Alexanders CD-Tipp der Woche: Ezé Wendtoin – Inzwischen Dazwischen

 in Alexander Kinsky, CD-Tipp

Bunt ist nicht nur das Cover der ersten CD des in Dresden lebenden aus Burkina Faso stammenden Ezé Wendtoin, die Trikont im Juli 2019 veröffentlicht hat – bunt ist der musikalische genauso wie der textlich originelle Pop-Stilmix auf diesem Album, lebensfroh und politisch hellwach. (Alexander Kinsky)

Ezé Wendtoin kommt wie wir im Booklet erfahren aus dem westafrikanischen Staat Burkina Faso (bis 1984 Obervolta). Seine Muttersprache ist Mòoré, die Sprache der Mossi, der bevölkerungsreichsten Volksgruppe des Landes. Aus seiner Trommler-, Pfarrer- und Schmiedefamilie heraus lernte er die deutsche Sprache Goethes zu lieben und begann ein Germanistikstudium, das er ab 2016 als Masterstudium in Dresden fortsetzte und 2018 erfolgreich abschloss.

Der Liedermacher, Musiker, Schauspieler, Moderator und Märchenerzähler dichtet auf Deutsch, Französisch, Englisch und Mòoré und spielt Schlagzeug, Gitarre und verschiedene burkinische Instrumente.

Ezé setzt sich mit seinen Liedern und mit Workshops gegen Diskriminierung und Vorurteile sowie mit dem von ihm gegründeten Verein APECA für einen Schulbau für benachteiligte Kinder und junge Frauen in Burkina Faso ein.

Größere Aufmerksamkeit weckte Ezés im April 2019 veröffentlichtes Video mit einer Coverversion von Konstantin Weckers Antinaziklassiker Sage Nein mit unzähligen Solidaritätsbeiträgen, die Konstantin Weckers Liedzeile „Ihr habt geschrien, wo alle schwiegen“ höchst originell umsetzt – so animierend, dass sich etwa bald danach auch im nordrhein-westfälischen Lohmar ganz viele anschlossen, Nein! gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit zu sagen.

https://www.lohmar-sagt-nein.com/

Ansteckende Fröhlichkeit und Lebenslust sowie das persönliche Erleben des Rechtsradikalismus bestimmen die 16 Lieder der CD „Inzwischen Dazwischen“. Musikalisch ist es ein bunter Popmix, vielfach mitreißend afrikanisch durchpulst.

Der Rap Goethe wird schwarz überrascht als Faust-Parodie und zitiert (wie Konstantin Wecker in Den Parolen keine Chance) Beethovens Neunte, aber auch die deutsche Hymne.

Omas Mütze kriegt eine Art Calypso und die Oma damit eine wunderbar fröhliche Liebeserklärung.

Habibati a Paris ist ein französisch-afrikanisches Popchanson.

Nun folgt ein Motivationspopsong: Lach mal, Mensch!

Und – oh je – in der Beziehung wurde gestritten, und man wünscht Ezé nun, Mary wird ihm verzeihen. Er kriecht immerhin brav zu Kreuze: Es tut mir leid.

Nahodi ist ein Lied in Mòoré.

Pokemon hingegen ist ein eher spöttischer Beziehungs-Popsong.

Jetzt aber gewinnt die CD sofort an politisch starkem Gewicht, man horcht auf und ist von Herzen im Sinne eines allumfassenden Humanismus dabei, wie ja auch Konstantin Wecker in Ich habe einen Traum von der grenzenlosen Welt träumt: Bleiberecht überall, Kein Mensch ist illegal! Lieder wie dieses sollten Pflicht in allen Schulen sein, zumindest als Denkansatz wie man weltweit miteinander umgeht.

Das nun folgende Interlude zitiert altbekannte von linken Liedermachern gerne gesungene Volksweisen. Man merkt auch und gerade hier: Ezé hat die deutsche Sprache aber sowas von gründlich verinnerlicht, staunens- und bewundernswert und – wie schön!

Er hat die Sprache sogar so verinnerlicht, uns ansatzweise dadaistisch und dazu noch mitreißend rockig zu kommen: Ruth Ding will Weile.

Und Ezé verblüfft mit einem genialen Blues, der eine wohl oft von Bühnenmusikern erlebte Situation hautnah einfängt – SIE verschwindet während der Zugabe aus dem Publikum.

Der liebeseuphorisch Begierige lässt sich davon aber nicht beirren: Hauf auf Haut und laut!

Kon ist wieder Mòoré und zitiert das italienische Partisanenlied Bella Ciao – da ist (speziell nach dem Interlude!) alles drin bei Ezé, wirklich alles Wichtige!

Umweltbewusst ist er auch, mehrsprachig gleich, auch dies ein starkes Postulat in Liedform: Nieder mit dem Plastik!

Und der lebensfrohe universelle Mensch Ezé Wendtoin lebt wie schon erwähnt als Schwarzer in Dresden, er ist in Dresden Daheeme, im Dresden der Mitmenschlichkeit genauso wie in dem der AfD.

Und zum Schluss der CD gibt es dann doch auch die Coverversion Sage Nein, die so manchen eben gehörten Liedinhalt unterstreichen muss und die Ezé so beherzt singt, dass man zumindest innerlich umso engagierter mitsingt.

Die „Inzwischen Dazwischen“ Lieblingslieder des Schreibers dieser Zeilen sind sofort Der Mensch ist illegal, Interlude, Zugabe, Dresden Daheeme und Sage Nein.

Jahrzehntelang war im deutschen Sprachraum Roberto Blanco, laut wikipedia Ehrenmitglied der CSU (zitiert mit „Wir Schwarze müssen zusammenhalten!“), immerhin (auch laut wikipedia) engagiert für Obdachlose und Kinder und Unterstützer von Ärzte ohne Grenzen, der Alibi-Quotenfarbige für die breite Masse. Blanco hat einen Markt bedient und viele Menschen damit erfreut. Der Subtext seines „Ein bisschen Spaß muss sein!“ war freilich konnotiert mit der bewussten Verdrängung auch sozialer Probleme.

Seit 1989 besingt Udo Lindenberg die „Bunte Republik Deutschland“. Wer essenziell Buntes hören will – hier bitte!

Man wünscht Ezé Wendtoin, dem gegenüber Roberto Blanco ungleich authentischeren lebensfrohem, musikalisch wie textlich buntem, politisch so wunderbar hellwachen menschenliebendem Vollblutkünstler, so volksnah wahrgenommen zu werden wie Roberto Blanco all die Jahre.

Ezés stets herzlich mitschwingendes „Spaß muss sein!“ ist einfach Leben pur.

Und seine Inhalte sind so wichtig und täten allen, wirklich allen gut, ganz genau gehört, nach- und mitvollzogen und verstanden zu werden.

Ezé Wendtoin bei Trikont: https://trikont.de/category/artists/eze-wendtoin/

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