Alexanders CD-Tipp der Woche: Alexander Lonquich – Schubert 1828

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Alexander Lonquich, ein 1960 in Trier geborener deutscher Pianist, schafft es, die drei späten, 1828 komponierten Klaviersonaten c-Moll D 958, A-Dur D 959 und B-Dur D 960 von Franz Schubert, gekoppelt mit den 3 Klavierstücken D 946, als unbegreifliche, unfassbar staunenswerte, brüchige Monolithe der Klaviermusik zu einer interpretatorischen Einheit zusammenzufassen. (Alexander Kinsky)

Um diese Aufnahme einzuordnen, sei zunächst auf eine andere Schubert CD-Neuaufnahme verwiesen.

Die 1987 in Georgien geborene Pianistin Khatia Buniatishvili, eine der gehypten Starpianistinnen der Zeit, nahm Franz Schuberts Klaviersonate Nr. 21 B-Dur D 960 (Spielzeiten: 20:34 / 14:32 / 3:45 / 8:51) zusammen mit den vier Impromptus op. 90 D 899 und Liszts Ständchen-Klaviertranskription „Leise flehen meine Lieder“ DD 957/4 von 19. bis 23.12.2018 im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems (Österreich) auf (CD Sony 9075841202). Im Booklettext deklariert sich die Pianistin als Feministin und konstatiert bei Schubert versteckte todgeweihte Weiblichkeit und Sensibilität.

Schon der ruhige Beginn des eröffnenden Allegro moderato Satzes legt fest – das wird sehr bewusst, sehr bestimmt. Wenn dann eine Sechzehntelverdichtung zum etwas abgewandelten Thema weiterführt, erscheint die dabei erzeugte Leidenschaftlichkeit auch kontrolliert, gesteuert. Agogisch und schattierend wird die bewusste kontrastierende Impulsivität spätestens mit der Expositionswiederholung, vollends dann bei der Reprise als Konzept durchhörbar. Das Andante sostenuto, der 2. Satz, weist die Spielzeit 14:32 Minuten auf. Zeitlupenfeeling, Schneckentempo also, das wohl Verlorenheit, Einsamkeit, Verlassensein, Kontemplation auch verdeutlichen soll. Im lichteren A-Dur Mittelteil kommt Leben ins Geschehen. Alles bleibt selbstbestimmt kontrolliert dabei. Das Allegro vivace con delicatezza-Scherzo will sofort alles wegwischen, was bisher geschah, es treibt quirlig voran. Und im abschließenden Allegro ma non troppo ist es konsequent auch die Pianistin als Persönlichkeit, die das Ringelspiel bewegt, steuert, bestimmt.

Das Impromptus D 890/1 c-Moll (Allegro molto moderato) spielt Khatia Buniatishvili auch sehr bewusst und bestimmt modellierend, fast didaktisch, dabei aber durchaus feinfühlig facettenreich. Bestätigung bei D 890/2 Es-Dur (Allegro) – SIE bestimmt den Falterflug, drängt energisch zum Ziel. Noch am ehesten tritt die Pianistin bei D 890/3 (Ges-Dur, Andante) hinter Schubert zurück, hier geht der „Gesang“ des Klaviers schon sehr zu Herzen. Die Außenteile von D 890/4 (As-Dur, Allegretto) kommen nicht „von Schubert wie ihn der Schreiber liebt“, sie kommen von außen, aber erstaunlicherweise ist der Schreiber im Mittelteil umso mehr zu Hause.

Das Ständchen gelingt Buniatishvili schon innig, gesanglich stark, das muss man ihr lassen. Fast stellt man diese Aufnahme neben die grandiose späte Horowitz DGG-Aufnahme, aber gegen Ende muss sie dann doch „ihre Meinung“ betonen, siegt das Subjektive.

Insgesamt ist Khatia Buniatishvilis kontrollierte Leidenschaft nicht des Schreibers Schubert-Welt. Es bleibt der Eindruck, die Pianistin muss alles subjektiv steuern, sich über die Musik stellen. Wenn sie das Geschehen fließen lässt (was sie dann doch immer wieder tut) gelingen ihr gleichwohl wunderbare Passagen.

Lonquich hingegen – womit wir bei der noch entschiedeneren CD-Empfehlung sind  – spielt auf seiner im Februar und März 2017 in der Villa San Fermo in Lonigo (Italien) eingespielten Aufnahme (2 CDs Alpha 433) stets bewusst und durchdacht, dabei ungleich schattierter auf den Notentext achtend als Buniatishvili und alles noch differenzierter auslotend. Er stellt sich dabei aber nicht über Schubert, lässt diesen vielmehr hochmusikalisch über seine Fortläufe und Brüche sprechen, aussingen und stocken, in Sicherheit wiegen und vor den Kopf stoßen – klar und präzise, aber nie mit dem erhobenen Zeigefinger und mit mutwilligem Draufdrücken.

Die Werkeinführungen im Booklet bestätigen den seriösesten, verantwortungsvollen musikalisch bis in kleinste Verästelungen durchdachten gleichwohl wie hochmusikalischen Ansatz. Lonquich sieht die drei Sonaten als drei Bände eines einzigen Romans. Bei D 958 nennt er Schuberts Winterreise, zur Durchführung des 1. Satzes Windböen, zum Trio des 3. Satzes ein Schattenspiel und zum Tarantella-Finale mittelalterliche Totentänze. Bei der Brüchigkeit der Sonate D 959 hebt er den Mittelteil des 2. Satzes als „grandiose Metapher des Chaos“ hervor und nennt er den Charakter des Finalsatzes frühlingshaft. Der Beginn der Sonate D 960 ist für Lonquich tröstend herbstlich, der Verlauf dieses Satzes bestimmt vom „Labyrinthartigen des Bewegungsablaufs“. Der Dur-Abschluss des 2. Satzes ist für den Pianisten keine Aufhellung ins Hoffnungsvolle, sondern vielmehr ein „ergreifendes Symbol höchster Ausweglosigkeit“. Das Finale nennt Lonquich „ein nie endenwollendes Abschiednehmen“ – die Sonate D 958 also aus der Winterreise-Welt, die Sonate D 959 (der 2. Satz für den Schreiber auf ewig verbunden mit Wolfgang Glücks „Schüler Gerber“ Verfilmung mit Gabriel Barylli) mit ihren unfasslichen Brüchen und ihrem staunenswert licht ausschwingenden Finale und die Sonate D 960 (23:49 / 10:59 / 4:02 / 9:11) im direkten Vergleich mit Buniatishvili noch viel demütiger, feingliedriger dieser Welt nachspürend. Dem 2. Satz gibt Lonquich eine Trockenheit, eine Starre, die gefrieren lässt.

Bei den 3 Klavierstücken D 946 ragt das fast viertelstündige zweite Stück (Allegretto) mit seinen wiederkehrenden Wiegenliedrahmen, dem düsteren Teil B und dem himmlisch langen Teil 2 heraus.

Schuberts Musik ist unbegreifliche Ewigkeit.

Die CD im Label Alpha: https://outhere-music.com/de/albums/1828-alpha-433

 

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