Alexanders Albumtipp der Woche: Giuseppe Verdi – Messa da Requiem

 in Alexander Kinsky, CD-Tipp

Die Bayerische Philharmonie, mit der Konstantin Wecker 2019 auf „Weltenbrand“-Tournee war, hätte am 13.3.2020 Giuseppe Verdis monumentale Totenmesse, die „Messa da Requiem“, neben Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“ die wohl berühmteste Vertonung des lateinischen Totengebets, im Münchner Herkulessaal der Residenz aufgeführt. Dieses Konzert wurde wie fast das gesamte weitere Kulturangebot im deutschsprachigen Raum abgesagt. Vielleicht wird es in den nächsten Monaten nachgeholt. Wer Verdis Requiem mit der Bayerischen Philharmonie hören will, hat nichtsdestotrotz eine Möglichkeit. (Alexander Kinsky)

Als 1868 Gioacchino Rossini starb, regte Giuseppe Verdi eine Requiem-Gemeinschaftskomposition mehrerer Komponisten an, für das er ein „Libera me“ komponierte. Das Projekt scheiterte damals, erst 1988 erlebte es in Stuttgart seine Uraufführung. Der Tod des italienischen Dichters und Schriftstellers Alessandro Manzoni im Jahr 1873, den Verdi sehr bewunderte, gab dem Komponisten den letzten Anstoß, eine komplette, an die eineinhalb Stunden lange monumentale Requiemkomposition mit den sieben Sätzen Requiem, Dies irae, Offertorio, Sanctus, Agnus Dei, Lux aeterna und dem ja bereits vorhandenen Libera me zu schaffen. Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ wurde am 22.5.1874 in Mailand uraufgeführt.

Die von Mark Mast gegründete Junge Münchner Philharmonie, ergänzt mit Musikern des Kammerorchesters der Bayerischen Philharmonie, des Münchner Jugendorchesters und der Kinderphilharmonie München, sowie der Chor der Bayerischen Philharmonie und das Solistenquartett Susanne Winter (Sopran), Claudia Schneider (Mezzosopran), Wayne Hobbs (Tenor) und Jacques-Greg Belobe (Bassbariton) brachten das Werk am 13.3.2009 im Herkulessaal der Münchner Residenz zur Aufführung. Der Livemitschnitt wurde beim Label Zeitklänge (2 CDs 1020 09) veröffentlicht.

Das Dirigat überließ Mark Mast in diesem Fall Wolfgang Seeliger, einem versierten Routinier, der beim berühmten Dirigierlehrer Hans Swarowsky studiert, aber auch unter anderem bei Nikolaus Harnoncourt und Herbert von Karajan gelernt hat und die letzten sechs Jahre (1984-1990) Assistent von Leonard Bernstein war.

Es gibt viele hervorragende Aufnahmen dieses Werks, etwa mit Leonard Bernstein, Herbert von Karajan, Claudio Abbado, Riccardo Muti, Fritz Reiner, Georg Solti oder Mariss Jansons.

Die Münchner Liveaufnahme aus dem Jahr 2009 muss sich keineswegs vor diesen großen Namen verstecken. Sie vermittelt die Hingabe der Aufführung genauso wie das überwältigende Wesen des Werks zwischen Vergeistigung und Apokalypse wieder einmal in exemplarischer Weise.

Sofort mit dem mystisch-vergeistigten Requiem aeternam Beginn ist die prickelnde, knisternde Liveatmosphäre da. Klangtechnisch wie musikalisch spürt man – hier wurde sehr sorgfältig, in höchster Konzentration gearbeitet. Das Solistenquartett deklamiert das Kyrie eleison und das Christe eleison, die sich aus dem Chorgewebe herausschälen und fügt sich so ins Geschehen ein.

Das gewaltige fast dreiviertelstündige Dies irae ist das Zentrum des Werks, ein immer wieder erschütterndes wie verinnerlichtes Monument der Musikgeschichte.

Seine elf Abschnitte Dies irae, Tuba mirum, Mors stupebit, Liber scriptus, Quid sum miser, Rex tremendae, Recordare, Ingemisco, Qui Mariam, Confutatis maledictis und Lacrymosa beuteln die Hörerschaft gehörig durch, zwischen apokalyptischem Schrecken und tiefster Vergeistigung.

Die gewaltige Erschütterung des Dies irae, des Jüngsten Gerichts – beeindruckend geballt auch in diesem Mitschnitt eingefangen – behält jeder im Ohr, der sie einmal gehört hat.

Nach ihrem Verklingen steigern sich mächtige Fanfaren zum Tuba mirum, eine nicht minder beeindruckende Passage des Werks. Aus dem abrupten Stopp dieser Passage heraus singt der einsame Bass sein Mors stupebit. Das Mezzosolo des Liber scriptus wirkt wie eine kleine Opernszene. Kurz wird noch einmal der Tag des Zorns in Erinnerung gerufen. Wehmütig wiegend bringt das Ensemble nun das Quid sum miser. Der Chor bricht mit dem Rex tremendae herein, das zu einer eindringlichen Gnadenbitte von Solisten und Chor wird. Die beiden Frauenstimmen singen lyrisch und innig das Recordare, worauf der Tenor bestimmt bittend und anders melodiös mit dem Ingemisco folgt. Schuldbewusst bekenntnishaft schließt sich der Bass mit dem Confutatis an.

Ein musikalisch absoluter Höhepunkt des Werks wie der Aufführung ist gerade seiner transparent-irisierenden Melodie wegen das Lacrymosa mit den Solisten und dem Chor, das diesen gewaltigen Dies irae Abschnitt abrundet, eine der innigsten und ergreifendsten Musiken der ganzen Musikgeschichte. In seinen Konzerten würdigt Konstantin Wecker in letzter Zeit auch seinen Vater, der auch Opernsänger war und am liebsten Verdi und Puccini sang, und wenn Konstantin vom Sterben des Vaters liest, spielt Konstantins Pianist Jo Barnikel dieses Lacrymosa an, auch das jedes Mal ein besonders inniger Moment.

Etwas lichtere Musik als vielfach im Dies irae Block bringt das Offertorio der Solisten, die Bitte um Seelenfrieden für die Verstorbenen.

Nach dem feierlich jubelnden Sanctus wird das erneut beseelt vergeistigte Agnus dei nach dem Lacrymosa zum zweiten absoluten innigen Höhepunkt des Werks wie der Aufnahme.

Es geht gleich so vergeistigt weiter, im nun folgenden Lux aeterna, das aber doch eine Spur dramatischer wirkt.

Mit dem zuerst komponierten Libera me hat Giuseppe Verdi dann doch nicht länger „verheimlicht“, in erster Linie ein Opernkomponist zu sein, dieser letzte Abschnitt des Requiems hört sich nämlich durchaus wie eine große Opernszene an. Da findet sich – dramaturgisch passend – eine neuerliche gewaltige Dies irae Reprise, aber gleich danach umso beseelter eine unglaublich innige Requiem aeternam Reprise mit Sopran und Chor, der dritte in der Stille und Vergeistigung herausragende Moment von Werk wie Aufnahme.

Eine würdige große Chorfuge mit Sopran rundet das Werk bis zum ruhig-strengen, feierlichen Ausklang ab.

Tief beeindruckt vom Gesamteindruck notiert sich der Schreiber zum sofortigen Immer-wieder-Hören das Lacrymosa, das Agnus Dei und die Requiem aeternam Reprise, bei allen Verdi-Requiem-Aufnahmen, und – sehr gerne – speziell aus dieser.

Chor und Orchester musizieren und singen fabelhaft geschlossen und innig, und das Solistenquartett singt dort wo es angebracht ist deklamatorisch bzw. wunderschön tonrein innig.

Wolfgang Seeliger hat Verdis Requiem übrigens noch ein zweites Mal auf CD veröffentlicht, mit dem Konzertchor Darmstadt und dem Symphonieorchester der Universität der Künste Berlin.

Die CD-Ausgabe scheint aktuell vergriffen, vielleicht gibt es aber bei der Bayerischen Philharmonie noch Restexemplare. Digital ist es im großen Urwaldfluss erhältlich.

https://www.amazon.de/gp/product/B00VFA0K86/ref=dm_ws_sp_ps_dp

Mit dem Kauf der CDs aus dem Angebot auf der Homepage der Bayerischen Philharmonie unterstützt man die ambitionierte, so ungemein wertvolle und dem seelischen Gemeinwohl dienende Ausbildungsarbeit des Herzensprojekts von Mark Mast und seinem Team.

    Die Homepage der Bayerischen Philharmonie mit weiteren CD-Angeboten: http://www.bayerische-philharmonie.de/Startseite

 

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!