Alexanders CD-Tipp der Woche: Milian Otto – Wahnwitz und Gelegenheit

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

In der durchdigitalisierten Welt von heute setzen sich manche mit ihrer Gitarre immer noch hin und singen ihre kleinen und großen Lebensweisheiten und berührende, nachdenkenswerte Liedgeschichten. Milian Otto ist so einer. Ende August 2018 stellt er seine CD „Wahnwitz und Gelegenheit“ (erschienen bei Tap-Water Records/ArtistMS) vor.

Milian Otto, bekannt als Schauspieler vor allem in Düsseldorf und Zürich, nennt was die Liedermacherei betrifft Wolf Biermann, Hannes Wader, Rio Reiser, Victor Jara, Fabrizio de André und Georges Brassens seine Inspiratoren.

Kein oberflächliches Gereime also, stattdessen die Gedanken poetisch vertiefen, alles in anrührende musikalische Gestalten (Strophenlieder) bringen, authentisch bleiben dabei, Anregungen, Denkanstöße bieten, sensibel hinter die Fassaden schauen, ganz Persönliches deutlich, aber nicht voyeuristisch einbringen, Mahnendes nicht zu zeigefingerhaft deklamieren – immer wieder versuchen die Großen und die weniger Bekannten, dem Genre neue Farben abzugewinnen.

Manche brauchen gar nicht viel, ihre inspirierte Liedwelt auszubreiten. Ein Sänger und eine Gitarre – wenn die Substanz da ist, mutiert das Klischee „Ach schon wieder ein Liedermacher mit der Klampfe“ doch immer wieder gerne zum „Hör Dir den mal an, es lohnt sich“.

Milian Otto variiert das tausendfach durchgekaute Beziehungsthema gleich mit dem die CD eröffnenden „Plädoyer“ sprachlich originell:  „Lass uns nicht versuchen eins zu sein, denn zu zwei ist man weniger allein.“ Von der „Schattenseite“ des Menschseins weiß er (bereits als Single vorab veröffentlicht) in seiner Aufzählung keinen denkbaren Abgrund auszusparen. „Mich“ ist eine Art Partnerinserat, aber wenn dann für eine ernsthafte Agentur, eine sehr ehrlich wirkende Eigencharakterisierung. Ein „Tagtraum“ irrlichtert in poetischen Bildern.

„Leora“ hingegen muss ihr Leben lang und wohl auch darüber hinaus mit allem typischem männlichen Machtgehabe zurechtkommen, dabei wäre es so einfach: „Alles, alle Welt beginnt bei Dir.“ Ein ganz starkes, eindringliches Lied, das der so gerne so oberflächlichen benutzenden schwanzfixierten Männerwelt den Spiegel vorhält.

Provokante Frage, zum Nachdenken anregend: Macht ein „Trauriges Lied“ glücklich? Und es ist eine „Krux“: „Ich glaube fest daran, dass jeder Glaube mich bescheißt.“ Dann Innehalten, persönlich motivierende Innenschau zur „Sonnenwende“: „Und ich nehm mir meine Zeit, die ich hab – und ich geb sie nicht mehr her.“

Die Protagonisten des nächsten Liedes heißen Keine und Niemand, und sie sind durch Nichts verbunden, doch ihr „Sperrgebiet“ ist keine rein dadaistische pointierte Sprachspielerei, es ist vielmehr (neben „Leora“ das Lieblingslied des Schreibers auf dieser CD) eine sensibel vertiefende sehr, sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Liebe in einer Zeit der gewollten Vereinsamung der Herzen und Seelen. Man ersetze im Liedtext Keine und Niemand durch Namen, Nichts durch einen dritten Namen oder etwas anderes was ein Paar verbinden könnte – und wieder ist es übrigens, wie bei „Leora“, (hier) Niemand, der triebgesteuert bestimmt, der damit den Weg, die Wege vorgibt. „Wahnwitz und Gelegenheit“ erfüllen und zerstören sich darin, dass Männer die Frauen zunächst mal nur benutzen. Es kommt dann also Nichts dabei heraus, was auch immer damit assoziiert werden kann. Was bleibt, ist allerdings eine tiefe Lebensweisheit – schön, wenn man zu der gelangt, solange nicht alle Spiegel mit den Bildern darin die nur eine Oberfläche zeigen zerschlagen sind: Sieh nicht das Bild an, das Du vom Anderen hast, sieh ihn an.

Der Freiligrath-Klassiker „Trotz alledem“, bis zuletzt unter anderem von Hannes Wader im deutschen Sprachraum präsent, erhält mit Milian Otto eine im Jahr 2018 erschreckend klare, alles Wesentliche auf den Punkt bringende neue Textfassung. Sensible Tipps für die Nacht wiederum gibt es bei der „Nachtwache“. Und eine Szenerie fast wie in der Schlussszene aus Kubricks „2001- Odyssee im Weltraum“ tut sich mit dem letzten Lied auf, „Der weiße Traum“, weißer Raum, weißer Sarg, aber dann: Die Erde möge sich auf ihre Lebenskraft besinnen! Noch ein Plädoyer also zum Schluss, ein weltverbundenes, weltumspannendes Plädoyer. Das kann man sich musikalisch durchaus auch mit großem Orchester und Chor vorstellen. „Wehr dich, bunte Erde, wehr dich. Für was lebst du und für wen?“ Eines der wesentlichen Lieder dieser CD zum Weiterdenken.

Man wünscht Leora, Keine und der Erde von Herzen eine gute Zukunft. Und „Wahnwitz und Gelegenheit“, gehört zu werden.

Die Homepage von Milian Otto mit allen Infos und CD-Bestellmöglichkeit:

https://www.milianotto.de/

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