es und es liegt nahe: Das ist Georg Kreisler selbst, der uns als Herr Berger begegnet.
„Sex is a wonderful habit“ wird von Topsy Küppers fast gehaucht, es ist das Lied, das sie als Sängerin in den USA einführt. Der Hall erzeugt die Konzertatmosphäre. Und die große Shownummer, von Kreisler freigestellt, ist bei Topsy das Lied „Fängt´s schon wieder an“ (Musik: Gordoni), mit Bigband begleitet.

Der Hörspielcharakter unterstreicht sich, als Lola zu einer Instrumentalpassage vor sich hin sinniert, Zitate aus dem Lied „Sie war liab“ wiederholt. Der Zuhörer beginnt mit ihr zu hinterfragen, welche Rolle ein Künstler auf der Bühne eigentlich spielt, wie weit er er selbst bleibt in dem was er tut.

Georg Kreisler zitiert sich akustisch selbst mit einem englischen Lied aus der „Georg Kreisler Show“ – letzter Beweis des autobiographischen Hintergrunds dieses Werks.
Dann gibt es die große Shownummer nach der Rückkehr nach Wien, in der sich Lola Blau einem Theaterdirektor in verschiedenen Nationalcharakteren vorstellt.
Topsy Küppers´ Aufnahme ist eine starke Vorgabe für künftige Darstellerinnen der Lola Blau, die vielen Farben, mit denen sie die Lieder auslotet, scheinen wenig Spielraum für neue Facetten offen zu lassen.

Beim Lied „Heut will ich mich besaufen“ ist Tamar Radzyner für den Text genannt, bei „Wo sind die Zeiten dahin“ wird allerdings Mozart als Komponist (der Sonata facile) verschwiegen.
Das wunderbar nachdenkliche Schlusslied „Zu leise für mich“ wird ganz langsam interpretiert. Hier merkt man, wie die Zeit seither schneller geworden ist.

Fazit: Die Referenzaufnahme des Werks, Vorbild und Maßstab. Wer die Aufnahme im Ohr hat, wird jede andere an ihr messen.

Die Georg Kreisler Homepage: https://www.georgkreisler.de/

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