Alexanders CD-Tipp der Woche: Herman van Veen – Neue Saiten

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Natürlich kann man alle Veröffentlichungen Herman van Veens, des 1945 geborenen niederländischen Singer-Songwriters, Geigers, Schriftstellers, Clowns und Schauspielers uneingeschränkt empfehlen, aber im März 2019 erschien, 50 Jahre nach seiner ersten Platte in den Niederladen und 46 nach seiner ersten im deutschsprachigen Raum (Ich hab´ ein zärtliches Gefühl) wieder mal auf seinem Label Harlekijn eine neue CD, und diese Neuen Saiten zu hören schadet schon gar nicht. (Alexander Kinsky)

Herman van Veen ist ja eines der Urgesteine der Singer-Songwriter-Liedermacherszene neben Reinhard Mey, Hannes Wader, Konstantin Wecker und Klaus Hoffmann. Seine bis ins Zirkushafte bunten genauso anspruchsvoll wie unterhaltend brillanten Liveprogramme haben seit Jahrzehnten ihren ganz eigenen Zauber.

Die am 8.3.2019 veröffentlichte CD „Neue Saiten“, mit der er auch wieder auf Tournee geht,  beinhaltet 14 großteils selbst geschriebene Lieder, die einmal mehr die ganz großen Stärken des Liedermachers Herman van Veen unterstreichen: Stilistisch herrlich vielseitige, zwischen tiefem Ernst und sanftem Humor verblüffende, ungemein feinsinnig zusammen mit Jannemien Cnossen, Wieke Garcia, Kees Dijkstra und Edith Leerkes arrangierte Sprechgesangs- und Liedvariationen und eine deutschsprachige Liedlyrik, die (vielfach nicht gereimt) in ihrer Punktgenauigkeit an den großen Erich Fried gemahnt. Es lohnt hier auch ganz besonders, nur einmal die Liedtexte im Booklet zu lesen – Literatur für sich.

Herbergssuche 2019 – der Opener Breaking news ruft uns zu, den Flüchtlingen aus Kriegsgebieten die Türen zu öffnen. Mit dem Lied ist man sofort mittendrin im Ernstfall. Ein beklemmend starker Beginn.

Der genaue sensible Selbst- und Fremdbeobachter, der Mitfühlende und der Clown wirft nun allerlei neue Schlaglichter, thematisch vielfältig, Lied für Lied von eigener Eindringlichkeit:

Der eingeschliffene banale Alltag auf der Sofagarnitur,

ein Autist, eine Art Kaspar Hauser in der Stadt, aber ist der wirklich Meschugge oder sind es nicht vielmehr wir die wir ihn so einsortieren,

was ist schon berechenbar im Leben, ist nicht alles Zufall,

schwingt nicht in der Aufforderung Schreib mir etwas misstrauische Eifersucht mit,

Zu haben wollen wird zum lebenslangen nicht aufhörenden Wünschen,

Deine Hände erinnern an einen ganz nahestehenden Verstorbenen (mit Vaterlandsbezug),

und wir sind alle Stäubchen, alles ist Staub, ob groß ob klein,

Neue Saiten könnten zu neuen Liedthemen inspirieren,

und nicht nur Pommes erinnern an sie, er kann sie nicht vergessen,

Was fast Verrücktes kann allerlei genannt werden,

und Mein Freund und ich, Sonne und Mond etwa, gehören zusammen und sind doch stets voneinander getrennt, aber so wie sie sind, sind sie im Gleichgewicht.

Ukraine, Mali, Afghanistan, Syrien, Kolumbien – der Krieg kann auch 2019 überall sein, was er hinterlässt ist Verwüstung und Spuren des Grauens, mahnende Überbleibsel, aber das Wunder der Natur, Der Boden, trägt weiter Wurzeln und Früchte.

Und einmal mehr definiert einer der Großen (hier am Ende der CD), was alles Freiheit sein kann.

Nach dem Leukämietod seines langjährigen die Konzerte und Aufnahmen maßgeblich mitgeprägt habenden Pianisten Erik van der Wurff im September 2014 hat Herman van Veen in dem mittlerweile 27jährigen Marnix Dorrestein einen Produzenten gefunden, der wohl mit dafür sorgt, dass auch sehr originell so richtig zeitgeistige Sounds in die Lieder einfließen.

Das Cover betont den künstlerischen Anspruch, es zeigt ein Gemälde Herman van Veens, im Rahmen eines Streichinstrument-Corpus.

Originell auch die Idee, am Digipackcover innen eine Mailnachricht des Produzenten zum Vorschlag der Liedreihenfolge mit kurzen Kommentaren zu jedem einzelnen Titel abzudrucken.

Das zärtliche Gefühl ist wichtiger denn je, jedem Wesen gegenüber. Neue Saiten mögen helfen, es weiter zu leben und nie drauf zu vergessen, auch wenn manchmal die Wut worauf auch immer (soziale Ungerechtigkeit etwa) nur zu verständlich dazu verleitet.

Die Homepage von Herman van Veen: https://hermanvanveen.com/

Die Herman-van-Veen-Stiftung hilft behinderten und benachteiligten Kindern: https://www.hermanvanveenstiftung.com/

CD-Kaufmöglichkeit mit Hörproben: https://www.jpc.de/jpcng/poprock/detail/-/art/herman-van-veen-neue-saiten/hnum/8973528

Anzeige von 2 kommentaren
  • Avatar
    Volker
    Antworten
    Ah. Den Herman gibt es noch?

    Ich lauschte Deiner Stimme schon, gefühlt vor hundert Jahren, mit zärtlichem Gefühl im Bauch, genährt von tausend Tränen.

    Sollte – per Zufall – Neue Saiten vom Lastwagen oder Himmel fallen, so denkt an mich; mein geregelter Warenkorb kennt weder zärtliche Gefühle, noch unangemessene Tränen, wird alles weggeregelt und verboten.

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Herman van Veens Lieder mag ich auch schon viele, viele Jahre. Ich habe ihn einmal live in der Stadthalle von Chemnitz erlebt – in der Zeit nach 2015, aber noch vor dem Nazi-Aufmarsch im letzten Sommer.

    Er war schon damals erschüttert von der ungeheuren Gemeinheit und bösartigkeit der Menschen, die sich gegen die Ausländer gestellt hatten.

    Ich bin erschüttert von den Menschen, die ihn noch vor Jahren verlacht haben und jetzt, da sich das Blatt gewendet hat, auf einmal ganz toll finden. Menschen, die ihn damals verlacht haben, haben auch die Menschen eschädigt, die ihn schon damals mochten.

    Ich mag diese Welt nicht mehr, in der immer mehr das Recht des Stärkeren gilt , und in der sogar Spiritualität zum Kampfplatz geworden ist.

    Und ich öte nicht meine Freunde.

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