Alexanders CD-Tipp der Woche: Die Grenzgänger – Revolution

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Eine CD mit 17 Liedern als großartige Volksbildungsarbeit, künstlerisch hochwertig aufbereitet, musikalisch wie vom Artwork her – die Bremer Liedermachergruppe Die Grenzgänger präsentiert im November 2018 passend, anspruchsvoll und gleichzeitig einfach suggestiv gut zum Durchhören wie Lied für Lied das Album „Revolution“. (Alexander Kinsky)

Punktgenau 100 Jahre nach dem 9. November 1918, der Zeit der Novemberrevolution (die Revolution von 1918 hat Deutschland immerhin das Frauenwahlrecht, die Pressefreiheit und Gewerkschaften ermöglicht), sind die Grenzgänger zur Stelle mit ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Revolution. Wer wenn nicht sie sind berufen dazu, von ihnen kamen bisher unter anderem Emigrantenlieder, Hoffmann von Fallersleben Vertonungen, eine CD zum Kapp-Putsch 1920, die Wiederbelebung verschollener Lieder aus der Zeit des 1. Weltkriegs, Lieder aus dem Widerstand, eine CD die den Arbeiterdichter Georg Herwegh würdigt und zuletzt eine mit Karl Marx-Vertonungen.

Man weiß was man erwarten kann – hochwertige Produktionen, seriös recherchiertes Grundlagenmaterial, musikalisch jedem Idiom gerecht werdende individuelle im besten Sinn handgemachte Umsetzungen der anspruchsvoll wie gleichwohl gut zugänglichen dem jeweiligen Thema ideal angepasste Textvertonungen ohne aufdringliches Schnickschnack und mindestens so wichtig bei dieser Gruppe die famose Bookletgestaltung mit Hintergrundinformationen, allen abgedruckten Liedtexten und sorgfältig ausgewähltem Bildmaterial – Gesamtkunstwerke im allerbesten Sinn.

Und man lernt so viel bzw. wird neugierig darauf gemacht, sich mit allem intensiver zu befassen, mit den vertonten Dichtern, mit den Zeitumständen in denen die Texte und Lieder entstanden – auf der CD „Revolution“ finden sich Vertonungen unter anderem von Ferdinand Freiligrath, Erich Mühsam, Bertolt Brecht, Otto Erich Hartleben, aber auch von unbekannteren Autoren. Der die CD abschließende „Gesang der Völker“ basiert auf einem Text von Kurt Eisner, der ja vom 8.11.1918 bis zu seinem Attentatstod am 21.2.1919 der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern war.

Allgemein revolutionskämpferische Lieder wechseln sich mit persönlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema ab, eine abwechslungsreiche, erstaunliche, musikalisch ungemein vielschichtig aufbereitete Geschichtsstunde im Liedermacherstil ist das.

Musikalisch ausgefeilt sind die Arrangements angelegt. Sänger, Westerngitarrenspieler und Mundharmonikaspieler Michael Zachcial hat einiges selbst komponiert, und bei Vorlagen wurde jeweils eine verblüffende, stimmige, bewundernswert sensible Neugestaltung erarbeitet, kammermusikalisch feinfühlig, aber auch Reggae bis Rock einbeziehend. Neben Zachcial machen bei den Grenzgängern Frederic Drobnjak (Konzertgitarre, E-Gitarren, Ukulele), Annette Rettich (Cello) und Felix Kroll (Akkordeon, Melodica) mit, und als Gäste hört man zusätzlich Friedemann Bartels (Schlagzeug) und Claudius Toelke (Kontrabass und E-Bass).

Das Cover und der Einführungstext im Booklet verweisen auf die Bremer Stadtmusikanten. Berührend bis eindringlich und auch erschütternd gegenwärtig gemacht werden beim Durchhören die Revolution von 1848, ein kommunistisches Künstlerkollektiv der 20er und 30er Jahre, eine Zeit der unerträglichen Wohnungssituation mit hoher Kindersterblichkeit, Erich Mühsam und Ernst Toller im Knast, die Sehnsucht nach einem besseren Leben, die furchtbare Kluft zwischen Arm und Reich, die extrem rechte Zwischenkriegszeitorganisation Orgesch und weiter vertiefend mit noch mehreren sorgfältig ausgewählten Liedern der Arbeiterkampf nach dem 1. Weltkrieg mit dem Schwerpunkt auf der Räterepublik.

„In der Heimat ist es schön“ sticht heraus als Schunkellied mit dazu extrem kontrastierendem sarkastischem Text.

„Auf junger Tambour schlag ein“ lassen die Grenzgänger wie Deep Purples „Child in Time“ beginnen, die markante Figur daraus prägt das Lied ins kämpferisch Rockige hinein.

Das vielleicht eindringlichste, intensivste Lied ist „Vögel der Freiheit“, die Ernst Toller-Vertonung, musikalisch auch besonders ambitioniert aufbereitet.

Extrem unter die Haut geht das „Barkenhofflied“, macht es doch auf einen der vielen Umstände aufmerksam die all die Kriegstreiber und Kampffaschisten nie im Blick haben, dass Kinder gewaltsam ihre Eltern verlieren können.

Nicht minder extrem berührend wenn auch ganz anders kommt ein „Jiddisches Sozialistenlied“.

Bei der „Arbeiter-Hymne“ kann man staunen, die Melodie kennt jede/r.

Und „Die Schmiede im Walde“ geht mit Michael Zachcial & Co. so richtig rockig ab.

Wer eine qualitätvolle „Revolution“-CD haben will, die künstlerisch hochwertig gemacht ist, g´scheit, im besten Sinn anspruchsvoll, lehrreich und gleichzeitig saugut durchhörbar und Lied für Lied eine echte Entdeckung wert – hier ist sie.

 Die Grenzgänger Homepage: https://xn--die-grenzgnger-fib.de/

Kommentare
  • Antworten
    So schön, so schön eindringlich, so schön mitnehmend, so schön klug  -also ungefähr so schön klassisch wie die Musik von der neuesten Scheibe der Grenzgänger- hast du deinen Text auch hinbekommen, ich sag einfach mal so: Genosse Rezensent!

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