Alexanders Albumtipp der Woche: Wenzel & Band – Lebensreise

 in Alexander Kinsky, CD-Tipp

Was für ein kraftvolles, lebensstrotzendes und doch zwischendurch auch herrlich sentimentales Live-Doppelalbum legt das unverwüstliche Ost-Liedermacher-Urgestein Wenzel mit der im Dezember 2019 im eigenen Label Matrosenblau erschienenen „Lebensreise“ vor.  (Alexander Kinsky)

Hans-Eckardt Wenzel, der Sänger mit Band: bodenständig, mit erdigem Straßenmusikflair.

Hans-Eckardt Wenzel, der Komponist: was für ein unverschämter, unglaublicher Melodiker und was für ein Stilpluralist, mit ganz viel Südamerika und Karibik, aber nicht das der Hochglanztouristen, das von der Straße und aus den Clubs.

Hans-Eckardt Wenzel, der Texter und Vertoner: der lebt und singt sein gelebtes und lebendes Leben, ein sprachversierter Poet wie Tucholsky, Kästner, Degenhardt. In je zwei Liedern würdigt er den nach wie vor unterschätzten österreichischen Lyriker Theodor Kramer und den legendären Woody Guthrie, letzteren mit der deutschen Fassung seines wohl bekanntesten Songs „This Land Is Your Land“.

Wenzel, denn den Vornamen lässt er meist weg: einer der besten deutschsprachigen Chansonniers, ein Lebenslust versprühender augenzwinkernd weiser Clown des Alltags.

Wenzel & Band nehmen uns neunzehn Lieder lang mit auf die Lebensreise, Wenzel selbst, Multiinstrumentalist ist er ja auch, singend sowie Akkordeon, Gitarre, Piano und Rhodes spielend, Thommy Krawallo und Hannes Scheffler, beide Bass, Gitarren und Gesang, Stefan Dohanetz, Schlagzeug, Perkussion und Gesang und der fabelhafte Trompeter Manuel Agostinno Pereira Abreu – sowie noch ein Wenzel, aber zu dem kommen wir noch.

Was sind die Stationen dieser Lebensreise? Heimatlosigkeit, Sehnsucht, Kontraste des Lebens, sich treu zu bleiben, ein verlorener Tag, Noch oder Schon, der Wein und seine Folgen, der durch eines der markantesten deutschsprachigen Lieder eingravierte unvergesslichste New Yorker One-Night-Stand ever, ein Lauser von einem (in Wien sagt man) goscherten Jung-Countryfolker und Papafan (siehe weiter oben, Auftritt – was heißt Auftritt!- die Bühne rockend (!!!) Theodor Wenzel), nächtliche Melancholie, Beobachtungen auf der Heringsdorfer Promenade, eine Liebesnacht voller Poesie auf dieser Erde für dich und mich, die innigste Lied-Herbstmelancholie, das zweisame nächtliche Herumstreunen in der verrückten Welt, vergessene oder verdrängte sibirische Liebe und noch ein Trinklied.

Wer immer wieder mal Wenzel gehört hat, erkennt erfreut so manchen Klassiker wieder und freut sich über die kraftvollen neuen Liveversionen. Dem Schreiber gingen diesmal drei teilweise eher zurückhaltende Lieder besonders nah, „Kamille und Mohn“, „In dieser Nacht hier“ und – immer wieder, bei jedem Wiederhören – das „Herbstlied“.

Dieser Melodiker, das ist ja alles zum zumindest inneren Mitsingen, vieles auch zum Mittanzen. Richtig frech ist das, diese klugen Texte in solch stimmige Melodien zu verpacken, die einen herrlich frei machen, lustvoll auf diese erdige, lebenssprühende Musik, lebensfroh und selbst noch in der Melancholie jeden Lebenstropfen vollmundig auskostend.

Die erste CD ist ganz stark, ein mitreißender Song nach dem anderen, die zweite kommt etwas abgeklärter, auch melancholischer daher (äh – es heißt ja Lebensreise) und zieht am Ende – sie wissen natürlich nur zu gut, wie man Konzerte incl. Zugaben aufbaut – umso mitreißender wieder an.

Aufgenommen wurden diese starken eineinhalb Liedermacherstunden am 22.6.2019 in Kamp, und die Livestimmung ist so großartig erdig eingefangen wie die Musik, bis zum Feuerwerk am Ende.

Das Booklet koppelt alle Liedtexte mit auch erdigen Schwarzweiß-Livebildern.

Der in Wien geborene Schreiber staunt, weil er schon beim dritten Lied aber sowas von ganz zu Hause ankommt. Woher weiß Wenzel meine ganze tiefste, einzige Lebenswahrheit? „Aber sterben muss man in Wien.“

Sehenswert auch das Making of zum Album:

Wenzels Homepage: https://wenzel-im-netz.de/

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